Gezi Park Film “Der Fall des Himmels”

Die Ereignisse um den Gezi Park Protest im Sommer 2013 in der türkischen Metropole Istanbul werden nun auf den Kinoleinwänden gezeigt.
Der Trailer zum Film zeigt die bewegenden Momente und die kriegsähnlichen Zustände, die den Atem in der Türkei wochenlang angehalten hat.


Schaut selbst.


Mode in der Türkei – zwischen Kopftuch und Dekolleté

Auf der Istanbuler Fashion Week 2014 ging es nicht nur um Stoffe und Schnitte, sondern auch um gesellschaftliche Werte, politische Haltungen – und Macho-Männer in Skinny-Jeans.

Meltem und Cigdem Toprak

Mercedes-Benz Presents Zeynep Tosun - Runway - MBFWI S/S 2014 Presented By American Express

Die Fashion Week in Istanbul findet am einzigartigen Bosporus statt. Türkische und internationale Gäste blicken auf die berühmte Brücke, die Europa mit Asien verbindet – und spüren die Zerrissenheit zwischen
Abend- und Morgenland, aber auch die Synthese der westlichen und östlichen Kultur, die auf den Laufstegen gezeigt wird.

“Das Frauenbild, das hier auf der Istanbuler Modewoche zu sehen ist, passt nicht zu unserer Realität”, sagt jedoch eine junge Frau, die bei der Show “Hidden” der erfolgreichen Designerin Zeynep Tosun zu modernem Rock ein Kopftuch trägt. Ihr Name ist Kübra Sönmez Isik, Journalistin der regierungsnahen Zeitung Yeni Safak. Keines der Models würde Kopftuch tragen, keine Designerin habe islamische Kleidung über den Laufsteg geschickt, bedauert sie.

Obwohl Kübra Sönmez Isik einen Widerspruch zwischen Religion und Mode sieht, sei es ihrer Meinung nach trotzdem möglich für Frauen mit Kopftüchern westliche Kleidung zu tragen und sie mit ihren islamischen Kleidern zu kombinieren. Solange die Schnitte und Längen dafür geeignet seien.

Mode für starke, selbstbewusste Frauen

Doch Designerin Zeynep Tosun zeigt stattdessen sexy Details, tiefe Rückenausschnitte und bauchfreie Tops sowie transparente Röcke. “Ich möchte starke Frauen präsentieren, die unabhängig sind, ihr eigenes Geld verdienen und sich nicht darum kümmern, was andere Menschen über sie sagen oder denken”, erklärt Tosun ihre Kollektion.

Inspirieren ließ sie sich von den 20er- und 30er-Jahren. Denn 1923 wurde der moderne türkische Staat von Kemal Atatürk gegründet. Atatürk brachte die westliche Kultur in das östliche Land. Die ersten türkische Frauen emanzipierten sich, begannen zum Beispiel Sport zu treiben.

“Wenn du eine religiöse Person bist, dann solltest du nicht an Mode interessiert sein”, meint Zeynep Tosun. Allerdings ist sie auch nicht der Auffassung, dass eine Frau nur mit einem tiefen Dekolletee Selbstbewusstsein ausstrahlt. “Es ist die Persönlichkeit, die die Kleidung trägt und nicht der Körper.”

Extravagant, laut und lebensfroh

Eine Designerin, die bereits für die berühmte Persönlichkeit Lady Gaga ein Kleid anfertigte, zeigt auf der Istanbul Fashion Week ihre erste Solo-Show. Deniz Berdans Kollektion ist extravagant, laut und lebensfroh. Berdan sieht in ihrer Heimat vor allem ein Land, in dem es eine großartige Mischung aus verschiedenen Kulturen gibt und wo eine kosmopolite Gesellschaft lebt, die sie immer wieder zu neuen Entwürfen inspiriert.

Trotz und gerade wegen ihrer toleranten Haltung hat Berdan nichts gegen das Tragen eines Kopftuchs einzuwenden. Sie ist der Auffassung, dass die Welt nicht noch mehr Verbote braucht. “Jedem sollte erlaubt sein, sich so anzuziehen, wie er möchte.”

Die Designerin ist optimistisch. Auch wenn Mode in der Türkei lange als Tabu galt, entwickele sich nun ein neues Bewusstsein in der jungen Generation. Geholfen hat den türkischen Designern dabei auch Mercedes-Benz. “Die Fashion Week hat uns die Möglichkeit gegeben, uns weiterzuentwickeln”, sagt sie. Dabei wurde die Istanbuler Modewoche erst zum zweiten Mal von dem deutschen Autohersteller gesponsert, die Organistaion von IMG Deutschland unterstützt.

