Offenbach

OffenbachFoto: Ingolf

Heute ist Bundespräsident Joachim Gauck in Offenbach zu Besuch – einer Stadt, in der 60 Prozent aller Einwohner einen Migrationshintergrund haben. Doch Offenbach ist nicht Neukölln – trotz hoher Kriminalität, Vollverschleierung und radikalem Islamismus. Das Leben ist für den Großteil der Migranten im Rhein-Main-Gebiet angenehmer als in Berlin, weil sich keine mono-ethnischen Viertel entwickelt haben und Vielfalt in allen Schichten existiert. Alltägliche Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft ist hier selbstverständlich.

Ich bin in einem Vorort nahe Frankfurt am Main aufgewachsen, einer Stadt, in denen die Wolkenkratzer uns zeigten, wie weit hoch wir es schaffen können und wofür unsere Großeltern in den 70er Jahren nach Deutschland kamen: Wohlstand. Die Frankfurter Skyline steht auch für etwas anderes, die diejenigen stark zu spüren bekommen, die von ganz unten kommen: Macht. Der Frankfurter Flughafen bewies uns jeden Sommer, wenn wir mit zu vielen Koffern in die Heimat unserer Eltern reisten, wie groß die Welt mit ihren unzähligen Zielen ist. Wenn wir aber unsere eigenen Ziele erreichen wollten in dieser Gesellschaft, dann sollte unsere Herkunft nicht zu unserem Handicap werden. Nicht wir selbst und auch nicht unsere Mitmenschen sollten uns auf unsere Wurzeln reduzieren.

Als ich noch zur Grundschule ging, empfanden wir es noch ein Privileg, neben Deutschen zu wohnen. So unglaublich zerschmetternd es auch heute klingen mag, das war unsere Realität. Bis vor wenigen Jahren waren wir noch Ausländer, hatten noch keinen Migrationshintergrund, aber die Motivation, aufzusteigen und ein Teil dieser Gesellschaft zu werden, war dennoch groß. Dies konnte nur durch die Begegnung mit Deutschen und anderen Nationen geschehen. So konnte die Nachbarschaft zu unserer Nachbarschaft werden und die Stadt zu unserer Stadt werden. Abschottung konnte niemals eine Chance für uns sein.

Ich bin nicht in Berlin aufgewachsen, wo der Multikulturalismus den Migranten Toleranz, aber auch Bequemlichkeit bietet. Die unterschiedlichen Kulturen können sich in ihre Communities zurückziehen – ganz zum Vorteil der Mehrheitsgesellschaft, damit die eintauchen kann in die exotischen Welten, damit sie die kulinarische Vielfalt auskosten kann, ohne Menschen zu begegnen und sich ihnen verbunden zu fühlen.

Als Kind habe ich aber Berlin erleben dürfen, weil ein Teil meiner Familie dort lebt. Ich kannte nur das migrantische Berlin, ich spielte auf den Kreuzberger Straßen und bummelte im Neuköllner Karstadt – und bemerkte schon als Kind, dass das Leben für meine Berliner Verwandten anders war. Dass die Verkäuferin im türkischen Supermarkt kein einziges Wort Deutsch konnte, dass wir uns als Mädchen nicht zu lange auf der Straße aufhalten sollten, dass viele Türken nur unter Türken waren, und wenig Kontakt zu Deutschen oder anderen Kulturen hatten. Der konservative Lebensstil und die Abschottung – das gefiel mir nicht, es irritierte mich. Heute verstehe ich, dass außer der intellektuellen migrantischen Szene Berlins, zu viele Berliner Türken konservativ und abgegrenzt lebt – dass also nur eine Minderheit an dem offenen, freien und kreativen Berlin teilnimmt. Berlinerinnen, die noch nie in ihrem Leben ihren Kiez verlassen haben, dürfen den Preis für den Multikulturalismus zahlen. Der Berliner Blick auf die Integration in Deutschland ist oft verzerrt und eng – auch weil die deutsch-deutsche Berliner intellektuelle und politische Elite glaubt, Vielfalt als politische Idee besitzen können, ohne sie leben zu müssen. Man schickt die eigenen Kinder an Schulen mit geringem Ausländeranteil, als Student noch im hippen Kreuzberg gewohnt, als Berufstätiger aber dann doch lieber ins Prenzlauer Berg gezogen – während man auf AfD-Wähler hinabschaut. Abschottung geht auch deutsch-deutsch.

