Betreff: Das musste einfach mal sein.

Nachrichtentext:
Liebe Cigdem,

ich selber bin auch eine junge Alevitin hier in Deutschland und muss selber jeden Tag aufs Neue mit Vorurteilen kämpfen. Auf der Straße, im Netz und auch meine Freunde können sich ihre Vorurteile nicht verkneifen.
Immer höre ich die Worte ‚Integration‘ oder wie gut sich meine Eltern doch eingebürgert haben und sie es schön finden, dass ihre Kinder sich der deutschen Kultur zugewandt haben. Doch das Wort Integration trifft es doch nicht ganz. Ich bin hier aufgewachsen. Nicht integriert worden.Für mich ist dieses Wort eine Beleidigung. Es kränkt mich. In meinen Ohren klingt es eher nach Dressur.
Ich finde nicht, dass ich so was verdient habe.

Denn mit der Pubertät und den Besuchen meiner Familie in der Türkei begann der Spott, der dort ansässigen Familien. Und das reicht doch vollkommen..

Ich stehe dazu, ich bin der türkischen Sprache nicht gerade sehr mächtig. Deutsch lernte ich in einem katholischen Kindergarten. Meine Eltern begannen nur noch Deutsch mit mir und meinen Brüdern zu sprechen. Der Erfolg zeigte sich schnell.
Wir waren sehr gut in der Schule. Besuchen jetzt verschiedene Gymnasien und stehen (insallah) kurz vor dem Abitur.

Doch jeden Tag müssen wir uns Beleidigungen anhören. Von asozialen Türken werden wir mit ‚Schande‘ beleidigt und von Deutschen mit ‚asozialer Pack‘.

Wenn mich heute meine Freunde oder Mitschüler fragen, welcher Nationalität ich angehöre sage ich: Deutsche mit türkischen Wurzeln. Denn dies finde ich viel netter als „Deutsche mit Migrationshintergrund“.

Ich dachte nicht, dass ich jemals eine andere Person finden würde, die genauso denkt wie ich oder meine Familie.
Und ich danke Ihnen für Ihre Offenheit und Ihre Geschichte.

Sevda*

Sevda hat mich über meinem Blog angeschrieben. Sie ist 16 Jahre alt und besucht schon die 11.Klasse, ihre Brüder sind ebenfalls 16, einer von ihnen hat sogar die Klasse übersprungen und besucht die 12.Klasse.

 

*Name von mir geändert.

Lernen Sie Deutsch?

Gestern im Zug. Sitzt ein älterer Herr mir gegenüber, erfreut, dass ich mich zu ihm gesetzt habe. „Schön, dass Sie mir im Zug Gesellschaft leisten.“ Liest den „Spiegel“ mit einer Leselupe. Schaut auf mein Grammatikbuch. „Lernen Sie Deutsch?“, darauf antwortete ich „Nein, Französisch.“ und er erzählte, dass er weder Französisch noch die romanischen Sprachen je gelernt habe, „aber Englisch und Russisch, das kann ich gut.“ Ich fragte mich, weshalb ihm sofort „Deutsch“ eingefallen ist, als er das Grammatikbuch sah. Ich konnte es mir nicht verkneifen, ihn darauf anzusprechen, einfach um wirklich zu verstehen, wie er darauf gekommen ist. (Im Hinterkopf die unzähligen Artikeln in allen Medien, dass man als jemand mit Migrationshintergrund ständig darauf angesprochen wird, „wie gut Deutsch man könne“). Continue reading „Lernen Sie Deutsch?“

Betreuungsgeld und Migrantenkinder

Im Kindergarten habe ich die deutsche Sprache erlernt, ich durfte die deutsche Kultur spielend kennenlernen und es war der Ort, an dem ich meine ersten Berührungen mit dem Christentum hatte.
Ich habe mich dort zugehörig gefühlt.
Meine Eltern konnten es kaum erwarten, mich in den Kindergarten zu schicken, weil sie es sehr wichtig für meine Entwicklung hielten. Sie machten sich Sorgen, dass ich zwar bereits Türkisch sprach, aber der deutschen Sprache sollte ich auch so früh wie möglich mächtig werden. Continue reading „Betreuungsgeld und Migrantenkinder“

Religiöses und modernes Leben in Istanbul. Die Geschichte der Büsra.

