Archiv für den Autor: Cigdem

Mehr Patriotismus wagen.

10177491_446361265467199_8943923168461293499_n

“Auf das Land, das damals meine Eltern mit offenen Armen empfangen hat. Auf das Land, das mir Bildung erlaubte und mir eine Zukunft ohne Angst und Krieg schenkte, das mir die Chance gibt mein Leben zu leben ohne hungern zu müssen. Deutschland vor, spielt, schießt und siegt.” Diese Worte teilte ein Freund von mir auf Facebook, kurz vor dem WM-Spiel Deutschland gegen Portugal. Die Worte eines 26-Jährigen Deutsch-Türken. Klingt patriotisch, ist es auch. Und das ist vollkommen in Ordnung.

Deutschland fehlt es an Patriotismus. An gesunder Vaterlandsliebe. Wir sollten uns als Bürger eines freien, demokratischen und wohlhabenden Landes bewusst sein und unser Land mit seinen Bürgern zu schätzen wissen. Nur so können wir die Rahmenbedingungen schaffen, in denen ein harmonisches Zusammenleben verschiedener Kulturen, Religionen, Ethnien und Lebensvorstellungen funktioniert.

Das wovon ich spreche, darf nicht mit Nationalismus in seiner ausgrenzenden, faschistischen und fundamentalen Form verstanden werden. Es geht vielmehr um ein Konzept, das zum einen davon geprägt ist, uns bewusst machen, dass wir in einem tollen Land leben. Zum anderen sollten wir uns selbst und unsere Mitmenschen „lieben“ – also so zu akzeptieren, wie sie sind, aber dennoch bzw. gerade deshalb sie weiterhin zu kritisieren.

Natürlich läuft auch in Deutschland nicht alles einwandfrei. Aber global betrachtet, seien wir einmal ehrlich: Uns geht es verdammt gut. Die Kinder genießen eine ausgezeichnete, kostenfreie Bildung, die Bürger schlagen die Zeitungen auf und wissen, dass sie kein Propagandablatt der Regierung lesen, sie müssen nicht ins Gefängnis, weil sie ihre Meinung sagen, sie müssen nicht darum fürchten, das ihr Haus von einer Bombe zerstört wird.
Gerade Migranten kennen andere Zustände und einige von ihnen, so überraschend es klingen mag, sind sehr glücklich, dass sie in Deutschland Demokratie, Freiheit und Sicherheit genießen.
Verfassungspatriotismus allein reicht aber nicht aus.
Deutsche müssen ihre traumatischen Erlebnisse mit dem Patriotismus/Nationalismus therapieren und erneut ihre Gefühle gegenüber ihrem Vaterland aufkeimen lassen. Statt neue Identitätskrisen zu erfinden („Bin ich eigentlich geschlechtslos, zwingt mich die Gesellschaft, eine Frau zu sein und bin ich eigentlich homosexuell, weil das der neue Trend ist?), sollten Deutsche ihre primäre Identitätskrise lösen: die ihrer eigenen nationalen Identität.
Deutsche brauchen sich lange nicht mehr für ihr „Deutsch-Sein“ schämen zu müssen. Während im Ausland, wie beispielsweise in der Türkei „Deutsch-Sein“ äußerst beliebt ist, sind sich die Deutschen selbst ihrer beneidenswerten Eigenschaften nicht einmal bewusst.
Aufrichtigkeit, Disziplin, Fleiß und der Zwang zur Ordnung als deutsche Eigenschaften haben Deutschland in weit weniger als nur einem Jahrhundert zu einem demokratischem und wohlhabenden Land gemacht.

Aber erst wenn die Deutschen sich selbst „lieben“, sind sie auch bereit, andere „zu lieben“ – und: dass andere sie auch „liebevoll“ akzeptieren.
Als in den 60er Jahren die ersten Einwanderer nach Deutschland kamen, wollten sie eigentlich schnell wieder weg. Aber siehe da, sie haben Deutschland gemocht und wollten bleiben– nur, wurde ihnen das nie bewusst gemacht. Die Migranten haben mitangesehen, wie die „toleranten und offenen“ linken Deutschen nur so von „Selbsthass“ trotzten. Wie sollten Migranten ein Land zu schätzen wissen, wenn ihre eigenen Bürger das selbst nicht tun?
Und: wenn „Wessis“ selbst die „Ossis“ nicht als Teil ihrer Gesellschaft akzeptieren (und umgekehrt), wie können Deutsche bereit sein, schwarzhaarige, bärtige Männer mit ihren kopftuchtragenden Frauen als ein Teil von ihnen anzuerkennen?

Was in Deutschland aber momentan falsch läuft, ist, dass entweder Migranten und ihre Nachfahren zwangsweise als „Deutsche“ deklariert oder dass sie erst gar nicht als ein Teil dieser Gesellschaft akzeptiert werden.
Es sollte nicht heißen „Euch geht es doch gut hier.“, wenn Migranten sich ungerechtfertigt beschweren, sondern vielmehr „Uns geht es hier gut.“

Wenn wir uns selbst zu schätzen lernen, im nächsten Schritt auch unsere Mitmenschen, dann hören wir auch auf, unsere neuen Zuwanderer nach bloßen wirtschaftlichen und kulturellen Nutzen zu selektieren. Dann gibt es keine „guten“ und „schlechten“ Migranten. Dann hören wir auf zu sagen, „Es sind die Falschen gekommen“, wenn wir meinen, dass in den 60er und 70er Jahren ungebildete Migranten nach Deutschland eingewandert sind. Dann scheren wir uns nicht mehr um politisch korrekte Bezeichnungen wie „Migrationshintergrund“ und „Ausländer“.

Dann können wir Deutsche unsere Mitmenschen kritisieren, ohne zu diskriminieren. Wir dürfen von unseren Mitmenschen verlangen, sich Mühe zu geben für ein harmonisches Miteinander, ohne denjenigen das Gefühl zu geben, ihn von der Mehrheitsgesellschaft ausschließen zu wollen.

Aleviten ohne Ali

In seiner Kritik an Gauck und an den Demonstrationen gegen seinen letztem Deutschland-Besuch spricht der türkische Premierminister Erdogan von „Aleviten ohne Ali“, die sich gegen den Premier verschwört haben sollen. Was aber meint Erdogan mit „Aleviten ohne Ali?“ und welche politische Strategie steckt hinter dieser Begriffsverwendung?

