1915: “Sie warfen ihre Babies und ihr Gold in den Euphrat”

“What on earth do you want? The question is settled. There are no more Armenians.”

Talat Pasha in einem Gespräch mit dem deutschen Botschafter Dr. Mordtmann in Juni 1915

 

Der folgende Text stammt von einer jungen Armenierin, die in Istanbul geboren ist, in Deutschland studiert hat und nun wieder in ihre türkische Heimat als Architektin zurückgekehrt ist. Mit ihrer Erlaubnis habe ich ihre kraftvollen und bedeutenden Worte übersetzt und möchte sie hier wiedergeben:

Ich bin die Enkelin eines Armeniers, der als Kind vertrieben wurde und bis ins syrische Halep marschierte, dort aber nicht blieb, sich wieder zu Fuß auf den Weg in sein Heimatdorf machte – mit der Hoffnung seine Familie wiederzufinden. Seine Mutter wurde massakriert und er, der Junge wurde mit blutigen Verletzungen von einem barmherzigen türkischen Soldaten heimlich zurück in sein Haus gebracht, wo seine türkischen Nachbarn ihn fanden und aufzogen. Bis er an eine junge armenische Frau verheiratet wurde. Ich bin die Enkelin von Menschen die als „Reste des Schwertes“ bezeichnet werden. Hast du je von den „Resten des Schwertes“ gehört? Das sind wir… Und diese 100-jährige Leugnung ist unsere Geschichte. Auf den Steinen, Felsen, Mauern in den entlegensten Ecken dieses Vaterlandes ist meine tausendjährige Existenz eingemeißelt! Heute schicken wir unsere Kinder mit Mühe auf gute Schulen und Universitäten, während mein Volk seine Kinder vor 100 Jahren in Van, in Erzurum, in Kayseri und überall in Anatolien an die besten Schulen schicken konnte – warum mussten sie ihr Hab und Gut verstecken, begraben, ihr schönes Leben aufgeben? Hast du je darüber nachgedacht, warum sie sich von einem Moment zum anderen „in Luft aufgelöst“ haben? Wurdest du je, während du die alten Fotos deiner Großmutter betrachtet und die Verletzungen an ihrem Kopf und an ihren Ohren gesehen hast, damit beschuldigst, über ihre Existenz und ihre Geschichte zu lügen? Oder hast du dich je gefragt, warum die ganze Welt im Chor lügt? Hast du dich dafür interessiert und dich auf die Suche nach Fakten begeben? Wenn noch gestern ein paar Tore auf der Straße einen armenischen Journalisten töten können, beim Militär ein junger armenischer Soldat in den Kopf geschossen werden kann, wenn der Präsident damit droht „sie weg zu deportieren, wenn sie mich ärgern“, wieso kommen die Gräueltaten vor 100 Jahren dir vor wie ein Märchen? Du, mein Freund, kannst es gerne „Regen“ nennen, „Schnee“ nennen, „Hagel“ nennen, wenn du möchtest eine „ pechschwarze Wolke“… Aber letztendlich ist es nichts anderes als eine Handvoll „Wasser“, vermischt mit Hass und Blut.

Ich, die Enkelin eines vertrieben armenischen Jungen und Mädchen, zeige meine Vaterlandsliebe, mein Türkentum bereits in meinem Alltag, trotz des unfassbaren Leids. Trotz der unzähligen Beleidigungen von Dorfbewohnern der Provinz bis zu Politikern, versuche ich meine Existenz auf diesem Boden fortzuführen. .. Deshalb, mein Freund, solltest du nicht meine Liebe hinterfragen, mit meinem Leid konkurrieren wollen – sondern du solltest deine eigene Brille weglegen, deine Vorurteile aufgeben und die Dunkelheit deiner Vergangenheit… verlassen.“

Als wir vor drei Jahren auf dem Weg zu meinem Großonkel nach Kemah, einer anatolischen Stadt nahe der Provinz Erzincan – dem Heimatort meiner Eltern und Vorfahren, blieben wir an der Acemoglu-Brücke stehen und blickten hinunter auf den Euphrat, dessen Strömung mit einer unglaublichen Wucht an die Felsen der anatolischen Berger stoßen. „Hier haben die Armenier ihre Babies und ihr Gold hinuntergeworfen“, fing meine Mutter plötzlich an zu erzählen, die mit 23 aus einem alevitischen Dorf nahe Erzincan nach Deutschland einwanderte. „Und dort“, sie zeigte auf eine grüne Fläche hinter uns, wo noch alte Eisenbahnschienen zu sehen sind, „haben sie deine Großmutter 1938 deportiert. Sie hatte unglaubliche Angst und erzählte später, dass sie dachten, dass mit ihnen dasselbe geschehen wird, wie 1915 mit den Armeniern. Sie blickte dem Tod bereits ins Auge. “Meine Großmutter wurde aber anders als Hunderttausend andere Menschen in dem Gebiet glücklicherweise nicht umgebracht – in jenen jungen Jahren der türkischen Republik, als in Dersim (dem heutigen Gebiet um Tunceli und Erzincan) die alevitisch-zazaische Bevölkerung ein Problem für die Etablierung des neu gegründeten Nationalstaats und der neu konstruierten türkischen Identität darstellten. Der Zug fuhr wieder zurück – in Richtung Canakkale., ins schöne, wohlhabende Westen des Landes. Dort wurde meiner Großmutter Land gegeben und ein Haus. Nach einigen Jahren gab sie wieder alles auf und kehrte zurück- in ihre Heimat. Sie wurde am Leben gelassen, während man versuchte ihre ethnisch-religiöse Identität auszuradieren. Unter türkischen Sunniten sollte sie sich assimilieren. Deportationen begannen 1915 und wiederholten sich 1937/38 in Anatolien.

