Kulturkampf gläubiger Muslime

Ein neues Wahlkampfvideo der AKP zeigt eine junge Frau mit Kopftuch, wie sie unter Tränen von „Gräueltaten“ und „Gaskammern“ erzählt –  aus einer Zeit, in der noch an türkischen Universitäten das Kopftuchverbot herrschte. Tobt in der Türkei ein Kampf zwischen areligiösen Laizisten gegen gläubige Muslime? Keineswegs. Es ist ein Kulturkampf zwischen einer aufgeklärten und islamisch-dominierten Kultur – auf beiden Seiten von Muslimen geführt.

 „Ich habe einen Einser-Schulabschluss und habe auch die universitären Zulassungsklausuren mit einer hohen Punktzahl bestanden – aber ich durfte nicht einmal durch die Türen der Universität meiner Träume hindurch. Wie Gaskammern waren Überzeugungsräume eingerichtet“. Die junge Frau im neuen Wahlkampf-Video der AKP mit Kopftuch erzählt weiter unter Tränen: „Mich haben sie auch dort hineingeschickt, ich habe diesem Druck und diesen Gräueltaten Widerstand geleistet, ich habe mein Kopftuch nicht abgelegt und bin nach Hause gegangen.“

In einem fröhlichen Ton erzählt sie, dass nach einem jahrelangen Kampf die AKP das Kopftuchverbot aufgehoben hat und sie an der Universität studieren durfte.  „Jetzt muss diese Gräueltaten niemand mehr erleben. Nun sehe ich, dass diejenigen, die diese Überzeugungsräume eingerichtet haben, heute andere über Freiheit unterrichten wollen.“

 

Abgesehen davon, dass es sich hierbei wohl um eine Schauspielerin handelt und die Zeugnisse, die im Video zu sehen sind, wohl Requisiten sind (türkische Medien berichten davon, dass in den Zeugnissen Fehler und Unstimmigkeiten herrsche), spielt die AKP-Wahlkampfkampagne den uralten Konflikt in der türkischen Gesellschaft an– der sich nicht allein um das Kopftuch dreht.

In der Tat hat es Räume an einigen türkischen Universitäten gegeben, in denen Psychologen mit jungen Studentinnen ein Gespräch geführt haben, um sie wohl davon zu überzeugen, das Kopftuch abzulegen. Die „Überzeugungsräume“ wurden im Rahmen der politischen Maßnahmen vom 28. Februar 1997 seitens des Militärs (die auch als  „sanfter“ Militärputsch zusammengefasst werden) von der CHP-Abgeordneten und ehemaligen Vize-Präsidenten der Istanbul-Universität Nur Serter eingeführt. Die Entscheidung für das Tragen des Kopftuchs mag man nicht gutheißen, aber die Intention und die Maßnahmen in diesen „Überzeugungsräumen“ sollten dennoch stark hinterfragt werden.

 

Umso erstaunlicher ist es aber, dass die AKP nun wieder das Thema Kopftuch aufgreift – obwohl das Verbot acht Jahre nach Machtübernahme der AKP dann 2010 an privaten Universitäten und 2012 an staatlichen aufgehoben wurde.

Als die AKP  im Jahre 2002 als Regierungspartei in der Türkei zum ersten Mal gewählt worden war, sind Journalisten und Akademiker davon ausgegangen, dass mit einer islamisch-konservativen Partei nun endlich die unterdrückten Stimmen gläubiger Muslime in einem demokratischen Rahmen repräsentiert werden. Die AKP würde endlich für ein entspanntes Verhältnis zwischen Religion und Staat sorgen und Religionsfreiheit im Namen der Demokratie garantieren.

Ein Kampf von Kemalisten bzw. Säkularisten bzw. Laizisten bzw. Atatürk-Anhänger gegen, ja, gegen wen eigentlich? Wie bezeichnet man die andere Front? Gläubige Muslime? Konservative Muslime? Und die anderen sind dann „modern“ und „ungläubig“?