Berkin Elvan- Beerdigung

Beerdigung des jüngsten Gezi Park Opfers, Berkin Elvan

Die alevitische Bevölkerung in der Türkei zusammen mit der alevitischen Diaspora sind eine wichtige Oppositionsgruppe gegen den türkischen Premierminister Erdogan. In Europa und insbesondere in Deutschland sind Aleviten sehr gut organisiert und zudem äußerst beliebte Migranten.
Das erlaubt es ihnen in der deutschen Öffentlichkeit und Politik nicht nur über die Menschenrechtssituation der Aleviten in der Türkei aufmerksam zu machen, sondern sich auch mit demokratischen Mitteln gegen die autoritären Tendenzen in der türkischen Demokratie einzusetzen.

Das ist natürlich der türkischen Regierung und insbesondere dem türkischem Premier Erdogan ein Dorn im Auge. Seiner Partei fällt es ohnehin schwer bei den Aleviten im eigenen Land zu punkten. Denn viele Aleviten sind politisch eher links zu verorten oder sehen sich dem türkischem Staatsgründer Atatürk und somit der CHP verbunden. Kurdische Aleviten unterstützten verstärkt die kurdische Partei BDP.
Dabei stellt sich aber auch die Frage, ob die AKP überhaupt die Aleviten in ihrem Lager haben möchte? Ja, allerdings nicht als „atheistische Aleviten“ und „Aleviten ohne Ali“, sondern in einer assimilierten Form, die ganz dem sunnitischem Bild der „Aleviten“ entspricht.
Erdogan spricht von „Aleviten ohne Ali“, dessen Sprachrohr der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck sei (Erdogans Kritik an Gaucks ODTÜ-Rede). Diese „Aleviten ohne Ali“ versuchten auch Erdogans letzten Auftritt in Deutschland Ende Mai zu sabotieren.
Dabei unternimmt Erdogan den Versuch, die Aleviten politisch und konfessionell zu spalten, um sie als politische Gegner zu entkräften.

Gaucks historische ODTÜ-Rede

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck scheute sich bei seinem letztem Türkei-Besuch nicht, das auszusprechen, was viele deutsche und europäische Politiker über die türkische Regierung und den türkischen Premier Erdogan angesichts der jüngsten politischen Entwicklungen in der Türkei denken. Autoritäre Tendenzen in einer Demokratie, die sich in unverhältnismäßiger Gewalt gegen die eigenen Bürger ausdrückt, die mit öffentlichem Protest ihrem Unmut kundtun wollen. Nicht zu vergessen die seit Jahren anhaltend und seit der Gezi Bewegung sich enorm verstärkte Zensur und Repression gegenüber türkischen und ausländischen Journalisten.
Gauck sprach dabei nicht irgendwo, sondern an der Middle East Technical University in Ankara, die seit Jahrzehnten eine Hochburger linker Studenten ist. Fast wöchentlich finden Demonstrationen auf dem Campus statt. Tränengas und Wasserwerfer werden von der türkischen Polizei auch auf dem Uni-Campus eingesetzt.

Prompt holte der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan zu einem verbalem Gegenschlag gegen Gauck aus.
Dabei warf Erdogan Gauck vor, das Sprachrohr der alevitischen Community in Deutschland zu sein, die von „den Deutschen unterstützt werde“. Es handele sich allerdings um „Aleviten ohne Ali“, also „mit einem atheistischem Verständnis.“

Atheistische Aleviten in Deutschland

Im Wortlaut Erdogans Rede heißt es:
„In Deutschland gibt es so etwas wie Aleviten ohne Ali, also mit einem atheistischem Verständnis. Unter dem Deckmantel des Alevitentum gibt es eine Struktur, die auch von ihnen unterstützt werden und das legst du uns dar. Wir haben gesagt, dass in der Türkei nicht solch ein Alevitentum existiert. In Deutschland gibt es einen Teil, eine Gruppe, die von den Deutschen unterstützt werden, das werde ich mit ihnen auch besprechen. Sie kommen und sprechen als deren Sprachrohr.
Das ist nicht angemessen. Ich war mit ihm fast zwei Stunden lang alleine. Bei diesem Essen haben wir diese [Themen] sehr offen besprochen. (…).“

Aleviten im Identitätskonflikt

Dass sich die Aleviten in einem Identitätskonflikt befinden und seit einigen Jahren immer stärker innerhalb ihrer Community darüber diskutieren, ob das Alevitentum eine eigenständige Religion ist oder ob sie sich als eine eigene Konfession innerhalb des Islams sehen können und wollen, ist auch Erdogan nicht entgangen.
So wird in Deutschland das Alevitentum als eigenständige Religionsgemeinschaft anerkannt.
Anzumerken ist auch, dass sich die Aleviten nicht über ihre Glaubensinhalte als solches streiten, sondern um die Frage, ob das Alevitentum bereits vor dem Islam existiert habe und somit außerhalb des heutigen Islams stehe oder ob sie den Islam eben anders interpretieren und ihre Konfession mit der Geburt des Islams erst zudem geworden ist, was es heute ist.
Erdogan trägt also in seinen Reden und verbalen Angriffen diesen internen Konflikt nach außen – und rollt erneut sunnitische Assimilationsversuche ein, die bereits eine Spaltung der alevitischen Community implizieren. Strategisch gesehen also genau der richtige Weg, wie man seinen vielleicht wichtigsten Gegner schlägt.

Erdogan zielt also darauf ab die Aleviten in einen internen Konflikt hineinschleudern zu lassen, der über diese Fragen hinausgeht. Mit seinen Worten „Atheistische Aleviten“ versucht Erdogan den Streit aufkeimen zu lassen, inwiefern man sich als Alevite nicht religiös, aber ethnisch gesehen als „Alevite“ bezeichnen darf – ohne Gottesbezug eben.

„Aleviten ohne Ali“ demonstrieren in Köln gegen Erdogan

Erdogan lässt ein zweites Mal den Begriff „Aleviten ohne Ali“ fallen, als er die Großdemonstrationen (hauptsächlich von Aleviten organisiert) gegen ihn während seines Deutschland-Besuches Ende Mai kritisierte. Zurück in der Türkei sagt Erdogan.„Den Aleviten ohne Ali wurde eine Demonstrationserlaubnis erstattet. Deren Sorge ist nur, wie sie unsere Veranstaltung sabotieren können. Trotzdem hat die deutsche politische Führung dort sehr gute Maßnahmen vorgenommen, sie konnten keine ihrer Ziele erreichen.“

Woher stammt der Begriff?