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An der Acemoglu-Brücke, zwischen Erzincan und Kemah: an diese Stelle wurden 1915 zehntausende Armenier deportiert, anschließend umgebracht. 
1938 wurden auch zazaische und kurdische Aleviten gebracht; darunter auch meine Großmutter, dessen Leben verschont wurde.

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Die Ereignisse und die Sicht auf sie sind bis heute umstritten – auch innerhalb meiner Familie: Während manche zazaische Aleviten die Ereignisse von 1938 als ein Aufstand und Rebellion von „Bergbanditen“ gegen den türkischen Staat bewerten, die eben mit militärischen Mitteln niedergeschlagen werden mussten, sehen andere dies als ein blutiges Gemetzel und Zwangsdeportationen einer faschistischen Gesinnung, angeordnet vom Staatsgründer Atatürk. Die einen sind Anhänger, die andere Feinde Atatürks. Nicht nur die religiöse und ethnische Identität ist komplex, auch die politische Haltung, die Geschichten sind unterschiedlich und die psychologischen Auswirkungen sind vielfältig. „Dersim 1938“ ist kein Trendthema – obwohl es ein weiterer wichtiger Fleck in der Geschichte der Republik ist, das aufgearbeitet werden muss und sich in anderen Ereignissen wiederholt, Corum, Maras und Sivas. Solange dies nicht geschieht, wird es mal vom ehemaligen Ministerpräsidenten Erdogan und von anderen politischen Kräften instrumentalisiert. Mit dem Leid der Menschen wird Politik gemacht.

Demografische Chirurgie – das ist ein eiskalter Begriff aus der wissenschaftlichen Debatte, um die Motive von Völkermorden, ethnischen Säuberungen und Zwangsdeportationen zu erklären. Man hat versucht mit diesen schrecklichen Mitteln sich eine „homogene“ Gesellschaft zu konstruieren, um dem türkischen Nationalverständnis gerecht zu werden. Die konstruierte türkische Identität beruhte weniger auf der türkischen Ethnie (die es so nie gab), vielmehr auf der türkischen Sprache und zu einem geringen Grad auf Basis des sunnitischen Islam (aber nur in einer unpolitischen Form und ganz nach dem Verständnis des türkischen Staates)– nicht durch Geburt, sondern durch Erziehung und Bildung konnte man zu „einem Türken werden“ und seine Loyalität gegenüber dem neu gegründeten türkischen Nationalstaat beweisen. Andere Loyalitäten wurden somit beschnitten, teilweise ausgelöscht, wie zu Geistlichen und Führern von Familienstämmen. Nur so konnte wohl sich ein Nationalstaat etablieren, das auf einer fiktiven „Nation“ sich gründet. Atatürk hat in seinen Reden stets betont, dass die einzige Souveränität, die international anerkannt werde, die Souveränität des Nationalstaats sei – deshalb gebe es nur „eine Sprache, ein Volk“.

Rassistisch war diese Haltung nicht, aber absolut und undemokratisch. Jede andere Sprache außer Türkisch, jede andere Religion und Konfession außer dem sunnitischen Staatsislam wurde als Bedrohung angesehen – dessen Existenz als Versuch einer Spaltung des Landes, ihre Menschen als Unruhestifter, als Feinde, als Terroristen bewertet. So wurden andere Minderheiten und Loyalitäten ignoriert, verleugnet, teilweise verfolgt und mit Gewalt ausradiert.

Die Türken heute fürchten sich nicht nur mit der Aufarbeitung der Ereignisse von 1915 und 1938, sondern auch mit der Auseinandersetzung ihres absoluten Nationalverständnisses, das homogenisieren sollte, um die Gesellschaft zu modernisieren. Die junge türkische Republik hatte ihren „idealen Bürger“ erschaffen, jeder der nicht in dieses Bild passte, wurde diskriminiert. Die Türkei braucht heute ein neues Verständnis ihrer nationalen Identität und Kultur, in dem sich alle Minderheiten in dem Land wiedererkennen – eine nationale Identität, die andere ethnische und religiöse Identitäten nicht ausschließt, sondern begrüßt – die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern und die Aufarbeitung der dunklen Flecken in ihrer Geschichte wäre nicht nur ein Dienst für die unzähligen Opfer, das unbeschreibliche Leid ihrer Angehörigen und Nachfahren – sondern ein Dienst an die jungen Menschen von heute, an die Zukunft dieses vielfältigen und reichen Landes.

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