Kann man um ein Land trauern?

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Man kann. Mit jeder Nachricht. Um seinen Frieden, um seine Freiheit, um seine Demokratie. Und dieser Schmerz, wenn deine Wurzeln dort liegen, wenn Freunde dort leben, wenn Familie dort wartet, wird täglich schwerer. Mit jeder Nachricht. Und reißt dir ein Stück deiner Hoffnung weg, bringt Dunkelheit in deine Sehnsucht, bohrt deinen Schmerz tiefer. Macht dich ohnmächtig und lässt dich nicht los.  Und er bohrt sich in dein Herz hinein, und findet dort seinen Platz, um daran zu erinnern – nicht nur an den Schmerz, an den Verlust, an das Leid, er erinnert an die Liebe, an die Sehnsucht, an die Hoffnung. Daran, dass sie dir ständig entrissen werden. Mit jeder Nachricht.

Offenbach

OffenbachFoto: Ingolf

Heute ist Bundespräsident Joachim Gauck in Offenbach zu Besuch – einer Stadt, in der 60 Prozent aller Einwohner einen Migrationshintergrund haben. Doch Offenbach ist nicht Neukölln – trotz hoher Kriminalität, Vollverschleierung und radikalem Islamismus. Das Leben ist für den Großteil der Migranten im Rhein-Main-Gebiet angenehmer als in Berlin, weil sich keine mono-ethnischen Viertel entwickelt haben und Vielfalt in allen Schichten existiert. Alltägliche Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft ist hier selbstverständlich.

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Für immer Türke?

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Der Kommentar „Für immer Türke“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat einen wunden Punkt getroffen. Er hat ein Thema berührt, das in den Redaktionsräumen führender Medien und in unserer Gesellschaft vor sich hin schlummerte: Es geht um die Bedeutung der Herkunft in einem Land, in dem das Grundgesetz jedem Menschen unabhängig von seiner Herkunft die gleichen Rechte und Freiheiten einräumt. Und damit die gleichen Chancen. Die Realität jenseits politischer Floskeln sieht aber anders aus. Auch bei Journalisten.

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Interview with Ivo Molinas after the Turkish elections: „I am hopeful“

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published in Jüdische Allgemeine on November 5, 2015

Mr. Molinas, the AKP won the elections on Sunday with a dinstinct majority. Which direction is Turkey now taking?

The people voted for stability.  Their decision is based on economic interests since uncertainity dominated the country after the elections of June and the already tarnished economy became even worse with the chaos caused by the failure of coalition talks and the return of the PKK terror. The speak of Prime Minister Ahmet Davutoglu was very moderate. He stated that the AKP is going to counteract to the existing polarization and division within the Turkish society. I am hopeful, because Davutoglu knows that a polarized country cannot be governed. Still, the future remains uncertain and we will see, which direction Turkey is going to take.

How do Turkish Jews evaluate the election results?

Since the Turkish Jews are convinced that they do not possess any real power, they are only observers of the events. They do not really believe in any change in Turkey. The only problem they are faced with at the moment is the antisemitism in media and social media. Despite that they are not confronted with any other problems concerning their religious freedoms. But we will see which new steps the new government are going to take in this regard.

Are you expecting any restrictions of religious freedom?

No, I do not think so. The AKP has not restricted any religious freedoms in the last thirteen years. Rather the Turkish state and government put all their efforts to guarantee religious freedoms of the Turkish Jews. They have restored the synagogue in Edirne and a gorgeous building was created. The most religious freedoms were granted during the AKP-government within the history of the Turkish Republic.

Can you expect now an adoption of a new law  against hate speech?

This can only be considered within the context of a new constitution since there are prior problems on the political agenda which have to be solved. A law against hate speech is not going to be adopted in the near future.

Which consequences would a new constitution have for the Jewish community in Turkey?

The new constitution is not going to generate direct regulations for minority rights, but it will guarantee a more democratic and transparent democracy which fullfills Western standards of a democracy. The better this is going to be designed, the merrier the constitution will have a positive impact on minority rights, human rights and freedoms. We do not to want to gain any positive discrimination but to be accepted and respected as equal citizens.

It is stated in Turkey very often: „There are no Kurds, no Armenians, no Jews – only Turks“. In how far does this statement cause identity conflicts for you?

