Ich bin kein Türke.

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Ali Murat Ergül

Foto: C.Toprak; Übersetzung: C.Toprak

Ich bin in Istanbul geboren. So auch meine Mutter, mein Vater und auch meine Großväter. Meine Vorfahren kommen aus Kreta, aus Bosnien, aus Erzincan, aus Giresun. Woher meine weiteren Vorfahren kommen, das weiß ich nicht einmal. Ich bin im Istanbuler Stadtteil Beşiktaş groß geworden. Bevor ich von dem Völkermord an den Armeniern erfahren habe, kannte ich schon Armenier, bevor ich etwas von dem Völkermord an den Juden erfuhr, kannte ich schon Juden, bevor ich von den September Vorfällen etwas wusste, kannte ich schon Griechisch-Orthodoxe. Nur ihre Namen kamen mir anders vor, ihre Wurzeln waren auf diesem Boden tiefer als unsere und das war niemals ein Hindernis, dass wir zusammen als Kinder spielten. Es wurde viel beschimpft, aber niemand sagte zu irgendeinem „Brut von X“. Der Begriff „die Brut von X“ kam erst mit Twitter in meinem Leben – als ich mich gegen Gräueltaten öffentlich aussprach. Da ich mich dagegen wehrte, dass Armenier sterben, wurde ich zu “einer Brut der Armenier” gemacht, da ich überzeugt war, dass die Septembervorfälle eine große Schande war, wurde ich zu einer “jüdischen und griechisch-orthodoxen Brut” …

Diejenigen, die sich ihren Kopf über ihr Türkentum zebrechen, möchte ich an folgendes erinnern: Hättet ihr euch nur etwas informiert, bevor ihr ständig auf Facebook „TC“ – Postings macht [Anmerkung: Türkiye Cumhuriyeti, deutsch: Türkische Republik], dann hättet ihr gewusst, dass „die Türken“ das heterogenste Volk Europas sind.
Ich möchte auch jenen etwas sagen, die auf Facebook vor ihre Namen die Abkürzung „TC“ hinzufügen -als  Reaktion auf die AKP. Dabei wurde diese Bezeichnung in den 90er Jahren in den türkischen Polit-Talkshows von kurdischen Nationalisten verwendet, die das Wort „Türkei“ nicht aussprechen wollten. Und genau das ist Ignoranz. Wenn sich eure Dummheit mit eurer Unkenntnis zusammentut, dann werdet ihr genau zu jenem Objekt, dessen Gegenteil ihr eigentlich verteidigt. Genauso wie diejenigen, die jeden Kurden angreifen „damit sich die Türkei nicht spaltet“. Ich hinterfrage nicht die Quelle eurer Wut, ich spreche auch weder dem Kurden, noch dem Türken Recht oder Unrecht aus. Ich sage nur, wie diese Sache nicht gelöst werden kann. Glaubt ihr etwa, dass die Briten aufgrund ihrer hohen moralischen Werte nicht die Schotten bombardiert, sondern ein Referendum veranlasst haben? Nein, nur sie waren nicht so dumm.

Glaubt ihr etwa, dass ein 100-jähriges Problem damit gelöst wird, dass die HDP verboten, ihre Abgeordnete verhaftet werden? Glaubt ihr wirklich, dass die Wähler der HDP mit der PKK sympathisieren, die sich türkische Soldaten als Angriffsziel nehmen– in einem Land, in dem es Wehrpflicht gibt? Und die „weißen Türken“, die ihr so verunglimpft und ihnen vorwirft, mit den Wahlstimmen der Bewohner des liberalen und Bohéme-Viertels Cihangir, des freien und toleranten Viertels Moda, des kreativen und coolen Viertels Topagaci sicherstellten, dass die HDP die Zehnprozenthürde überspringen würde – und nur deshalb sich in diesem Zustand des Bürgerkriegs am Taksim Platz wie in den 90er Jahren Selbstmordattentate ereignen? Auf Twitter sehe ich, dass die am wütendsten und lautesten schreien in den 90er geboren sind und nichts über diese Zeit wissen. All das hatten wir erlebt; kurdische Politiker wurden verhaftet, Parteien wurden verboten. Militärjets haben jeden Tag einen anderen Ort bombardiert, jeden Tag kamen Meldungen über Soldatenopfer. Niemand hat gewonnen, denn in diesem blutigen Krieg kann es keinen Gewinner geben. Wieso ist es so schwer, das zu begreifen?

