Cigdem Toprak

Offener Brief an die AfD-Wähler

Mrz
12

Liebe AfD-Wähler, ich schreibe Ihnen diesen offenen Brief mit der Überzeugung, dass wir nur im Dialog die politischen und gesellschaftlichen Spannungen in unserem Land lösen können – gerade wenn es um Einwanderung und unser friedliches Zusammenleben geht. Es sind unsere gemeinsamen Probleme. Auch ich bin Deutsche, und Deutschland ist auch meine Heimat. Spätestens an dieser Stelle werden einige von Ihnen die Stirn runzeln oder fluchen. Und nicht weiterlesen.

Ja, ich gehöre zu jenen, die glauben, dass man mit Ihnen sprechen, Ihre Sorgen ernst nehmen sollte. Weil Sie vielleicht meine Nachbarin sind, mein Kollege, vielleicht die Kundenbetreuerin, mit der ich heute Morgen lange telefoniert habe, vielleicht der Kellner, der mich bediente, die Ärztin, die mich behandelte. Oder die Richterin, die mir mit ihrem Urteil ein Stück Gerechtigkeit schenkte. Oder derjenige, der mir auf der Straße hoch half, als ich auf glattem Boden ausrutschte.

Ja, ich gehöre zu jenen, die glauben, dass man Sie nicht beschimpfen oder pauschal als Rassisten bezeichnen sollte. Auch wenn sich unter Ihnen so viele Rassisten tummeln, die, sobald sie meinen türkischen Namen lesen, hetzerische Kommentare schreiben werden. Meine Worte richten sich an jene, die sich nicht für meine Herkunft interessieren, sondern dafür, was ich zu sagen habe. Weil ich Ihre Nachbarin bin, Ihre Kollegin, diejenige, die Sie an der Kasse oder in der U-Bahn anlächelt – nicht ahnend, wo Sie Ihr Kreuz setzen.

Es gibt viele und verschiedene Gründe, weshalb Sie die AfD gewählt haben oder bei der nächsten Gelegenheit wählen werden. Ich werde keine ideologische Debatte mit Ihnen führen oder Sie zur Rechenschaft für Ihr Wahlkreuz ziehen. Ich möchte Sie an etwas erinnern, was Sie in den letzten Jahren unserer gestressten Republik vergessen haben könnten: Rassismus und Menschenfeindlichkeit haben keinen Platz in unserem Land.

Nicht in der AfD, auch nicht in der Union, nicht in der FDP, nicht bei Grünen, der SPD oder Linkspartei. Die Verletzung der Menschenwürde kennt kein „rechts“, kein „links“. Rassismus kennt kein „mit“, kein „ohne Migrationshintergrund“. Er kann von jedem kommen und auch jeden treffen. Mich genauso wie Sie. Sie können mich genauso hassen, wie ich Sie auch hassen könnte – keine Sorge, Gründe dafür würde ich schon finden.

Wenn das Herz den Hass zulässt, findet auch die Vernunft ihren Weg dahin. Hass und Hetze können überall sein, überall dort, wo wir unsere Augen davor verschließen. Schauen Sie nicht weg, wenn ranghohe AfD-Funktionäre den geschätzten deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel angreifen und ihm seine deutsche Identität absprechen.

Wenn ein AfD-Politiker die Opfer des Dritten Reiches verhöhnt, indem er vom Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ spricht. Wenn der AfD-Landeschef von Sachsen-Anhalt Türken als „Kümmelhändler“ und „Kameltreiber“ beschimpft und in seinen eigenen Worten „Ausländer raus“ ruft. Schauen Sie genau hin, wenn Ihr Parteichef meint, es sei nicht rassistisch zu sagen: „Die Türken gehören nicht zu uns.“

Sie sind nicht das „Pack“, aber auch nicht gerade die Hoffnung dieses Landes für eine demokratische Gesellschaft. Da mache ich mir keine Illusionen. Aber Sie sind Wähler. Und Sie haben die Wahl, ob die AfD konservative Positionen in unserer Parteienlandschaft einnimmt – oder ob Sie eine Partei wählen, die so lange pauschalisiert, ausgrenzt und hetzt, bis Sie taub werden und Ihr Gewissen nicht mehr hören können, das sich melden müsste, wenn die Würde eines Menschen verletzt wird.