This statement is very disturbing, but this is not being stated by the AKP-government – rather by ultra nationalists and these kind of statements decrease. Still, discrimination and hate speeches against minorities do not stop.

What does Erdogan´s victory in the elections mean for the Turkish-Israeli relations?

The perspective on Israel could become more positive since Turkey has lost many friends among its neigbours. Therefore, Turkey will try to remake its friendships, but Israel will be on the bottom of the list because of historical and ideological reasons. But I believe it is likely that the relations are going to be better than worse.

 

Ihr Herz schlägt Europa. Wie Menschen in der Türkei friedlich und mutig für die türkische Demokratie kämpfen

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In westlichen Medien heißt es oft, dass der ehemalige türkische Ministerpräsident und aktuelle Präsident Erdogan einst die Türkei modernisierte, und näher an die Europäische Union brachte als sonst jede andere türkische Regierung zuvor. Und dass derselbe Erdogan heute ein anderer sei – autoritär, anti-westlich und korrupt. So als ob sich die türkische Demokratie und die AKP-Regierung nach einer liebevollen, leidenschaftlichen Ehe nun auseinandergelebt hätten und ihre Betten getrennt haben. Wer aber genau hinschaut, erkennt an unzähligen Beispielen, dass die AKP keine aufrichtige und loyale Haltung gegenüber der Demokratie hatte und beim demokratischen Spiel trickste. Autoritär war Erdogan damals nicht, aber fair auch nicht – wie kaum eine türkische Regierung in der modernen Türkei. Nur sind dieses Mal viele darauf reingefallen – der Westen, liberale und ehemals linke Bürger und Intellektuelle und Unternehmer.

Die AKP versprach etwas, was es niemals vorhatte zu halten – eine partizipatorische und liberale Demokratie, die nicht nur einen offenen Umgang mit der kemalistischen Staatsideologie pflegt, sondern auch eine starke kritische Gesellschaft fördert. Vielmehr gab die AKP-Regierung jenen Forderungen aus der Zivilgesellschaft und Wirtschaft nach, die sich selbst seit zwei Jahrzehnten eine demokratischere und liberalere Türkei wünschten – ein Land frei vom zivilen Einfluss des Militärs. Im Gegenzug erwartete die AKP bedingungslose Loyalität wie die eines autoritären Vaters von seinen Kindern erwartet. Undankbar seien jene, die nicht erkennen wollen, was die AKP alles für sie gemacht habe. „Was wollt ihr mehr?“ und „Kenne deinen Platz!“ sind Sätze, die wir oft von Erdogan hören. Erdogan wurde nicht autoritärer je mehr Macht er gewann, sondern je mehr Macht er verlor. Ihm wurde bewusst, dass er die Anforderungen einer liberalen Demokratie nicht länger erfüllen wollte – solange diese seine eigene Machtstellung gefährdeten.

Die Verbesserung der Frauenrechte in der Türkei ist ein gelungenes Beispiel, wie die AKP im „demokratischen Spiel“ agiert. Seit den 1980er existiert in der Türkei eine starke Frauenbewegung, die viele Tabus in der Gesellschaft mithilfe türkischer Massenmedien  durchbrach. Weibliche Sexualität und Ehrenmorde gehören zu ihnen. Begleitet und unterstützt wurden die türkischen Aktivistinnen von der internationalen Frauenbewegung und den Aktionen den Vereinten Nationen. Das türkische Zivil- und Strafgesetzbuch beinhaltete viele, schwerwiegende Artikel und Definitionen, die die Menschenrechte von Frauen verletzten. Die Forderung nach Reformen wurden seit den 1990er laut, reformiert wurde das Zivilgesetzbuch kurz vor der AKP-Regierung und begleitet von den kritischen Fortschrittsberichten der EU. Als die AKP 2002 überraschenderweise an die Macht kam, versprach sie den pro-europäischen Kurs fortzuführen und wichtige Reformen einzuleiten. Dies geschah auch. Das Strafgesetzbuch wurde reformiert, viele wichtige Gesetze zur Verbesserung der Situation von Frauen in Bezug auf Gewalt gegen Frauen wurden erlassen. Und die Reformen dauerten an. 2011 unterschrieb die Türkei als erster Staat die Europäische Konvention gegen die Eliminierung von Gewalt gegen Frauen und letztes Jahr trat ein neues Gesetz zur Gewaltprävention in Kraft, bei dem die Frauenorganisationen aktiv mitgearbeitet haben. Allerdings stehen die Rechte der Frauen nur auf dem Papier, staatliche Institutionen wie die Polizei und Gerichte verfolgen weiterhin patriarchalische Normen und die konservative Familienpolitik der AKP. Die Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben wird weder gänzlich durchgeführt noch vollständig überprüft. Das kritisiert die EU in ihren Berichten sowie auch die türkischen Frauenorganisationen. Die Statements führender AKP-Politiker sind nicht nur sexistisch wie man es vielleicht von erzkonservativen Politikern gewohnt sein könnte, sie sind zutiefst frauenfeindlich. Noch vor einigen Wochen schimpfte der Vizepremier Bülent Arinc im türkischen Parlament auf eine HDP-Politikerin, „als Frau solle sie leise sein.“ Um kritische Stimmen in der Zivilgesellschaft entgegenzuwirken, werden katastrophale Statistiken über Frauengewalt ohne jegliche Pressekonferenz veröffentlicht und zudem eigene Frauenorganisationen gegründet, die der Regierung nahe stehen.

