Mehr Patriotismus wagen.

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„Auf das Land, das damals meine Eltern mit offenen Armen empfangen hat. Auf das Land, das mir Bildung erlaubte und mir eine Zukunft ohne Angst und Krieg schenkte, das mir die Chance gibt mein Leben zu leben ohne hungern zu müssen. Deutschland vor, spielt, schießt und siegt.“ Diese Worte teilte ein Freund von mir auf Facebook, kurz vor dem WM-Spiel Deutschland gegen Portugal. Die Worte eines 26-Jährigen Deutsch-Türken. Klingt patriotisch, ist es auch. Und das ist vollkommen in Ordnung.

Deutschland fehlt es an Patriotismus. An gesunder Vaterlandsliebe. Wir sollten uns als Bürger eines freien, demokratischen und wohlhabenden Landes bewusst sein und unser Land mit seinen Bürgern zu schätzen wissen. Nur so können wir die Rahmenbedingungen schaffen, in denen ein harmonisches Zusammenleben verschiedener Kulturen, Religionen, Ethnien und Lebensvorstellungen funktioniert.

Das wovon ich spreche, darf nicht mit Nationalismus in seiner ausgrenzenden, faschistischen und fundamentalen Form verstanden werden. Es geht vielmehr um ein Konzept, das zum einen davon geprägt ist, uns bewusst machen, dass wir in einem tollen Land leben. Zum anderen sollten wir uns selbst und unsere Mitmenschen „lieben“ – also so zu akzeptieren, wie sie sind, aber dennoch bzw. gerade deshalb sie weiterhin zu kritisieren.

Natürlich läuft auch in Deutschland nicht alles einwandfrei. Aber global betrachtet, seien wir einmal ehrlich: Uns geht es verdammt gut. Die Kinder genießen eine ausgezeichnete, kostenfreie Bildung, die Bürger schlagen die Zeitungen auf und wissen, dass sie kein Propagandablatt der Regierung lesen, sie müssen nicht ins Gefängnis, weil sie ihre Meinung sagen, sie müssen nicht darum fürchten, das ihr Haus von einer Bombe zerstört wird.
Gerade Migranten kennen andere Zustände und einige von ihnen, so überraschend es klingen mag, sind sehr glücklich, dass sie in Deutschland Demokratie, Freiheit und Sicherheit genießen.
Verfassungspatriotismus allein reicht aber nicht aus.
Deutsche müssen ihre traumatischen Erlebnisse mit dem Patriotismus/Nationalismus therapieren und erneut ihre Gefühle gegenüber ihrem Vaterland aufkeimen lassen. Statt neue Identitätskrisen zu erfinden („Bin ich eigentlich geschlechtslos, zwingt mich die Gesellschaft, eine Frau zu sein und bin ich eigentlich homosexuell, weil das der neue Trend ist?), sollten Deutsche ihre primäre Identitätskrise lösen: die ihrer eigenen nationalen Identität.
Deutsche brauchen sich lange nicht mehr für ihr „Deutsch-Sein“ schämen zu müssen. Während im Ausland, wie beispielsweise in der Türkei „Deutsch-Sein“ äußerst beliebt ist, sind sich die Deutschen selbst ihrer beneidenswerten Eigenschaften nicht einmal bewusst.
Aufrichtigkeit, Disziplin, Fleiß und der Zwang zur Ordnung als deutsche Eigenschaften haben Deutschland in weit weniger als nur einem Jahrhundert zu einem demokratischem und wohlhabenden Land gemacht.

Aber erst wenn die Deutschen sich selbst „lieben“, sind sie auch bereit, andere „zu lieben“ – und: dass andere sie auch „liebevoll“ akzeptieren.
Als in den 60er Jahren die ersten Einwanderer nach Deutschland kamen, wollten sie eigentlich schnell wieder weg. Aber siehe da, sie haben Deutschland gemocht und wollten bleiben– nur, wurde ihnen das nie bewusst gemacht. Die Migranten haben mitangesehen, wie die „toleranten und offenen“ linken Deutschen nur so von „Selbsthass“ trotzten. Wie sollten Migranten ein Land zu schätzen wissen, wenn ihre eigenen Bürger das selbst nicht tun?
Und: wenn „Wessis“ selbst die „Ossis“ nicht als Teil ihrer Gesellschaft akzeptieren (und umgekehrt), wie können Deutsche bereit sein, schwarzhaarige, bärtige Männer mit ihren kopftuchtragenden Frauen als ein Teil von ihnen anzuerkennen?

Was in Deutschland aber momentan falsch läuft, ist, dass entweder Migranten und ihre Nachfahren zwangsweise als „Deutsche“ deklariert oder dass sie erst gar nicht als ein Teil dieser Gesellschaft akzeptiert werden.
Es sollte nicht heißen „Euch geht es doch gut hier.“, wenn Migranten sich ungerechtfertigt beschweren, sondern vielmehr „Uns geht es hier gut.“

Wenn wir uns selbst zu schätzen lernen, im nächsten Schritt auch unsere Mitmenschen, dann hören wir auch auf, unsere neuen Zuwanderer nach bloßen wirtschaftlichen und kulturellen Nutzen zu selektieren. Dann gibt es keine „guten“ und „schlechten“ Migranten. Dann hören wir auf zu sagen, „Es sind die Falschen gekommen“, wenn wir meinen, dass in den 60er und 70er Jahren ungebildete Migranten nach Deutschland eingewandert sind. Dann scheren wir uns nicht mehr um politisch korrekte Bezeichnungen wie „Migrationshintergrund“ und „Ausländer“.

Dann können wir Deutsche unsere Mitmenschen kritisieren, ohne zu diskriminieren. Wir dürfen von unseren Mitmenschen verlangen, sich Mühe zu geben für ein harmonisches Miteinander, ohne denjenigen das Gefühl zu geben, ihn von der Mehrheitsgesellschaft ausschließen zu wollen.

Ein Gedanke zu “ Mehr Patriotismus wagen.

  1. Das Land das uns mit Diskriminierung täglich empfängt:

    Beispiel: Frau Doktor und Ihr Kind. Auf dem Spielplatz beschimpft, im Gericht umgebracht. Der verspätet herbeigerufene Polizist schiest nicht auf den blonden rechtsextremisten mit dem japanischem Schwert in der Hand , sondern auf den am boden liegenden , blutenden Ehemann.

    Dr. Marwa El-Sherbiny

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