Die Annahme, dass es sich bei den „Kemalisten“ um areligiösen und islamophobe, europa-gewandte Türken handelt, ist schlichtweg falsch. Sie selbst bezeichnen sich auch nicht als „liberale Muslime“ – sondern als „aufgeklärte“ Bürger. Man könnte auch sagen: es sind „bürgerliche“ Muslime. Auch die Vorstellung, dass der türkische Staatsgründer Atatürk den Islam aus der Gesellschaft verbannt habe, ist verzerrt. Was man auch davon halten mag, Atatürk hat eine kulturelle Revolution begonnen, in dem er eine in ihrer Politik und im Alltag stark islamisch geprägte Gesellschaft modernisieren wollte. So sollte die nationale Kultur der neu gegründeten türkischen Republik nicht auf einer islamischen Kultur basieren, sondern eine zivilisierte, bürgerliche Kultur sein – die sich ganz klar westliche begreift. Bezeichnet wurde das als türkisch.

Der Islam hat dabei nicht die Hauptrolle, aber eine kleine und ziemlich überzeugende Nebenrolle gespielt: der Islam ist wie jede andere Religion ein wunderbarer Weg zu vereinen und den türkischen Nationalismus zu verbreiten. Aber der Islam sollte als Glaube im Privatleben der Menschen weiter existieren, in einer entpolitisierten Form. Aus diesem Grund hat sich der türkische Staat (bis heute) zur Aufgabe gemacht, den Islam zu kontrollieren und einen Staatsislam zu propagieren, der nicht mit den nationalen Werten kollidiert.

An den Kernstrukturen des türkischen Laizismus hat die AKP nichts geändert, sondern die Strukturen nach ihren Interessen umgebaut und die Inhalte nach ihren Vorstellungen angepasst. Das Amt für religiöse Angelegenheiten wurde nach der Errichtung von Atatürk immer weiter ausgebaut; heute hat das Ministerium 88 000 Mitarbeiter und sein Budget ist größer als über 30 Ministerien zusammen, inklusive Verteidigungsministerium. Politisch wurde der Islam aber nicht erst seit der AKP, sondern bereits in den 70er Jahren. Die AKP und ihr Vorsitzender und heutige Staatspräsident Erdogan versucht nicht die Gesellschaft zu „islamisieren“ (ein nichtssagender Begriff), muslimisch sind sie mehrheitlich sowieso schon – sondern die westlich orientierte „türkische“ Kultur gegen eine islamische „osmanische“ Kultur zu ersetzen.

Was hat also die AKP im Namen der Religionsfreiheit bisher unternommen? Das Kopftuchverbot an Schulen und Universitäten wurde aufgehoben und das Schulsystem dahingehend verändert, dass junge Schüler ab der vierten Klasse bereits auf religiöse Schulen gehen können. Die islamisch-konservative Elite schickt aber dennoch ihre Kinder lieber an die privaten französischen, italienischen, österreichischen und englischen Gymnasien. So wie der Sohn des ehemaligen Präsidenten Gül am renommierten TED-College in Ankara unterrichtet worden ist. Unterrichtssprache: Englisch. Verständlich wenn man sich eine exzellente Ausbildung für die Kinder wünscht. Wenn es um Minderheitenrechte wie den Aleviten geht, wurden diese einfach auf die klassische Weise „muslimisiert“ – weder ist das Alevitentum in den staatlichen Strukturen innerhalb des Diyanet vertreten, noch werden alevitische Schüler vom verpflichtenden Religionsunterricht freigestellt. Trotz des europäischen Urteils aus Straßburg. Denn, so argumentieren AKP-Politiker: Sie sind Muslime und alle Muslime gehen in die Moschee. Obwohl Aleviten Steuern zahlen, wird keiner ihrer Cem-Häuser vom türkischen Staat finanziell unterstützt – anders als die  90 000 Moscheen.

Nicht-AKP-Wähler sind in ihrer Mehrheit gläubige Muslime – ihre Trauerzeremonien finden auch in der Moschee statt, die ältere Generation fastet an Ramadan. Ich war selbst überrascht, als ein renommierter Kolumnist einer der größten Tageszeitungen der Türkei und energischer AKP-Kritiker mich und seinen Kollegen nach einer Pressekonferenz letztes Jahr zum Mittagessen eingeladen hat – und er selbst aber in hohem Alter fastete.

