Ein wahrer Sultan demonstriert auch im

Gezi-Park

Türkische TV-Serien sind mehr als Soaps: Sie kritisieren Missstände und stoßen Debatten an. Und wenn ihre Stars an Demonstrationen teilnehmen, werden sie zur Zielscheibe der konservativen Regierung.

MUTESEM-YUZYIL

Pünktlich zum Schuljahr- und Semesterbeginn haben die Proteste der türkischen Jugend wieder angefangen. Erholt sind die Türken aus den beliebten Partystädten Bodrum und Cesme an der Ägäis oder von ihren Familien in der Heimat wieder in die Großstädte zurückgekehrt. Der Auslöser für die jüngsten Proteste am vergangenen Dienstag war der Tod des 22-jährigen Ahmet Atakans, der am 3. Juni in Antakya am Kopf von einer Tränengaskapsel verletzt worden war und vergangenen Montag an seinen Verletzungen gestorben ist.

Aber auch die türkischen Seriendarsteller, die sich in den letzten Wochen in Drehpausen befanden, haben neue Energie für die zweite Runde der Proteste getankt. Denn türkische Stars spielen nicht nur in beliebten türkischen Serien mit, die auch in arabischen Ländern erfolgreich laufen – sie sind zentrale Akteure der türkischen Protestwelle. Tante Vasfiye demonstriert mit

Die 27-jährige Gonca Vuslateri zum Beispiel, die mittlerweile zu den angesehensten Schauspielerinnen der Türkei gehört. Mit ihren Rollen in der gesellschaftskritischen Comedyserie “Yalan Dünya” (“Verlogene Welt”) wurde sie in kürzester Zeit zum Star. Vuslateri verkörpert zwei unterschiedliche Generationen: Zum einen spielt sie die junge depressive Türkin Eylem, die ein Opfer der Generation Y ist. Parallel spielt sie die Rolle der alten Tante Vasfiye, mittlerweile eine Kultfigur, eine neugierige und verbitterte alte Jungfer, die sich aus Einsamkeit gerne über die Gefühle und Ängste ihrer Mitmenschen lustig macht.

Aber zwischen den Dreharbeiten und ihren Theateraufführungen fand Vuslateri genug Zeit, zu einer zentralen Figur der Proteste zu werden. Zusammen mit ihren Kollegen war sie fast täglich bei den Kundgebungen und im Gezi Park dabei. Regelmäßig haben Serienstars öffentlich im Park politische Stellungnahmen gegeben, sie haben im Park übernachtet und sich unters Protestvolk gemischt.

Auch der Schauspieler Halit Ergenc, der in der Serie “Muhtesem Yüzyil” (“Das prächtige Jahrhundert”) den osmanischen Sultan Süleyman spielt, wurde zu Beginn der Unruhen zusammen mit seiner Frau und Kollegin Bergüzar Korel auf dem Taksim-Platz gesehen. Ein Handyfoto von den beiden Superstars zeigte, wie sie sich unters Volk mischten, und sich mit Schals und Tüchern gegen das Tränengas schützten. Das Foto wurde in den Sozialen Medien tausendfach geteilt und das Paar als Helden gefeiert.

Seriendarsteller mit Vorbildfunktion

Stars in der Türkei, seien es Schauspieler, Musiker, Regisseure oder Schriftsteller, nehmen eine Vorbildfunktion in der türkischen Gesellschaft wahr. Man sieht sie bei Werbekampagnen gegen Gewalt gegen Frauen oder sich für den Tierschutz einsetzen. Und türkische Serien unterscheiden sich erheblich von Soaps in Deutschland: In der Türkei werden vorrangig historische und gesellschaftliche Themen aufgearbeitet. So geben sie oft Impulse für neue Debatten, wecken Interesse für Geschichte, stellen moralische Fragen über Liebe und Sexualität oder starten Kampagnen für Frauenrechte.

Die Seriendarsteller sind häufig sehr gut ausgebildete Schauspieler vom Theater, die sich als Künstler sehen und eine starke gesellschaftliche und politische Verantwortung gegenüber ihren Zuschauern und Fans spüren. Zudem ist es für die türkischen Stars kein Problem, Hunderttausende Menschen über Twitter oder Facebook zu erreichen, zu informieren und zu mobilisieren. Gerade deshalb werden sie auch von der Regierung genauestens beobachtet. Ihre politische Unterstützung ist für die aktuelle türkische Regierung unabdingbar. Und wenn sie es wagen, sich gegen die Regierung zu stellen, werden die berühmten Gezi-Park Aktivisten zur öffentlichen Zielscheibe.

Der Schauspieler Mehmet Ali Alabora, der als Polizist in einer beliebten türkischen Soap berühmt wurde, twitterte zu Beginn der Proteste am 30. Mai eine Nachricht an seine eine Millionen Follower, die ihm zum Verhängnis wurde: “Die Angelegenheit betrifft nicht mehr den Gezi Park, hast du es noch immer nicht verstanden? Los, komm. #direngezi.”