„Aleviten ohne Ali“ – so heißt das Buch des türkischen Journalisten Faik Bulut, das 1997 veröffentlichte wurde und schon damals eine heftige Debatte auslöste. In seinem Werk behandelt Bulut das Phänomen der anatolischen Aleviten, die in ihrem Glauben einen “anderen” Ali verehren, als es die historische Figur erlaubt. Das Bild des Propheten Ali bei den Sunniten und Schiiten orientiert sich dabei an der historischen Figur. Damit zeigt Bulut auf, dass die anatolischen Aleviten ein vollständig anderes Verständnis von Gott, dem Kosmos und der Religion besitzen. Allerdings weist Bulut auch daraufhin, dass kein Alevite ohne seinen „Ali“ auskommen kann.

Erdogans Assimilationsversuche: Politisch und konfessionell

Dass Erdogan die alevitischen Gebetsstätten „Cemevleri“ nicht als Gebetsstätte anerkennen möchte, sondern sie einzig als Kulturzentren versteht, beweist eben jene Assimilationsversuche. Diese haben aber nicht erst mit Beginn der Amtszeit der AKP beginnen. Aleviten werden seit Jahrhunderten assimiliert, verfolgt und ermordet.
Nichts anderes zeigt aktuell das „Moschee-Cemhaus-Projekt“ der türkischen Regierung, das ein Teil des AKP-”Demokratisierungspakets” sei.
Nach Erdogans Verstaenenis seien Aleviten Muslime und interpretieren nur den Islam anders als Sunniten. “Wo beten Muslime? In der Moschee.” Also sollten Aleviten auch in Moscheen beten. Auch Erdogans Worte „Wenn es bedeutet, Alevite zu sein, Ali zu lieben, dann bin ich ein perfekter Alevite“, zeigt ein sunnitisches Fremdbild der Aleviten auf, das sich vom Selbstbild der Aleviten unterscheidet – und die bereits existierende alevitische Identität ignoriert und somit diskriminiert.

Die Debatte um den „Dersim-Genozid“ und Erdogans Entschuldigung 2011 waren ein früherer Versuch, die alevitische Community nicht konfessionell, sondern zunächst politisch zu spalten. Denn Aleviten gelten nicht nur als Garanten der türkischen Demokratie und des Laizismus, sondern eben auch als Befürworter Atatürks. Mit der Frage nach der Rolle von Atatürk bei dem Dersim-Massaker 1938 und der Verantwortung der damaligen Regierungspartei (der CHP), hat innerhalb der Aleviten verstärkt in den letzten Jahren eine starke Distanz zu Atatürk und der CHP begonnen. Dies ist insbesondere in der jüngeren Generation der Aleviten in Deutschland zu beobachten, die durch ihre deutsche Sozialisation stark kritisch herangezogen werden und sich sowieso gegen einen Führerkult aussprechen.
Atatürk kritisch zu betrachten, ist notwendig und es ist wichtig, dass sich die CHP endlich ihrer historischen Verantwortung stellt und Rechenschaft ablegt. Darüber hinaus muss die CHP endlich damit beginnen, ihr Konzept einer Minderheiten- und insbesondere Aleviten-Politik darzulegen. Der ständig aufgesagte Satz des CHP-Führers Kemal Kilicdaroglu, der übrigens selbst Alevite ist und aus Dersim stammt, man dürfe keine Politik auf Basis ethnischer und religiöser Identitäten machen, ist eine leere und unsinnige Floskel.

Allerdings ist es offensichtlich, dass die AKP-Regierung die alevitische Community im eigenen Land und auch in der Diaspora politisch und nun auch konfessionell zu spalten und zu assimilieren versucht.

Aleviten- Tabuthema in der Türkei

Während über das Kurdenproblem in der Türkei offen gesprochen wird, ist das Thema „Aleviten“ innerhalb der türkischen Gesellschaft noch immer stark tabuisiert. Der türkische Alltag ist sunnitisch. Dies wird am stärksten in beliebten türkischen TV-Soap Operas deutlich, in denen die Türken nur in die Moschee gehen und nur an Ramadan fasten – in denen also die alevitische Identität und der Glaube nicht existiert.

Daher scheint es besonders erfolgversprechend für Erdogan zu sein, dass er – wie üblich – gekonnt ein Tabu bricht. So wie Erdogan auch die Tabus um die hemen Kurden, Armenier und das Kopftuch erfolgreich brechen konnte, gelingt es ihm wieder ein Thema nach seinem Verstaendnis auf die Agenda zu setzen. Diese Themen sind offene Wunden in der Türkei, die niemand zu heilen versuchen wollte. Nicht weil sie diese verbluten lassen wollen, sondern weil sie Angst hatten, dass diese Wunden noch größer werden könnten. Erdogan aber streut nur Salz in die Wunde und versichert – „Das tut gut, das heilt“.
Dabei weiß jeder kluge Kopf, eine Heilung ist lange nicht in Sicht.

Die Gezi Park Opfer, die fast alle Aleviten waren, haben die Menschen in der Türkei wieder daran erinnern lassen, dass in der Türkei auch Aleviten leben – und sterben. Die Trauerfeier des jüngsten Gezi Park Opfers, des 15-jährigen Berkin Elvan wurde in einer alevitischen Gebetsstätte, einem Cemevi abgehalten. Wo findet die Trauerfeier statt? „Im Cemevi“, sagte man sich auf der Straße, am Arbeitsplatz und in den türkischen Medien, als ob es das natürlichste wäre. Denn die Gezi Generation ist sich seiner Vielfalt sowieso schon lange bewusst. Und genau jetzt, wo das Thema über die Menschenrechtssituation der Aleviten in der türkischen Öffentlichkeit debattiert wird, greift Erdogan ein. Dabei hat er sich strategisch sehr gut überlegt, wie er seinen stärksten Gegner politisch ausschalten kann. Insbesondere weil Erdogan bewusst ist, dass der sunnitische Part der Gezi Park Bewegung hinter den Aleviten steht. Die Frage ist nur, ob der Gezi Geist diese Chance aufgreift, und eine demokratische Debatte über die Situation der Aleviten ins Rollen bringen wird. Ob in der Türkei endlich Vorurteile ausgeräumt, Diskriminierungen beendet und Ängste weggenommen werden. Die Aleviten warten nämlich im Stillen schon lange darauf.

