„Die dunkelste Ecke“

ozgecan-aslan-icin-rekor-katilim-5307489von Derya Kir, übersetzt von mir.

Eine Frau ist schwanger.

Das Baby ist ein Junge.

Die Familie ist glücklich, sehr glücklich.

Das Baby wurde geboren, sein Schniedel wurde den Onkeln gezeigt.

Die Onkels freuen sich riesig. Denn sie sahen es als das wichtigste Organ der Welt.

Wenn das Baby schwitzte, haben sie es ganz ausgezogen, Zuhause, bei Besuch, in der Nachbarschaft ist es nackt herumgelaufen. Das durfte es, denn es hatte einen Schniedel.

Das Baby ist größer geworden, es sollte beschnitten werden. Trommeln, Oboen, Geschenke … das Kind dachte: „Ich nehme an, es ist ein wichtiges Organ..“

Der Junge hat es in die dunkelste Ecke seines Gedächtnisses gespeichert.

Drei, fünf Mädchen sind da, seine Mutter und sein Vater sagten: „Welches soll ich für dich nehmen?“

Der Junge überlegte: „Ich nehme an, dass ich das Recht habe, eine von ihnen auszuwählen, ohne sie fragen zu müssen.“

Der Junge hat es in die dunkelste Ecke seines Gedächtnisses gespeichert.

Der Junge hatte Hunger, der Tisch wurde von seinen Schwestern und seiner Mutter gedeckt. Als sie mit dem Essen fertig waren, haben jene es weggeräumt.

Der Junge überlegte: „Ich nehme an, dass Mädchen und Frauen verpflichtet sind, mir zu dienen.“

Der Junge hat es in die dunkelste Ecke seines Gedächtnisses gespeichert.

Eine Einladung zu einem überfüllten Abendessen bei Verwandten oder Bekannten, nicht alle werden zur gleichen Zeit am Tisch Platz nehmen können. Männer und alte Menschen setzen sich zu Tisch. Auch haben sie den Jungen an den Tisch sitzen lassen. Seine Mutter und seine Schwestern haben auf dem Boden gesessen.

Der Junge überlegte: „Ich nehme an, dass die Bequemlichkeit des Mannes Priorität hat.“

Der Junge hat es in die dunkelste Ecke seines Gedächtnisses gespeichert.

Das Essen muss serviert werden, erst wird Männern serviert, keiner der Männer serviert.

Der Junge überlegte:

„Ich nehme an, dass zuerst Männern satt werden sollen“

Der Junge hat es in die dunkelste Ecke seines Gedächtnisses gespeichert.
Der Junge hat eine Freundin.

Die ganze Verwandtschaft hat es mitbekommen. Jeder will etwas darüber erfahren. Ein taktloser Onkel sagte: „Sag mal, was wirst du so mit dem Mädel anstellen?“

Seine Mutter und sein Vater sagten:

„Sie wird doch keinen Besseren als unseren Sohn finden.“

Der Junge überlegte:

„Ich nehme an, dass ich derjenige bin, der nur das Beste verdient und deshalb kann ich mit den Mädchen anstellen was ich will, ob sie zu willigt oder nicht.“

Der Junge hat es in die dunkelste Ecke seines Gedächtnisses gespeichert.

Der Junge ist erwachsen geworden, geht mit seinen Freunden raus, unternimmt viel und hat Spaß. Er kommt spät nachhause und wird wie ein Pasha empfangen. Wenn seine Schwester sich verspätet hätte, wäre sie angeschrien worden, geschlagen.

Der Jugendliche dachte:

„Ich nehme an, dass ich zu jeder Zeit Zuhause ein-und ausgehen kann.“

Der Junge hat es in die dunkelste Ecke seines Gedächtnisses gespeichert.

Er hat sich gestritten, geschlagen, seine Nase, sein Gesicht voller Blut.

Seine Mutter, sein Vater sagten:

„Mein Bester, helal olsun“

Der Jugendliche überlegte:

„Ich nehme an, dass ich stark bin und dass ich meine Probleme auf diese Weise lösen kann.“

Der Junge hat es in die dunkelste Ecke seines Gedächtnisses gespeichert.

 

Der Jugendliche wurde erwachsen.

Aber er wurde einfach nicht ein Mann.

3 Gedanken zu “„Die dunkelste Ecke“

  1. Meiner Meinung nach geht der Text an der Realität vorbei, weil er Entschuldigungen in der Sozialisierung sucht. Auch wenn man auf diese Weise sozialisiert wurde – wie im Text beschrieben -, hat man dennoch die Wahl. Man löst Probleme nicht dadurch, indem man die Eigenverantwortung von Individuuen relativiert. Auf diese Weise macht der Autor des Textes – paradoxerweise – etwas ähnliches zu dem, was er der Familie des Jungen vorwirft.

    Das ist das eigentliche Problem des nicht liberalen Teils der Türkei bzw. von kollektivistischen Gesellschaften an sich. Dass man jeden für alles verantwortlich macht und sich letztlich keiner mehr verantwortlich fühlt.

  2. Der Text hat mich betroffen und wütend zugleich gemacht. Denn genau so ist es. Leider. Ich erlebe es schon bei meinem kleinen Cousin, der neben zwei Schwestern aufwächst. Wie soll ein Junge lernen, dass das falsch ist, wenn er seit seiner Kindheit genau mit solchen Fehlern der Eltern aufwächst? Das Richtig und Falsch lernt ein Kind immer von den Eltern. Klar hat ein Mensch, wenn es erwachsen ist, die Möglichkeit sich zu ändern. Aber dafür muss einem BEWUSST sein, dass man etwas falsch macht.

  3. Rationalität ist nichts was anerzogen ist. Ein Junge merkt schon, dass es irrational ist, dass ein Mädchen nicht zu 100% das Gleiche machen darf wie er selbst. Allein schon daran, dass es niemand begründen kann. Natürlich richtet er sich gerne in dieser Irrationalität ein, weil es ihn zu einem Herrenmenschen macht. Das ändert jedoch nichts daran, dass es seine alleinige Verantwortung ist.

    Das Gleiche gilt im Übrigen auch für Frauen, die sich in dieser Irrationalität einrichten. Indem sie bspw. hinnehmen, dass ihre Eltern bei der Partnerwahl mitentscheiden (was sie ihrer eigenen Verantwortung enthebt) oder ein Tuch tragen (was die Männer ihrer Verantwortung entheben soll). Diese freiwiligen Sklavinnen sind ebenso ein Problem. Siehe Khola Hübsch, die ihr Sklaven-Dasein öffentlich an Schulen, Unis und in Talkrunden zelebriert.

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