Kategorie-Archiv: Integration

Die Islamdebatte und unser Selbstmord als liberale Gesellschaft

Erneut ist wieder die Diskussion darüber entfacht, ob der Islam zu Deutschland gehört. So widersprach Volker Kauder von der CDU dem ehemaligen Bundespräsidenten Wulff, dass der Islam ein Teil Deutschlands sei. Dass diese Aussagen keinerlei Rolle spielen, weil sie keinen wirklichen Beitrag zur Integrationsdebatte und der Islamdebatte leisten, sollte uns bewusst werden. Weiterlesen

Betreuungsgeld und Migrantenkinder

Im Kindergarten habe ich die deutsche Sprache erlernt, ich durfte die deutsche Kultur spielend kennenlernen und es war der Ort, an dem ich meine ersten Berührungen mit dem Christentum hatte.
Ich habe mich dort zugehörig gefühlt.
Meine Eltern konnten es kaum erwarten, mich in den Kindergarten zu schicken, weil sie es sehr wichtig für meine Entwicklung hielten. Sie machten sich Sorgen, dass ich zwar bereits Türkisch sprach, aber der deutschen Sprache sollte ich auch so früh wie möglich mächtig werden. Weiterlesen

Weshalb ich es vorgezogen habe, zu schweigen.

Als im November vergangenen Jahres die wahren Hintergründe der Nazimorde aufgedeckt wurden, befand ich mich nicht in Deutschland.

Ich absolvierte zu dem Zeitpunkt ein Auslandssemester in Istanbul und versuchte mich in der Türkei einzuleben, die Geschichte, Politik, Sprache und Kultur sowie die Menschen kennenzulernen. Natürlich verfolgte ich weiterhin die deutschen Medien, um zu wissen, was in meiner deutschen Heimat vor sich ging.

Ich habe vorgezogen, öffentlich über die Geschehnisse zu schweigen. Weil ich überfordert war. Weiterlesen

Weshalb ich keine Islamkritikerin bin

Ich habe mich öffentlich als Islamkritikerin bezeichnet, weil ich auf die Probleme vieler muslimischen Mitbürger bei der Integration in unsere moderne Gesellschaft aufmerksam machen wollte. Um aber den Islam kritisieren zu können, müsste ich mich theologisch und damit wissenschaftlich mit dem Islam als Religion auseinandersetzen und dabei auch Vergleiche zu den anderen zwei großen Weltreligionen wie das Christen- und Judentum ziehen können. Allein der Koran als Grundlage für Interpretationen über den Islam reichen allerdings nicht aus, denn den Koran zu verstehen und zu interpretieren erfordert eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit historischen und kulturellen Aspekten des Islams und auch seinen vielen Varianten in seiner Praxis.

Den öffentlichen Fokus auf den Islam als Ursache der Integrationsprobleme zu legen, erschwert die Aufklärungsarbeit, die ich eigentlich leisten möchte: Denn ich möchte dennoch darauf aufmerksam machen, dass innerhalb der muslimischen Community in Deutschland jegliche Kritik an den Islam und somit auch an den Koran nicht erwünscht ist und dass das die eigentliche Gefahr ausmacht. Weiterlesen

Wofür ich Deutschland dankbar bin

erschienen in: Die Welt am Sonntag am 6.November 2011

 

Ihr Großvater kam in den 60ern nach Deutschland. Die Enkelin absolviert nun ein Gastsemester in Istanbul. Und sagt: Das türkische Bildungssystem hemmt den kritischen Geist.

Bei der Frage, wofür ich Deutschland dankbar sein könnte, habe ich vor einem halben Jahr noch den Kopf geschüttelt. Ich war nämlich fest davon überzeugt, dass ich alles Gute, was ich bisher erreicht habe, mir selbst verdient hätte.

Seit ich aber in Istanbul studiere, fallen mir tagtäglich Gründe ein, weshalb ich meiner deutschen Heimat dankbar sein sollte. Weiterlesen

Integration: Es sind Menschen.