Mädchen auf der Istanbul Fashion Week 2012

Meine Mitbewohnerin Büsra gehört der Gülen-Bewegung an. Eigentlich ja ihre Familie. Sie hat sich ehrenamtlich in der AK-Partei eingebracht und sich beim letzten Wahlkampf für den jetzigen türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayip Erdogan eingesetzt. Als wir uns kennenlernten, trank sie keinen Alkohol, datete nur Jungs, die fünfmal am Tag beten und erzählte uns, dass das Kaffeesatz-Lesen „günah“, also sündhaft sei. Heute trägt sie kurze Röcke, geht ihrer Neugier nach und probiert mal an einem Glas Bier. Sie lebt wie jedes andere moderne Mädchen in Istanbul. Vor allem: sie emanzipiert sich. Continue reading „Religiöses und modernes Leben in Istanbul. Die Geschichte der Büsra.“

Ein Anschlag auf Menschenrechte, Aufklärung und Demokratie

Der Brandanschlag auf das Madimak Hotel in Sivas am 2.Juni 1993 brachte 35 Menschen um. Alevitische Geistliche, Intellektuelle und Künstler sowie deren Freunde wurden zu Opfern einer gewalttätigen Masse und waren ihnen schutzlos ausgeliefert, weil die türkische Polizei sowie das Militär nicht eingriff. Das türkische Gericht entschied gestern (13.März) in Ankara, dass die Brandstifter nicht verurteilt werden können, da die Tat verjährt sei. Das Sivas-Massaker wurde somit nicht als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhandelt.

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Weshalb ich es vorgezogen habe, zu schweigen.

Als im November vergangenen Jahres die wahren Hintergründe der Nazimorde aufgedeckt wurden, befand ich mich nicht in Deutschland.

Ich absolvierte zu dem Zeitpunkt ein Auslandssemester in Istanbul und versuchte mich in der Türkei einzuleben, die Geschichte, Politik, Sprache und Kultur sowie die Menschen kennenzulernen. Natürlich verfolgte ich weiterhin die deutschen Medien, um zu wissen, was in meiner deutschen Heimat vor sich ging.

Ich habe vorgezogen, öffentlich über die Geschehnisse zu schweigen. Weil ich überfordert war. Continue reading „Weshalb ich es vorgezogen habe, zu schweigen.“

Weshalb ich keine Islamkritikerin bin

Ich habe mich öffentlich als Islamkritikerin bezeichnet, weil ich auf die Probleme vieler muslimischen Mitbürger bei der Integration in unsere moderne Gesellschaft aufmerksam machen wollte. Um aber den Islam kritisieren zu können, müsste ich mich theologisch und damit wissenschaftlich mit dem Islam als Religion auseinandersetzen und dabei auch Vergleiche zu den anderen zwei großen Weltreligionen wie das Christen- und Judentum ziehen können. Allein der Koran als Grundlage für Interpretationen über den Islam reichen allerdings nicht aus, denn den Koran zu verstehen und zu interpretieren erfordert eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit historischen und kulturellen Aspekten des Islams und auch seinen vielen Varianten in seiner Praxis.

Den öffentlichen Fokus auf den Islam als Ursache der Integrationsprobleme zu legen, erschwert die Aufklärungsarbeit, die ich eigentlich leisten möchte: Denn ich möchte dennoch darauf aufmerksam machen, dass innerhalb der muslimischen Community in Deutschland jegliche Kritik an den Islam und somit auch an den Koran nicht erwünscht ist und dass das die eigentliche Gefahr ausmacht. Continue reading „Weshalb ich keine Islamkritikerin bin“

Wofür ich Deutschland dankbar bin

erschienen in: Die Welt am Sonntag am 6.November 2011

 

Ihr Großvater kam in den 60ern nach Deutschland. Die Enkelin absolviert nun ein Gastsemester in Istanbul. Und sagt: Das türkische Bildungssystem hemmt den kritischen Geist.

Bei der Frage, wofür ich Deutschland dankbar sein könnte, habe ich vor einem halben Jahr noch den Kopf geschüttelt. Ich war nämlich fest davon überzeugt, dass ich alles Gute, was ich bisher erreicht habe, mir selbst verdient hätte.

Seit ich aber in Istanbul studiere, fallen mir tagtäglich Gründe ein, weshalb ich meiner deutschen Heimat dankbar sein sollte. Continue reading „Wofür ich Deutschland dankbar bin“

Integration: Es sind Menschen.

Die Debatte über die Eingliederung von Migranten und ihren Nachfahren in die deutsche Gesellschaft wird in der Öffentlichkeit nicht realistisch wiedergegeben. Auf der einen Seite enstehen Modelle eines typischen „Türken“, auf der anderen Seite werden die wirklichen Probleme der Migranten einfach unter den Teppich gekehrt.

In der deutschen Integrationsdebatten existieren viele Stereotypen. Es sind verallgemeinernde Vorstellungen von „Türken“, „Muslimen“, „Problemen“ und „gelungener Integration“. Es scheint, als ob man von Einzelfällen ausgeht, und dies auf eine gesamte Gruppe schließt. Es existieren sowohl positive als auch negative Stereotypen in der deutschen Medienlandschaft. Erfolgreich integrierte Migranten sowie Problemfälle. So fehlt es an einer Differenzierung und dem Anspruch, Migranten zunächst als Individuuen zu betrachten.
Diesen Anspruch sollte jeder besitzen. Auch ich. Wenn ich ein Mädchen mit Kopftuch sehe, denke ich automatisch daran, dass sie gezwungen wird, das Kopftuch zu tragen- oder ich gehe davon aus, dass sie intolerant gegenüber „offenen“ Frauen ist. Dabei kann sie sich zu dem Kopftuch entschieden haben und auch meine Lebenseinstellung respektieren.
Meine Meinung zum islamischen und dogmatischen Kopftuch bleibt dabei unberührt. Denn meine Kritik richtet sich zunächst an das soziale Problem, unter dem sehr viele muslimische Frauen leiden. Auch wenn sie das anders sehen.
Dennoch: dem Denken in Mustern, Modellen und bestimmten Schemata verfalle auch ich. Und das, obwohl ich mehr Kontakt zu unterschiedlichen Migranten habe, als wahrscheinlich der durchschnittliche urdeutsche Bürger in Deutschland.