“Ich habe kein Problem mit verschleierten Frauen”

Der Stargast auf der Fashion Week in Istanbul ist Barbara Becker. Die Exfrau von Boris Becker besucht zum ersten Mal die Türkei und schwärmt von der Schönheit türkischer Frauen und vom Glamour türkischer Mode. “Ich konnte noch gar nicht auf die Kleidung achten, ich bleibe an diesen ausdrucksvollen Augen hängen.” Vorurteile vor ihrer Ankunft in der Türkei hatte Barbara Becker nicht. “Ich habe kein Problem mit verschleierten Frauen, ich bin überall auf der Welt Zuhause”, sagt sie.

Auf der Istanbuler Modewoche wurde aber nicht nur Mode für Frauen, sondern auch für türkische Männer gezeigt. Ihnen sei der maskuline Look besonders wichtig, meint Designer Niyazi Erdogan. “Meine Entwürfe sind für den modernen, urbanen Mann, der ein Macho sein möchte”, sagt der Designer vor der Show. Seine Models tragen dann allerdings Hosen und Jacken in hellen Pastelltöne sowie Kirschen als Motiv.

Kirschen für die Macho-Männer

Auch der Head-Designer der international erfolgreichen türkischen Jeansmarke MAVI, Güney Oktar, betont, dass türkischen Herren ihre männliche Identität zwar wichtig sei – “Sie mögen Bärte und Hosen” – mittlerweile trügen sie aber auch Skinny-Jeans. Daran ist sicherlich auch der türkische Schauspieler und Frauenschwarm Kivanc Tatlitug Schuld, der in der aktuellen Werbekampagne von MAVI diese Hosen besonders überzeugend in Szene setzt.

“Mit solchen Role Models ändert sich auch das patriarchalische Männerbild in der Türkei”, meint Modeblogger Ümit Temurcin. Und die populären Vorbilder scheinen nicht nur den Stil der türkischen Jugend, sondern auch ihre Werte und Vorstellungen zu beeinflussen.

Niyazi Erdogans Fashion-Show endet nicht zufällig mit dem türkischen Popsong “Sultan Süleyman”: “Die Welt wird weder mir noch dir gehören, sie gehörte nicht einmal Sultan Süleyman (der mächtigste türkische Sultan, Anm. der Red.)”, so der Refrain. “Mit meinen Entwürfen möchte ich die Menschen auch zum Nachdenken anregen, die Botschaft ist frei für jede Interpretation. Mode macht Spaß, sie sollte aber auch eine Kunstform sein.”

Erstveröffentlichung: WELT ONLINE/ICON

Ein wahrer Sultan demonstriert auch im

Gezi-Park

Türkische TV-Serien sind mehr als Soaps: Sie kritisieren Missstände und stoßen Debatten an. Und wenn ihre Stars an Demonstrationen teilnehmen, werden sie zur Zielscheibe der konservativen Regierung.

MUTESEM-YUZYIL

Pünktlich zum Schuljahr- und Semesterbeginn haben die Proteste der türkischen Jugend wieder angefangen. Erholt sind die Türken aus den beliebten Partystädten Bodrum und Cesme an der Ägäis oder von ihren Familien in der Heimat wieder in die Großstädte zurückgekehrt. Der Auslöser für die jüngsten Proteste am vergangenen Dienstag war der Tod des 22-jährigen Ahmet Atakans, der am 3. Juni in Antakya am Kopf von einer Tränengaskapsel verletzt worden war und vergangenen Montag an seinen Verletzungen gestorben ist.

Aber auch die türkischen Seriendarsteller, die sich in den letzten Wochen in Drehpausen befanden, haben neue Energie für die zweite Runde der Proteste getankt. Denn türkische Stars spielen nicht nur in beliebten türkischen Serien mit, die auch in arabischen Ländern erfolgreich laufen – sie sind zentrale Akteure der türkischen Protestwelle. Tante Vasfiye demonstriert mit

Die 27-jährige Gonca Vuslateri zum Beispiel, die mittlerweile zu den angesehensten Schauspielerinnen der Türkei gehört. Mit ihren Rollen in der gesellschaftskritischen Comedyserie “Yalan Dünya” (“Verlogene Welt”) wurde sie in kürzester Zeit zum Star. Vuslateri verkörpert zwei unterschiedliche Generationen: Zum einen spielt sie die junge depressive Türkin Eylem, die ein Opfer der Generation Y ist. Parallel spielt sie die Rolle der alten Tante Vasfiye, mittlerweile eine Kultfigur, eine neugierige und verbitterte alte Jungfer, die sich aus Einsamkeit gerne über die Gefühle und Ängste ihrer Mitmenschen lustig macht.

