Lernen Sie Deutsch?

Sep
2012
13

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Gestern im Zug. Sitzt ein älterer Herr mir gegenüber, erfreut, dass ich mich zu ihm gesetzt habe. “Schön, dass Sie mir im Zug Gesellschaft leisten.” Liest den “Spiegel” mit einer Leselupe. Schaut auf mein Grammatikbuch. “Lernen Sie Deutsch?”, darauf antwortete ich “Nein, Französisch.” und er erzählte, dass er weder Französisch noch die romanischen Sprachen je gelernt habe, “aber Englisch und Russisch, das kann ich gut.” Ich fragte mich, weshalb ihm sofort “Deutsch” eingefallen ist, als er das Grammatikbuch sah. Ich konnte es mir nicht verkneifen, ihn darauf anzusprechen, einfach um wirklich zu verstehen, wie er darauf gekommen ist. (Im Hinterkopf die unzähligen Artikeln in allen Medien, dass man als jemand mit Migrationshintergrund ständig darauf angesprochen wird, “wie gut Deutsch man könne”).

Hat sich der Herr nun einem Vorurteil bedient? Er hat gesehen, dass mein Äußeres nicht “deutsch” ist, dass ich offensichtlich oder zumindest meine Vorfahren aus einem anderem, fremden Land kommen. Somit müssten mir selbstverständlicherweise deutsche Sprachkentnisse fehlen. Oder hat er sich einem Stereotypen bedient? Dem Stereotyp einer “Türkisch/Arabisch/Iranisch-aussehenden Person” in der deutschen Gesellschaft, die mangelnde Sprachkentnisse hat. Da sie entweder frisch nach Deutschland eingewandert ist oder sie hat eben nie richtig Deutsch gelernt.

Ich hätte es niemals wissen können, wenn ich nicht nachgefragt hätte. Ihn mit seiner Frage nicht konfrontiert hätte.

“Nun ja, ich habe nur das Wort >>Grammatik<< gelesen. Wo steht denn, um welche Sprache es sich handelt? Ach, da. stimmt.” Daraufhin zeigt er auf einen Artikel im “Spiegel” und sagt auf eine sehr aufrichtige Weise “Ich lerne noch immer Deutsch.”, dabei steht auf dem Adressenaufkleber “Heinz….”

Nun, er hat einfach nicht lange nachgedacht und konnte auf dem Buch keinen Hinweis auf eine Fremdsprache sehen, daraus hat er gefolgert, dass es sich um deutsche Grammatik handele. Wenn mir aber jemand sagt “Sie sprechen aber gut Deutsch”, dem eigentlich ein “obwohl Sie” folgen würde,  fühle ich mich da tatsachlich diskriminiert? Nein, fühle ich mich nicht.

Ich fühle mich fremd. Als ob man heute nicht wüsste, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland hier geboren sind, hier arbeiten, hier ihre Ausbildung machen und einige von ihnen perfekt Deutsch sprechen. Natürlich gibt es viele, die auch hier geboren sind, die hier arbeiten, aber die mangelnde Sprachkentnisse besitzen. Der springende Punkt ist nur der, dass das letztere Beispiel weitgehend in den Medien widergespiegelt wird. Als Problemfälle. Nun könnten wir uns alle wieder auf die bösen Medien stürzen. Dabei liegt es doch an jedem selbst, wenn man jene mit Migrationshintergrund nur über die mediale Berichterstattung kennenlernt. Und alle anderen ignoriert.

Das Gefühl des Fremdseins im eigenen Land verfolgt auch mich im Alltag. Diskriminierungen, Vorurteile und Rassismus sind Probleme, die mich auch in der Türkei hätten treffen können. Was natürlich nicht als irgendeine Rechtfertigung für die Probleme in unserer Gesellschaft dienen soll. Nein, natürlich nicht. Aber diese Probleme bringen mich nicht zur Resignation, sie fordern mich eher raus, dagegen zu kämpfen.

Aber das Gefühl des Fremdseins packt dich irgendwo tief drin und lässt dich nicht los.

“Weißt du, Cigdem, wenn mich jemand negativ auf meine Herkunft anspricht, dann denke ich mir, weißt du was, das hat hier doch alles eh keinen Sinn.”, sagt meine Freundin Nesrin, die sich ehrenamtlich beim Ausländerbeirat engagiert.

Das Traurige ist: Wir kennen kein woanders. Das ist unsere Heimat. Dabei ist es nicht von Bedeutung, ob ich Deutsche oder Türkin bin. Es war Zufall, dass ich hier geboren sind. Aber meine Eltern haben sich für dieses Land entschieden. Sie sind aus wirtschaftlichen Gründen gekommen, aber aus sozialen und politischen hier geblieben. Sie haben eine Wahl, aber sie haben sich bewusst für Deutschland entschieden. Nicht, um Deutsche zu werden, aber um ein Teil dieser Gesellschaft zu sein. “Deutsch-Sein” ist nicht mehr als nur ein offizieller Status, welches für das echte Zusammenleben keinen Inhalt und keinen Sinn besitzt.

Nesrin und ich kommen aus einer alevitischen Familie. Sie wissen genau, was es heißt, aufgrund ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit in ihrer Heimat diskriminiert (aber nicht nur solche, auch Türken aus dem östlichen Teil der Türkei, Kurden, Frauen ohne, zwar seltener, aber manchmal auch mit Kopftuch [heißt es in den Medien], Juden, Christen, Atheisten, Hundebesitzer in Großstädten wie Istanbul) und verfolgt zu werden. Aber sie hätten nicht gedacht, dass ihre Kinder von diesem bitteren Gefühl verfolgt werden, das sich Heimatlosigkeit nennt.

Auch ich könnte auf Vorurteile und Stereotypen aufbauen, die auch mir durch Medien vermittelt werden (dass Menschen mich auf negative Weise auf meine Herkunft ansprechen und ich mich dadurch diskriminiert fühle).

Denn hätte ich den älteren Herrn nicht auf seine von mir wahrgenommenes Vorurteil angesprochen, hätte ich nie erfahren, dass er mit seiner Frage kein bewusstes Vorurteil bestätigen lassen wollte. Dann hätte ich wieder diesen bitteren Geschmack gespürt, der mir das Gefühl des Nichtdazugehörens vermittelt und mich den ganzen Tag verfolgt.

Vielleicht war ihm aber auch eine Frage im Nachhinein unangenehm, und er wollte mir durch seine kluge Antwort sein Weltbild zu verstehen geben. “Nein, Sie sind mir nicht fremd.” So habe ich mich nämlich in diesem Moment gefühlt, als ein Teil der Gesellschaft, zudem er auch gehört. Ich war ihm, und er mir, nicht mehr fremd. Den ganzen Tag lang.

 

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