Früher wurden Feministinnen auf Demonstrationen ignoriert, weil das „gelangweilte Frauen aus der Bourgeoisie“ seien, die keinerlei Einfluss auf die türkische Politik haben. Heute werden sie bei Demonstrationen auf der Straße von Polizisten geschlagen, wie mir eine türkische Aktivistin diesen Sommer erzählt, die durch den Schlag eines Polizisten am Bein verletzt wurde.

Als ich letztes Jahr mit einem liberalen Journalisten und Kolumnisten im Divan-Hotel am Gezi Park über die Entwicklungen in der Türkei sprach – jenes Hotel der Koc Unternehmergruppe, die unzählige Opfer der Gezi Park Proteste aufnahm und in ihrer Lobby und Hotelzimmern ihre medizinische Versorgung erlaubte – gab er zu, dass auch er einst mit der AKP sympathisierte. Er hoffte, wie viele liberale und ehemals linke Intellektuelle und Journalisten sowie Unternehmer, dass die AKP die Türkei näher an Europa, sogar in die Europäische Union bringen und allen voran die zivile Macht des türkischen Militärs eindämmen würde. Ideologisch waren sie allerdings weit entfernt von der islamischen-konservativen –damals noch Ausrichtung – heute wissen wir einer Parteiideologie, die sich schon fast zu einer neuen Staatsideologie nach dem Kemalismus etablieren soll. Keineswegs islamistisch und gewaltbereit, aber ihre Werte stehen oft in Konflikt mit jenen der europäischen. Der Regierungsstil ist, wie man es in der Türkei in der Anfang des 20. Jahrhunderts gewohnt war, autoritär und erzieherisch. Der politische Führer wisse schließlich am besten, was gut für das türkische Volk sei.

Liberale und linke Intellektuelle und Unternehmer wurden in Nachrichten, Politik-Talkshows, Interviews und Kolumnen immer kritischer und besorgter gegenüber der AKP-Politik. Denn es wurde klar, dass Erdogan sein Versprechen nicht halten wird.

Heute existiert in der Türkei keine Pressfreiheit, Minderheitenrechte werden mit den Füßen getreten trotz einer Annährungspolitik der AKP an die Kurden, Aleviten und Nicht-Muslime, allen voran von regierungsnahen Zeitungen, die auf Armenier, Kurden, Aleviten und Juden schimpfen. Kein Staatsanwalt erhebt Klage wegen volksverhetzenden Äußerungen und in den seltenen Fällen enden die Klagen von Betroffenen vor Gericht. Währenddessen arbeitet das türkische Rechtssystem in Hochtouren, um Haftstrafen für kritische Journalisten und Medienmacher zu verhängen. Das politische Klima ist geprägt von Schuldzuweisungen, einem immensen Misstrauen gegenüber der Regierung und aller politischen Parteien und einer bürgerkriegsähnlichen Atmosphäre. Dieses Jahr forderte viele zivile Opfer für die Türkei. Unschuldige, friedliebende Menschen wurden getötet und der türkische Staat scheiterte daran, sie zu schützen. Diyarbakir, Suruc und jüngst Ankara. Der Friedensprozess mit der PKK scheiterte, türkische Soldaten und Polizisten wurden Opfer von Anschlägen.