Aber zwischen den Dreharbeiten und ihren Theateraufführungen fand Vuslateri genug Zeit, zu einer zentralen Figur der Proteste zu werden. Zusammen mit ihren Kollegen war sie fast täglich bei den Kundgebungen und im Gezi Park dabei. Regelmäßig haben Serienstars öffentlich im Park politische Stellungnahmen gegeben, sie haben im Park übernachtet und sich unters Protestvolk gemischt.

Auch der Schauspieler Halit Ergenc, der in der Serie “Muhtesem Yüzyil” (“Das prächtige Jahrhundert”) den osmanischen Sultan Süleyman spielt, wurde zu Beginn der Unruhen zusammen mit seiner Frau und Kollegin Bergüzar Korel auf dem Taksim-Platz gesehen. Ein Handyfoto von den beiden Superstars zeigte, wie sie sich unters Volk mischten, und sich mit Schals und Tüchern gegen das Tränengas schützten. Das Foto wurde in den Sozialen Medien tausendfach geteilt und das Paar als Helden gefeiert.

Seriendarsteller mit Vorbildfunktion

Stars in der Türkei, seien es Schauspieler, Musiker, Regisseure oder Schriftsteller, nehmen eine Vorbildfunktion in der türkischen Gesellschaft wahr. Man sieht sie bei Werbekampagnen gegen Gewalt gegen Frauen oder sich für den Tierschutz einsetzen. Und türkische Serien unterscheiden sich erheblich von Soaps in Deutschland: In der Türkei werden vorrangig historische und gesellschaftliche Themen aufgearbeitet. So geben sie oft Impulse für neue Debatten, wecken Interesse für Geschichte, stellen moralische Fragen über Liebe und Sexualität oder starten Kampagnen für Frauenrechte.

Die Seriendarsteller sind häufig sehr gut ausgebildete Schauspieler vom Theater, die sich als Künstler sehen und eine starke gesellschaftliche und politische Verantwortung gegenüber ihren Zuschauern und Fans spüren. Zudem ist es für die türkischen Stars kein Problem, Hunderttausende Menschen über Twitter oder Facebook zu erreichen, zu informieren und zu mobilisieren. Gerade deshalb werden sie auch von der Regierung genauestens beobachtet. Ihre politische Unterstützung ist für die aktuelle türkische Regierung unabdingbar. Und wenn sie es wagen, sich gegen die Regierung zu stellen, werden die berühmten Gezi-Park Aktivisten zur öffentlichen Zielscheibe.

Der Schauspieler Mehmet Ali Alabora, der als Polizist in einer beliebten türkischen Soap berühmt wurde, twitterte zu Beginn der Proteste am 30. Mai eine Nachricht an seine eine Millionen Follower, die ihm zum Verhängnis wurde: “Die Angelegenheit betrifft nicht mehr den Gezi Park, hast du es noch immer nicht verstanden? Los, komm. #direngezi.”

“So Gott will, wird der Staat ihn kriegen”

Gefährlich wurde diese Botschaft insbesondere dann, als er aus Istanbul auf CNN International für Christiane Amirpour 90 Sekunden live über die Proteste und den Unmut der Bevölkerung gegen die Regierung sprach. Seither wurde eine Hetzkampagne gegen Alabora gestartet. Die regierungsnahe Zeitung Yeni Safak wirft Alabora vor, die Proteste bereits vor einem Jahr in seinem Theaterstück “Mi Minör” geplant und vorbereitet zu haben. Alabora spielte und führte Regie bei dem Stück, das noch bis April 2013 aufgeführt wurde, also kurz vor Beginn der großen Protestwelle. In dem interaktiven Schauspiel wurde gezeigt, wie das Volk Widerstand gegen die Regierung mithilfe von Sozialen Medien leisten könnte.

