Das deutsche Sexismus-Problem

Während in der Türkei Frauen weitaus öfter und stärker Opfer von Gewalt werden, treten starke Frauen in der Türkei viel selbstbewusster auf, als Frauen in Deutschland. Hierzulande haben wir kein Problem mit Frauen in Unternehmen, Politik und Wissenschaft, sondern es ist ihre Weiblichkeit, die ein Störfaktor darstellt.

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Kritische Stimmen werden in der Türkei unterdrückt und Europa schaut zu.

Morgen muss sich der berühmte Pianist Fazil Say vor Gericht rechtfertigen. Aufgrund seiner islamkritischen Äußerungen, die er auf dem Social Media-Kanal Twitter gepostet hat. Ihm drohen 18 Monate Haft, weil er seine Meinung gesagt hat.

 

Der weltweit renommierte Pianist Fazil Say retweetete den Satz „Du sagst, durch die Bäche wird Wein fließen, ist das Paradies etwa eine Schänke? Ich werde jedem Gläubigen zwei Jungfrauen geben, sagst du, ist das Paradies etwa ein Freudenhaus?”, der von Omar Khayyam, einemPoeten aus dem 11. Jahrhundert stammen soll. Allerdings kritisierte Say weiterhin auf Twitter: „Der Muezzin trägt seinen Gebetsruf zum Abendgebet in 22 Sekunden vorgetragen. Prestissimmo con fuco!!! Warum diese Eile? Eine Geliebte? Der Raki-Tisch?“.

Mit diesen Äußerungen habe laut Anklageschrift Say nicht nur “die religiösen Gefühle grundlos verletzt”, sondern diese würden auch “den öffentlichen Frieden stören”.

Türkische Intellektuelle und Künstler haben sich am 16.Oktober 2012 mit dem Aufruf des Nazim Hikmet Kulturzentrums im Beyoğlu Ses Tiyatrosu getroffen, um unter dem Titel “Unsere Stimme ist mit dir (türkisch: Sesizmiz seninledir”) ihre Solidarität mit Say zu zeigen. Auch deutsche Musiker stehen hinter Fazil Say und pochen auf das Recht auf Meinungsfreiheit, die in der Türkei erheblich mit Füßen getreten wird.

Seit der Übernahme der Regierung seitens der AKP (Gerechtigkeits-und Entwicklungspartei) wurden in der Türkei zahlreiche Journalisten und Offiziere angeklagt und zu langen Haftstrafen verurteilt. Auch die Nichtregierungsorganisation „Reporter ohne Grenzen“ kritisiert immer wieder, dass die Meinungs-und Pressefreiheit  in der Türkei erheblich eingeschränkt und verletzt wird. So wurde die Türkei im Jahr 2011 auf Platz 148 der weltweiten Rangliste des ROG  für Pressefreiheit gesetzt.

So hält sich die türkische Justiz nicht an EU-Konventionen, welche die Einschränkung der Meinungsfreiheit nur in Ausnahmfällen geschehen. Einen interessanten Artikel dazu gibt es übrigens hier.

Während der türkische Ministerpräsident Erdogan in Deutschland öffentlich deutschen Einwohnern erklärt, dass Assimilation ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei, scheuen sich europäische und in erster Linie deutsche Politiker, klare Worte für den Schutz und die Garantie von Menschenrechte an die momentane türkische Regierung zu senden.

Fazil Say kann selbst nicht glauben, wieso sein Heimatland ihn anklagt, so Say: “I spent my musical life trying to understand the culture, history and spirit of this country,” My compositions are being played around the world by many musicians, reaching all kinds of people. Taking that into account, I wouldn’t be entirely wrong if I say I contributed to the global recognition of Anatolian culture.”

Er habe nicht die Absicht, Menschen zu verletzen, sondern nur von seinem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht: “I always respected freedom of thought and speech. This is a right for everyone. My expectation is that individuals and institutions pay some attention to my music before they judge me to understand how I feel about the values of my society.”

 

Betreff: Das musste einfach mal sein.

Nachrichtentext:
Liebe Cigdem,

ich selber bin auch eine junge Alevitin hier in Deutschland und muss selber jeden Tag aufs Neue mit Vorurteilen kämpfen. Auf der Straße, im Netz und auch meine Freunde können sich ihre Vorurteile nicht verkneifen.
Immer höre ich die Worte ‘Integration’ oder wie gut sich meine Eltern doch eingebürgert haben und sie es schön finden, dass ihre Kinder sich der deutschen Kultur zugewandt haben. Doch das Wort Integration trifft es doch nicht ganz. Ich bin hier aufgewachsen. Nicht integriert worden.Für mich ist dieses Wort eine Beleidigung. Es kränkt mich. In meinen Ohren klingt es eher nach Dressur.
Ich finde nicht, dass ich so was verdient habe.

Denn mit der Pubertät und den Besuchen meiner Familie in der Türkei begann der Spott, der dort ansässigen Familien. Und das reicht doch vollkommen..

Ich stehe dazu, ich bin der türkischen Sprache nicht gerade sehr mächtig. Deutsch lernte ich in einem katholischen Kindergarten. Meine Eltern begannen nur noch Deutsch mit mir und meinen Brüdern zu sprechen. Der Erfolg zeigte sich schnell.
Wir waren sehr gut in der Schule. Besuchen jetzt verschiedene Gymnasien und stehen (insallah) kurz vor dem Abitur.