Die Debatte über die Eingliederung von Migranten und ihren Nachfahren in die deutsche Gesellschaft wird in der Öffentlichkeit nicht realistisch wiedergegeben. Auf der einen Seite enstehen Modelle eines typischen “Türken”, auf der anderen Seite werden die wirklichen Probleme der Migranten einfach unter den Teppich gekehrt.

In der deutschen Integrationsdebatten existieren viele Stereotypen. Es sind verallgemeinernde Vorstellungen von “Türken”, “Muslimen”, “Problemen” und “gelungener Integration”. Es scheint, als ob man von Einzelfällen ausgeht, und dies auf eine gesamte Gruppe schließt. Es existieren sowohl positive als auch negative Stereotypen in der deutschen Medienlandschaft. Erfolgreich integrierte Migranten sowie Problemfälle. So fehlt es an einer Differenzierung und dem Anspruch, Migranten zunächst als Individuuen zu betrachten.
Diesen Anspruch sollte jeder besitzen. Auch ich. Wenn ich ein Mädchen mit Kopftuch sehe, denke ich automatisch daran, dass sie gezwungen wird, das Kopftuch zu tragen- oder ich gehe davon aus, dass sie intolerant gegenüber “offenen” Frauen ist. Dabei kann sie sich zu dem Kopftuch entschieden haben und auch meine Lebenseinstellung respektieren.
Meine Meinung zum islamischen und dogmatischen Kopftuch bleibt dabei unberührt. Denn meine Kritik richtet sich zunächst an das soziale Problem, unter dem sehr viele muslimische Frauen leiden. Auch wenn sie das anders sehen.
Dennoch: dem Denken in Mustern, Modellen und bestimmten Schemata verfalle auch ich. Und das, obwohl ich mehr Kontakt zu unterschiedlichen Migranten habe, als wahrscheinlich der durchschnittliche urdeutsche Bürger in Deutschland.

Dies ist allerdings das eine Problem der deutschen Integrationsdebatte.

Man kann nicht verleugnen, dass bestimmte Probleme eine große Anzahl einer bestimmten Gruppe treffen.
Und darüber muss gesprochen werden. Meine Kritik richtet sich an diejenigen, die zwar in der öffentlichen Debatte versuchen, Stereotypen zu durchbrechen, diese aber einfach nur durch neue Stereotypen ersetzen. Sie stellen gut integrierte Migranten als ein alternatives Modell dar. Statt über die sozialen Probleme, die wir mit dem Islam, den Migranten aus unterschiedlichen Ländern und Regionen und mit orientalischen Traditionen haben, öffentlich zu sprechen, wird in den Medien auch versucht, ein positives Bild über Migranten der Öffentlichkeit zu vermitteln.

In den Medien benötigen wir allerdings ein realistisches Bild. Und zu der Realität gehört eben dazu, dass viele Migranten die deutsche Sprache nicht beherrschen, sich zudem weigern, der Modernität in Deutschland anzupassen.
Viele Migranten und ihre Stellvertreter in Verbänden, Medien und in der Politik tendieren dazu, in die Position der Selbstverteidigung zu treten. Dabei sollten gerade die Migranten, insbesondere die islamisch geprägten Migranten über Zwang in Glaubensfragen sprechen. Orientalische Migranten sollten öffentlich Ehrenmorde anprangern. Migranten sollte öffentlich fordern, dass das Beherrschen der deutschen Sprache für das Leben und Zusammenleben in Deutschland notwendig ist.