Auch in Frankfurt gibt es soziale Brennpunkte und das nahegelegene Offenbach mit einer Bevölkerung, die sich aus 158 Nationen zusammensetzt, ist noch immer eine Hochburg für Kriminalität.  Aber die Atmosphäre in Frankfurt und Offenbach ist längst nicht so angespannt, wie ich es in Berlin erlebe – ob in Neukölln oder in Mitte, ständig begleitet mich das Gefühl, dass meine Herkunft in Berlin im Vordergrund steht. Ich fühle mich in Berlin zu türkisch.

Frankfurt aber bietet seinen Bewohnern wie Besuchern etwas, was Berlin nicht kann: die  Selbstverständlichkeit ihrer Identitäten. Hier empfinde ich meine Herkunft weder positiv oder negativ beladen oder dass sie gar hinterfragt wird – hier geht es um Chancengleichheit und Anerkennung. Meine Zugehörigkeit gilt als selbstverständlich. So selbstverständlich Menschen aus 170 Nationen also an der Frankfurter Börse und in den Chefetagen arbeiten. Das Sicherheitspersonal am Frankfurter Flughafen aber ist für die Stadt genauso wertvoll wie der Börsenmakler. Diversität herrscht hier in allen Schichten. Abgeschottete mono-ethnische Viertel gibt es hier nicht. Hier wird Chancengleichheit nicht gepredigt, sondern gelebt. So wird man vom Türken zum Kollegen, von einer Frau zur Chefin. Und nicht andersherum.

Als ich im Sommer draußen vor der Bar im Frankfurter Bahnhofsviertel zwei Banker fragte, wieso sie ihren Wein lieber zwischen türkischen Barbiers, Obdachlosen,  Hinterhofmoscheen unweit vom Rotlichtmilieu trinken, statt in der feinen Fressgass nahe der Frankfurter Oper, hörte ich nichts von von Multikulti,  wie cool Araber oder Türken seien, oder Parolen a là der Islam gehöre zu Deutschland. Stattdessen sagten sie mir, dass hier die verschiedenen Welten aufeinanderprallen. Hier sei eben das echte Leben.

Aber wie abgeschottet oder offen die Migranten in den deutschen Städten auch leben, sie fühlen sich oftmals stärker mit ihrer Stadt verbunden als mit Deutschland. In einer Zeile des deutsch-iranischen Rappers Nimo aus Offenbach heißt es „Ich liebe meine Hood, aber hasse das Land.“

Auch in Zeiten, als ich mich noch nicht als Deutsche bezeichnen dufte und wollte, kannte ich ein Zuhause, das nicht deutsch war, aber in Deutschland lag. Und das war meine Stadt. Es waren die Städte, die uns von Beginn an aufnahmen und in jenen Momenten Halt gaben, in denen wir uns fremd in diesem Land fühlten. Gemeinsam mit unseren deutsch-deutschen und nicht-deutschen Nachbarn, Kollegen und Freunden konnten wir eine Identität teilen, die nicht belastet war von Schuld, von Krieg, von Gewalt, von Hass, von Ablehnung. So wie es die deutsche war. Der Regionalpatriotismus hat insbesondere die junge Generation der Migranten erreicht. Wenn wir Deutsch-Türken uns im Urlaub in Istanbul oder Izmir kennenlernen, dann heißt die erste Frage „Woher kommst du?“ Und prompt hat hört man einen scherzhaften Spruch über die Haltung oder den Dialekt des Düsseldorfers oder Münchners. Und auch in Deutschland touren junge Deutsche mit ausländischen Wurzeln viel in Deutschland herum, um Freunde und Familie zu besuchen oder um Feiern zu gehen.

Städte können etwas, was dieses Land noch zu meistern hat: sie schaffen kollektive Identitäten. Die urbane Identität sagt etwas über die Bewohner aus, unabhängig von ihrer kulturellen Herkunft, weil sich Stadt und Bewohner gegenseitig prägen. Sie schaffen sich eine gemeinsame Zukunft. Denn die Stadt steht zu dem, was das Land nur zögerlich zugeben möchte: dass sie dynamisch ist, sich verändert und sich von den unterschiedlichen kulturellen Einflüssen ernährt. Die Stadt bietet Migranten eine Heimat –  etwas, wonach Menschen in Momenten des Fremdseins sehnsüchtig suchen. Und das ihnen niemand abstreiten kann. Ein Türke aus Berlin oder Frankfurt ist zuerst Berliner oder Frankfurter – noch bevor er Deutscher sein kann. Aber das gilt wahrscheinlich für viele Deutsche.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen im Tagesspiegel, 29.November 2016.

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