Doch jeden Tag müssen wir uns Beleidigungen anhören. Von asozialen Türken werden wir mit ‘Schande’ beleidigt und von Deutschen mit ‘asozialer Pack’.

Wenn mich heute meine Freunde oder Mitschüler fragen, welcher Nationalität ich angehöre sage ich: Deutsche mit türkischen Wurzeln. Denn dies finde ich viel netter als “Deutsche mit Migrationshintergrund”.

Ich dachte nicht, dass ich jemals eine andere Person finden würde, die genauso denkt wie ich oder meine Familie.
Und ich danke Ihnen für Ihre Offenheit und Ihre Geschichte.

Sevda*

Sevda hat mich über meinem Blog angeschrieben. Sie ist 16 Jahre alt und besucht schon die 11.Klasse, ihre Brüder sind ebenfalls 16, einer von ihnen hat sogar die Klasse übersprungen und besucht die 12.Klasse.

 

*Name von mir geändert.

Lernen Sie Deutsch?

Gestern im Zug. Sitzt ein älterer Herr mir gegenüber, erfreut, dass ich mich zu ihm gesetzt habe. “Schön, dass Sie mir im Zug Gesellschaft leisten.” Liest den “Spiegel” mit einer Leselupe. Schaut auf mein Grammatikbuch. “Lernen Sie Deutsch?”, darauf antwortete ich “Nein, Französisch.” und er erzählte, dass er weder Französisch noch die romanischen Sprachen je gelernt habe, “aber Englisch und Russisch, das kann ich gut.” Ich fragte mich, weshalb ihm sofort “Deutsch” eingefallen ist, als er das Grammatikbuch sah. Ich konnte es mir nicht verkneifen, ihn darauf anzusprechen, einfach um wirklich zu verstehen, wie er darauf gekommen ist. (Im Hinterkopf die unzähligen Artikeln in allen Medien, dass man als jemand mit Migrationshintergrund ständig darauf angesprochen wird, “wie gut Deutsch man könne”). Weiterlesen

Die Islamdebatte und unser Selbstmord als liberale Gesellschaft

Erneut ist wieder die Diskussion darüber entfacht, ob der Islam zu Deutschland gehört. So widersprach Volker Kauder von der CDU dem ehemaligen Bundespräsidenten Wulff, dass der Islam ein Teil Deutschlands sei. Dass diese Aussagen keinerlei Rolle spielen, weil sie keinen wirklichen Beitrag zur Integrationsdebatte und der Islamdebatte leisten, sollte uns bewusst werden. Weiterlesen

Betreuungsgeld und Migrantenkinder

Im Kindergarten habe ich die deutsche Sprache erlernt, ich durfte die deutsche Kultur spielend kennenlernen und es war der Ort, an dem ich meine ersten Berührungen mit dem Christentum hatte.
Ich habe mich dort zugehörig gefühlt.
Meine Eltern konnten es kaum erwarten, mich in den Kindergarten zu schicken, weil sie es sehr wichtig für meine Entwicklung hielten. Sie machten sich Sorgen, dass ich zwar bereits Türkisch sprach, aber der deutschen Sprache sollte ich auch so früh wie möglich mächtig werden. Weiterlesen

Religiöses und modernes Leben in Istanbul. Die Geschichte der Büsra.

Mädchen auf der Istanbul Fashion Week 2012

Meine Mitbewohnerin Büsra gehört der Gülen-Bewegung an. Eigentlich ja ihre Familie. Sie hat sich ehrenamtlich in der AK-Partei eingebracht und sich beim letzten Wahlkampf für den jetzigen türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayip Erdogan eingesetzt. Als wir uns kennenlernten, trank sie keinen Alkohol, datete nur Jungs, die fünfmal am Tag beten und erzählte uns, dass das Kaffeesatz-Lesen “günah”, also sündhaft sei. Heute trägt sie kurze Röcke, geht ihrer Neugier nach und probiert mal an einem Glas Bier. Sie lebt wie jedes andere moderne Mädchen in Istanbul. Vor allem: sie emanzipiert sich. Weiterlesen

Ein Anschlag auf Menschenrechte, Aufklärung und Demokratie

Der Brandanschlag auf das Madimak Hotel in Sivas am 2.Juni 1993 brachte 35 Menschen um. Alevitische Geistliche, Intellektuelle und Künstler sowie deren Freunde wurden zu Opfern einer gewalttätigen Masse und waren ihnen schutzlos ausgeliefert, weil die türkische Polizei sowie das Militär nicht eingriff. Das türkische Gericht entschied gestern (13.März) in Ankara, dass die Brandstifter nicht verurteilt werden können, da die Tat verjährt sei. Das Sivas-Massaker wurde somit nicht als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhandelt.

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Weshalb ich es vorgezogen habe, zu schweigen.

Als im November vergangenen Jahres die wahren Hintergründe der Nazimorde aufgedeckt wurden, befand ich mich nicht in Deutschland.

Ich absolvierte zu dem Zeitpunkt ein Auslandssemester in Istanbul und versuchte mich in der Türkei einzuleben, die Geschichte, Politik, Sprache und Kultur sowie die Menschen kennenzulernen. Natürlich verfolgte ich weiterhin die deutschen Medien, um zu wissen, was in meiner deutschen Heimat vor sich ging.

Ich habe vorgezogen, öffentlich über die Geschehnisse zu schweigen. Weil ich überfordert war. Weiterlesen