Wenn gerade die orientialischen Migranten die Probleme, die sie selbst betreffen, in der deutschen Öffentlichkeit ansprechen und eine kritische Debatte innerhalb der Communities entsteht, dann können wir rechtspopulistische Tendenzen in Deutschland eindämmen. Dann können wir Diskriminierung bekämpfen, die nicht durch Vorurteile, aber eben durch solche Stereotypen entstehen. Vor 20 Jahren wurden meine Eltern in unserer urdeutschen Nachbarschaft nicht willkommen gehießen. Weil Türken ihnen fremd waren. Sie wussten damals nichts über sie, nur die schwarzen Haare und die komische laute Sprache erschreckten sie. Heute lesen meine Nachbarn über Türken. Meistens ist es Negatives. Aber heute haben sie auch die Chance, mit meinen Eltern zu kommunizieren. Wenn sie möchten, können sie ihre türkischen Nachbarn kennenlernen. Und sie würden feststellen, dass jedes Familienmitglied eine andere Einstellung zu Gott hat. Dass ihre türkischen Nachbarn ursprünglich eine andere Muttersprache als Türkisch sprechen. Dass diese Türken Alkohol trinken. Dass sie die deutsche Kultur und Sitten respektieren, aber jedes Familienmitglied individuell für sich entschieden hat, inwieweit es die deutsche Kultur für sich annimmt. Unsere Nachbarn würden erkennen, dass zwar gewisse patriarchische Strukturen existieren und anatolische Traditionen gelebt werden, aber nur insofern alle Individuuen damit einverstanden sind.

Wenn urdeutsche Bürger sich für ihre Migranten interessieren, dann sollte sie versuchen, zunächst nur das Individuum zu sehen und sich nicht das Kollektiv ins Gedächtnis rufen, von dem in Zeitungen und im Fernsehen gesprochen wird.

Meine türkische Freundin war an Krebs erkrankt. Sie hatte ihre Haare verloren und fing an ein Tuch zu tragen, um ihre Glatze zu verdecken. Ihre urdeutschen Nachbarn fragen ihre Eltern, ob sie nun ab jetzt ein Kopftuch trägt. Sie haben sonst nichts in Erwägung gezogen. Sie haben nicht ihre müden Augen gesehen, nicht ihre fahle Haut entdeckt. Sie haben nicht bemerkt, dass das Mädchen alle vierzehn Tage ins Krankenhaus gefahren wurde, nur in Jogginghosen rumläuft und plötzlich – wieder offene lange Haare, eine Perücke, trägt. Das war das einzige, was sie gefragt haben. Sonst wollten sie nichts wissen.

Dabei gibt es noch so viel zu berichten.

Sie reden wieder über mich.

 

Weit weg von Deutschland, dauert es keinen Monat, bis ich anfange, Deutschland zu vermissen. Was ja eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist, schließlich ist Deutschland mein Zuhause.

Die Bodenständigkeit, das kritische Hinterfragen, die zwischenmenschliche Distanz, das Brot, den Frischkäse, die Ordnung, die Disziplin, Sicherheit und natürlich meinen monoton-deutschen Alltag.

Was ich überhaupt nicht vermisst habe? Die öffentliche Debatte über mich.

Damit meine ich die öffentliche Debatte über die in Deutschland lebende Menschen mit Migrationshintergrund und Migranten.

 

Gerade wenn ich in der Fremde beginne, Deutschland zu vermissen, meine Heimat zu lieben und zu schätzen, fällt mir die Integrationsdebatte ein.

In diesen Momenten genieße ich es, in der Fremde, also in der Türkei, als Deutsche glücklich zu sein. Es macht nämlich großen Spaß zu nörgeln, sich zu beschweren, sich auf Deutsch zu unterhalten, weil es niemand versteht, zu wissen, dass in Deutschland alles ordentlich und besser läuft. Vor allem damit anzugeben. Wir jungen „Deutsch-Türken“ versuchen nämlich dem türkischen Mitarbeiter auf einem daily boat trip zu erklären, dass man nicht über eine dreckige Fliesenplatte Silikon befestigen darf, weil man ansonsten dreckige Silikonstreifen im Bad und in der Küche hat. Von den unterschiedlichen Abständen der Treppenstufen möchten wir gar nicht erst anfangen. Prompt werden wir gefragt, ob wir im Bauwesen tätig sind.