AKP-Gegner kritisieren AKPs Kurdenpolitik oder ihre „osmanische“ Außenpolitik, die sich vom klassischen türkischen Nationalismus unterscheidet. Aber – so habe ich das in vielen Gesprächen mit Künstlern, Studenten und Journalisten erlebt: Auch wenn ihre Mütter oder Großmütter ein Kopftuch tragen, möchten sie nicht, dass mit ihrem Glauben Politik gemacht wird. Vor allem: sie plädieren für eine aufgeklärte Kultur in einer mehrheitlich muslimischen Gesellschaft, keine islamische Kultur. Der Islam soll in der Politik keine Rolle spielen, im Alltag nur die eines Glaubens und nicht als ein absolutes Wertesystem, nach der sich die Politik und alle sozialen Normen und Werte richten sollen. Auch beim Thema Kopftuchverbot hat ein Umdenken stattgefunden – dass die CHP als „Volkspartei“ es nie geschafft hat, fromme Muslime zu erreichen, wird von ihren eigenen Wählern kritisiert. 

Wenn aber Erdogan in seinen Reden davon spricht, dass seine Wählerschaft dafür ausgelacht worden sei, dass sie ihre Schuhe ausziehen, wenn sie ihre Wohnung betreten – dann ist das ein Bild das politische Eliten zeichnen wollen, um die Gesellschaft zu spalten und Stimmen zu gewinnen. Aufgeklärte Muslime in den urbanen Gebieten seien also ungläubig, elitär, arrogant, Vaterlandsverräter, weil sie nach Europa blicken und schauen auf sie herab – auf jene, die in Dörfern, in Anatolien leben und über wenig Bildung oder Vermögen verfügen. Dieses Portrait wird der Realität nicht gerecht.

Es ist ein Kulturkampf gläubiger Muslime – es geht um die Frage, ob eine islamische oder aufgeklärte Kultur in der Türkei herrschen sollte. Daher ist dies auch ein Konflikt um die Frage nach der Identität der Türkei. Mehrheitlich muslimisch ist das Land sowieso. Es geht um die Frage, ob die nationale Identität sich islamisch verstehen soll – oder bürgerlich. Diese Identitätskrise begann mit dem Zerfall des Osmanischen Reiches und wurde mit der Gründung der heutigen Türkei nicht gelöst. Wer diesen Kampf gewinnen wird – bleibt offen. Zu hoffen ist, dass die türkische Demokratie nicht der Verlierer sein wird.

Foto: Ebru Tavli.

 

Angemessen gekleidet: Burqa, Niqab, Hijab.

Eine aktuelle Studie des Social Research Instituts der University of Michigan fragte die mehrheitlich muslimische Bevölkerung in Tunisien, Ägypten, Irak, Pakistan, Saudi-Arabien, Libanon und Türkei, welche Kleidungsform für Frauen in der Öffentlichkeit angemessen sei.

Im Durchschnitt wird die weiße Kopfbedeckung (Nr.4), die Haare und Ohren bedeckt, der Burqa, Niqab, Tschador und dem unkonventionellem Tragen sowie keiner Kopfbedeckung vorgezogen. Dass Frauen auch ohne jegliche Bedeckung in der Öffenklichkeit angemessen gekleidet seien, diese Auffassung teilen 32 % der Türken, 15 % der Bevölkerung in Tunesien und 49 % der Libanesen. Die Haltung, dass Frauen in der Lage sein sollten, selbst über ihre angemessene Kleidung zu entscheiden, besitzen 56 % der Tunesier, 52 % der Türken und 49 % der Libanesen.

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Kritische Stimmen werden in der Türkei unterdrückt und Europa schaut zu.

Morgen muss sich der berühmte Pianist Fazil Say vor Gericht rechtfertigen. Aufgrund seiner islamkritischen Äußerungen, die er auf dem Social Media-Kanal Twitter gepostet hat. Ihm drohen 18 Monate Haft, weil er seine Meinung gesagt hat.