“So Gott will, wird der Staat ihn kriegen”

Gefährlich wurde diese Botschaft insbesondere dann, als er aus Istanbul auf CNN International für Christiane Amirpour 90 Sekunden live über die Proteste und den Unmut der Bevölkerung gegen die Regierung sprach. Seither wurde eine Hetzkampagne gegen Alabora gestartet. Die regierungsnahe Zeitung Yeni Safak wirft Alabora vor, die Proteste bereits vor einem Jahr in seinem Theaterstück “Mi Minör” geplant und vorbereitet zu haben. Alabora spielte und führte Regie bei dem Stück, das noch bis April 2013 aufgeführt wurde, also kurz vor Beginn der großen Protestwelle. In dem interaktiven Schauspiel wurde gezeigt, wie das Volk Widerstand gegen die Regierung mithilfe von Sozialen Medien leisten könnte.

Der türkische Oberbürgermeister und AKP-Politiker Melih Gökcek bezeichnete Alabora deshalb als Hauptakteur der Gezi-Park- Bewegung: “Alabora weiß nicht, was ihm noch bevorsteht. Aber so Gott will, wird der Staat ihn kriegen und ich werde ihn drinnen (im Gefängnis, die Red.) sehen.” Laut Medienberichten droht Alabora eine Haftstrafe von 20 Jahren, weil er sich dem bewaffneten Widerstand gegen die Türkische Republik schuldig gemacht habe. Jüngst wurde seine gesellschaftskritische TV-Show “Heberler” abgesetzt.

Aus Feinden macht Erdogan schnell Freunde

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ist aufgrund der Vorbildfunktion türkischer Stars auf ihre politische Unterstützung durchaus angewiesen. Einige seiner berühmten Gegner konnte er sogar wieder für sich gewinnen – auf eine Art, die die türkische Medienwelt schockierte: Man stelle sich vor, der deutsche Komiker Mario Barth rufe singend und tanzend bei den Protesten um Stuttgart 21 “Die Regierung soll zurücktreten”, um seinen Protest gegen Angela Merkel öffentlich kundzutun. Und davon existiert auch ein Video. Einige Wochen später dann twittert Barth ein Foto, auf dem er die Hand von Merkel küsst, mit der Botschaft “Meine Bundeskanzlerin.” Und wieder ein paar Tage später bestreitet er im Fernsehen, je die Regierung kritisiert zu haben. Er sei auch nie in Stuttgart gewesen. Er sagt vielmehr: “Bei den Protesten waren die Kinder der Neunzigerjahre dabei, die unter dem Einfluss von gewalttätigen Computerspielen die Proteste entfacht haben.”

Diese Szenen durfte die türkische Öffentlichkeit kopfschüttelnd im Falle des türkischen Komikers und Schauspielers Safak Sezer miterleben. Es heißt, ihm wurde damit gedroht, nicht nur seine Schauspielkarriere zu beenden, sondern auch seinen in der Baubranche tätigen Schwiegervater zu drangsalieren.

Immerhin: Am 12. September startet in der Türkei die heiß erwartete vierte Staffel von “Muhtesem Yüzyil”. Halit Ergenc spielt weiterhin die Hauptrolle des Sultans Süleyman, und viele bekannte Schauspieler haben neue Rollen darin übernommen. Obwohl Premier Erdogan den Straßenfeger wegen Geschichtsverfälschung (Süleyman ist ihm darin nicht makellos genug) verbieten wollte – vielleicht aber auch gerade deswegen.

Die erfolgreiche TV-Serie “Muhtesem Yüzyil” erhitzt die konservativen Gemüter in der Türkei.

Erstveröffentlichung: Die Welt/ WELT ONLINE

Interview mit Wilma Elles

 
Seit zwei Jahren spielt Wilma Elles (25) die holländische Caroline im türkischen Familiendrama “Öyle bir gecer zamanki” (“So wie die Zeit vergeht”). Seit vergangener Woche ist sie auch in Deutschland in dem türkischen Film “Laz Vampir Tirakula – Der Lasische Vampir” im Kino zu sehen. Außerdem spielt sie in der Produktion “The End”, die bei der Berlinale 2013 Premiere hat, neben Christine Kaufmann und Martin Semmelrogge. Elles hat neben ihrer Schauspielerei soeben ihre erste Modekollektion herausgebracht, die sie dem Maya-Jahr 2012 gewidmet hat. Wo sie den 21. Dezember verbringen wird und wie sie sich als Deutsche am Bosporus fühlt, erzählt sie im Gespräch.
 
 
wilma-elles
 
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Religionsfreiheit, Vielfalt und Toleranz. Wir dürfen unsere Werte als liberale Gesellschaft nicht vergessen.

