Wir sehnten uns nach Helden – und dann kam Tugce.

Tugce Albayrak

Tugce schaut uns mit großen, schönen Augen an. Tugce lächelt, als ob sie uns sagen möchte: „Lasst mich nicht sterben, denn ich möchte in euren Herzen weiterleben.“ Die junge Studentin strahlt Hoffnung, Liebe und Lebensfreude aus. Die Bilder der jungen Frau, die sterben musste, weil sie Zivilcourage bewiesen hat, wird in deutschen Medien veröffentlicht, auf Sozialen Medien tausendfach geteilt. Ihre traurige Geschichte geht um die Welt.

Deutschland trauert um seine Bürgerin, die jung, mutig und engagiert war. Tugce wollte Lehrerin werden, um die Kinder in diesem Land zu unterrichten und scheute sich auch nicht davor zurück, nachts in einem Fastfood-Restaurant einzugreifen, als zwei junge Mädchen von Männern bedrängt wurden. Leider wurde sie selbst Opfer von jener Gewalt, vor der sie die jungen Mädchen schützen wollte. Einer der Jungs schlug sie nieder. Am Freitag, an ihrem 23. Geburtstag, schalteten die Ärzte die Maschinen ab, nachdem sie bei Tugce Hirntod festgestellt hatten.

Menschen in Deutschland und auch in der Türkei sind fassungslos über die Tat und die Tatsache, dass ein so mutiger Mensch ihr Leben opfern musste. Eine rührende Trauerfeier, an dem nicht nur ihre Familie, Freunde und Bekannte, sondern auch Menschen teilnahmen, die sie nicht persönlich kannten, unzählige Anteilnahmen auf Facebook, Twitter und Instagram, über 80 000 Unterschriften für die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Tugce, beweisen uns: Tugce ist zum Vorbild der deutschen Nation geworden, weil sie Menschlichkeit bewiesen hat.

Tugce ist unsere Heldin, auf die wir lange gewartet haben. Eine ganze Gesellschaft hat ihre Solidarität und Anteilnahme an dem Schicksal der jungen Tugce öffentlich gezeigt. Nach der Aufdeckung der NSU-Morde haben große Kundgebungen in der Gesellschaft gefehlt – öffentlich entrüstet und erschrocken waren nur diejenigen, die sowieso schon in der Öffentlichkeit standen: vorwiegend Politiker und Journalisten.

Was hat sich in dieser Gesellschaft verändert? Was ist passiert, dass über 20 000 Posts auf Instagram unter dem #tugce veröffentlicht wurden – vorwiegend von jungen Menschen, die politikverdrossen und ignorant zu sein schienen?

 

Senna_Post_Tugce

Sat1_Post_Tugce

 

Ich bin positiv überrascht über die Solidarität- ganz ähnlich wie ich diese auch bei den Gezi Park Protesten empfunden habe. Anders als in der Türkei werden in Deutschland unsere Freiheit und Sicherheit nicht vom Staat oder unserer Regierung bedroht – sondern von Menschen, die neben uns und mit uns leben.

geziEine Zeichnung von den Opfern der Gezi Park Proteste – „im Himmel passen die älteren Brüder auf das jüngste Opfer, Berkin Elvan, auf“. Sie sind zu Helden der Gezi Park Bewegung geworden.

 

Radikale Islamisten und radikale Nationalisten sowie gewalttätige Jugendliche beängstigen uns seit einiger Zeit und wir machen uns große Sorgen um unsere Sicherheit und unsere Harmonie. Wir haben auch Angst um die Zukunft unserer Gesellschaft. So leiden wir nicht nur unter unserem Alltagsstress, sondern auch unter Gesellschaftsstress.

Es ist nicht die Bedrohung von außen, die uns zu schaffen macht, sondern Gefahren von innen, die wir nicht einschätzen können. So haben wir uns nach Helden gesehnt, die darauf hoffen lassen gegen diese Bedrohungen anzukämpfen – und diese vielleicht sogar zu besiegen.

Tugces Tat, ihr Schicksal und ihre Bereitschaft sich für andere einzusetzen, zeigen uns, dass wir den Kampf für eine gesunde Gesellschaft nicht verloren haben. Sie gibt uns Mut, sie gibt uns Kraft. Wir wünschen uns, dass sie bei uns geblieben wäre.