Die Sprache meiner Vorfahren ist vom Aussterben bedroht

Die Muttersprache meiner Großeltern beherrsche ich nicht, Zazaki wurde mir nie beigebracht. Traumatisiert von der Zwangsassimilation des türkischen Staates, behauptete meine Großmutter in ihren letzten Lebensjahren, dass sie Zazaki vergessen hätte. Das Thema wurde zum Tabu. Heute ist Zazaki vom Aussterben bedroht. Damit scheinen auch meine ethnischen Wurzeln zu verschwinden.

Zazaca_Prinz

Als Kind sind wir oft in den Sommerferien das Heimatdorf meiner Eltern nahe der türkischen Provinz Erzincan gefahren. Verwandte und Bekannte kamen uns alle im Haus meiner Großmutter besuchen, mit vielen von ihnen konnte ich mich aber nicht verständigen. Nicht, weil mein Türkisch nicht ausreichte. Vielmehr weil sie in einer anderen, fremden Sprache redeten. Meist waren es ältere Menschen, die mir in dieser seltsamen Sprache auf meine Fragen antworteten. Sie verstanden Türkisch, konnten es aber nicht sprechen. So verständigten wir uns irgendwie. Das hat mich immer sehr verdutzt. Meine Eltern haben sie wiederum verstanden, konnten ein paar Worte auf der mir unbekannten Sprache antworten. Das wars auch.
So kam ich immer wieder in Berührung mit der Muttersprache meiner Großeltern, der Geheimsprache meiner erwachsenen Verwandten, die sofort ins Zazaki wechselten, wenn sie über etwas redeten, was wir Kinder nicht verstehen durften.
Das fand ich immer sehr gemein. Dass man mir als Kind etwas vorenthalten wollte. Heute finde ich es noch gemeiner. Dass man mir eine ganze Sprache, eine ganze Welt vorenthalten hat. Die Sprache meiner Vorfahren, der Zugang zu meiner zazaischen Identität.

Während meiner Studienzeit besuchte ich einen Zazaki-Kurs, der in den Räumen meiner Universität stattfand. Ich versuchte Zazaki zu lernen, zu verstehen, zu sprechen. Obwohl die Grammatik recht einfach war, der Wortschatz nicht sehr groß, einfach zu lernen schien, machten innere Hemmungen es mir nicht möglich, den richtigen Zugang zu finden.
Zuhause konnte ich es nicht üben. Meine Großeltern sind verstorben, keiner meiner Verwandten in meiner nahen Umgebung konnten Zazaki sprechen, meine Mutter verstand es nur. Und mein Vater sträubte sich, mit mir zu lernen.

Jahre zuvor beteuerte meine Großmutter, dass sie Zazaki vergessen habe. Ihre Muttersprache nicht mehr beherrsche. Ihr Türkisch war nicht sehr gut, sie sprach im Dialekt. Wenn aber ein Anruf aus dem Heimatdorf kam, flossen die Worte nur so aus ihrem Mund. Alles Zazaki.

Scheinbar traumatisiert von der Zwangsassimilation in den jungen Jahren der Türkischen Republik, lernte meine Großmutter ihre Sprache, ihre Identität, ihre Wurzeln zu verleugnen.

Mit der Migration nach Deutschland wurde alles noch komplizierter. Die türkische Identität wurde in der neuen deutschen Heimat stärker empfunden. Das verwirrte auch mich. “Ganz normal türkisch” sind wir nicht, das spürte ich schon immer. Als mein Deutschlehrer, der sich politisch links orientierte, mir auf meine in der Klasse empfundene Diskriminierung antwortete “Ja, aber ihr Türken unterdrückt seit Jahrzehnten die Kurden”, dachte ich mir, ja aber doch nicht ich, doch nicht wir! Sagen konnte ich nichts, denn ich wusste selbst nicht, wer ich bin, wer wir sind.

Mit dem Aussterben der Muttersprache meiner Vorfahren und ihrer selbst, verblasst, verschwindet meine ethnische Identität. Das ist traurig.

Die Türken taumeln in die Armutsfalle

Der Verfall der türkischen Währung trifft die Bevölkerung gleich doppelt. Während Konsumgüter immer teurer werden, steigen die Kosten für Kredite. Immer mehr Familien geraten in die Schuldenfalle.
IMG_0062
Straße im bekannten Künstlerviertel Cihangir (Cihangir Mahallesi). Die Wohnungen werden zu Euro-Preisen vermietet. Direkt darunter: Bettler und Müllsammler. Foto: Cigdem Toprak.

Die sich zuspitzende wirtschaftliche Lage in der Türkei trifft die Bevölkerung gleich zweifach hart. Während die Preise für importierte Waren durch den konstanten Wertverlust der Währung Lira teurer werden, treibt die Leitzinserhöhung der Zentralbank die Zinsen für Immobilien-, Kfz- und Verbraucherkredite in die Höhe. Der renommierte türkisch-armenische MIT-Professor und Wirtschaftsexperte Daron Acemoglu befürchtet einen Einbruch des türkischen Konsumbooms.

Seit dem letzten Jahr hat die türkische Währung konstant an Wert gegenüber Dollar und Euro verloren. So zahlte man vor einem Jahr noch 1,68 Lira für einen Dollar, heute sind es 2,26. Als vergangene Woche der Dollar die Marke von 2,40 erreichte, traf sich die türkische Zentralbank zum Krisengipfel. Ihre Entscheidung, den Leitzins von 4,5 auf 10 Prozent zu erhöhen, fiel unerwartet entschlossen – und gegen den Widerstand des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayip Erdogan – aus.

Damit sollte der Wertverlust der türkischen Währung gestoppt werden, um weitere Einbußen der türkischen Wirtschaft zu verhindern. Der weltweite Trend von Investoren, sich aus den Schwellenländern, den sogenannten Emerging Markets, zurückzuziehen, kommt einem Erdbeben gleich. Und mittendrin liegt das Epizentrum Türkei.
Doch die Schwäche der Lira lässt nicht nur ausländische Investoren abwandern, sondern trifft auch die türkischen Verbraucher hart. Viele von ihnen sind hoch verschuldet. Das oftmals niedrige Einkommen und die hohen Lebenshaltungskosten zwingen sie, auf Kredite zurückzugreifen.