Dennoch, so zerrissen die Türkei schon seit Jahrzehnten ist, eines hat sich verändert: Als noch vor den Gezi Park Protesten oppositionelle Gruppen und Journalisten für ihre Rechte nur an ihrer eigenen Fronten kämpften, wie dies der Journalist Nedim Sener und Kolumnist Özgür Mumcu mir in Interviews erzählten, kämpfen heute türkische Demokraten unterschiedlicher Schichten, Konfessionen und Ethnien zusammen für eine Türkei, in denen Menschenrechte geschützt und nicht mit Füßen getreten werden. Ja, sie sind eine Minderheit, aber sie sind da.

Seit den Gezi Park Protesten höre, lese und sehe ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis in der Türkei immer kritischer werdende Stimmen – nicht nur gegen die Regierung, sondern gegen jegliche Angriffe auf Menschenrechte. Wenn ich auf Facebook meinen Newsfeed anschaue, lese ich täglich viele positive Reaktionen auf die pro-kurdische Partei HDP und seinem Co-Parteivorsitzender Selahattin Demirtas. Und das sind keine Kurden. Junge, alte Frauen und Männer, ob Anwälte, Studenten, Modedesigner, Schauspieler oder Kreative – westlich, nicht-türkisch, sunnitisch und Atatürk-Anhänger  – können heute die pro-kurdische HDP wählen. Und die, die der republikanischen CHP treu bleiben wollen, nehmen die HDP in Schutz und weisen ihre eigenen Freunde und Verwandte in Sozialen Medien daraufhin, sich nicht manipulieren zu lassen. Jedes Mal war ich von neuem überrascht, wer bei den Parlamentswahlen im Juni für die HDP gestimmt hat oder wer wieder eine Rede vom Demirtas auf Facebook teilt und sagt: „Diese Mann hat Recht.“ Und genau das macht Erdogan Angst. Der Anführer der nationalistischen MHP, Devlet Bahceli stellte auch fest: „Die, die in ihren Villen am Bospours Whisky trinken, wählen die HDP.“ Dort wo die streng laizistische Elite lebt, die sogenannten „weißen Türken“. Die Versuche der AKP die uralten Ängste der Türken gegenüber der kurdischen Politik und ihrer tiefen Abneigung gegenüber der PKK wieder auferleben zu lassen, sind bei denjenigen gescheitert, die die HDP nicht aus pragmatischen Gründen gewählt haben, sondern an ihre menschenrechtsfreundliche und demokratische Politik glauben.  Sie haben am eigenen Leib im Gezi Park erlebt, was Polizeigewalt und Zensur der Medien bedeutet. „Woher weiß ich jetzt, dass wir jahrelang angelogen wurden, was in Diyarbakir passiert?“, sagte meine Freundin, die aus einer nationalistisch-kemalistischen Familie kommt. Sie verstehe jetzt erst, was den Kurden angetan wurde. Auch, weil sie heute kurdische Freunde hat, die wie sie an einer Istanbuler Privatuniversität studieren und mit ihr in die gleichen Nachtclubs am Bosporus gehen, Alkohol trinken und kurdische Musik auf ihren modernen Hochzeiten spielen.

Es ist vor allem die junge Generation, die in Europa studiert oder hinreist und die deshalb weiß, dass sie etwas Besseres verdient hat als ein Land, in dem jeder Einzelne immer mehr an Menschenwert verliert. Einem Land, in dem Gewalt herrscht und man versucht, ihnen einzureden, dass ihr Kollege, ihr Schulfreund oder ihre Nachbarin „Terroristen“ seien. Sie sind kritischer als ihre Eltern und klären sie sogar auf, damit sie nicht schon wieder auf politische Manipulationen reinfallen. Oder an Versprechen glauben, die dazu verdammt sind, nicht eingehalten zu werden. Die Türkei ist nicht in Europa, aber unser europäisches Demokratieverständnis ist in so vielen jungen Menschen der Türkei, die trotz der  Gewalt und Terror  von allen Seiten auf die Straße gehen und sich für die türkische Demokratie einsetzen. Jeden Tag kämpfen sie auch mit sich, um nicht nach einem Weg aus der Türkei zu suchen. Frieden und Demokratie werden sie in Europa finden, aber sie wollen in der Türkei bleiben – denn „wenn alle gehen, wer bleibt dann?“ Ihre Herzen schlagen nicht nur europäisch, sie sind auch verdammt mutig.

