Kulturkampf gläubiger Muslime

Ein neues Wahlkampfvideo der AKP zeigt eine junge Frau mit Kopftuch, wie sie unter Tränen von „Gräueltaten“ und „Gaskammern“ erzählt –  aus einer Zeit, in der noch an türkischen Universitäten das Kopftuchverbot herrschte. Tobt in der Türkei ein Kampf zwischen areligiösen Laizisten gegen gläubige Muslime? Keineswegs. Es ist ein Kulturkampf zwischen einer aufgeklärten und islamisch-dominierten Kultur – auf beiden Seiten von Muslimen geführt.

 „Ich habe einen Einser-Schulabschluss und habe auch die universitären Zulassungsklausuren mit einer hohen Punktzahl bestanden – aber ich durfte nicht einmal durch die Türen der Universität meiner Träume hindurch. Wie Gaskammern waren Überzeugungsräume eingerichtet“. Die junge Frau im neuen Wahlkampf-Video der AKP mit Kopftuch erzählt weiter unter Tränen: „Mich haben sie auch dort hineingeschickt, ich habe diesem Druck und diesen Gräueltaten Widerstand geleistet, ich habe mein Kopftuch nicht abgelegt und bin nach Hause gegangen.“

In einem fröhlichen Ton erzählt sie, dass nach einem jahrelangen Kampf die AKP das Kopftuchverbot aufgehoben hat und sie an der Universität studieren durfte.  „Jetzt muss diese Gräueltaten niemand mehr erleben. Nun sehe ich, dass diejenigen, die diese Überzeugungsräume eingerichtet haben, heute andere über Freiheit unterrichten wollen.“

 

Abgesehen davon, dass es sich hierbei wohl um eine Schauspielerin handelt und die Zeugnisse, die im Video zu sehen sind, wohl Requisiten sind (türkische Medien berichten davon, dass in den Zeugnissen Fehler und Unstimmigkeiten herrsche), spielt die AKP-Wahlkampfkampagne den uralten Konflikt in der türkischen Gesellschaft an– der sich nicht allein um das Kopftuch dreht.

In der Tat hat es Räume an einigen türkischen Universitäten gegeben, in denen Psychologen mit jungen Studentinnen ein Gespräch geführt haben, um sie wohl davon zu überzeugen, das Kopftuch abzulegen. Die „Überzeugungsräume“ wurden im Rahmen der politischen Maßnahmen vom 28. Februar 1997 seitens des Militärs (die auch als  „sanfter“ Militärputsch zusammengefasst werden) von der CHP-Abgeordneten und ehemaligen Vize-Präsidenten der Istanbul-Universität Nur Serter eingeführt. Die Entscheidung für das Tragen des Kopftuchs mag man nicht gutheißen, aber die Intention und die Maßnahmen in diesen „Überzeugungsräumen“ sollten dennoch stark hinterfragt werden.

 

Umso erstaunlicher ist es aber, dass die AKP nun wieder das Thema Kopftuch aufgreift – obwohl das Verbot acht Jahre nach Machtübernahme der AKP dann 2010 an privaten Universitäten und 2012 an staatlichen aufgehoben wurde.

Als die AKP  im Jahre 2002 als Regierungspartei in der Türkei zum ersten Mal gewählt worden war, sind Journalisten und Akademiker davon ausgegangen, dass mit einer islamisch-konservativen Partei nun endlich die unterdrückten Stimmen gläubiger Muslime in einem demokratischen Rahmen repräsentiert werden. Die AKP würde endlich für ein entspanntes Verhältnis zwischen Religion und Staat sorgen und Religionsfreiheit im Namen der Demokratie garantieren.

Ein Kampf von Kemalisten bzw. Säkularisten bzw. Laizisten bzw. Atatürk-Anhänger gegen, ja, gegen wen eigentlich? Wie bezeichnet man die andere Front? Gläubige Muslime? Konservative Muslime? Und die anderen sind dann „modern“ und „ungläubig“?

Die Annahme, dass es sich bei den „Kemalisten“ um areligiösen und islamophobe, europa-gewandte Türken handelt, ist schlichtweg falsch. Sie selbst bezeichnen sich auch nicht als „liberale Muslime“ – sondern als „aufgeklärte“ Bürger. Man könnte auch sagen: es sind „bürgerliche“ Muslime. Auch die Vorstellung, dass der türkische Staatsgründer Atatürk den Islam aus der Gesellschaft verbannt habe, ist verzerrt. Was man auch davon halten mag, Atatürk hat eine kulturelle Revolution begonnen, in dem er eine in ihrer Politik und im Alltag stark islamisch geprägte Gesellschaft modernisieren wollte. So sollte die nationale Kultur der neu gegründeten türkischen Republik nicht auf einer islamischen Kultur basieren, sondern eine zivilisierte, bürgerliche Kultur sein – die sich ganz klar westliche begreift. Bezeichnet wurde das als türkisch.

Der Islam hat dabei nicht die Hauptrolle, aber eine kleine und ziemlich überzeugende Nebenrolle gespielt: der Islam ist wie jede andere Religion ein wunderbarer Weg zu vereinen und den türkischen Nationalismus zu verbreiten. Aber der Islam sollte als Glaube im Privatleben der Menschen weiter existieren, in einer entpolitisierten Form. Aus diesem Grund hat sich der türkische Staat (bis heute) zur Aufgabe gemacht, den Islam zu kontrollieren und einen Staatsislam zu propagieren, der nicht mit den nationalen Werten kollidiert.

