Feminismus und Rap. Über unsere eigene Verlogenheit

Ja, ich höre Gzuz, Bonez MC, manchmal auch Fler und Kurdo. Und bei Zeilen wie „Meine Bitch hat blonde Haare, doch ich steh‘ auf schwarze Locken. Check‘ bei Instagram ein Model ab und mach‘ mich auf die Socken. Sie spuckt auf meinen Schwanz, sag‘ meiner Bitch, ich hab‘ Termine (Heh)
Bitte, fang nicht an zu zicken, ist nur ficken, was für Liebe, hah?“.“ von Gzuz und Bonez MC in ihrem jüngsten Track „Verkackt“ bekomme ich Magenschmerzen.

Und über Zeilen wie in dem Song „Fame“ von Fler: „Will keine Frauen, ich will hoes, sie müssen blasen wie pros.“ und „Ich bange sie beim ersten Date.“, muss ich lachen – über diese patriarchalische Welt. Und ja, auch ich bin Feministin.

Solche Texte zu verbannen, zensieren oder die Rapper deshalb als Mittäter von frauenfeindlichen Handlungen zu machen – davon bin ich weit entfernt. Die Texte offenbaren nur das, was in unserer Gesellschaft bereits existiert. Rapper zeigen, wie Männer ticken können. Und sie erinnern uns mit ihren Texten immer wieder daran, dass das Leben als Frau in dieser Welt nicht einfach ist. Das zu wissen, kann nur zu unserem Vorteil sein.

Ob die Rapper ihre eigene Frauenfeindlichkeit durch die Kunstfreiheit rechtfertigen und es gar keine Kunst ist? Nein. Es ist Kunst, weil es ehrlich ist. Und es ist auch Kunst, weil sie Geschichten erzählen. Sie nehmen oft das lyrisches Ich ein, und wir alle wissen aber, dieses Ich ist nicht einfach nur fiktiv, es existiert. Aber nicht nur im Rap, sondern überall.

Die Rapper sind ehrlicher als die ganzen Krawattenträger, die mich sexistisch behandelt haben, während ich als Servicekraft als Studentin jobbte, oder auch von einigen Journalistenkolleginnen belächelt werde oder in meinem Alltag, in dem man mich unverschämt in der U-Bahn anstarrt.

Und ich habe bisher von keinem Rapper, die ich interviewt oder getroffen habe, frauenfeindliches Verhalten zu spüren bekommen. Sie sind mir bisher alle mit Respekt begegnet – sie haben mich nicht auf mein Geschlecht reduziert, ganz anders als Menschen, die studiert haben, und reflektiert sein müssen. Auch Frauen sind hier keine Ausnahme. Bei Rappern weiß man oft, woran man ist. Das Gleiche kann ich für weite Teile unserer Gesellschaft leider nicht sagen.

Natürlich kann ich aus meiner Erfahrung kein Glaubenssatz machen. Natürlich sind Rapper auch frauenfeindlich, sie gehören zu dieser Gesellschaft und Frauenfeindlichkeit bleibt auch in Deutschland noch immer ein Problem. Man geht aber soweit und glaubt, dass Rapper erst sexistisches Denken und Gewalt gegen Frauen salonfähig machen und die Täter zu solchen Handlungen motivieren. Das ist heuchlerisch. So verleugnet man nur, dass Frauenfeindlichkeit ein gesellschaftliches Problem ist. Und Deutschrap ist ein sehr großer Spiegel unserer Gesellschaft.

Ich halte die Rapper nicht für unterprivilegiert und rechtfertige deshalb nicht ihre gewaltverherrlichenden Worte, ob in ihren Texten oder auf Sozialen Medien in Form von Drohungen. Im Gegenteil, man sollte sie ernst nehmen, ihnen auf Augenhöhe begegnen und sie konstruktiv kritisieren – ohne ihre Würde als Menschen zu verletzen.

Der Berliner Rapper Fler ist zu weit gegangen, als er auf Instagram Kopfgeld auf Frauen setzte, die ihn kritisierten, als er auf das Kamerateam von RTL einschlug, und als er den Comedian Shahak Shapira Gewalt androhte. Aber was ist vorher geschehen?

Die Kampagne von Terre des Femmes #unhatewomen (https://www.unhate-women.com/de/), die frauenfeindliche Zeilen von Deutschrappern anprangert und sie als hatespeech deklariert, mag ein wichtiges Ziel verfolgen: die Bekämpfung psychischer und physischer Gewalt gegen Frauen.

Allerdings haben die Frauenrechtlerinnen die Texte der Rapper ernster genommen, als ihre Zuhörer und ich. Sie wenden keine Gewalt gegen Frauen an, auch nicht verbal. Sie offenbaren das Denken ihrer Lebenswelten und nicht die Rapper selbst, sondern die frauenfeindliche Mentalität und ihre Lebenswelten ist problematisch. Nur ist es nicht so, dass die Menschen, die genau diese Mentalität kritisieren, die Rapper mit offenen Armen begrüßen.