Während ich in den Sozialen Medien aufgrund meiner Ansichten digital gelyncht werde, kommen aus meiner näheren Umgebung etwas höflichere und noch absurdere Fragen: „Bist du X?“ Dabei solltet ihr in eurem Leben darauf aufbauen „Wer die Wahrheit sagt“ statt „Wer welcher Religion oder Ethnie angehört“. Und wenn ihr endlich mit dieser Parteinahme aufhören würdet, ihr könnt euch sicher sein, dass das Leben für euch und für die anderen viel einfach werden könnte. Wenn ihr euch nicht trennen, nicht spalten, sondern zusammen leben möchtet, dann ist es notwendig, dass ihr solche akzeptiert, die nicht wie ihr sind- statt zu fordern, dass sie wie ihr werdet, sondern dass sie so bleiben, wie sie es eben sind. Niemand erwartet von euch Unterstützung, aber ihr könnt nicht andere, die nicht wie ihr seid, ignorieren.

Wenn ihr noch immer fragt „Wer bist du?“ – dann bin ich Kurde, weil ihr nicht einen Saisonarbeiter, der für 20 TL [umgerechnet 6 Euro] am Tag arbeitet, umbringen könnt, nur weil er Kurde ist. Mein Gewissen kann es nicht ertragen, dass ein Bus von Trabzon nach Bitlis angegriffen wird, weil sich Kurden in dem Bus befinden und dass eine Mutter, deren sieben jähriges Kind umgebracht wird, weil es ein Terrorist sei, die Leiche ihres Kindes in der Tiefkühltruhe aufbewahren muss, weil sie es nicht begraben kann.

Ja, ich bin homosexuell, ein Transvestit, transsexuell, bisexuell, weil ich dagegen bin, dass Menschen aufgrund ihrer angeborenen Neigungen diskriminiert und ausgegrenzt werden, arbeitslos gelassen werden, nur weil es nicht dem Glauben anderer entspricht, ignoriert werden.

Ja, mein Freund, ich bin Armenier. Wie Hrant wünsche ich mir auch nichts anderes als Frieden und dass die Gemeinschaft, die so einen Mann aufgezogen hat, der für diesen Frieden mit seinem Leben bezahlen musste, weiter erhalten bleibt. Ich möchte, dass die Armenier in diesem Land eines Tages gleich behandelt werden.

Ich bin gleichzeitig Jude. Ich hatte in meinem Leben zwei jüdische Freunde und beide haben mich im Stich gelassen, aber wenn wir bei solchen Angelegenheiten rassistisch werden, dann haben mich noch viel mehr türkische Freunde im Stich gelassen. Aus diesem Grund glaube ich, dass es unsinnig ist, dass Menschen, die seit Jahrhunderten von Jahren auf diesem Boden leben, aufgrund von israelischer Politik verurteilt werden.

Ich bin griechisch-orthodox [türk. Rum], weil sie Römer sind, hast du das verstanden? Anatolien wird auch Urum genannt [Rum]. Deshalb ist Mevlana auch Rumi. Das Osmanische Reich war das letzte römische Imperium, deshalb verwendeten deine ach so intolerant Sultane auch den Titel des „römischen Imperators“, wusstest du das?

Und ich bin Atheist, denn ich möchte, dass Menschen ihren Glauben, ihre Glaubensbekenntnisse und ihren Nicht-Glauben frei ausleben. Ich habe meinen Kopf zerbrochen über Religionsgeschichte, ich habe beispielweise über die Sumerer gelesen. Ich mische mich nicht in die Glaubensangelegenheiten anderer ein, ich beschimpfe sie nicht.

Kurz gesagt, ich bin kein Türke – aber wer bist du, mein lieber Freund?

Der Autor ist Blogger und Redakteur, 35 Jahre alt.

Ein Gedanke zu “Ich bin kein Türke.

  1. Ich bin Lehrer, gerade 64, in Köln Ossendorf geboren, im Leben oft umgezogen … und habe in Berlin West an der FU meinen M.A. Romanistik und Powi gemacht. Mein Vater, Ernst Maria war Rheinländer aus kinderreicher Familie, mit entfernten jüdischen Wurzeln und dann Kindersoldat, kurz Kriegsgefangener in Marseille und glücklicher Weise dann fünf Jahre Landarbeiter in der Provence (Ferme Mas de Rusty, heute Ökomuseum der Carmargue im Rhonedelta).
    Meine Mutter, Luise Hildegard, 85 geborene Wischolek Fischer kam mit fünf Jahren zu ihrer Tante nach Köln. WIR SIND ALLE KINDER VON KINDERN (Hans Manz, Schweizer Pädagoge, Beltz Verlag) Né quelque part (Maxime Forestier französischer Chansonier/Liedermacher). Meine beiden Töchter sind Spanierinnen und Deutsche und entdecken die Welt mit FreundInnen auf allen Kontinenten. alles Banalitäten, die Wir Idioten an der Macht, MACHTJUNKIES nicht zu erzählen brauchen, vielleicht aber Menschen, die diesen scheinbar potenten hohlen FÜHRER Figuren verführt, verblendet hinterherlaufen Nur die dümmsten Kälber, wählen ihren Schlächter selber (Berthold Brecht, Poet,Schriftsteller, Kälbermarsch). – KANN DAS EIN MENSCH LESEN- hoffe zum Thema etwas beizutragen. Hans

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