Wir sehnten uns nach Helden – und dann kam Tugce.

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Tugce schaut uns mit großen, schönen Augen an. Tugce lächelt, als ob sie uns sagen möchte: „Lasst mich nicht sterben, denn ich möchte in euren Herzen weiterleben.“ Die junge Studentin strahlt Hoffnung, Liebe und Lebensfreude aus. Die Bilder der jungen Frau, die sterben musste, weil sie Zivilcourage bewiesen hat, wird in deutschen Medien veröffentlicht, auf Sozialen Medien tausendfach geteilt. Ihre traurige Geschichte geht um die Welt.

Deutschland trauert um seine Bürgerin, die jung, mutig und engagiert war. Tugce wollte Lehrerin werden, um die Kinder in diesem Land zu unterrichten und scheute sich auch nicht davor zurück, nachts in einem Fastfood-Restaurant einzugreifen, als zwei junge Mädchen von Männern bedrängt wurden. Leider wurde sie selbst Opfer von jener Gewalt, vor der sie die jungen Mädchen schützen wollte. Einer der Jungs schlug sie nieder. Am Freitag, an ihrem 23. Geburtstag, schalteten die Ärzte die Maschinen ab, nachdem sie bei Tugce Hirntod festgestellt hatten.

Menschen in Deutschland und auch in der Türkei sind fassungslos über die Tat und die Tatsache, dass ein so mutiger Mensch ihr Leben opfern musste. Eine rührende Trauerfeier, an dem nicht nur ihre Familie, Freunde und Bekannte, sondern auch Menschen teilnahmen, die sie nicht persönlich kannten, unzählige Anteilnahmen auf Facebook, Twitter und Instagram, über 80 000 Unterschriften für die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Tugce, beweisen uns: Tugce ist zum Vorbild der deutschen Nation geworden, weil sie Menschlichkeit bewiesen hat.

Tugce ist unsere Heldin, auf die wir lange gewartet haben. Eine ganze Gesellschaft hat ihre Solidarität und Anteilnahme an dem Schicksal der jungen Tugce öffentlich gezeigt. Nach der Aufdeckung der NSU-Morde haben große Kundgebungen in der Gesellschaft gefehlt – öffentlich entrüstet und erschrocken waren nur diejenigen, die sowieso schon in der Öffentlichkeit standen: vorwiegend Politiker und Journalisten.

Was hat sich in dieser Gesellschaft verändert? Was ist passiert, dass über 20 000 Posts auf Instagram unter dem #tugce veröffentlicht wurden – vorwiegend von jungen Menschen, die politikverdrossen und ignorant zu sein schienen?

 

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Ich bin positiv überrascht über die Solidarität- ganz ähnlich wie ich diese auch bei den Gezi Park Protesten empfunden habe. Anders als in der Türkei werden in Deutschland unsere Freiheit und Sicherheit nicht vom Staat oder unserer Regierung bedroht – sondern von Menschen, die neben uns und mit uns leben.

geziEine Zeichnung von den Opfern der Gezi Park Proteste – „im Himmel passen die älteren Brüder auf das jüngste Opfer, Berkin Elvan, auf“. Sie sind zu Helden der Gezi Park Bewegung geworden.

 

Radikale Islamisten und radikale Nationalisten sowie gewalttätige Jugendliche beängstigen uns seit einiger Zeit und wir machen uns große Sorgen um unsere Sicherheit und unsere Harmonie. Wir haben auch Angst um die Zukunft unserer Gesellschaft. So leiden wir nicht nur unter unserem Alltagsstress, sondern auch unter Gesellschaftsstress.

Es ist nicht die Bedrohung von außen, die uns zu schaffen macht, sondern Gefahren von innen, die wir nicht einschätzen können. So haben wir uns nach Helden gesehnt, die darauf hoffen lassen gegen diese Bedrohungen anzukämpfen – und diese vielleicht sogar zu besiegen.

Tugces Tat, ihr Schicksal und ihre Bereitschaft sich für andere einzusetzen, zeigen uns, dass wir den Kampf für eine gesunde Gesellschaft nicht verloren haben. Sie gibt uns Mut, sie gibt uns Kraft. Wir wünschen uns, dass sie bei uns geblieben wäre.