Dies ist allerdings das eine Problem der deutschen Integrationsdebatte.

Man kann nicht verleugnen, dass bestimmte Probleme eine große Anzahl einer bestimmten Gruppe treffen.
Und darüber muss gesprochen werden. Meine Kritik richtet sich an diejenigen, die zwar in der öffentlichen Debatte versuchen, Stereotypen zu durchbrechen, diese aber einfach nur durch neue Stereotypen ersetzen. Sie stellen gut integrierte Migranten als ein alternatives Modell dar. Statt über die sozialen Probleme, die wir mit dem Islam, den Migranten aus unterschiedlichen Ländern und Regionen und mit orientalischen Traditionen haben, öffentlich zu sprechen, wird in den Medien auch versucht, ein positives Bild über Migranten der Öffentlichkeit zu vermitteln.

In den Medien benötigen wir allerdings ein realistisches Bild. Und zu der Realität gehört eben dazu, dass viele Migranten die deutsche Sprache nicht beherrschen, sich zudem weigern, der Modernität in Deutschland anzupassen.
Viele Migranten und ihre Stellvertreter in Verbänden, Medien und in der Politik tendieren dazu, in die Position der Selbstverteidigung zu treten. Dabei sollten gerade die Migranten, insbesondere die islamisch geprägten Migranten über Zwang in Glaubensfragen sprechen. Orientalische Migranten sollten öffentlich Ehrenmorde anprangern. Migranten sollte öffentlich fordern, dass das Beherrschen der deutschen Sprache für das Leben und Zusammenleben in Deutschland notwendig ist.

Wenn gerade die orientialischen Migranten die Probleme, die sie selbst betreffen, in der deutschen Öffentlichkeit ansprechen und eine kritische Debatte innerhalb der Communities entsteht, dann können wir rechtspopulistische Tendenzen in Deutschland eindämmen. Dann können wir Diskriminierung bekämpfen, die nicht durch Vorurteile, aber eben durch solche Stereotypen entstehen. Vor 20 Jahren wurden meine Eltern in unserer urdeutschen Nachbarschaft nicht willkommen gehießen. Weil Türken ihnen fremd waren. Sie wussten damals nichts über sie, nur die schwarzen Haare und die komische laute Sprache erschreckten sie. Heute lesen meine Nachbarn über Türken. Meistens ist es Negatives. Aber heute haben sie auch die Chance, mit meinen Eltern zu kommunizieren. Wenn sie möchten, können sie ihre türkischen Nachbarn kennenlernen. Und sie würden feststellen, dass jedes Familienmitglied eine andere Einstellung zu Gott hat. Dass ihre türkischen Nachbarn ursprünglich eine andere Muttersprache als Türkisch sprechen. Dass diese Türken Alkohol trinken. Dass sie die deutsche Kultur und Sitten respektieren, aber jedes Familienmitglied individuell für sich entschieden hat, inwieweit es die deutsche Kultur für sich annimmt. Unsere Nachbarn würden erkennen, dass zwar gewisse patriarchische Strukturen existieren und anatolische Traditionen gelebt werden, aber nur insofern alle Individuuen damit einverstanden sind.

Wenn urdeutsche Bürger sich für ihre Migranten interessieren, dann sollte sie versuchen, zunächst nur das Individuum zu sehen und sich nicht das Kollektiv ins Gedächtnis rufen, von dem in Zeitungen und im Fernsehen gesprochen wird.

Meine türkische Freundin war an Krebs erkrankt. Sie hatte ihre Haare verloren und fing an ein Tuch zu tragen, um ihre Glatze zu verdecken. Ihre urdeutschen Nachbarn fragen ihre Eltern, ob sie nun ab jetzt ein Kopftuch trägt. Sie haben sonst nichts in Erwägung gezogen. Sie haben nicht ihre müden Augen gesehen, nicht ihre fahle Haut entdeckt. Sie haben nicht bemerkt, dass das Mädchen alle vierzehn Tage ins Krankenhaus gefahren wurde, nur in Jogginghosen rumläuft und plötzlich – wieder offene lange Haare, eine Perücke, trägt. Das war das einzige, was sie gefragt haben. Sonst wollten sie nichts wissen.

Dabei gibt es noch so viel zu berichten.