Leider hat sie uns verlassen. Doch hat sie uns ein Erbe hinterlassen, das uns keiner unserer Politiker, Verbandsvertreter und Medien hätte überreichen können. Tugce hat uns nicht nur gezeigt, was es heißt, nicht wegzuschauen, wenn Ungerechtigkeiten in unserem Alltag geschehen und dass es eine Bürgerpflicht ist sich einzumischen, sondern uns auch als Gesellschaft zusammen geschweißt. Es wird noch etwas dauern, bis uns das bewusst wird und vor allem: bis wir erkennen, dass jeder Bürger in diesem Land den Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit selbst führen muss. Nicht nur der Staat oder unsere Regierung sollte Initiative ergreifen, um uns gegen Islamisten, Radikale und gewalttätige junge Männer zu schützen. Vielmehr müssen wir das selbst stärker fordern und dürfen nicht wegsehen. In der Türkei herrscht der Gezi Geist, seit durch die Proteste junge Menschen umgekommen sind,  die ihr Leben für eine bessere Türkei opfern mussten. Er tritt überall in Erscheinung, wo junge Menschen Ungerechtigkeiten bemerken, um dann dagegen öffentlich zu protestieren. Istanbul ist seit Gezi sicherer geworden, denn den Menschen ist noch einmal bewusst geworden, dass nur sie auf sich aufpassen können und müssen – auf den Staat, die Polizei und die Regierung ist eben kein Verlass mehr. Hoffentlich wird der Geist von Tugce auch über uns wachen, damit wir dieses Gewaltverbrechen nicht vergessen wird und wir überall dort einschreiten, wo wir Ungerechtigkeiten bemerken – solange wir auf die Polizei und die Justiz warten.

So wie es Tugce tat, unser Vorbild, unsere Heldin.


8 Gedanken zu “Wir sehnten uns nach Helden – und dann kam Tugce.

  1. Sehr geehrte Cigdem Toprak!

    Über die Achse des Guten bin ich auf Ihren Beitrag gestoßen, und ich möchte mich bei Ihnen dafür bedanken. Ich stimme Ihnen voll und ganz zu.
    Ich bin sehr traurig über den Tod der jungen Studentin.
    Als Atheist liegt mir das Beten fern, aber gedenken kann ich trotzdem.
    Ich habe allerdings gehörige Wut in mir, wenn ich daran denke, daß die Studentin von einem Intensivtäter getötet wurde. Kann der Richter, der diesen immer wieder freiließ, noch in den Spiegel schauen?

    Ich wünsche Ihnen einen schönen 1.Advent

  2. Sehr geehrte Frau Cigdem Toprak!
    Habe über achgut.de auf Ihre Seite gefunden und erlaube mir folgenden wenig schönen Kommentar zu dieser traurigen Geschichte.
    Ihr Tod reiht sich ein in eine lange Reihe ähnlicher Fälle von sogenannter „Zivilcourage“ in Deutschland. Dominik B., Johnny K. sind nur die Prominentesten. Alle haben gemeinsam, dass die Toten kollektiv bejubelt werden. Hätten sie schwerverletzt überlebt oder trügen lebenslang schwere gesundheitliche Folgen, wären sie jetzt mit den Folgen alleine.
    Hätten sie aber den Angreifern ein Haar gekrümmt, wären sie jetzt dran und selbst im Gefängnis und das vermutlich länger als der Angreifer selbst! Ich wage sogar die Prognose, dass der Täter in spätestens drei Jahren wieder frei herumlaufen wird, wenn hier die gleichen Maßstäbe gelten, wie für Onur U.!
    Ich halte es für falsch, Aktionen wie hier für Bundesverdienstkreuze zu starten.
    Dies wird wieder dazu führen, dass sich wieder Menschen aus idealistischen Motiven dazu hinreissen lassen, für andere ihr Leben zu riskieren und sich von unverantwortlichen Kampagnenbetreibern, wie zB. diesen hier
    http://www.aktion-tu-was.de/
    wehrloserweise ins Feuer schicken zu lassen.