Leider hat sie uns verlassen. Doch hat sie uns ein Erbe hinterlassen, das uns keiner unserer Politiker, Verbandsvertreter und Medien hätte überreichen können. Tugce hat uns nicht nur gezeigt, was es heißt, nicht wegzuschauen, wenn Ungerechtigkeiten in unserem Alltag geschehen und dass es eine Bürgerpflicht ist sich einzumischen, sondern uns auch als Gesellschaft zusammen geschweißt. Es wird noch etwas dauern, bis uns das bewusst wird und vor allem: bis wir erkennen, dass jeder Bürger in diesem Land den Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit selbst führen muss. Nicht nur der Staat oder unsere Regierung sollte Initiative ergreifen, um uns gegen Islamisten, Radikale und gewalttätige junge Männer zu schützen. Vielmehr müssen wir das selbst stärker fordern und dürfen nicht wegsehen. In der Türkei herrscht der Gezi Geist, seit durch die Proteste junge Menschen umgekommen sind,  die ihr Leben für eine bessere Türkei opfern mussten. Er tritt überall in Erscheinung, wo junge Menschen Ungerechtigkeiten bemerken, um dann dagegen öffentlich zu protestieren. Istanbul ist seit Gezi sicherer geworden, denn den Menschen ist noch einmal bewusst geworden, dass nur sie auf sich aufpassen können und müssen – auf den Staat, die Polizei und die Regierung ist eben kein Verlass mehr. Hoffentlich wird der Geist von Tugce auch über uns wachen, damit wir dieses Gewaltverbrechen nicht vergessen wird und wir überall dort einschreiten, wo wir Ungerechtigkeiten bemerken – solange wir auf die Polizei und die Justiz warten.

So wie es Tugce tat, unser Vorbild, unsere Heldin.


Mehr Patriotismus wagen.

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„Auf das Land, das damals meine Eltern mit offenen Armen empfangen hat. Auf das Land, das mir Bildung erlaubte und mir eine Zukunft ohne Angst und Krieg schenkte, das mir die Chance gibt mein Leben zu leben ohne hungern zu müssen. Deutschland vor, spielt, schießt und siegt.“ Diese Worte teilte ein Freund von mir auf Facebook, kurz vor dem WM-Spiel Deutschland gegen Portugal. Die Worte eines 26-Jährigen Deutsch-Türken. Klingt patriotisch, ist es auch. Und das ist vollkommen in Ordnung.

Deutschland fehlt es an Patriotismus. An gesunder Vaterlandsliebe. Wir sollten uns als Bürger eines freien, demokratischen und wohlhabenden Landes bewusst sein und unser Land mit seinen Bürgern zu schätzen wissen. Nur so können wir die Rahmenbedingungen schaffen, in denen ein harmonisches Zusammenleben verschiedener Kulturen, Religionen, Ethnien und Lebensvorstellungen funktioniert.

Das wovon ich spreche, darf nicht mit Nationalismus in seiner ausgrenzenden, faschistischen und fundamentalen Form verstanden werden. Es geht vielmehr um ein Konzept, das zum einen davon geprägt ist, uns bewusst machen, dass wir in einem tollen Land leben. Zum anderen sollten wir uns selbst und unsere Mitmenschen „lieben“ – also so zu akzeptieren, wie sie sind, aber dennoch bzw. gerade deshalb sie weiterhin zu kritisieren.

Natürlich läuft auch in Deutschland nicht alles einwandfrei. Aber global betrachtet, seien wir einmal ehrlich: Uns geht es verdammt gut. Die Kinder genießen eine ausgezeichnete, kostenfreie Bildung, die Bürger schlagen die Zeitungen auf und wissen, dass sie kein Propagandablatt der Regierung lesen, sie müssen nicht ins Gefängnis, weil sie ihre Meinung sagen, sie müssen nicht darum fürchten, das ihr Haus von einer Bombe zerstört wird.
Gerade Migranten kennen andere Zustände und einige von ihnen, so überraschend es klingen mag, sind sehr glücklich, dass sie in Deutschland Demokratie, Freiheit und Sicherheit genießen.
Verfassungspatriotismus allein reicht aber nicht aus.
Deutsche müssen ihre traumatischen Erlebnisse mit dem Patriotismus/Nationalismus therapieren und erneut ihre Gefühle gegenüber ihrem Vaterland aufkeimen lassen. Statt neue Identitätskrisen zu erfinden („Bin ich eigentlich geschlechtslos, zwingt mich die Gesellschaft, eine Frau zu sein und bin ich eigentlich homosexuell, weil das der neue Trend ist?), sollten Deutsche ihre primäre Identitätskrise lösen: die ihrer eigenen nationalen Identität.
Deutsche brauchen sich lange nicht mehr für ihr „Deutsch-Sein“ schämen zu müssen. Während im Ausland, wie beispielsweise in der Türkei „Deutsch-Sein“ äußerst beliebt ist, sind sich die Deutschen selbst ihrer beneidenswerten Eigenschaften nicht einmal bewusst.
Aufrichtigkeit, Disziplin, Fleiß und der Zwang zur Ordnung als deutsche Eigenschaften haben Deutschland in weit weniger als nur einem Jahrhundert zu einem demokratischem und wohlhabenden Land gemacht.