Erdogan verrechnet sich

Das monatliche Brutto-Durchschnittseinkommen in der Türkei lag im Jahr 2010 bei 1510 Lira. Mit dem aktuellen Währungskurs gerechnet sind das gerade einmal 500 Euro. Ein türkischer Hochschulabsolvent verdient durchschnittlich 2600 Lira, also weniger als 1000 Euro. Dabei sind die Ausgaben privater Haushalte im Durchschnitt sehr hoch. Das Statistische Amt der Türkei vermeldet, dass sich die durchschnittlichen Ausgaben eines Haushalts auf 2366 Lira belaufen.

Das Gehalt von fast der Hälfte der türkischen Erwerbstätigen liegt jedoch weit darunter. Von den zwölf Millionen sozialversicherungspflichtigen Erwerbstätigen arbeiten 46 Prozent für den Netto-Mindestlohn von 840 Lira. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass in einem Haushalt nur der Mann erwerbstätig ist und die Frau auf die von Erdogan geforderten drei Kinder aufpassen muss, kommt es nicht selten vor, dass eine fünfköpfige Familie mit monatlich weniger als 300 Euro auskommen muss.

Um den Mindestlohn zu verteidigen, macht Erdogan eine einfache Rechnung auf. Wenn eine fünfköpfige Familie täglich dreimal am Tag Tee trinke und dazu die türkische Sesam-Brezel Simit esse, müsse sie hierfür monatlich lediglich 450 Lira ausgeben. Der Oppositionspolitiker Musa Cam korrigierte ihn; Erdogan habe sich verrechnet. Dies seien lediglich die Ausgaben für den Tee, insgesamt beliefen sich die Kosten für die günstigste Mahlzeit auf 1080 Lira.

Die geringen Einkommen und hohen Lebenshaltungskosten treiben immer mehr Türken in die Schuldenfalle. Laut dem Risikozentrum der Türkischen Bankenvereinigung (TBB) haben seit 2009 mehr als eine Millionen Bürger ihre Verbraucherkredite nicht zurückgezahlt. Über 1,7 Millionen Personen waren unfähig, ihre Kreditkartenschulden zu begleichen. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Personen, die ihre Kreditkarten nicht ausgleichen konnten, um 180.000 im Vergleich zum Vorjahr.

“Die Zahl der risikoreichen Kreditnehmer wird weiterhin zunehmen”, befürchtet der Wirtschaftsexperte und Kolumnist Ali Agaoglu. Dies würden auch die neuen gesetzlichen Regelungen zur Begrenzung der Kreditkartennutzung nicht verhindern können. Seit dem 1. Februar können beispielsweise Handys nicht mehr mit der Kreditkarte in Raten finanziert werden.

Abhängigkeit von Importwaren

“Mit den Zinserhöhungen der Zentralbank werden auch die Zinsen für die privaten Schulden der Bürger höher”, sagt Agaoglu. Seit Mai 2013 sind die Zinsen für Immobilienkredite von 8,5 auf 11,5 Prozent gestiegen. Nach der Entscheidung der Zentralbanker wird eine Zinserhöhung auf 13 Prozent erwartet.

Vor dem 17. Januar mussten Verbraucher für einen Kredit von 100.000 Lira mit einer Laufzeit von zehn Jahren insgesamt 77.000 Lira Zinsen zahlen, nun sind es 86.000. Die Entwicklung betrifft auch Kfz-Finanzierungen. Auch hier wird eine Zinserhöhung von momentan 13,2 auf 15 Prozent erwartet. Und für die Verbraucherkredite rechnet man mit einer Zinserhöhung von 1,5 Prozent auf jährlich 16 Prozent Zinsen.

Ein weiteres Problem für die türkischen Verbraucher stellt ihre Abhängigkeit von importierten Gütern dar. Die Türkei leidet an einem hohen Leistungsbilanzdefizit, die Türken konsumieren mehr, als sie produzieren. Der teure Dollar treibt die Preise vieler Güter in die Höhe.

“Wir spüren es vor allem beim Erdöl, die Preise für Benzin werden höher. Auch die erhöhten Preise für Autos, Computer und Handys werden den Verbraucher direkt treffen”, sagt Agaoglu. Zudem dürfe man nicht die Ressourcen vergessen, die für die inländische Produktion in der Türkei importiert werden müssten.

Wirtschaftsexperte Acemoglu spricht gar von einem “überdimensionalen Leistungsbilanzdefizit” der türkischen Ökonomie. Diese strukturelle Schwäche der türkischen Wirtschaft im Zusammenspiel mit den politischen Skandalen würde den türkischen Währungsmarkt negativ beeinflussen. “Die Ausschreitungen der Gezi-Park-Proteste und die autoritäre, unverhältnismäßige Reaktion der Regierung sowie die aktuellen Skandale haben signifikant zum Vertrauensverlust ausländischer Investoren in die Türkei beigetragen.”

Düstere Aussichten für die Bevölkerung

Weiterhin werde der bisher noch vorherrschende Konsumboom schon bald ausgebremst, befürchtet Acemoglu. Denn er wurde teilweise begünstigt durch niedrige Realzinsbeträge und den Kapitalstrom. “Diese Verhältnisse ändern sich jetzt. Diejenigen von uns, die der Meinung sind, dass die türkische Wirtschaft höhere reale Zinsbeträge benötigt, machen sich jetzt Sorgen um einen plötzlichen Rückgang des Konsums, wenn der Boom endet und der ausländische Kapitalfluss zurückgeht.”

Die kommenden Regionalwahlen im März stellen eine weitere Herausforderung für die türkische Wirtschaft dar. Wenn sich die türkischen Devisenmärkte bis dahin nicht beruhigen sollten, werde Erdogan mit einem “außergewöhnlichen Plan B und C” einschreiten, heißt es. Wie diese Pläne aussehen, weiß aber niemand.

“Es herrscht eine Unsicherheit darüber, in welche Richtung die Türkei steuert, und dies hängt teilweise von den regionalen Wahlen ab. Deshalb werden diese voraussichtlich Einfluss auf Währungsmarkt, Börse und die Wirtschaft haben”, sagt Acemoglu.