 

Man gab mir viele Namen. Das tat ich selbst übrigens auch. Ausländer, Fremde, Migrant, Deutsche mit Migrationshintergrund, Türkin, Deutsch-Türkin, Ende der 90er Kurdin, Muslimin und Alevitin.

Es sind Begriffe, hinter denen sich Definitionen verbergen. Durch sie können Statistiken erhoben, Schlussfolgerungen gezogen und Artikel geschrieben werden.

Aber eigentlich bin und war ich auch: Schülerin, Studentin, Aushilfskraft, Assistentin, Praktikantin, Versicherungsnehmerin, Mandantin, Patientin, Arbeitskollegin, Nachbarin, Tochter, Schwester, Cousin, Nichte, Freundin und Kommilitonin.

Ich weiß. Die Debatte über „Integration“ wird auch deshalb geführt, weil es Menschen gibt, die meine Kultur teilen, mehr oder weniger meiner Religion angehören, meine Haarfarbe haben und meine zweite Muttersprache sprechen. Diese Menschen sind Kriminelle, Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose, ohne Schulabschluss, Intolerante und Gewalttätige, religiöse Fundamentalisten und unkritische Bürger. Sie sind gewalttätig, beherrschen nicht die deutsche Sprache, entziehen sich der Mehrheitsgesellschaft, lehnen demokratische Prinzipien ab und weigern sich, ihren Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, der sie angehören und in der sie leben.

Als Studentin, Tochter und Patientin kann ich gehört werden. Ich kann mich bemerkbar machen.

Aber als Mensch mit Migrationshintergrund habe auch ich, so wie viele andere, mehr zu bieten, als nur Probleme.

Es gibt Migranten, die eine zweite oder dritte Muttersprache beherrschen. Sie sorgen sich nicht nur um die politischen und sozialen Probleme in Deutschland, sondern verfolgen wirtschaftliche und politische Entwicklungen auch in dem Land, aus dem sie selbst, ihre Eltern oder Großeltern stammen. Die orientalische Volkstänze tanzen und nicht-europäische Instrumente spielen. Es sind Menschen, die sehr gerne Gäste empfangen. Menschen, die gerne teilen. Die gerne deutschen Omas beim Tragen der Einkaufstüten helfen. Die sehr gerne mit Menschen kommunizieren und auch einen Fremden zum Trost in den Arm nehmen würden. Migranten, deren Großmütter noch auf dem Acker gearbeitet und Analphabeten waren. Sie selbst aber an deutschen Universitäten studieren. Es sind Menschen, die in Deutschland lernen durften, was Ordnung, Disziplin und Sparsamkeit bedeutet. Die in Deutschland Gedichte interpretieren und das kritische Hinterfragen erlernen. Es sind Menschen, die in Deutschland Schutz und Arbeit, Sicherheit und Stabilität gefunden haben.

Es leben in Deutschland Menschen mit Migrationshintergrund, die sich in Deutschland über jedes Thema tabulos unterhalten dürfen und können. Und das sehr schätzen. Menschen, die glücklich sind, in einem Land zu leben, das seine Bürger achtet und schützt. Die gerne deutsche Staatsbürger geworden sind. Die das Glück haben, sich beiden Kulturen bedienen zu können und somit im Idealfall nur das Beste aus jeder schöpfen.

Umso mehr sollten sich gerade diese über jene ärgern, die nicht die Chancen nutzen, die ihnen Deutschland bietet.

Jene, die nicht dankbar dafür sind, dass sie die Möglichkeit haben, diese Gesellschaft mitzugestalten. Und natürlich jene, die diese Möglichkeiten für ihre eigenen Zwecke missbrauchen. Solche, die ständig beleidigt sind und Probleme unter dem Teppich kehren statt darüber offen zu sprechen. Es leben in Deutschland zu viele Menschen, die ihre Religion und Kultur als Vorwand für ihre kriminellen Taten, für ihre Doppelmoral und ihre Gewalt benutzen. Jene, die nicht kritisch mit ihrer Religion und Kultur, ihrer Mentalität umgehen können.