Ich spreche mit diesem Brief diejenigen an, die wütend sind auf die Politik, die enttäuscht sind angesichts der Entwicklungen in diesem Land.

Auch ich bin wütend und balle meine Hand zur Faust, wenn ich vollverschleierte Frauen sehe. Wütend auf das System, das Frauen und ihre Männer glauben lässt, dass man ihre Würde mit dem Schleier verteidigen müsse. Ich bin aber auch wütend und beiße meine Zähne zusammen, wenn ich sehe, wie eine Patientin im Wartezimmer einer onkologischen Praxis von den anderen Patienten als „Flüchtling“ ignoriert wird und die dicke Luft für alle unerträglich wird.

Wenn niemand die Mutter sieht, die mit ihrer zweijährigen Tochter auf ihre Krebsbehandlung wartet, sondern nur ihr Kopftuch. Und es macht mich wütend, wenn ich junge „Flüchtlinge“ sehe, die mich belästigen. Es macht mich aber auch wütend, wenn meine Mitmenschen glauben, dass sexistisches Verhalten und Gewalt in der DNA von Muslimen angelegt sei.

Auch ich habe die ewig langweiligen politischen Floskeln unserer Volksparteien satt, und auch ich wusste nicht, wo ich bei der letzten Wahl mein Kreuz setzen sollte. Ich bin auch unzufrieden mit den Entwicklungen in diesem Land, in dem eine Minderheit einer Minderheit den öffentlichen Diskurs über die Rolle der Religion in unserer Gesellschaft diktieren möchte.

Aber ich lasse nicht zu, dass meine politischen Sorgen zu meinen persönlichen werden. Nur weil ich das Kopftuch ablehne, lehne ich nicht die Frau ab, die es trägt. Ihre Menschenwürde verletzt zu sehen, kann nicht in meinem Interesse sein. Denn es ist der Schutz der Menschenwürde, die unsere deutsche Gesellschaft ausmacht.

„In Deutschland hat dein Leben einen Wert“, höre ich immer wieder von meinen Verwandten und Freunden in der Türkei. Und darüber bin ich glücklich, darauf bin ich stolz.

Man kann sich darüber streiten, welcher Personenkreis in Deutschland das Recht auf Zuflucht und Asyl hat. Wir können leidenschaftliche Debatten darüber führen, ob straffällige Flüchtlinge abgeschoben werden sollen. Oder unzählige Argumente finden, wie verlogen die Welcome-Refugees-Bewegung im Herbst 2015 war. Sie können gerne den Aufnahmestopp der Essener Tafel für nicht-deutsche Bedürftige gutheißen. Aber während Sie Ihren Unmut kundtun, denken Sie an die Würde der Menschen, über die Sie sprechen.

Ich erwarte nicht, als Bürgerin dieses Landes, dass Sie meine Wurzeln, meine Kultur oder meinen Glauben kennen oder lieben. Ich erwarte, dass Sie, als Bürgerin oder Bürger dieses Landes, mich nicht aufgrund meiner Wurzeln, meiner Kultur oder meines Glaubens pauschal ablehnen oder gar hassen.

Die AfD kann keine Alternative für Deutschland sein, solange sich ihre Funktionäre nicht klar von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit distanzieren. Denn es ist nicht die Vielfalt, die unsere Gesellschaft gefährdet. Sondern die fehlende oder falsche politische Koordination dieser Vielfalt.

Ich spreche nicht davon, wie friedliebend Muslime sind, wie erfolgreich viele Deutsche mit Migrationshintergrund sind, wie hoch sie aufgestiegen sind, welche tollen Beispiele wir in der Medienwelt, in der Politik und im Showbusiness haben.

Ich rede davon, nicht unsere Menschlichkeit zu verlieren. Ich habe meinen Glauben an unsere Gesellschaft nicht verloren und auch nicht den Glauben an Ihr Gewissen. Ich vertraue Ihnen, obwohl Sie die AfD wählen. Weil Sie den Essay bis hierhin gelesen haben.

Ich werde für Ihr Recht auf freie Meinungsäußerung kämpfen und für Ihre Würde eintreten. Aber werden Sie auch meine Menschenwürde schützen? Werden Sie es versuchen?