Islamunterricht, Gebetsräume an Schulen, Moscheen und das Kopftuch für Lehrerinnen- gesellschaftliche und politische Stimmen in Deutschland plädieren seit einigen Jahren verstärkt für Religionsfreiheit für unsere muslimischen Mitbürger. Argumentiert wird mit den Begriffen Toleranz und Vielfalt in unserer demokratischen Gesellschaft. Dabei wird nach Toleranz zwischen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und religiöser Gruppen gefordert, weil Vielfalt in unserer Gesamtgesellschaft erwünscht wird. Wir sollten uns allerdings als liberale Gesellschaft die Frage stellen, wie wir mit religiösen Gruppen umgehen, die ihre eigenen Mitglieder unterdrücken und so ihnen gegenüber nicht tolerant sind. Sollten wir nicht auch nach Toleranz und Diversität innerhalb der Communities fordern?


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Das deutsche Sexismus-Problem

Während in der Türkei Frauen weitaus öfter und stärker Opfer von Gewalt werden, treten starke Frauen in der Türkei viel selbstbewusster auf, als Frauen in Deutschland. Hierzulande haben wir kein Problem mit Frauen in Unternehmen, Politik und Wissenschaft, sondern es ist ihre Weiblichkeit, die ein Störfaktor darstellt.

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Kritische Stimmen werden in der Türkei unterdrückt und Europa schaut zu.

Morgen muss sich der berühmte Pianist Fazil Say vor Gericht rechtfertigen. Aufgrund seiner islamkritischen Äußerungen, die er auf dem Social Media-Kanal Twitter gepostet hat. Ihm drohen 18 Monate Haft, weil er seine Meinung gesagt hat.

 

Der weltweit renommierte Pianist Fazil Say retweetete den Satz „Du sagst, durch die Bäche wird Wein fließen, ist das Paradies etwa eine Schänke? Ich werde jedem Gläubigen zwei Jungfrauen geben, sagst du, ist das Paradies etwa ein Freudenhaus?”, der von Omar Khayyam, einemPoeten aus dem 11. Jahrhundert stammen soll. Allerdings kritisierte Say weiterhin auf Twitter: „Der Muezzin trägt seinen Gebetsruf zum Abendgebet in 22 Sekunden vorgetragen. Prestissimmo con fuco!!! Warum diese Eile? Eine Geliebte? Der Raki-Tisch?“.

Mit diesen Äußerungen habe laut Anklageschrift Say nicht nur “die religiösen Gefühle grundlos verletzt”, sondern diese würden auch “den öffentlichen Frieden stören”.

Türkische Intellektuelle und Künstler haben sich am 16.Oktober 2012 mit dem Aufruf des Nazim Hikmet Kulturzentrums im Beyoğlu Ses Tiyatrosu getroffen, um unter dem Titel “Unsere Stimme ist mit dir (türkisch: Sesizmiz seninledir”) ihre Solidarität mit Say zu zeigen. Auch deutsche Musiker stehen hinter Fazil Say und pochen auf das Recht auf Meinungsfreiheit, die in der Türkei erheblich mit Füßen getreten wird.

Seit der Übernahme der Regierung seitens der AKP (Gerechtigkeits-und Entwicklungspartei) wurden in der Türkei zahlreiche Journalisten und Offiziere angeklagt und zu langen Haftstrafen verurteilt. Auch die Nichtregierungsorganisation „Reporter ohne Grenzen“ kritisiert immer wieder, dass die Meinungs-und Pressefreiheit  in der Türkei erheblich eingeschränkt und verletzt wird. So wurde die Türkei im Jahr 2011 auf Platz 148 der weltweiten Rangliste des ROG  für Pressefreiheit gesetzt.

So hält sich die türkische Justiz nicht an EU-Konventionen, welche die Einschränkung der Meinungsfreiheit nur in Ausnahmfällen geschehen. Einen interessanten Artikel dazu gibt es übrigens hier.

Während der türkische Ministerpräsident Erdogan in Deutschland öffentlich deutschen Einwohnern erklärt, dass Assimilation ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei, scheuen sich europäische und in erster Linie deutsche Politiker, klare Worte für den Schutz und die Garantie von Menschenrechte an die momentane türkische Regierung zu senden.

Fazil Say kann selbst nicht glauben, wieso sein Heimatland ihn anklagt, so Say: “I spent my musical life trying to understand the culture, history and spirit of this country,” My compositions are being played around the world by many musicians, reaching all kinds of people. Taking that into account, I wouldn’t be entirely wrong if I say I contributed to the global recognition of Anatolian culture.”

Er habe nicht die Absicht, Menschen zu verletzen, sondern nur von seinem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht: “I always respected freedom of thought and speech. This is a right for everyone. My expectation is that individuals and institutions pay some attention to my music before they judge me to understand how I feel about the values of my society.”