Was in dieser Debatte fehlt? Nun, dass sich verstärkt Migranten zu Wort melden. Aber nicht, um über ihre großartigen Leistungen und Erfolge zu sprechen. Sondern um die Probleme selbst zu benennen.

Was in der deutschen Mehrheitsgesellschaft fehlt? Aufrichtiges Interesse für ihre Migranten.

Nein, es fährt in der Türkei nicht jeder einen 3er BMW. Und ja, man kann nur vergeblich nach einem Döner mit Knoblauchsoße in der Türkei suchen, den es in Deutschland an jeder verdammten Ecke gibt.

Den ich ganz besonders vermisse.

 

photo by A.Toprak

 

Reden wir Klartext

 

 

 

 

Die Debatte über die Probleme der orientalisch geprägten Menschen  in Deutschland muss geführt werden. Dies ist auch mein Anliegen. Allerdings laufen sowohl in der Islam-als auch in der Integrationsdebatte einige Dinge schief.

So werden in der öffentlichen Debatte nicht über diejenigen Menschen mit Migrationshintergrund gesprochen, die ich oder Sie kennenlernen. Sondern es werden Stereotypen geschaffen und glückliche sowie unglückliche Einzelfälle dargestellt.

Somit werden Muster geschaffen.

Muster, die uns allen dabei helfen sollen, fremde Menschen, ob urdeutsch oder mit algerischen Wurzeln, wieder in andere Muster einzuordnen. Eine wirkliche Auseinandersetzung von der urdeutschen Seite mit der “normalen Kultur” der Migranten fehlt also.

Genauso wie auch Migranten, vor allem der islamisch geprägten bzw. orientalischen Migranten größtenteils nicht bereit sind, sich mit ihren eigenen Problemen auseinandersetzen zu wollen. Dies führt dazu, dass nur die Urdeutschen stets von Ehrenmorden, Zwangsheirat und Gewalt sprechen.

Dabei sollte das doch “unsere” Aufgabe sein, die wir gemeinsam mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft lösen sollten.

Eigentlich darf nicht mehr von “Integration” gesprochen werden, und dies erst recht nicht bei Menschen mit Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren sind. Weshalb muss ich mich in die deutsche Gesellschaft integrieren, mein Kommilitone Christian aber nicht? Weil meine Eltern aus einem anderen Land stammen oder weil ich mit einer zweiten Kultur aufgewachsen bin? Zu behaupten, ich sei gut integriert, ist also schwachsinnig. Deutschland ist meine Heimat wie auch vielen Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Auch wenn es ihnen teilweise schwer fällt, dies zuzugeben. Das geschieht meistens aus Angst, ein Teil von sich selbst aufzugeben. Dabei geht es selbstverständlich um die positiven Aspekten der orientalischen Kultur. Die aber niemand so wirklich kennt. Oft aber auch aus einem verstörten Verständnis von Heimatliebe und Nationalismus. Dieser existiert nämlich größtenteils für ihre Herkunft, so kennen sie oft keine gesunde Liebe zu dem Land, in dem sie leben.

Selbstverständlich ist es wichtig, dass Menschen aus einer anderen Kultur, mit einer anderen Religion und Sprache, sich der deutschen Sprache annehmen, um aus der Kultur der Deutschen lernen zu können. Damit sie sich auch mit der deutschen Mentalität auseinandersetzen und vor allem um mit allen in Deutschland lebenden Menschen kommunizieren zu können.

Dies setzt allerdings auch voraus, dass man bereit ist, mit seinem türkischen Nachbarn zu sprechen. Dass man überhaupt bereit ist, mit seinem Nachbarn zu sprechen. Als Urdeutscher auch mit dem Urdeutschen. Denn in Deutschland wird kein gr0ßer Wert auf Nachbarschaft gelegt.

