Archiv für den Autor: Cigdem

Die Türken taumeln in die Armutsfalle

Der Verfall der türkischen Währung trifft die Bevölkerung gleich doppelt. Während Konsumgüter immer teurer werden, steigen die Kosten für Kredite. Immer mehr Familien geraten in die Schuldenfalle.
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Straße im bekannten Künstlerviertel Cihangir (Cihangir Mahallesi). Die Wohnungen werden zu Euro-Preisen vermietet. Direkt darunter: Bettler und Müllsammler. Foto: Cigdem Toprak.

Die sich zuspitzende wirtschaftliche Lage in der Türkei trifft die Bevölkerung gleich zweifach hart. Während die Preise für importierte Waren durch den konstanten Wertverlust der Währung Lira teurer werden, treibt die Leitzinserhöhung der Zentralbank die Zinsen für Immobilien-, Kfz- und Verbraucherkredite in die Höhe. Der renommierte türkisch-armenische MIT-Professor und Wirtschaftsexperte Daron Acemoglu befürchtet einen Einbruch des türkischen Konsumbooms.

Seit dem letzten Jahr hat die türkische Währung konstant an Wert gegenüber Dollar und Euro verloren. So zahlte man vor einem Jahr noch 1,68 Lira für einen Dollar, heute sind es 2,26. Als vergangene Woche der Dollar die Marke von 2,40 erreichte, traf sich die türkische Zentralbank zum Krisengipfel. Ihre Entscheidung, den Leitzins von 4,5 auf 10 Prozent zu erhöhen, fiel unerwartet entschlossen – und gegen den Widerstand des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayip Erdogan – aus.

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Weihnachten am Bosporus

Nicht wegen ihres Glaubens, sondern weil es sie an Deutschland erinnert, feiern in Istanbul einige Deutschtürken zusammen Weihnachten. Auch wenn sie ihre neue Heimat mögen – manchmal fehlt die alte.

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Das Wohnzimmer duftet nach frisch gebackenen Vanillekipferl, die in einer Schale mit sternenförmigen Schokoplätzchen angerichtet sind. In der Wohnzimmerecke steht ein Tannenbaum, geschmückt mit goldenen Sternen, roten und grünen Kugeln, im Hintergrund erklingt Weihnachtsmusik – Mariah Careys „All I want for Christmas“. Alles ist für das Fest vorbereit. Eine Szene wie sie sich so kurz vor Weihnachten in Millionen deutscher Haushalte abspielen könnte. Doch vom Fenster dieses Wohnzimmers aus hat man einen atemberaubenden Blick über den Bosporus.

Wenige Tage vor Heiligabend treffen sich hier in einer Wohnung in Istanbul einige deutsch-türkische „Rückkehrer“, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Denn das bedeutet Heimat für die jungen Frauen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen, nach dem Studium aber aus verschiedenen Gründen in die Türkei ausgewandert sind. Auch wenn sie am Bosporus ihr Glück, Liebe und Erfolg gefunden haben, fehlt ihnen manchmal ein Stück deutscher Heimat, ganz besonders in der besinnlichen Weihnachtszeit.

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Frauen und Männer- unverheiratet unter einem Dach.


Erneut ist die türkische Jugend erzürnt über ihren Ministerpräsidenten. Denn nun spricht sich
Erdogan gegen gemischte Studenten-WGs aus und fordert staatliche Kontrollen in Privatwohnungen.

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Studenten und Studentinnen in der Türkei sollen getrennt wohnen – dazu hat der türkische Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan eine klare Meinung. Auf einer parteiinternen Versammlung beklagte er in der vergangenen Woche, dass es zu wenig Studentenwohnheime gäbe. Ein Mangel mit der gefährlichen Folge, das Studenten und Studentinnen in dieser Notlage dazu verleitet werden könnten, sich private Wohnungen zu teilen, meint Erdogan.