  3. Danke Tugce! – Mit Deinem türkischen Herzen hast Du nicht nur in Deutschland vielen Ignoranten und Politikern Augen und Herz geöffnet. Die ganze Welt nimmt teil. Es ist sehr, sehr traurig, dass Du dafür Dein junges Leben opfern musstest. Leider kannst Du die Früchte Deines Opfers unter den Lebenden nicht mehr genießen. Aber viele, viele Menschen – egal welcher Nationalität oder Religionszugehörigkeit – werden Dich als Heldin feiern und dankbar in Erinnerung behalten. Als eine tapfere junge Frau die spontan und beispielhaft, mit Zivilcourage und Charakter vielen zeigte, wie elementar wichtig Nächstenliebe in einer globalisierenden Welt ist. In einer Welt des Egoismus und des Fanatismus hast Du vielen – vor allem im Westen- das in Erinnerung gebracht, was fast schon in Vergessenheit geriet. Es kam in einer politisch schwierigen Zeit gerade richtig. Vielleicht hast Du damit auch die verkrusteten Seelen politischer Führer reanimiert? Die vor lauter Geld und Zuwachsraten vergessen haben, dass es nichts Wichtigeres im Leben gibt, als in junges Leben und Familien zu investieren.
    Für mich bist und bleibst Du eine Heldin. Und es ist wohltuend zu beobachten, dass es immer mehr Menschen gibt – nicht nur in digitalen Netzwerken – die Dein Opfer zu schätzen wissen und in Ehren halten werden. Das Bundesverdienstkreuz wäre nur eine kleine selbstverständliche Anerkennung Deiner wunderbaren Tat.
    Mein aufrichtiges Beileid geht an Deine Eltern und Freunde.

  4. Sehr geehrte Frau Toprak,
    was mich in diesem Fall bewegt, ist der Gedanke an dieses vernichtete Leben. Wenn ich mir vorstelle, daß mich oder jemanden in meinem Umfeld mit 22 Jahren umgebracht hätte, sehe ich ein Universum von Nichtgeschehen.
    Was hätte diese Frau alles erreichen können!
    Ich bin zutiefst deprimiert.

    Gruß

    en e Ich kann mir vorstellen

  5. Warum wird sie so gefeiert? Was ist mit Dominik Brunner (München), Torsten N. (Berlin), Daniel Siefert (Kirchweyhe), Darius Ekbatani (Berlin), Thilo B. (Berlin, fast tot, hat aber überlebt), Johnny K.(Berlin), Roland H. (24 Jahre alt, Bremen, hockt für den Rest seines Lebens im Rolli), und, und, und? Ach so, das waren Jungs oder Männer, die meisten sogar Deutsche. Nur die Täter waren immer die gleichen.

  6. „Mit Deinem türkischen Herzen hast Du nicht nur in Deutschland vielen Ignoranten und Politikern Augen und Herz geöffnet.“ (Werner Reichel, 1.12.14)
    Was für ein nationalistischer Dreck! Ich hoffe sehr, Tugce hat sich eingemischt, weil sie ein MENSCHLICHES, nicht weil sie ein TÜRKISCHES Herz hatte. Würden Sie im Falle Daniel Sieferts und Dominik Brunners auch deren „deutsche Herzen“ preisen, Herr Reichel? Aber anderen Ignoranz vorwerfen!

  7. Frau Toprak,
    Sie können es nicht lassen !
    Etwas so unschuldiges wie Tugce’s Tat für ihre eigenen Zwecke benutzen. . .
    schämen sie sich !
    Das hier werden nicht alle verstehen, nur diejenigen die Frau Toprak und ihre Anbiederung an CHP in der TR mit verfolgt haben.
    Aber wessen Brot ich ess dessen Lied . . .
    Besinnliche Feiertage und guten Rutsch
    Olaf

  8. Liebe Cigdem Toprak, vielen Dank für den Artikel. Ich stimme Ihnen zu und möchte ergänzen: In der Berichterstattung um Tugce (hat sie auch einen Nachnamen? Immerhin ist sie 23 und kein Kind mehr) wurden häufig Straßenumfragen gemacht. Neben Betroffenheit sagten viele der Befragten auch, dass man nun doch sehe, dass man ein solches Eingreifen besser lasse, aus Gründen der eigenen Sicherheit. Ich weiß nicht, wie ich in einer vergleichbaren Situation handeln würde, ob ich eingreifen oder wegschauen würde. Aber ich weiß, dass es mich empört, wenn Menschen schon vorab für den möglichen Fall, vor so eine Entscheidung gestellt zu werden, nach Argumenten suchen, die ein Nicht-Eingreifen vermeintlich entschuldigen. Das haben Tucge und die anderen Heldinnen und Helden der Zivilcourage nicht verdient.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>