Als Enkelkind türkischer Gastarbeiter schätze ich die deutsche Kultur und Mentalität und sage ganz offen, was mich an der türkischen Kultur und Mentalität stört. Das machen übrigens viele “Türken”. Allerdings sollten wir auch offen über die negativen Aspekte der deutschen Kultur sprechen. Denn das machen noch weitaus mehr “Türken”.

So existieren sehr viele orientalische Mentalitäten, die mich stören. Glauben Sie mir, viele  “Deutsch-Türken/Kurden/Zazas” regen sich darüber auf, dass die “Türken” es lieben, sich einfach in die Angelegenheit des anderen einzumischen. Ein Freund unserer Familie sagte letztens “Geht dein Auto in der Türkei auf der Straße kaputt, stehen schon zwanzig Kfz-Meister um dich und dein Auto herum.”  Und ich kann Ihnen versichern, dass das sehr nervig sein kann. Vor allem gefährlich, wenn sich wildfremde Menschen auf der Straße in Ostanatolien oder in Istanbul während des islamischen Fastenmonats einmischen, wenn man seinen Hunger oder Durst öffentlich stillen möchte. Denn oft können sie sehr schnell aggressiv werden. Da fehlt uns deutschen Türken oder türkischen Deutschen das typisch deutsche Schlagwort  “Distanz”.  Erst recht vor dem Bankautomaten.

Wieso ich so viele belanglose Beispiele aufzähle? Weil jeder, der sich für die Probleme der Migranten und Muslime in Deutschland interessiert und darüber diskutiert, sich auch für die Kultur und Mentalität der Türken, der Araber, der Muslimen und Christen aus orientalischen Gesellschaften interessieren sollte. Dazu gehört auch, aber nicht nur ihre Subkultur in Deutschland.

Oft wird eingeräumt, dass viele Fehler bei der Anwerbung von Gastarbeitern gemacht wurde. Einer davon war, unqualifzierte und ungebildete Türken aus Anatolien angeworben zu haben. Zu ihnen zählt auch mein Großvater. Wäre dieser “Fehler” nicht begangen worden, wäre ich also niemals hier. Und mit “hier” meine ich meine Heimat. Ich würde nicht in dieser Sprache schreiben, lesen, nicht denken. Diese Vorstellung ist nicht schön. Genausowenig, wenn ich zufällig in Deutschland in eine deutsche Familie reingeboren wäre. Dann würde mir das anatolisch-türkisch-zazaisch-alevitisch-armenisch-sunnitische fehlen. Denn dies sind religiös-kulturelle Einflüsse, die ich als “Islamkritikerin” erleben durfte. Zu ihnen gehören sowohl positive, als auch negative. Zu einer “Moslemhasserin” bin ich wohl in den Augen einiger Radikaler mutiert, weil ich es vorgezogen habe, über die negativen Aspekte zu sprechen.

Wissen Sie, die Geschichte der Migranten in Deutschland sind individuelle Geschichten. Selbstverständlich gibt es Probleme, die einem Kollektiv zugeordnet werden können. Letzlich sind “Muslime”, “Türken” und “Araber” individueller in der Gestaltung ihres Lebens in Deutschland, als wir zu glauben meinten. Dies gilt auch für mich.

So existiert in Deutschland keine reale Debatte über die Probleme der muslimischen Bewohner in einer christlich geprägten, säkularen Gesellschaft. Auch gibt es keine wirkliche Diskussion über die Eingliederung von Migranten, ihren Kindern und Enkelkindern in die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Weil es zuviele gibt, die noch schweigen. Vor allem die Migranten und die mit Migrationshintergrund über ihre eigene Probleme. Und mein Anliegen ist, dies zu ändern. Um letzendlich Lösungen zu finden.

Denn glauben Sie, wenn man seinen Platz in der deutschen Gesellschaft erstmal gefunden hat, dann ist man als türkisch-zazaische Deutsche sehr glücklich darüber, dass in Deutschland die Abstände der Treppenstufen exakt gleich sind. In der Türkei stolpert man nämlich ständig.