Aber erst wenn die Deutschen sich selbst „lieben“, sind sie auch bereit, andere „zu lieben“ – und: dass andere sie auch „liebevoll“ akzeptieren.
Als in den 60er Jahren die ersten Einwanderer nach Deutschland kamen, wollten sie eigentlich schnell wieder weg. Aber siehe da, sie haben Deutschland gemocht und wollten bleiben– nur, wurde ihnen das nie bewusst gemacht. Die Migranten haben mitangesehen, wie die „toleranten und offenen“ linken Deutschen nur so von „Selbsthass“ trotzten. Wie sollten Migranten ein Land zu schätzen wissen, wenn ihre eigenen Bürger das selbst nicht tun?
Und: wenn „Wessis“ selbst die „Ossis“ nicht als Teil ihrer Gesellschaft akzeptieren (und umgekehrt), wie können Deutsche bereit sein, schwarzhaarige, bärtige Männer mit ihren kopftuchtragenden Frauen als ein Teil von ihnen anzuerkennen?

Was in Deutschland aber momentan falsch läuft, ist, dass entweder Migranten und ihre Nachfahren zwangsweise als „Deutsche“ deklariert oder dass sie erst gar nicht als ein Teil dieser Gesellschaft akzeptiert werden.
Es sollte nicht heißen „Euch geht es doch gut hier.“, wenn Migranten sich ungerechtfertigt beschweren, sondern vielmehr „Uns geht es hier gut.“

Wenn wir uns selbst zu schätzen lernen, im nächsten Schritt auch unsere Mitmenschen, dann hören wir auch auf, unsere neuen Zuwanderer nach bloßen wirtschaftlichen und kulturellen Nutzen zu selektieren. Dann gibt es keine „guten“ und „schlechten“ Migranten. Dann hören wir auf zu sagen, „Es sind die Falschen gekommen“, wenn wir meinen, dass in den 60er und 70er Jahren ungebildete Migranten nach Deutschland eingewandert sind. Dann scheren wir uns nicht mehr um politisch korrekte Bezeichnungen wie „Migrationshintergrund“ und „Ausländer“.

Dann können wir Deutsche unsere Mitmenschen kritisieren, ohne zu diskriminieren. Wir dürfen von unseren Mitmenschen verlangen, sich Mühe zu geben für ein harmonisches Miteinander, ohne denjenigen das Gefühl zu geben, ihn von der Mehrheitsgesellschaft ausschließen zu wollen.

Religionsfreiheit, Vielfalt und Toleranz. Wir dürfen unsere Werte als liberale Gesellschaft nicht vergessen.

Islamunterricht, Gebetsräume an Schulen, Moscheen und das Kopftuch für Lehrerinnen- gesellschaftliche und politische Stimmen in Deutschland plädieren seit einigen Jahren verstärkt für Religionsfreiheit für unsere muslimischen Mitbürger. Argumentiert wird mit den Begriffen Toleranz und Vielfalt in unserer demokratischen Gesellschaft. Dabei wird nach Toleranz zwischen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und religiöser Gruppen gefordert, weil Vielfalt in unserer Gesamtgesellschaft erwünscht wird. Wir sollten uns allerdings als liberale Gesellschaft die Frage stellen, wie wir mit religiösen Gruppen umgehen, die ihre eigenen Mitglieder unterdrücken und so ihnen gegenüber nicht tolerant sind. Sollten wir nicht auch nach Toleranz und Diversität innerhalb der Communities fordern?


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