 

Der weltweit renommierte Pianist Fazil Say retweetete den Satz „Du sagst, durch die Bäche wird Wein fließen, ist das Paradies etwa eine Schänke? Ich werde jedem Gläubigen zwei Jungfrauen geben, sagst du, ist das Paradies etwa ein Freudenhaus?”, der von Omar Khayyam, einemPoeten aus dem 11. Jahrhundert stammen soll. Allerdings kritisierte Say weiterhin auf Twitter: „Der Muezzin trägt seinen Gebetsruf zum Abendgebet in 22 Sekunden vorgetragen. Prestissimmo con fuco!!! Warum diese Eile? Eine Geliebte? Der Raki-Tisch?“.

Mit diesen Äußerungen habe laut Anklageschrift Say nicht nur „die religiösen Gefühle grundlos verletzt“, sondern diese würden auch „den öffentlichen Frieden stören“.

Türkische Intellektuelle und Künstler haben sich am 16.Oktober 2012 mit dem Aufruf des Nazim Hikmet Kulturzentrums im Beyoğlu Ses Tiyatrosu getroffen, um unter dem Titel „Unsere Stimme ist mit dir (türkisch: Sesizmiz seninledir“) ihre Solidarität mit Say zu zeigen. Auch deutsche Musiker stehen hinter Fazil Say und pochen auf das Recht auf Meinungsfreiheit, die in der Türkei erheblich mit Füßen getreten wird.

Seit der Übernahme der Regierung seitens der AKP (Gerechtigkeits-und Entwicklungspartei) wurden in der Türkei zahlreiche Journalisten und Offiziere angeklagt und zu langen Haftstrafen verurteilt. Auch die Nichtregierungsorganisation „Reporter ohne Grenzen“ kritisiert immer wieder, dass die Meinungs-und Pressefreiheit  in der Türkei erheblich eingeschränkt und verletzt wird. So wurde die Türkei im Jahr 2011 auf Platz 148 der weltweiten Rangliste des ROG  für Pressefreiheit gesetzt.

So hält sich die türkische Justiz nicht an EU-Konventionen, welche die Einschränkung der Meinungsfreiheit nur in Ausnahmfällen geschehen. Einen interessanten Artikel dazu gibt es übrigens hier.

Während der türkische Ministerpräsident Erdogan in Deutschland öffentlich deutschen Einwohnern erklärt, dass Assimilation ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei, scheuen sich europäische und in erster Linie deutsche Politiker, klare Worte für den Schutz und die Garantie von Menschenrechte an die momentane türkische Regierung zu senden.

Fazil Say kann selbst nicht glauben, wieso sein Heimatland ihn anklagt, so Say: “I spent my musical life trying to understand the culture, history and spirit of this country,” My compositions are being played around the world by many musicians, reaching all kinds of people. Taking that into account, I wouldn’t be entirely wrong if I say I contributed to the global recognition of Anatolian culture.”

Er habe nicht die Absicht, Menschen zu verletzen, sondern nur von seinem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht: „I always respected freedom of thought and speech. This is a right for everyone. My expectation is that individuals and institutions pay some attention to my music before they judge me to understand how I feel about the values of my society.”

 

Weshalb ich keine Islamkritikerin bin

Ich habe mich öffentlich als Islamkritikerin bezeichnet, weil ich auf die Probleme vieler muslimischen Mitbürger bei der Integration in unsere moderne Gesellschaft aufmerksam machen wollte. Um aber den Islam kritisieren zu können, müsste ich mich theologisch und damit wissenschaftlich mit dem Islam als Religion auseinandersetzen und dabei auch Vergleiche zu den anderen zwei großen Weltreligionen wie das Christen- und Judentum ziehen können. Allein der Koran als Grundlage für Interpretationen über den Islam reichen allerdings nicht aus, denn den Koran zu verstehen und zu interpretieren erfordert eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit historischen und kulturellen Aspekten des Islams und auch seinen vielen Varianten in seiner Praxis.

Den öffentlichen Fokus auf den Islam als Ursache der Integrationsprobleme zu legen, erschwert die Aufklärungsarbeit, die ich eigentlich leisten möchte: Denn ich möchte dennoch darauf aufmerksam machen, dass innerhalb der muslimischen Community in Deutschland jegliche Kritik an den Islam und somit auch an den Koran nicht erwünscht ist und dass das die eigentliche Gefahr ausmacht. Continue reading „Weshalb ich keine Islamkritikerin bin“

Reden wir Klartext

 

 

 

 

Die Debatte über die Probleme der orientalisch geprägten Menschen  in Deutschland muss geführt werden. Dies ist auch mein Anliegen. Allerdings laufen sowohl in der Islam-als auch in der Integrationsdebatte einige Dinge schief.