 

Erstveröffentlichung: DIE WELT, 6.3.2018

 

5 Responses to Offener Brief an die AfD-Wähler

  1. Danke! Wunderschön, treffsicher, und sehr ehrlich… Danke!

  2. So stelle ich mir eine offene Diskussion vor. Leider hatte DIE WELT es vorgezogen, diesen Offenen Brief nur Abonnenten zugaenglich zu machen. Da wurde das gesellschaftliche Interesse an einer solchen Diskussion offensichtlich geringer geschaetzt als der Wunsch, die eigene Leserschaft zu erweitern. Das wirft kein gutes Licht auf DIE WELT, aber ich will mich nicht beklagen, denn so habe ich diesen Blog gefunden.
    Vielen Dank!

  3. Liebe Frau Toprak!
    Dieser offene Brief, so gut er auch gemeint ist, basiert leider auf einem Zerrbild vieler AfD Waehler, welches durch die staendige Verunglimpfung durch die Mainstream-Medien propagiert wurde und wird. Ihr Ansatz, im politischen Diskurs den Menschen und seine Wuerde nicht aus den Augen zu verlieren, ist ja richtig, aber darf nicht nur in Bezug auf die Migranten gelten! Auch die AfD Waehler sind Menschen mit berechtigten Interessen. Das wird aber kaum diskutiert, und wenn, dann nur auf aeusserst herablassende Art und Weise.
    Das geht von Titulierungen wie „Pack“, was Sie ja auch ablehnen, ueber „Globalisierungsverlierer“ und „Abgehaengte“ bis hin zu „Menschenfeinde“. Dabei haben viele der AfD Waehler – unabhaengig von ihrer wirtschaftlichen Situation – nur die Sorge, dass ihre Heimat unwiederbringlich verloren geht. Gerade die Ostdeutschen haben das schon einmal erlebt. Das wird aber in Deutschland aufgrund seiner Geschichte immer als rechtsnationales Gedankengut verteufelt.
    Wo wird denn die Diskussion gefuehrt, ob Deutsche auch ein Recht auf Heimat haben? Ich verstehe ja, dass es schwer ist fuer jemanden mit Migrationshintergrund, sich mit der Heimatverbundenheit von Menschen , die nur in einer Kultur zu Hause sind, auseinander zu setzen. (Diese Heimatverbundenheit ist uebrigens kein spezifisch deutsches Phaenomen. Es ist einer der Gruende, warum Einwanderer Parallelgesellschaften bilden.) Es ist auch schwer fuer Medien, die von Natur aus elitaer sind, die Gefuehlswelt der einfachen Menschen gleichberechtigt zu reflektieren. Aber Medien, die fuer sich einen Informationsauftrag reklamieren, muessen das versuchen, denn diese Gefuehlslage ist echt. Wenn Medien dagegen glauben, statt eines Informationsauftrags einen Bildungsauftrag zu haben, dann ist die derzeitige Berichterstattung adaequat. Nur sollte sich dann niemand wundern, wenn die Waehler sich bevormundet fuehlen.
    Ich nehme Ihnen ab, dass Sie ernsthaft an einer offenen Auseinandersetzung interessiert sind. Wenn Sie schreiben,dass die AfD „aber auch nicht gerade die Hoffnung dieses Landes für eine demokratische Gesellschaft“ sei, dann finde ich das vermessen. Die AfD bewirkt gerade, dass endlich auch Tabuthemen angesprochen werden. Das halte ich fuer eine Demokratie als zwingend erforderlich. Inwieweit die AfD ein Gewinn fuer die deutsche Gesellschaft ist, wird sich zeigen. Da ist bei einer so jungen Partei jedes Urteil verfrueht.
    Ich freue mich auf Ihre Antwort.

  4. Nach dem einleitenden Satz „Liebe AfD-Wähler, ich schreibe Ihnen diesen offenen Brief mit der Überzeugung, dass wir nur im Dialog die politischen und gesellschaftlichen Spannungen in unserem Land lösen können“ hatte ich eine etwas regere Diskussion erwartet. Bisher sind wir nicht ueber einen Monolog mit einigen Repliken hinausgekommen.
    Wurde das Dialogangebot vielleicht nur in der Hoffnung gemacht, darauf keine Antwort zu bekommen, um dann den AfD-Waehlern die Gespraechsbereitschaft absprechen zu koennen? Das Verhalten der Zeitung DIE WELT laesst eine solche Motivation ihrerseits vermuten. Ich hoffe doch sehr, dass die Diskussion hier noch in Gang kommt.

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