Broder und „Rape Culture“

Die deutsche Hysterie scheint im neuen Jahr bereits ihren Höhepunkt erreicht zu haben – dabei sind gerade erstmal 16 Tage verstrichen. Wenn zwei Autorinnen vom Tagesspiegel einigen Opfern sexueller Gewalt in der Silvesternacht Rassismus vorwerfen, so wie es beispielsweise in der Türkei üblich ist, weiblichen Gewaltopfern vorzuhalten, sie hätten sich unmoralisch verhalten, die Täter „ungerechterweise provoziert“ oder gar die Tat erlogen – dann frage ich mich, ob ich mich im richtigen Land befinde oder doch lieber in die Türkei zurückkehren sollte. Denn dort hätte sich ein echter Widerstand von tapferen (muslimischen!) Frauenrechtlerinnen und achtsamen Journalisten gebildet, die diese frauenfeindliche Aussage öffentlich angeklagt hätten.

So meldet sich einer der kontroversesten und gleichzeitig scharfsinnigsten und mutigsten Meinungsmachern zu Wort: Henryk Broder. Das Zitat aus seiner Reaktion auf die verstörende Aussage der Autorinnen: „Und den beiden Frauen vom Tagesspiegel wünsche ich, dass sie vom IS nach Rakka eingeladen werden, um zu erfahren, was Rape Culture bedeutet.“ – wird nicht nur völlig aus dem Zusammenhang gerissen, sondern auch bewusst wie unbewusst missverstanden – wenn man behauptet, dass Broder den Autorinnen eine Vergewaltigung wünscht. Dabei hat der Tweet von Miriam Hollstein, die ich nicht nur persönlich sehr schätze, sondern oft ihren Facebook-Posts oder Tweets zu gesellschaftlichen und alltäglichen Angelegenheiten zustimme, das Zitat überspitzt wiedergegeben – genauso wie Broders Aussage selbst von ihm formuliert wurde.

Allerdings Broders Zitat mit dem von Matthias Matussek in Zusammenhang zu bringen – ist gleichermaßen absurd wie ignorant. Matussek nutzte das Ereignis eines terroristischen Anschlags schadenfroh als Argument für seine eigene Position in der Flüchtlingskrise. Auch mit diesem Vergleich reißt man Broders Aussage nicht nur völlig aus dem Zusammenhang, sondern man verwechselt eine politische Position mit einer gesellschaftlichen Haltung. Genau das passiert oft in der deutschen Debattenkultur. Und genau das macht Broder aus – dass er die Dinge wieder in einen Zusammenhang rückt – nicht politisch, keineswegs ideologisch. Sondern mit einer klaren Haltung. Zumindest möchte Broder ein vollständiges Bild zeichnen; anders als viele andere seiner Kolleginnen und Kollegen – die vielmehrt darum bemüht sind, das eine oder das andere auszublenden, damit ein „in sich stimmiges Bild“ entsteht.

Vor Jahren fragte mich eine Radio-Volontärin ganz misstrauisch nach einem Interview, nachdem ich ihr erzählt hatte, dass ich kurz nachdem ich mit dem Bloggen anfing, auch auf achgut veröffentlichte: „Aber ist Broder nicht ausländerfeindlich?“ Ich begann zu verstehen, wie nicht nur im deutschen Alltagsleben, sondern auch in der Medienwelt gerne mit bestimmten Prototypen, Kategorien und fixen Denkmustern gespielt wird. Ich habe mich gefragt, ob sie jemals einen Text von Broder gelesen hat – oder ob sie nur Artikel über Broder liest oder noch effektiver: Meinungen über Broder konsumiert.