So werden in der öffentlichen Debatte nicht über diejenigen Menschen mit Migrationshintergrund gesprochen, die ich oder Sie kennenlernen. Sondern es werden Stereotypen geschaffen und glückliche sowie unglückliche Einzelfälle dargestellt.

Somit werden Muster geschaffen.

Muster, die uns allen dabei helfen sollen, fremde Menschen, ob urdeutsch oder mit algerischen Wurzeln, wieder in andere Muster einzuordnen. Eine wirkliche Auseinandersetzung von der urdeutschen Seite mit der „normalen Kultur“ der Migranten fehlt also.

Genauso wie auch Migranten, vor allem der islamisch geprägten bzw. orientalischen Migranten größtenteils nicht bereit sind, sich mit ihren eigenen Problemen auseinandersetzen zu wollen. Dies führt dazu, dass nur die Urdeutschen stets von Ehrenmorden, Zwangsheirat und Gewalt sprechen.

Dabei sollte das doch „unsere“ Aufgabe sein, die wir gemeinsam mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft lösen sollten.

Eigentlich darf nicht mehr von „Integration“ gesprochen werden, und dies erst recht nicht bei Menschen mit Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren sind. Weshalb muss ich mich in die deutsche Gesellschaft integrieren, mein Kommilitone Christian aber nicht? Weil meine Eltern aus einem anderen Land stammen oder weil ich mit einer zweiten Kultur aufgewachsen bin? Zu behaupten, ich sei gut integriert, ist also schwachsinnig. Deutschland ist meine Heimat wie auch vielen Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Auch wenn es ihnen teilweise schwer fällt, dies zuzugeben. Das geschieht meistens aus Angst, ein Teil von sich selbst aufzugeben. Dabei geht es selbstverständlich um die positiven Aspekten der orientalischen Kultur. Die aber niemand so wirklich kennt. Oft aber auch aus einem verstörten Verständnis von Heimatliebe und Nationalismus. Dieser existiert nämlich größtenteils für ihre Herkunft, so kennen sie oft keine gesunde Liebe zu dem Land, in dem sie leben.

Selbstverständlich ist es wichtig, dass Menschen aus einer anderen Kultur, mit einer anderen Religion und Sprache, sich der deutschen Sprache annehmen, um aus der Kultur der Deutschen lernen zu können. Damit sie sich auch mit der deutschen Mentalität auseinandersetzen und vor allem um mit allen in Deutschland lebenden Menschen kommunizieren zu können.

Dies setzt allerdings auch voraus, dass man bereit ist, mit seinem türkischen Nachbarn zu sprechen. Dass man überhaupt bereit ist, mit seinem Nachbarn zu sprechen. Als Urdeutscher auch mit dem Urdeutschen. Denn in Deutschland wird kein gr0ßer Wert auf Nachbarschaft gelegt.

Als Enkelkind türkischer Gastarbeiter schätze ich die deutsche Kultur und Mentalität und sage ganz offen, was mich an der türkischen Kultur und Mentalität stört. Das machen übrigens viele „Türken“. Allerdings sollten wir auch offen über die negativen Aspekte der deutschen Kultur sprechen. Denn das machen noch weitaus mehr „Türken“.

So existieren sehr viele orientalische Mentalitäten, die mich stören. Glauben Sie mir, viele  „Deutsch-Türken/Kurden/Zazas“ regen sich darüber auf, dass die „Türken“ es lieben, sich einfach in die Angelegenheit des anderen einzumischen. Ein Freund unserer Familie sagte letztens „Geht dein Auto in der Türkei auf der Straße kaputt, stehen schon zwanzig Kfz-Meister um dich und dein Auto herum.“  Und ich kann Ihnen versichern, dass das sehr nervig sein kann. Vor allem gefährlich, wenn sich wildfremde Menschen auf der Straße in Ostanatolien oder in Istanbul während des islamischen Fastenmonats einmischen, wenn man seinen Hunger oder Durst öffentlich stillen möchte. Denn oft können sie sehr schnell aggressiv werden. Da fehlt uns deutschen Türken oder türkischen Deutschen das typisch deutsche Schlagwort  „Distanz“.  Erst recht vor dem Bankautomaten.

