Shisha

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Im Vorbeilaufen schnappt man den streng-süßlichen Geruch auf, der nach draußen dringt. In den halbdunklen Cafés mit blauem bis violettem Neonlicht stehen Kunststoffbänke oder schwarz-braune Ledersessel. Wenn es warm wird, sind Fenster und Türen geöffnet, und einige Gäste sitzen draußen. Die Männer tragen viel Schwarz, Kappen und Bomberjacken von Alpha Industries. Die Frauen, stark geschminkt, erinnern in Jeggings, dazu Sneakers oder High Heels, an Kylie Jenner. Es läuft Hip-Hop oder R-’n’-B-Musik.

Oft bleibt es beim Vorbeigehen. Nur selten traut sich hinein, wer keinen Migrationshintergrund hat, auch wenn er die Shisha aus dem Ägypten- oder Türkei-Urlaub kennt. Meist sind die Gäste junge Deutsche mit ausländischen Wurzeln oder Migranten. Die Wasserpfeifen-Bars sind seit Jahren ihr Terrain. „Lass mal Shisha“ – so heißt im migrantisch-deutschen Slang die Frage oder besser die Aufforderung an die Freunde per Whatsapp, eine Wasserpfeife rauchen zu gehen.

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Doch die Shisha-Gastronomie wird vielfältiger, und viele Bars sind längst nicht mehr nur Männercafés. Ihr Publikum wird kosmopolitischer. Studentengruppen treffen sich nach den Seminaren. Auch Rechtsanwälte und Bankberater entspannen bei einer Wasserpfeife.

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Einst fand die Shisha ihren Weg aus Indien im 16. Jahrhundert in das Osmanische Reich. Von dort aus gelangte sie in die arabische Welt, wo sie ihren festen Platz in der Alltagskultur hat. Das Wort „Shisha“ stammt aus dem Persischen – „shishe“ bedeutet übersetzt „Flasche“ und bezeichnet neben „Nargile“ in der Türkei und den arabischen Ländern die Wasserpfeife. Über die Türkei kam die Shisha nach Deutschland. Die Vielfalt der Aromen reicht heute von Apfel über Schokolade bis hin zu Fanta. Es gibt keine Statistik über Shisha-Bars in Deutschland, aber allein in Berlin sollen es mehr als 110 sein. Tendenz steigend.

„Es gibt ja dieses typische Bild von Shisha-Bars, in denen nur Türken oder Araber sitzen. Aber das ist schon lange nicht mehr so.“

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Das sagt Mutlu Karaoglan, Betreiber des „Shishantash“, einer modernen Shisha-Bar in Frankfurt. Zu seinen Gästen zählt er Vorstandsmitglieder deutscher Banken, Dirigenten und überhaupt Menschen jeglicher Herkunft. Der Schauspieler Moritz Bleibtreu hat hier im vergangenen Herbst für einen Kinofilm gedreht.

Karaoglan, gelernter Einzelhandelskaufmann, eröffnete seine Bar 2007, nachdem er im Istanbul-Urlaub in einem Café mit Blick auf den Bosporus bei einer Wasserpfeife entspannt hatte. „Die Deutschen wollen Shisha rauchen wie wir“, sagt er. „Aber sie trauen sich nicht hinein.“ Ein mono-ethnisches Publikum schrecke sie ab. „Ich kann es verstehen. Deshalb muss man eine gesunde Mischung herstellen.“

Der 28 Jahre alte Ertun Kartal sieht das anders. Erst kürzlich hat er sein zweites Café eröffnet, eine Mischung aus Restaurant, Shisha-Bar und Beach-Club in Hanau. Seine „Suare Lounge“ in Offenbach ist seit 2015 ein beliebter Treffpunkt zwischen türkischen Männercafés und griechischen Restaurants. Sein Publikum beschreibt Kartal als „Multikulti“: „Du wirst aber ganz selten einen Deutschen über 50 eine Shisha rauchen sehen. Ist nicht ihr Milieu. Ich gehe auch nicht ins Hofbräuhaus.Die Musikrichtung passt nicht, die Klientel passt nicht, die Shisha passt nicht. Aber wir wollen im Sommer hier in Hanau mit dem Beach-Club auch die Spaziergänger ansprechen, die mit ihren Hunden Gassi gehen und für ein Bier bei uns vorbeischauen können.“ Während der Umbauarbeiten bekam er öfter Besuch von Polizisten.Anwohner hätten sich besorgt darüber gezeigt, was dort vor sich gehe: ausländische junge Männer, viele Autos, vielleicht Drogen? Kartal lacht darüber.

„Es herrschen viele Vorurteile gegenüber Shisha-Bars“, sagt auch Mutlu Karaoglan. „Viele glauben, dass die meisten Inhaber Geldwäsche betreiben oder es zu Schlägereien kommt.“ Aber er möchte keine Kriminellen in seiner Bar. „Das ist imageschädigend. Und wenn solche Leute kommen, hat man auch die Polizei da.“

In kaum einer anderen Bar treffen so viele unterschiedliche Lebenswelten und Kulturen aufeinander wie bei der Wasserpfeife: harte Jungs neben einem Schauspieler, einer Jura-Studentin oder einem Profi-Boxer. „Die Leute sitzen hier wirklich zusammen“, sagt der 31 Jahre alte Cem Görmüs, Betreiber der Darmstädter Bar „Zeitlos“. „Sie sind miteinander, ob Kopftuchträgerinnen, Schwarze, Syrer oder Deutsche. Wir haben sogar Polizisten als Gäste.“