Es ist die raue Sprache der Rapper, es sind ihre Lebenswelten, die sie durch ihre Worte ausdrücken wollen. Man muss die Sprache der Rapper auch verstehen, wenn man sich schon mit ihnen anlegt. Gewalt, ob verbal, psychisch oder physisch darf niemals gerechtfertigt werden. Daher hat der Rapper Fler eine Grenze überschritten, als er einer Instagrammerin, die die Kampagne und einige Rapper, unter anderem auch Fler, in ihrer Instastory getagged hat, mit Gewalt auf ihre Ansage, in dem sie die Rapper als Mittäter beschimpft, reagiert hat: „Ich kann ja mal Täter werden, wenn du mir weiter auf die Eier gehst. Und dann bin ich Täter gegen DICH und nicht gegen DIE FRAUEN … also laber keine Kacke.“ Damit will er sagen, dass er kein Problem mit Frauen habe, sondern nur mit solchen, die ihm so schwere Beschuldigungen machen. Auch solchen Gewalt anzudrohen, ist falsch.

Aber dass die Situation dermaßen eskaliert ist, das liegt nicht an allein Fler. Denn die Instagrammerin hat diese Nachrichten an den Comedian Shahak Shapira geschickt, der das Ganze dann öffentlich gemacht – und das an eine große Reichweite schickte. 

Wenn wir uns den Chatverlauf zwischen dem Rapper Fler und dem Comedian Shahak Shapira anschauen, wird deutlich: Ja, Fler fühlt sich davon extrem provoziert. Die Frage ist, wieso ignoriert er es nicht, wieso fühlt er sich davon angesprochen? Vielleicht weil eine gewalttätige Reaktion darauf eine gute Promo für sein Album wäre. Oder aber weil er sich missverstanden fühlt. Aber er wird erst dann so richtig beleidigend und droht mit Gewalt, nachdem man ihm auch psychische Gewalt angetan hat. Der Satz „Wenigstens habe ich eine Mutter“ von Shahak Shapira eine Anspielung darauf, dass Fler ein Waisenkind ist und als Antwort auf die Aussage von Fler „Deine Mutter hat runtergeladen, du Hund“, ist extrem verletzend.

Dieser Streit erinnert mich an meinen eigenen Erlebnisse im Alltag, in dem der Satz ausgepackt wird, nachdem man provoziert wurde, nachdem man herablassend behandelt wurde, und man selbst wütend und emotional reagiert: „Ich habe doch gar nichts gesagt.“ Und man wird aufgrund der Herkunft dann als aggressiv abgestempelt, weil man auf die Gewalt reagiert.

Ja, Shahak Shapira hat nicht mit Gewalt gedroht, aber er hat auch Gewalt angewendet, psychische Gewalt vom Feinsten. Und er wusste genau, wo die Schwäche von Fler liegt und hat zugeschlagen.

Und auch die Instagrammerin hätte entweder sich selbst verteidigen müssen oder sie hätte direkt Fler bei der Polizei anzeigen müssen – einem männlichen User wie Shahak Shapira das zumailen gleicht einer Selbstjustiz via Social Media – und einer sehr unfeministischen.

Ihre Kritik ist keineswegs konstruktiv. Denn sie findet jenseits von Kampagnen statt, auf Sozialen Medien in persönlichen Accounts. Twitter und Instagram sind keine Plattformen, in dem sachliche und konstruktive Diskussionen stattfinden können. Auf Sozialen Medien ergaunert man vielmehr Aufmerksamkeit, Likes und Retweets – und die Emotionen kochen hoch – auf allen Seiten. Daher stimmt das Statement von Fler, den er dann auf Twitter und Social Media postet: „Deutschland ist, wenn man einen Rapper provoziert und sich wundert, wenn er wie ein Rapper reagiert.“

Die Rapper verstehen oftmals nicht, welche Auswirkungen ihre Kunst haben kann – auf die Gesellschaft und dass sie heute eben ernst genommen werden. Sie haben eine große Reichweite. Sie müssen lernen, mit dieser Verantwortung umgehen zu können. Aber das ist ein Prozess. Die Kampagne kann einen Anfang machen. Aber sie muss auf Augenhöhe den Rappern begegnen, und sie nicht öffentlich als Frauenhasser und Mittäter denunzieren. Und zu glauben, dass Rapper nicht mit Kritik umgehen könnten – ist ein großes Vorurteil. Auch der Rapper Fler grüßt in seiner Instagramstory den Youtuber Rezo, der sich auch in die Diskussion eingemischt hat. Der Berliner Rapper lobt Rezo dafür, dass er ihn konstruktiv kritisiert habe. Deutschrap leistet einen großen Beitrag, dass wir uns gesellschaftlichen Problemen widmen und uns auch über Streitkultur – ob auf der Straße, in Sozialen Medien oder in Zeitungen, streiten müssen. Aber Rap offenbart nicht nur Sexismus und Gewalt, sondern auch die Gewalt, die jenseits von Deutschrap herrscht. Und diese Gewalt ist oft subtil. Aber unsere Augen sehen nur die frauenfeindlichen Rapper. Unsere Ohren hören nur ihre sexistischen Zeilen. Und wir machen nur den Mund auf, wenn wir die Rapper als Täter von Gewalt sehen. Solange wir das tun, ist unsere eigenen Welt heil und in Ordnung. Denn in unserer Welt schauen wir nicht auf Menschen herab, weil sie Waisen sind, wir schauen nicht auf Menschen herab, weil sie wenig Schulbildung genossen haben, wir schauen auch nicht auf sie herab, weil sie von der Straße kommen – und wir provozieren sie nicht, weil wir wissen, wie sie reagieren werden, wir stellen uns auch nicht auf die Seite derer, die meinen feministisch zu agieren, aber nur hinter Aufmerksamkeit her sind. Denn unsere eigene Verlogenheit haben wir schön unter unseren Teppich gekehrt.