Wieso ich so viele belanglose Beispiele aufzähle? Weil jeder, der sich für die Probleme der Migranten und Muslime in Deutschland interessiert und darüber diskutiert, sich auch für die Kultur und Mentalität der Türken, der Araber, der Muslimen und Christen aus orientalischen Gesellschaften interessieren sollte. Dazu gehört auch, aber nicht nur ihre Subkultur in Deutschland.

Oft wird eingeräumt, dass viele Fehler bei der Anwerbung von Gastarbeitern gemacht wurde. Einer davon war, unqualifzierte und ungebildete Türken aus Anatolien angeworben zu haben. Zu ihnen zählt auch mein Großvater. Wäre dieser „Fehler“ nicht begangen worden, wäre ich also niemals hier. Und mit „hier“ meine ich meine Heimat. Ich würde nicht in dieser Sprache schreiben, lesen, nicht denken. Diese Vorstellung ist nicht schön. Genausowenig, wenn ich zufällig in Deutschland in eine deutsche Familie reingeboren wäre. Dann würde mir das anatolisch-türkisch-zazaisch-alevitisch-armenisch-sunnitische fehlen. Denn dies sind religiös-kulturelle Einflüsse, die ich als „Islamkritikerin“ erleben durfte. Zu ihnen gehören sowohl positive, als auch negative. Zu einer „Moslemhasserin“ bin ich wohl in den Augen einiger Radikaler mutiert, weil ich es vorgezogen habe, über die negativen Aspekte zu sprechen.

Wissen Sie, die Geschichte der Migranten in Deutschland sind individuelle Geschichten. Selbstverständlich gibt es Probleme, die einem Kollektiv zugeordnet werden können. Letzlich sind „Muslime“, „Türken“ und „Araber“ individueller in der Gestaltung ihres Lebens in Deutschland, als wir zu glauben meinten. Dies gilt auch für mich.

So existiert in Deutschland keine reale Debatte über die Probleme der muslimischen Bewohner in einer christlich geprägten, säkularen Gesellschaft. Auch gibt es keine wirkliche Diskussion über die Eingliederung von Migranten, ihren Kindern und Enkelkindern in die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Weil es zuviele gibt, die noch schweigen. Vor allem die Migranten und die mit Migrationshintergrund über ihre eigene Probleme. Und mein Anliegen ist, dies zu ändern. Um letzendlich Lösungen zu finden.

Denn glauben Sie, wenn man seinen Platz in der deutschen Gesellschaft erstmal gefunden hat, dann ist man als türkisch-zazaische Deutsche sehr glücklich darüber, dass in Deutschland die Abstände der Treppenstufen exakt gleich sind. In der Türkei stolpert man nämlich ständig.

 

Offener Brief an Thilo Sarrazin

 Sehr geehrter Herr Sarrazin,

bestürzt habe ich als Bürger/in mit alevitischen Wurzeln erfahren, dass das Cem-Haus „Kulturzentrum anatolischer Aleviten e.V.“ in Berlin-Kreuzberg Sie im Rahmen ihrer Dreharbeiten mit dem „Aspekte“-Team vom ZDF mit den Worten „Hau ab!“ ausgepfiffen und Sie nicht in das Gemeindehaus eingelassen hat.
Ob ich nun Ihre Thesen aus ihrem Buch teile oder mich von ihnen diskriminiert und herabwürdigt fühle, ist hier zunächst belanglos. Die Personen, die im Namen der Alevitischen Gemeinde Berlin und diejenigen, die „Hau ab!“ rufen, haben sich Ihnen gegenüber falsch und aus der Sicht der friedliebenden Aleviten nicht freundlich verhalten. Diese Form des Protests ist aus unserer Sicht unmenschlich und wird als solches nicht hingenommen.
Die Alevitische Lehre erzieht ihre Anhänger zu Liebe gegenüber Mensch und Natur, Humanismus und Toleranz auf. Es ist das autonome Recht der Alevitischen Gemeinde in Berlin, wenn sie Sie in ihren Räumen nicht haben wollen, obwohl auch dies nicht dem Alevitischen Glauben eigen ist. Das gibt ihnen allerdings kein Recht, ihren Argumenten beleidigende Worte hinzuzufügen.