Wenn das Wahlergebnis für die Regierungspartei positiv ausfalle, könnten sich die Kurse auf dem türkischen Devisenmarkt stabilisieren, vermutet Agaoglu. “Allerdings muss man auch die Entwicklungen in den Märkten der anderen Schwellenländer berücksichtigen.” Für die türkischen Bürger hängt nicht nur ihre wirtschaftliche, sondern auch ihre politische Sicherheit von den Wahlergebnissen ab. So oder so stehen ihnen düstere Zeiten bevor.

Erstveröffentlichung: DIE WELT am 4. Februar 2014

Angemessen gekleidet: Burqa, Niqab, Hijab.

Eine aktuelle Studie des Social Research Instituts der University of Michigan fragte die mehrheitlich muslimische Bevölkerung in Tunisien, Ägypten, Irak, Pakistan, Saudi-Arabien, Libanon und Türkei, welche Kleidungsform für Frauen in der Öffentlichkeit angemessen sei.

Im Durchschnitt wird die weiße Kopfbedeckung (Nr.4), die Haare und Ohren bedeckt, der Burqa, Niqab, Tschador und dem unkonventionellem Tragen sowie keiner Kopfbedeckung vorgezogen. Dass Frauen auch ohne jegliche Bedeckung in der Öffenklichkeit angemessen gekleidet seien, diese Auffassung teilen 32 % der Türken, 15 % der Bevölkerung in Tunesien und 49 % der Libanesen. Die Haltung, dass Frauen in der Lage sein sollten, selbst über ihre angemessene Kleidung zu entscheiden, besitzen 56 % der Tunesier, 52 % der Türken und 49 % der Libanesen.

FT_styleofdress1314

FT_clothing1314


Weihnachten am Bosporus

Nicht wegen ihres Glaubens, sondern weil es sie an Deutschland erinnert, feiern in Istanbul einige Deutschtürken zusammen Weihnachten. Auch wenn sie ihre neue Heimat mögen – manchmal fehlt die alte.

EbruTavli_Weihnachten

Das Wohnzimmer duftet nach frisch gebackenen Vanillekipferl, die in einer Schale mit sternenförmigen Schokoplätzchen angerichtet sind. In der Wohnzimmerecke steht ein Tannenbaum, geschmückt mit goldenen Sternen, roten und grünen Kugeln, im Hintergrund erklingt Weihnachtsmusik – Mariah Careys “All I want for Christmas”. Alles ist für das Fest vorbereit. Eine Szene wie sie sich so kurz vor Weihnachten in Millionen deutscher Haushalte abspielen könnte. Doch vom Fenster dieses Wohnzimmers aus hat man einen atemberaubenden Blick über den Bosporus.

Wenige Tage vor Heiligabend treffen sich hier in einer Wohnung in Istanbul einige deutsch-türkische “Rückkehrer”, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Denn das bedeutet Heimat für die jungen Frauen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen, nach dem Studium aber aus verschiedenen Gründen in die Türkei ausgewandert sind. Auch wenn sie am Bosporus ihr Glück, Liebe und Erfolg gefunden haben, fehlt ihnen manchmal ein Stück deutscher Heimat, ganz besonders in der besinnlichen Weihnachtszeit.

“Weihnachten zu feiern bedeutet für mich, in meine Heimat einen Teil meiner anderen Heimat zuholen”, erklärt die 33-jährige Dilsad Budak. Sie hat in Düsseldorf Jura studiert und lange Zeit ehrenamtlich im Vorstand der Türkischen Gemeinde Deutschland gearbeitet.
“Für mich war Weihnachten als Kind etwas Unerreichbares”, sagt sie. “Es war zwar sehr präsent, draußen war alles weihnachtlich dekoriert und es roch nach Weihnachten. Aber bei uns zuhause fand das christliche Fest nie statt. Das machte mich traurig und ich denke, dass mich das geprägt hat. Deshalb ist es jetzt umso wichtiger für mich, Weihnachten zu feiern.”

“Jesus hat auch im Islam einen hohen Stellenwert”

Dilsad Budak ist eine von 35.000 Deutsch-Türken, die jährlich in die Türkei ziehen. Die sogenannten “Rückkehrer” sind vielmehr “Auswanderer”, denn viele von ihnen kannten die Türkei zuvor nur von den jährlichen Urlaubsreisen mit ihren Familien.

Unter ihnen sind auch sehr gut ausgebildete junge Menschen, die einen wichtigen Teil der neuen Bildungselite in Deutschland bilden. Ob Juristen, Künstler oder Ingenieure – meist verschlägt es sie nach Istanbul, in die größte türkische Metropole. So auch Dilsad Budak.

Ihre Eltern haben die Türkei nicht freiwillig verlassen. Als politische Flüchtlinge kamen sie nach Deutschland. “Mein Vater durfte zwölf Jahre lang nicht in die Türkei einreisen. Deshalb war mein Blick auf das Land immer sehr romantisch verklärt”, sagt sie. “Diesen Blick habe ich immer noch, obwohl mich natürlich die türkische Realität sehr schnell eingeholt hat.”

Sie habe sich schon immer nach einem Leben in Istanbul gesehnt. Sowohl die Liebe zur Stadt, als auch die Liebe zu ihrem damaligen Freund und jetzigen Mann Cengiz gaben Dilsad Budak den Mut, Deutschland ganz zu verlassen.

Dennoch vermisse sie das Land hin und wieder – vor allem an Weihnachten. Obwohl sie keine Christin ist und auch sonst an keine bestimmte Religion glaubt, berührt das Fest sie. Ohnehin sei Weihnachten nicht rein christlich. “Jesus hat auch im Islam einen hohen Stellenwert”, sagt Dilsad Budak. Für sie persönlich ist er ein beeindruckender weiser Mann.

Nikolaus-Geschichten und leere Schuhe

Nicht die biblische Geschichte von Jesu Geburt, sondern eine selbst geschriebene liest Dilsad Budak dann ihren Freundinnen bei Keksen und Tee vor. In der Kurzgeschichte über den Nikolaus erinnert sie sich daran, wie das Fest am 6. Dezember in ihrer Kindheit gefeiert wurde – es war enttäuschend für sie. Denn die Schuhe blieben leer.