Wer Broder kennt, weiß, dass er ein Kosmopolit ist und sich nicht wie zu viele in diesem Land mit relativistischen und multikulturellen Attitüden als „weltoffen“ framen möchte. Er gehört zu den Menschen, die mich, wenn sie mich persönlich kennenlernen, zunächst als „Cigdem“ wahrnehmen wollen und nicht als „die Türkin“ oder toleranter weise als die „Deutsch-Türkin“. So durfte ich Broder vor vielen Jahren kennenlernen – als einen aufgeschlossenen Querdenker, der sich über den Wahnsinn der alltäglichen Politik und Debatte nicht ärgert, sondern diese mit seiner Sprache und seinem Stil herausfordert. So wie er beispielsweise das jüdische Mahnmal in Berlin stark kritisierte, das heute zu oft eine beliebte Shooting-Szene hipper und junger Menschen ist, die sich mit reizvollen Posen zwischen den Blöcken ablichten lassen und das Foto stolz auf Instagram teilen.  Und was ihn von vielen anderen Kolleginnen und Kollegen unterscheidet, wenn er das muslimische Leben in Deutschland, Europa und auf der Welt kritisiert, ist, dass er die Muslime für voll nimmt – und mit ihnen nicht wie Hilfsbedürftige umgeht. Broders Position ist nicht „streng anti-muslimisch“, wie gerne behauptet wird. Er durchbricht hierarchische Strukturen, die in so vielen Köpfen unserer Kollegen stecken. Broder geht mit Muslimen nicht wie mit „liebevollen Haustieren“ um oder wie mit „ungewünschtem Ungeziefer“ – sondern er befindet sich auf Augenhöhe mit ihnen. Er verhält sich dabei nicht elitär, auch spricht er nicht von oben herab – er provoziert nicht einmal bewusst, sondern er drückt sich so aus, wie jemand, der das dringende Bedürfnis hat, die Gesellschaft und Öffentlichkeit aufzurütteln. Dabei schüttelt er nämlich oft mit dem Kopf. Wenn das in diesem schläfrigen Land als provokant gilt– gut, dann ist Broder für deutsche Verhältnisse eben provokant.

Er ist nicht nur ein Realist, sondern gleichzeitig auch ein Idealist, denn er weiß, dass es auch anders gehen kann. Wenn er gerne türkische Hausmannskost isst, dann spricht er Themen wie Ehrenmorde und kriminelle Gewalt unter muslimischen Jugendlichen an – statt mit einem vermeintlich gutem Gewissen den Döner schnell runterzuschlucken – und dabei gleich die ganzen Probleme der Migranten in den Parallelgesellschaften mit. Broder grenzt Menschen nicht aus – indem er sie kritisiert, schließt er sie mit ein. Er relativiert nicht, er entschuldigt sie nicht, er rechtfertigt sich nicht, er distanziert sich nicht. Er klagt auch nicht an, er empört sich nicht. Er stellt fest und er stellt einen Zusammenhang her – daher meint auch seine Aussage, dass die Autorinnen als Frauen in Rakka erleben können, was es bedeutet, eine Frau in einer Kultur zu sein, in der bestimmte soziale und kulturelle Normen Gewalt gegen Frauen legitimieren und sogar fördern. Nichts anderes behaupten viele türkische Frauenrechtlerinnen, die tagtäglich mit weiblichen Gewaltopfern zutun haben. Nichts anderes wird inhaltlich von internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen und der Weltgesundheitsorganisation wiedergegeben, wenn festgestellt wird, dass bestimmte soziale und kulturelle Normen eine wichtige Ursache für Gewalt gegen Frauen sind, die es zu bekämpfen gilt.

Broder liebt die Debatte, er geht in ihr auf, er reagiert – während viele Kollegen eher für Kollegen schreiben, richten sich Broders Worte – so liest es sich jedes Mal heraus – an seine Leser, auch seine Kollegen. Und das ist der Schlüssel seines Erfolgs – er verfolgt keine ideologische Agenda, seine Intention ist seine Meinung. Man muss ihn nicht mögen, man muss ihn nicht gut finden, man muss ihm nicht zustimmen – man kann seine Vergleiche und Feststellungen als verzerrt oder falsch empfinden. Keineswegs als geschmacklos – dafür sind sie zu authentisch. Und keineswegs als feindlich. Dafür ist Broder zu menschlich. Und er ist eines der lebhaftesten Beispiele dafür, was Meinungsfreiheit in diesem Land bedeutet.

4 Gedanken zu “Broder und „Rape Culture“

  1. Ein feiner und kluger Kommentar!!
    Treffender kann man die Arbeit und Ausstrahlung von H.M. Broder kaum beschreiben.

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