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Görmüs, der aus einer klassischen Gastarbeiterfamilie kommt, die seit Jahrzehnten von Dönerbuden bis Burger-Restaurants ihren Fuß in der Gastronomie hat, hat sich mit seiner eigenen Bar von der Familie emanzipiert und bewusst einen deutschen Namen gewählt. „Ich konnte mich mit den orientalischen Namen nicht identifizieren.“ Das „Zeitlos“ versteht sich am Wochenende auch mehr als Club denn als Bar. „Hier wird auf den Tresen getanzt“, sagt Görmüs. „Die Jungs stellen ihre Autos vor der Tür ab, sind präsent, wollen gesehen werden. Es ist der Lifestyle, der die Menschen hierherzieht.“

Für Mutlu Karaoglan aber ist es auch die Sucht nach der Wasserpfeife. „Auch ich bin süchtig“, sagt er. Manche Gäste kämen mehrmals, bis zu siebenmal am Tag. Um ihre Gesundheit zu schützen, werden etwa im „Zeitlos“ höchstens zwei Wasserpfeifen an einen Gast ausgegeben, im Abstand von mindestens zwei Stunden. Außerdem hat es eine gute Lüftung – wegen zu hoher Kohlenmonoxidwerte fallen in schlecht belüfteten Shisha-Bars immer wieder Gäste in Ohnmacht.

Dass der wassergekühlte Rauch der Shishas harmloser ist als der von Zigaretten, ist eine Mär. Der Tabak verschwelt bei niedrigen Temperaturen, wodurch Gifte und krebserregende Stoffe entstehen. „Die zahlreichen Zusatzstoffe machen ihn noch gefährlicher“, warnt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Trotzdem steigt der Konsum von Wasserpfeifentabak. 2016 lag der Absatz in Deutschland um 45,6 Prozent höher als im Vorjahr.

Die 23 Jahre alte Pädagogik-Studentin Larissa Batlak kommt mehrmals die Woche ins „Shishantash“ in Frankfurt. „Ansonsten rauche ich meine Shisha zu Hause. In die Bar komme ich auch wegen der Leute“, sagt sie. Seit die Shisha angesagt ist, gehe sie weniger in Clubs. „Junge Menschen sind heute mehr in Shisha-Cafés als in Clubs anzutreffen“, sagt Ertun Kartal. Die strenge Türpolitik der Diskotheken für Männer sei einer der Gründe. Zudem sei mit Eintritt und Getränken eine Clubnacht teurer als ein Abend in der „Suare Lounge“, in der am Wochenende ein DJ auflegt.

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„Es ist die Gesellschaft, die man hier findet. Es ist entspannend“, sagt Sascha Apel, der zusammen mit Antonios Tabas das „Gatsby“ in der Frankfurter Innenstadt betreibt, die „Hipster-Bar“ der örtlichen Shisha-Szene. Hier sucht sich die Bar ihre Gäste aus. Die Scheiben sind verspiegelt, man kann nicht hineinsehen, und die Tür ist verschlossen. Die Kellner machen die Tür auf – aber nicht jeder darf dann auch in der kleinen Bar Platz nehmen.

Eine strenge Türpolitik soll vor streitsüchtigen Gästen schützen – und dafür sorgen, dass Stil und Ausrichtung der Bar erhalten bleiben. Glamour, Party, Liebe: „So wie im Buch und Film ,Gatsby‘ eben.“ Der 35 Jahre alte Offenbacher ist seit zwölf Jahren in der Gastronomie tätig und hat sich vor drei Jahren seinen Traum von einer eigenen Bar erfüllt.

Auch das „Shishantash“ und das „Zeitlos“ haben ihre Türpolitik – nicht nur, damit Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenkommen, sondern auch, damit ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen herrscht. „Größere Männergruppen lassen wir nicht rein“, sagt Mutlu Karaoglan. „Frauen fühlen sich dadurch bedrängt. Es gibt ja Gucken und Gucken. Manche gaffen. Als Frau ist das nicht sehr angenehm.“ Auch bei der Sitzordnung wird darauf geachtet, dass alle gemischt sitzen. „Es soll hier nicht wie in der Moschee sein, Frauen hier, Männer da“, sagt Karaoglan und lacht.

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Die neuen Locations legen wert darauf, weniger orientalisch als vielmehr modern, urban, kosmopolitisch zu sein. Sie setzen auf Vielfalt: Alter, Geschlecht oder Herkunft spielen keine Rolle. Minztee trinken, Wasserpfeife rauchen – und zu Nicki Minaj tanzen. Man teilt die Shisha und die Themen. Die einen starren auf ihr Handy und schalten ab. Die meisten aber unterhalten sich über den Job, über Beziehungen, über Sport. Karaoglan sagt: „Definitiv nicht über Weltpolitik.“

Ein Gedanke zu “Shisha

  1. Deine Aussage zu sagen das Erdogan nicht schaffen wird ein Keil zu setzen ist einfach lächerlich. Was habt ihr alle davon euren Land zu verraten, habt ihr es von zu hause so gelernt, zu betrügen zu belügen? Und du sollst Türkin sein ? Türke zu sein bedeutet stolz zu sein, ehrenvoll zu sein, zu seinem Land zu stehen. Über dein Land schlecht reden den Präsidenten indirekt angreifen, das ist Landes verrat. Cigdem toprak nein das ist kein Name für dich geh nenn dich Heidi oder ähnlich. Unsere President wurde gewählt von meinen landsleuten auch wenn es mir nicht gefallen würde, würde ich nicht über mein Land über mein President negativ schreiben. Du solltest dich schämen. Ich werde keine CDU SPD oder grüne wählen und meine Familie auch nicht!!! Ne Mutlu Türküm diyene!!!

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