Ganz anders erlebte die 30-jährige Seda Türkyilmaz, die in Hannover aufgewachsen ist, die Weihnachtszeit als Kind. “Ich bin mit Weihnachten aufgewachsen, in der Schule gab es immer große Weihnachtsfeiern, es wurde gewichtelt, dekoriert und wir haben Plätzchen gebacken. Zuhause haben wir auch Weihnachten gefeiert, die Geschenke haben wir uns allerdings nicht an Heiligabend überreicht, sondern an Silvester, wie es auch in der Türkei üblich ist.”

Das Fest der Liebe ist für Seda Türkyilmaz eine Feier, zu der deutsche Süßigkeiten und Glühwein gehören. “Einmal im Jahr muss es auch richtig kitschig sein, da muss es glitzern und funkeln.”

Seda Türkyilmaz lebt seit eineinhalb Jahren in Istanbul und arbeitet als stellvertretende Direktorin der Schweizer Handelskammer. Nachdem sie in Berlin Medienwissenschaften studiert hat, ist sie ihren Eltern in die Türkei gefolgt. Ob sie für immer dort bleiben möchte, weiß sie noch nicht.

Ein Leben in Deutschland könne sie sich zwar auch nur schwer vorstellen, aber das “typisch Deutsche” vermisse sie sehr in der Türkei. Dazu gehören “Pünktlichkeit oder, dass man in Deutschland immer einen Plan hat”, sagt sie. “In Deutschland wacht man auf und plant sofort seinen Tagesablauf.” In Istanbul sei das nicht möglich. “Istanbul ist voller Überraschungen.”

“Es ist die schönste Zeit in Deutschland”

An diesem Abend essen allerdings nicht nur Deutschtürken deutsche Plätzchen, es feiern auch junge Türken mit, die sich mit Deutschland verbunden fühlen. So wie die Schwestern Berrak und Begüm Barutcu. Sie haben in Heidelberg studiert. Während die 30-jährige Berrak nach ihrem Jurastudium wieder nach Istanbul zurückgekehrt ist und als Anwältin in einer renommierten deutschen Kanzlei arbeitet, ist ihre vier Jahre jüngere Schwester nach ihrem Studium vorerst in Deutschland geblieben.

Berrak vermisst das deutsche Weihnachtsfest. “Es ist die schönste Zeit in Deutschland”, sagt sie. Zwar feiern Muslime in der Türkei auch religiöse Feste, das Weihnachtsfest aber ist in ihren Augen etwas ganz besonderes. “Die Menschen bereiten sich lange darauf vor, der Duft, die Weihnachtsmärkte, all das macht das Fest so einzigartig”, schwärmt sie.

Auch die 23-jährige Esra Boyacioglu sitzt auf dem weißen Sofa neben dem Weihnachtsbaum. Sie ist in Istanbul geboren und hat nie in Deutschland gelebt. In ihrer Kindheit hat sie allerdings mit ihrem türkischen Vater und ihrer deutschen Mutter Weihnachten in Bremen gefeiert. “Wir versuchen es so weihnachtlich-deutsch wie möglich in Istanbul zu machen, durch Deko, selbst gemachten Glühwein und Plätzchen. Natürlich gibt es Geschenke und ein üppiges Weihnachtsessen”, sagt sie.

Die kleine Weihnachtsparty in dem Wohnzimmer ist allerdings nicht der einzige Ort in Istanbul, an dem Lichterketten, Christbaumkugeln und goldene Girlanden zu finden sind. Einige Viertel der Stadt sind sehr weihnachtlich dekoriert. Tannenbäume und silberfunkelnde Sterne und viele Lichter schmücken das teure europäisch geprägte Einkaufsviertel Nisantasi.

Vor allem wohlhabendere Türken stürzen sich in den Einkaufstrubel und dekorieren ihre Wohnungen. Dies hat weniger mit dem christlichem Fest, als vielmehr mit dem Jahreswechsel zu tun. Silvester ist eine Art “Ersatz-Weihnachten” für viele konsumbegeisterten europäisch denkenden Türken.

Erstveröffentlichung: DIE WELT vom 25. Dezember 2013
Foto: Ebru Tavli

Frauen und Männer- unverheiratet unter einem Dach.


Erneut ist die türkische Jugend erzürnt über ihren Ministerpräsidenten. Denn nun spricht sich
Erdogan gegen gemischte Studenten-WGs aus und fordert staatliche Kontrollen in Privatwohnungen.

IMG_9696

Studenten und Studentinnen in der Türkei sollen getrennt wohnen – dazu hat der türkische Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan eine klare Meinung. Auf einer parteiinternen Versammlung beklagte er in der vergangenen Woche, dass es zu wenig Studentenwohnheime gäbe. Ein Mangel mit der gefährlichen Folge, das Studenten und Studentinnen in dieser Notlage dazu verleitet werden könnten, sich private Wohnungen zu teilen, meint Erdogan.

“Dies entspricht nicht unserem konservativem Demokratieverständnis”, erklärte er. Im der türkischen Stadt Denizli sei das Problem schon eingetreten. “Wir haben dem Gouverneur die Anordnungen gegeben. Das Notwendige wird eingeleitet.” Der Vizepremier und Regierungssprecher Bülent Arinc widerriefen dies und Arinc stellte klar, dass keine staatlichen Kontrollen in privaten Wohnungen stattfinden werden.

Doch Erdogan bekräftigte am nächsten Tag die eigenen Worte. “Ich leugne nicht, was ich einmal gesagt habe. Unsere Regierungspräsidien greifen in diesen Situationen ein”, sagte er. “Wieso wird das als störend empfunden? Wir wissen nicht, was in diesen Wohnungen passiert. Es kann alles passieren. Die Eltern klagen und fragen, wo der Staat ist. Wir müssen zeigen, wo der Staat ist.”

Gemischte WGs sollen kontrolliert werden

Der türkische Innenminister Muammer Güler kündigte nun an, dass ein Erlass vorbereitet werde. Neben illegal vermieteten Wohnungen sollen demnach auch gemischte Studenten-WGs kontrolliert werden. In der Türkei leben die meisten Studenten in staatlichen und privaten Studentenwohnheime zumeist nach Geschlechtern getrennt – teilweise sogar in unterschiedlichen Gebäuden.

