Für immer Türke?

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Der Kommentar „Für immer Türke“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat einen wunden Punkt getroffen. Er hat ein Thema berührt, das in den Redaktionsräumen führender Medien und in unserer Gesellschaft vor sich hin schlummerte: Es geht um die Bedeutung der Herkunft in einem Land, in dem das Grundgesetz jedem Menschen unabhängig von seiner Herkunft die gleichen Rechte und Freiheiten einräumt. Und damit die gleichen Chancen. Die Realität jenseits politischer Floskeln sieht aber anders aus. Auch bei Journalisten.

Wenn der Autor Michael Martens darauf aufmerksam macht, dass deutsche Redaktionen türkischstämmige Journalisten oft auf ihre Herkunft reduzieren und sie damit vereinnahmen für Themen zur Türkei oder der Migration, sie vielleicht sogar auf diese Themen beschränken – so wie Erdogan die Deutschtürken für seinen Wahlkampf vereinnahmt -, dann ist das eine berechtigte Kritik. Berechtigt ist außerdem die Beobachtung, dass auch Journalisten mit türkischem Hintergrund Dynamik und Entwicklungen der politischen und gesellschaftlichen Ereignisse missverstehen können – trotz ihrer Sprachkenntnisse. Eine Kritik, die eine aufrichtige und faire Debatte verdient.

Doch die Reaktionen von Journalisten und Chefredakteuren führender Medien lauteten: „infam“, „paternalistisch“, „unsinnig“, „daneben, „irritierend“, „traurig“, „ganz unten“. Lässt sich da etwa eine Empörung heraushören, die man den Bürgern auf den Straßen sonst gerne übelnimmt? Und wie kommt es, dass man sofort in eine Abwehrhaltung kommt, obwohl viele Medienmacher mit türkischem Hintergrund sich genau darüber beklagen – dass man zu oft „Türkenthemen“ bedient, sich aber auch zu anderem berufen fühlt und eben nicht den „Quotentürken“ spielen möchte?

Meine erste Reaktion auf Martens’ Kommentar war zunächst ebenfalls Irritation. Ich habe mich gefragt, wieso man sich hier nicht mit Deniz Yücel solidarisiert. Hätte ich nach meinem ersten Gefühl getwittert, ohne darüber nachzudenken, wären auch die Worte „enttäuscht“ oder „irritiert“ gefallen.

Ich habe aber kurz innegehalten und musste zugeben, dass Martens recht hat und sich sehr wohl mit Yücel solidarisiert. Er stellt sich nicht hinter die Yücel in der Türkei gemachten Vorwürfe, nimmt den Fall aber zum Anlass, über etwas zu schreiben, was in den Köpfen der Menschen schwebt. Ich habe mich an den Artikel von der türkisch-deutschen Journalistin und Autorin Cigdem Akyol erinnert, die sich bereits 2010 darüber beklagte, dass sie sehr wohl einen einfacheren Zugang zu Themen wie Islam und Migration hat, sich aber an einer „unangenehmen Nebenwirkung“ stößt: „Kompetenzen, die ich mir hart erarbeiten musste, werden gerne mal übersehen. Ich habe Völkerrecht studiert, nicht Einwandererdasein.“

Doch während persönliche Texte über die Türkei bei vielen Redaktionen sehr willkommen sind, sieht es bei Analysen und philosophischen Essays anders aus. Und wenn wir schon darüber sprechen, dass man Kollegen auf ihre Identität reduziert – wie hätte man reagiert, wenn dieser Kommentar nicht von einem „biodeutschen“ Korrespondenten eines „konservativen“ Blattes stammen würde? Etikettieren wir hier nicht auch? Reduzieren wir nicht auch?

Dass dieser Kommentar im Zusammenhang mit der Verhaftung unseres Kollegen und Türkei-Korrespondenten der „Welt“, Deniz Yücel, veröffentlicht wurde, empfinde auch ich nicht als taktvoll. Und so wie ich Yücel in einem längeren Gespräch kurz nach den Protesten im Gezi-Park in Istanbul kennenlernen durfte, bezweifle ich, dass ihm die Rolle des „Türkei-Erklärers“ aufgedrückt wurde. Dafür interessiert er sich zu leidenschaftlich für die Türkei. Paternalistisch ist aber Martens’ Kritik nicht, wie Özlem Topcu von der „Zeit“ in ihrem Essay behauptet. Dafür ist der Kommentar zu ehrlich.

Topcu beschreibt die Entwicklungen in der Medienlandschaft, wie sie vielfältiger wurde und wie sich die Bedeutung ihrer Herkunft in ihrem Beruf von einem Nachteil zu einem positiven Charakteristikum wandelte: „Die Kanakenbiografie, die einst ein Makel war, wurde zum Merkmal.“

Da wären wir also doch wieder bei der Frage, welche Bedeutung Herkunft spielt. Sicher, meine Herkunft eröffnet mir Welten und Perspektiven – wie ich aber mit Beobachtungen, Kenntnissen und Wissen umgehe, das drückt sich in Kompetenzen wie der Fähigkeit zu analytischem Denken und Schreiben aus. Die Herkunft spielt immer eine Rolle, aber wer ich bin und was ich kann, spielt die Hauptrolle; meine ethnische, kulturelle oder religiöse Identität eine Nebenrolle. Ich profiliere mich nicht über mein Türkischsein, weder in meinem Alltag noch als Politikwissenschaftlerin oder Journalistin.