An den Kernstrukturen des türkischen Laizismus hat die AKP nichts geändert, sondern die Strukturen nach ihren Interessen umgebaut und die Inhalte nach ihren Vorstellungen angepasst. Das Amt für religiöse Angelegenheiten wurde nach der Errichtung von Atatürk immer weiter ausgebaut; heute hat das Ministerium 88 000 Mitarbeiter und sein Budget ist größer als über 30 Ministerien zusammen, inklusive Verteidigungsministerium. Politisch wurde der Islam aber nicht erst seit der AKP, sondern bereits in den 70er Jahren. Die AKP und ihr Vorsitzender und heutige Staatspräsident Erdogan versucht nicht die Gesellschaft zu „islamisieren“ (ein nichtssagender Begriff), muslimisch sind sie mehrheitlich sowieso schon – sondern die westlich orientierte „türkische“ Kultur gegen eine islamische „osmanische“ Kultur zu ersetzen.

Was hat also die AKP im Namen der Religionsfreiheit bisher unternommen? Das Kopftuchverbot an Schulen und Universitäten wurde aufgehoben und das Schulsystem dahingehend verändert, dass junge Schüler ab der vierten Klasse bereits auf religiöse Schulen gehen können. Die islamisch-konservative Elite schickt aber dennoch ihre Kinder lieber an die privaten französischen, italienischen, österreichischen und englischen Gymnasien. So wie der Sohn des ehemaligen Präsidenten Gül am renommierten TED-College in Ankara unterrichtet worden ist. Unterrichtssprache: Englisch. Verständlich wenn man sich eine exzellente Ausbildung für die Kinder wünscht. Wenn es um Minderheitenrechte wie den Aleviten geht, wurden diese einfach auf die klassische Weise „muslimisiert“ – weder ist das Alevitentum in den staatlichen Strukturen innerhalb des Diyanet vertreten, noch werden alevitische Schüler vom verpflichtenden Religionsunterricht freigestellt. Trotz des europäischen Urteils aus Straßburg. Denn, so argumentieren AKP-Politiker: Sie sind Muslime und alle Muslime gehen in die Moschee. Obwohl Aleviten Steuern zahlen, wird keiner ihrer Cem-Häuser vom türkischen Staat finanziell unterstützt – anders als die  90 000 Moscheen.

Nicht-AKP-Wähler sind in ihrer Mehrheit gläubige Muslime – ihre Trauerzeremonien finden auch in der Moschee statt, die ältere Generation fastet an Ramadan. Ich war selbst überrascht, als ein renommierter Kolumnist einer der größten Tageszeitungen der Türkei und energischer AKP-Kritiker mich und seinen Kollegen nach einer Pressekonferenz letztes Jahr zum Mittagessen eingeladen hat – und er selbst aber in hohem Alter fastete.

AKP-Gegner kritisieren AKPs Kurdenpolitik oder ihre „osmanische“ Außenpolitik, die sich vom klassischen türkischen Nationalismus unterscheidet. Aber – so habe ich das in vielen Gesprächen mit Künstlern, Studenten und Journalisten erlebt: Auch wenn ihre Mütter oder Großmütter ein Kopftuch tragen, möchten sie nicht, dass mit ihrem Glauben Politik gemacht wird. Vor allem: sie plädieren für eine aufgeklärte Kultur in einer mehrheitlich muslimischen Gesellschaft, keine islamische Kultur. Der Islam soll in der Politik keine Rolle spielen, im Alltag nur die eines Glaubens und nicht als ein absolutes Wertesystem, nach der sich die Politik und alle sozialen Normen und Werte richten sollen. Auch beim Thema Kopftuchverbot hat ein Umdenken stattgefunden – dass die CHP als „Volkspartei“ es nie geschafft hat, fromme Muslime zu erreichen, wird von ihren eigenen Wählern kritisiert. 

Wenn aber Erdogan in seinen Reden davon spricht, dass seine Wählerschaft dafür ausgelacht worden sei, dass sie ihre Schuhe ausziehen, wenn sie ihre Wohnung betreten – dann ist das ein Bild das politische Eliten zeichnen wollen, um die Gesellschaft zu spalten und Stimmen zu gewinnen. Aufgeklärte Muslime in den urbanen Gebieten seien also ungläubig, elitär, arrogant, Vaterlandsverräter, weil sie nach Europa blicken und schauen auf sie herab – auf jene, die in Dörfern, in Anatolien leben und über wenig Bildung oder Vermögen verfügen. Dieses Portrait wird der Realität nicht gerecht.

Es ist ein Kulturkampf gläubiger Muslime – es geht um die Frage, ob eine islamische oder aufgeklärte Kultur in der Türkei herrschen sollte. Daher ist dies auch ein Konflikt um die Frage nach der Identität der Türkei. Mehrheitlich muslimisch ist das Land sowieso. Es geht um die Frage, ob die nationale Identität sich islamisch verstehen soll – oder bürgerlich. Diese Identitätskrise begann mit dem Zerfall des Osmanischen Reiches und wurde mit der Gründung der heutigen Türkei nicht gelöst. Wer diesen Kampf gewinnen wird – bleibt offen. Zu hoffen ist, dass die türkische Demokratie nicht der Verlierer sein wird.

Foto: Ebru Tavli.

 

Ein Gedanke zu “Kulturkampf gläubiger Muslime

  1. Liebe Cigdem Toprak, vielen herzlichen Dank für Ihren so guten und neutralen Aufsatz! Sie hatten mir ja schon mal vor Jahren Links zu Videos, das Alevitentum betreffend, geschickt. Vielleicht haben Sie wieder mal etwas, was Sie mir per E-mail zukommen lassen könnten? Aus Ihren Beiträgen kann man das Wesentliche über die türkischen Befindlichkeiten lernen.
    Freundliche Grüße Ihre Maria Leuschner aus Dresden

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