Gemischte WGs sind eine Seltenheit. Laut türkischer Medien gab es in Istanbul bereits erste Kontrollen. Am 5. November soll eine Soziologie-Studentin in ihrer Wohnung von 30 Polizisten kontrolliert worden sein, ohne dass man ihr eine Durchsuchungserlaubnis zeigte. In der Stadt Manisa wurde laut Medienberichten gegen Studenten bei einer polizeilichen Kontrolle jeweils ein Bußgeld in Höhe von umgerechnet 32 Euro verhängt, weil Studentinnen zwei männliche Kommilitonen um ein Uhr nachts zu Besuch hatten. Der Vorwurf: Störung der öffentlichen Ordnung.

Zu Erdogans Sorge darüber, was alles passieren kann, wenn junge Männer und Frauen zusammenleben, schreibt der bekannte türkische Journalist Yilmaz Özdil in seiner Kolumne bei der türkischen Zeitung “Hürriyet” sarkastisch: “Ich werde es niemals vergessen. Wieder einmal hatten wir Sex auf dem Rasen auf unserem Campus mit Männern und Frauen, manche von uns auf den Parkbänken, andere auf den Treppen des Universitätsgebäudes. Das Wetter war so toll, deshalb überlegten wir, auch auf der Fähre am Bosporus Sex zu haben.” Özdil folgert in seinem Stück: “So stellen sich diejenigen die Jugend vor, die keine gehabt haben” und kritisiert damit den streng konservativen Lebensstil von Erdogan und vielen seiner Wähler.

Die Debatte um außerehelichen Sex

Der Premier hat mit seinen Forderungen gleich mehrere Debatten losgetreten. Viele kritisieren nicht nur, dass der er sich wie “ein strenger Vater” aufführe, sondern sie diskutieren auch über die Werte und Vorstellungen, die hinter Erdogans Worten stecken. Es geht zum einen um die Frage, ob Frauen und Männer außerhalb der Ehe in WGs zusammenwohnen können, ohne das etwas passieren muss und darum, was passiert, wenn sie außerehelichen Sex haben.

Einige Kolumnisten der älteren Generation verteidigen in der medialen Debatte das Recht auf Sexualität außerhalb der Ehe, wie die Journalistin Ezgi Basaran bei der linksliberalen Zeitung “Radikal”.

Ein Großteil der türkischen Studenten ist sich darin einig, dass Erdogan mit seinen Äußerungen und geplanten Anordnungen zu weit gegangen ist. Was das gemeinsame Wohnen außerhalb der Ehe betrifft, gehen die Meinungen aber auseinander. Viele sagen, dass Erdogans Worte im Grunde nur die Sitten und Werte der türkischen Kultur widerspiegeln würden. In der Türkei herrsche soziale Kontrolle und gesellschaftlicher Druck, erzählt der 24-jährige Student Hasan, der an der privaten Bahcesehir Universität in Istanbul studiert. “Hier gibt es schon immer die allgemeine Haltung, dass keine Wohnungen an unverheiratete Personen vermietet werden sollten. Deshalb sind insbesondere Studenten seit Jahren mit dem Problem konfrontiert, dass sie von Immobilienmakler keine Wohnungen bekommen.”

Nicht die Werte der türksichen Gesellschaft

Sein Kommilitone Ogulcan hält Erdogans Werte nicht für repräsentativ. “Im Mittelmeer-Raum, Maramara-Raum und an der Ägais teilt die Mehrheit der Familien nicht, dass Erdogans Äußerungen die Werte der gesamten türkischen Gesellschaft widerspiegeln”, sagt er. “Ich würde vor der Ehe mit meiner festen Freundin zusammenziehen und auch ein weibliches Familienmitglied von mir sollte das dürfen.”

Denn eigentlich sei bei dieser Debatte die Zielscheibe immer die Frau und nicht der Mann. “Wenn ein unverheiratetes Paar zusammenlebt, dann wird dafür eher die Frau verurteilt als der Mann. Und wie geht die türkische Polizei bei ihren Kontrollen in Wohnungen mit Paaren um, die nur islamisch verheiratet und nicht standesamtlich verheiratet sind?”

Der 18-jährige Student Melih sieht das anders. Er würde seiner Tochter später nicht erlauben, mit einem Mann außerhalb der Ehe zusammenzuwohnen. Alles andere würde die Werte und Sitten der türkischen Kultur verletzen. Aber das gemeinsame Zusammenleben sei eben ein alternativer Lebensstil, der zu tolerieren sei. “Es gibt viele Türken, die das heute ihren Kindern erlauben. Die Frage ist, ob sich der Staat in dieser Angelegenheit einmischen darf. Meine Antwortet lautet Nein. Das geht nur die Familien selbst etwas an.”

Der Druck auf junge Türken könnte stärker werden

Nermin und Zulal sind 20 und 22 Jahre und studieren zusammen Kunstgeschichte an der renommierten staatlichen Marmara Universität und mussten über die Äußerungen Erdogans zunächst schmunzeln. “Ich lebe alleine und mein Freund ist ständig bei mir zu Besuch”, sagt Zulal. Die beiden jungen Studentinnen sind sich einig, gesellschaftlicher Druck sowie soziale Kontrolle habe in der Türkei schon immer geherrscht, was das Thema “Sexualität” angeht.

Aber sie befürchten, dass durch diese Debatte der Druck auf die jungen Türken stärker werden könnte. Die Hausverwaltungen hätten schon begonnen, sich über die Studenten zu beschweren. “Erdogan versucht die Gesellschaft zu spalten, jetzt sind die Studenten die Zielscheibe geworden”, sagt Nermin. Dabei sollten sie geschätzt werden, weil sie schließlich die Zukunft des Landes seien. Beide fordern mehr Freiheit und Toleranz, wollen aber gleichzeitig nicht, dass die Werte der türkischen Kultur verloren gehen.

Auch die junge Psychologie-Studentin Özge bemängelt, dass es in der türkischen Gesellschaft noch viele Tabus gäbe. “In der Türkei sind wir beim Thema Sexualität nicht so frei wie in den westlichen Ländern. Die Türkei ist ein Land, dass europäisch sein möchte aber weit hinter Europa ist”, erklärt sie kritische. Über die Folgen dieser Tabus macht sich die Journalistin Ezgi Basaran Gedanken. Sie sorgt sich um die Zukunft der türkischen Jugend. “Die größte Gefahr für die Jugendlichen ist nicht die Möglichkeit, dass sie Sex haben, sondern dass sie von einem autoritären Staat erstickt werden”, kommentiert sie die aktuelle Diskussion.

Erstveröffentlichung: DIE WELT vom 10. November 2013