Diese Debatte zeigt aber vor allem, dass wir noch etwas haben, was in der Türkei fundamental fehlt: eine freie Presse und eine lebendige Streitkultur. Weil es die in der Türkei nicht gibt, kann Deniz Yücel nun nicht am Schreibtisch sitzen oder auf den Straßen unterwegs sein, um über das zu berichten, was ihn brennend interessiert. Stattdessen ist er hinter Gittern. Deshalb und erst recht: #freedeniz.

 

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in der FAS, 26.02.2017

Ein Gedanke zu “Für immer Türke?

  1. Ein wichtiger Punkt ist die Sprache.

    Im Deutschen sind zusammengesetzte Wörter so aufgebaut, daß der Schlußteil des Wortes die determinierende Hauptbedeutung trägt. So ist zum Beispiel ein Deutsch-Amerikaner ein Amerikaner mit deutschem Herstammen. Ein Ameriko-Deutscher ein Deutscher>/strong>, der ursprünglich aus den USA stammt. Diese klare, absolut invariante Regel – ja sogar eine der Kern-Regeln der deutschen Sprache – bekam zunächst einige unangenehme, erste proto-„rassistische“ Dellen, als die sogenannten italienischen Gastarbeiter nach Deutschland kamen, in überdeutlicher Mehrheit aus dem Süden Italiens stammend, somit Deutschland und der deutschen Sprache weniger nah als die Nord-Italiener. Auf einmal waren nach mehreren Jahren hie und da in der Presse (ich lebte im Ausland) bezüglich eingebürgerter Ex-Italiener erste „zarte“ Sprach-„Verkrümmungen“. Man schrieb auf einmal von Deutsch-Italienern! Jemand, der nicht so alt ist wie ich es bin, wird es vielleicht nicht wissen. Mittlerweile nämlich, im Zuge der Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit um arabische und türkische Zuwanderer, sind die Italiener ausnahmslos – ob aus dem Norden oder aus dem Süden kommend – zu den „schönen“ Ausländern und die Ex-Italiener zu den Italo-Deutschen weiterbefördert worden, obgleich hie und da in einem Text und noch mehr im Mündlichen ein vereinzeltes „Deutsch-Italiener“ nicht einen ehemals Deutschen und in Italien inzwischen Eingebürgerten meinen will, sondern – unerkannt und unbewußt – boshaft immer noch dem Ex-Italiener in Deutschland immerwährende Fremdheit attestiert. Die wohl mehr oder weniger bis „ins siebte Glied“ zu gehen hätte, wenn man beim – nicht nur angehaucht, trotzdem unerkannt und nicht offen angesprochenen – Xenophobischen bliebe.

    Mit „den“ Türken war es dann aus: Es gibt nur noch „Türken“. Entweder einfach Türken, oder, wenn eingebürgert, Deutsch-Türken. Türken für immer und ewig. Deniz Yücel, ein deutscher Journalist türkischer Abstammung, mag durchaus und zurecht in der Türkei als Türke mit zusätzlichem (deutschem) Paß betrachtet werden, da er ja die türkische Staatsangehörigkeit mit beibehalten hat. Aber hier in Deutschland und in der deutschen Presse sollte er als Deutscher, oder – dort wo seine Abstammung eine Rolle spielt – als Türken-Deutscher genannt/angesprochen werden. Sogar in seiner Zeitung, in DIE WELT wurde er als Deutsch-Türke angesprochen!

    Diese sprachliche „Aussonderung“ auf ewig ist unbarmherzig und wirkmächtig, weil sie – von fast allen – unbemerkt ihr Tiefen-Gift ausscheiden und völlig ungestört im Unbewußten des Einzelnen und des Kollektivs weiter „schalten“ kann. Als ich vor zehn Jahren in drei polit-kulturell orientierten deutschsprachigen Foren diese Thema ansprach, bekam ich… NULL Reaktionen. Niente. Nada.
    Als ich in einer linksliberalen Zeitschrift dieses Jahr von Türken-Deutschen sprach, machten sich einige der linksliberalen Lesern darüber lustig.

    Und warum und wieso sprechen doch türkisch-deutsche Organisationen diesen Punkt nie an?
    Vielleicht, weil ‚s man nicht mehr merkt, was da von der Sprache her geschieht; vielleicht aber auch, weil es diesen Organisationen zupasse kommt, frönen sie doch häufig unterschwellig oder ganz offen der Ideologie des „ewigen“ Türkentums; genießen im Stillen die Vokabel „Deutsch-Türken“. (Weiß nicht, ob Letzteres nicht von mir „zu weit gedacht“ gerät…)

    Mit der arabische Präsenz geschieht natürlich das auch: Hamed Abdel-Samad, ein deutscher Publizist, wird in Hinblick auf sein Herkommen nicht Ägyptisch-Deutscher, oder Ägypto-Deutscher genannt, sondern Deutsch-Ägypter!

    Ich habe mich sehr gefreut, in Ihren so guten Artikel, Frau Tobrak, von „Türkisch-Deutscher“ zu lesen.

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