Wir befürchten, dass durch diese emotionale Reaktion auf Ihre Person und Ihre wissenschaftlichen Thesen über Muslime und ihre Integration in Deutschland, die Alevitische Bevölkerung in Deutschland in ein falsches Licht gerückt wird.

Daher möchten wir uns hiermit öffentlich von dem Verhalten unserer Glaubensgenossen distanzieren. Die beleidigenden Worte an Sie tun uns leid. Wir bitten Sie, den Dialog mit den in Deutschland lebenden Migranten nicht aufzugeben. Nur mit Gesprächen im Dialog und gegenseitigen Argumenten können wir unsere Probleme in Deutschland lösen. Solche inhaltlosen Parolen bringen uns nicht weiter und werden dem Alevitentum und ihren Anhängern nicht gerecht.

Humanistische Grüße,
Eser Polat (Rechtsvorstand der Alevitischen Gemeinde Deutschlands und Mitglied des Bayerischen FDP Landesvorstandes)
Sait Icboyun (Vorsitzender des Fachforum Migration der SPD Augsburg und Vorstand der Alevitischen Hochschulgemeinde Augsburg)
Engin Sanli (Vorsitzender der Alevitischen Hochschulgemeinde Augsburg e.V,)
Ali Yildiz (Sprecher des Christlich-Alevitischen Freundeskreises der CDU)
Cigdem Toprak
Tayfun Gücer
Kemal Abuska

Manolya Yalcin
Fatma Dündar
Derya Bas
Can Sener
Gonca Sener

Sengül Öktem
Aysin Soydan
Deniz Turhan
Diren Erdogan
Yasemin Karakas
Salman Niwrad

Was ist mit unserer Religionsfreiheit?

In Deutschland melden sich immer mehr Muslime in der öffentlichen Debatte zur Wort, und behaupten, sie selbst und ihre Religion werde diskriminiert. Eine von ihnen gab im Fernsehen zu, sich kurz nach der Veröffentlichung des Buches „Deutschland schafft sich ab“ nicht mehr auf die Straße zu trauen. Die selbsternannten Repräsentanten der Muslime, also Journalisten, Wissenschaftler und Verbandsvertreter sind der Meinung, dass die islamische Gemeinschaft in Deutschland nicht ihre Religion ausleben können, man würde ihnen ihre demokratischen Rechte beschneiden. So zeigen viele Deutsche kein Verständnis gegenüber muslimischen Frauen, wenn sie sich für das Tragen eines Kopftuches entscheiden. Auch sie werden diskriminiert. Auch ihre Menschenrechte seien in Gefahr. Es herrsche Panik in unserer Gesellschaft, eine unbegründete Angst vor dem Islam. Die westlichen Gesellschaften würden jeden Moslem als Terroristen verdächtigen. Muslime seien heute in einer ähnlichen Situation wie die Juden damals im Dritten Reich. Islamophobie sei der neue Antisemitismus in Deutschland.

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Frankfurter Vogel-Kundgebung: Der weibliche Islamismus

In Frankfurt fand gestern die Kundgebung des Islamisten Pierre Vogel und seinen Anhängern unter dem Titel „“Islam – die missverstandene Religion“ statt. Tausende junge Muslime haben sich auf dem Frankfurter Roßmarkt, vor dem Commerzbank- Gebäude, versammelt. Manche nur aus Neugier, andere als Unterstützung für den konvertierten deutschen Muslim Pierre Vogel. Auch junge Frauen, die gegen das islamistische und menschenfeindliche Verständnis Vogels protestierten, sind gekommen, um den großen Andrang der jungen deutschen Muslime zu beobachten.

Junge Alevitinnen auf der Frankfurter Kundgebung gegen die Scharia 

Junge Alevitinnen auf der Frankfurter Kundgebung gegen die Scharia Continue reading „Frankfurter Vogel-Kundgebung: Der weibliche Islamismus“