Der türkische Oberbürgermeister und AKP-Politiker Melih Gökcek bezeichnete Alabora deshalb als Hauptakteur der Gezi-Park- Bewegung: “Alabora weiß nicht, was ihm noch bevorsteht. Aber so Gott will, wird der Staat ihn kriegen und ich werde ihn drinnen (im Gefängnis, die Red.) sehen.” Laut Medienberichten droht Alabora eine Haftstrafe von 20 Jahren, weil er sich dem bewaffneten Widerstand gegen die Türkische Republik schuldig gemacht habe. Jüngst wurde seine gesellschaftskritische TV-Show “Heberler” abgesetzt.

Aus Feinden macht Erdogan schnell Freunde

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ist aufgrund der Vorbildfunktion türkischer Stars auf ihre politische Unterstützung durchaus angewiesen. Einige seiner berühmten Gegner konnte er sogar wieder für sich gewinnen – auf eine Art, die die türkische Medienwelt schockierte: Man stelle sich vor, der deutsche Komiker Mario Barth rufe singend und tanzend bei den Protesten um Stuttgart 21 “Die Regierung soll zurücktreten”, um seinen Protest gegen Angela Merkel öffentlich kundzutun. Und davon existiert auch ein Video. Einige Wochen später dann twittert Barth ein Foto, auf dem er die Hand von Merkel küsst, mit der Botschaft “Meine Bundeskanzlerin.” Und wieder ein paar Tage später bestreitet er im Fernsehen, je die Regierung kritisiert zu haben. Er sei auch nie in Stuttgart gewesen. Er sagt vielmehr: “Bei den Protesten waren die Kinder der Neunzigerjahre dabei, die unter dem Einfluss von gewalttätigen Computerspielen die Proteste entfacht haben.”

Diese Szenen durfte die türkische Öffentlichkeit kopfschüttelnd im Falle des türkischen Komikers und Schauspielers Safak Sezer miterleben. Es heißt, ihm wurde damit gedroht, nicht nur seine Schauspielkarriere zu beenden, sondern auch seinen in der Baubranche tätigen Schwiegervater zu drangsalieren.

Immerhin: Am 12. September startet in der Türkei die heiß erwartete vierte Staffel von “Muhtesem Yüzyil”. Halit Ergenc spielt weiterhin die Hauptrolle des Sultans Süleyman, und viele bekannte Schauspieler haben neue Rollen darin übernommen. Obwohl Premier Erdogan den Straßenfeger wegen Geschichtsverfälschung (Süleyman ist ihm darin nicht makellos genug) verbieten wollte – vielleicht aber auch gerade deswegen.

Die erfolgreiche TV-Serie “Muhtesem Yüzyil” erhitzt die konservativen Gemüter in der Türkei.

Erstveröffentlichung: Die Welt/ WELT ONLINE

Interview mit Wilma Elles

 
Seit zwei Jahren spielt Wilma Elles (25) die holländische Caroline im türkischen Familiendrama “Öyle bir gecer zamanki” (“So wie die Zeit vergeht”). Seit vergangener Woche ist sie auch in Deutschland in dem türkischen Film “Laz Vampir Tirakula – Der Lasische Vampir” im Kino zu sehen. Außerdem spielt sie in der Produktion “The End”, die bei der Berlinale 2013 Premiere hat, neben Christine Kaufmann und Martin Semmelrogge. Elles hat neben ihrer Schauspielerei soeben ihre erste Modekollektion herausgebracht, die sie dem Maya-Jahr 2012 gewidmet hat. Wo sie den 21. Dezember verbringen wird und wie sie sich als Deutsche am Bosporus fühlt, erzählt sie im Gespräch.
 
 
wilma-elles
 
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Religionsfreiheit, Vielfalt und Toleranz. Wir dürfen unsere Werte als liberale Gesellschaft nicht vergessen.

Islamunterricht, Gebetsräume an Schulen, Moscheen und das Kopftuch für Lehrerinnen- gesellschaftliche und politische Stimmen in Deutschland plädieren seit einigen Jahren verstärkt für Religionsfreiheit für unsere muslimischen Mitbürger. Argumentiert wird mit den Begriffen Toleranz und Vielfalt in unserer demokratischen Gesellschaft. Dabei wird nach Toleranz zwischen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und religiöser Gruppen gefordert, weil Vielfalt in unserer Gesamtgesellschaft erwünscht wird. Wir sollten uns allerdings als liberale Gesellschaft die Frage stellen, wie wir mit religiösen Gruppen umgehen, die ihre eigenen Mitglieder unterdrücken und so ihnen gegenüber nicht tolerant sind. Sollten wir nicht auch nach Toleranz und Diversität innerhalb der Communities fordern?


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