„Dies entspricht nicht unserem konservativem Demokratieverständnis“, erklärte er. Im der türkischen Stadt Denizli sei das Problem schon eingetreten. „Wir haben dem Gouverneur die Anordnungen gegeben. Das Notwendige wird eingeleitet.“ Der Vizepremier und Regierungssprecher Bülent Arinc widerriefen dies und Arinc stellte klar, dass keine staatlichen Kontrollen in privaten Wohnungen stattfinden werden.

Doch Erdogan bekräftigte am nächsten Tag die eigenen Worte. „Ich leugne nicht, was ich einmal gesagt habe. Unsere Regierungspräsidien greifen in diesen Situationen ein“, sagte er. „Wieso wird das als störend empfunden? Wir wissen nicht, was in diesen Wohnungen passiert. Es kann alles passieren. Die Eltern klagen und fragen, wo der Staat ist. Wir müssen zeigen, wo der Staat ist.“

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Mode in der Türkei – zwischen Kopftuch und Dekolleté

Auf der Istanbuler Fashion Week 2014 ging es nicht nur um Stoffe und Schnitte, sondern auch um gesellschaftliche Werte, politische Haltungen – und Macho-Männer in Skinny-Jeans.

Meltem und Cigdem Toprak

Mercedes-Benz Presents Zeynep Tosun - Runway - MBFWI S/S 2014 Presented By American Express

Die Fashion Week in Istanbul findet am einzigartigen Bosporus statt. Türkische und internationale Gäste blicken auf die berühmte Brücke, die Europa mit Asien verbindet – und spüren die Zerrissenheit zwischen
Abend- und Morgenland, aber auch die Synthese der westlichen und östlichen Kultur, die auf den Laufstegen gezeigt wird.

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Ein wahrer Sultan demonstriert auch im Gezi-Park

Türkische TV-Serien sind mehr als Soaps: Sie kritisieren Missstände und stoßen Debatten an. Und wenn ihre Stars an Demonstrationen teilnehmen, werden sie zur Zielscheibe der konservativen Regierung.

MUTESEM-YUZYIL

Pünktlich zum Schuljahr- und Semesterbeginn haben die Proteste der türkischen Jugend wieder angefangen. Erholt sind die Türken aus den beliebten Partystädten Bodrum und Cesme an der Ägäis oder von ihren Familien in der Heimat wieder in die Großstädte zurückgekehrt. Der Auslöser für die jüngsten Proteste am vergangenen Dienstag war der Tod des 22-jährigen Ahmet Atakans, der am 3. Juni in Antakya am Kopf von einer Tränengaskapsel verletzt worden war und vergangenen Montag an seinen Verletzungen gestorben ist.

Aber auch die türkischen Seriendarsteller, die sich in den letzten Wochen in Drehpausen befanden, haben neue Energie für die zweite Runde der Proteste getankt. Denn türkische Stars spielen nicht nur in beliebten türkischen Serien mit, die auch in arabischen Ländern erfolgreich laufen – sie sind zentrale Akteure der türkischen Protestwelle. Tante Vasfiye demonstriert mit

Die 27-jährige Gonca Vuslateri zum Beispiel, die mittlerweile zu den angesehensten Schauspielerinnen der Türkei gehört. Mit ihren Rollen in der gesellschaftskritischen Comedyserie „Yalan Dünya“ („Verlogene Welt“) wurde sie in kürzester Zeit zum Star. Vuslateri verkörpert zwei unterschiedliche Generationen: Zum einen spielt sie die junge depressive Türkin Eylem, die ein Opfer der Generation Y ist. Parallel spielt sie die Rolle der alten Tante Vasfiye, mittlerweile eine Kultfigur, eine neugierige und verbitterte alte Jungfer, die sich aus Einsamkeit gerne über die Gefühle und Ängste ihrer Mitmenschen lustig macht.

Aber zwischen den Dreharbeiten und ihren Theateraufführungen fand Vuslateri genug Zeit, zu einer zentralen Figur der Proteste zu werden. Zusammen mit ihren Kollegen war sie fast täglich bei den Kundgebungen und im Gezi Park dabei. Regelmäßig haben Serienstars öffentlich im Park politische Stellungnahmen gegeben, sie haben im Park übernachtet und sich unters Protestvolk gemischt.

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