Lernen Sie Deutsch?

Gestern im Zug. Sitzt ein älterer Herr mir gegenüber, erfreut, dass ich mich zu ihm gesetzt habe. “Schön, dass Sie mir im Zug Gesellschaft leisten.” Liest den “Spiegel” mit einer Leselupe. Schaut auf mein Grammatikbuch. “Lernen Sie Deutsch?”, darauf antwortete ich “Nein, Französisch.” und er erzählte, dass er weder Französisch noch die romanischen Sprachen je gelernt habe, “aber Englisch und Russisch, das kann ich gut.” Ich fragte mich, weshalb ihm sofort “Deutsch” eingefallen ist, als er das Grammatikbuch sah. Ich konnte es mir nicht verkneifen, ihn darauf anzusprechen, einfach um wirklich zu verstehen, wie er darauf gekommen ist. (Im Hinterkopf die unzähligen Artikeln in allen Medien, dass man als jemand mit Migrationshintergrund ständig darauf angesprochen wird, “wie gut Deutsch man könne”).

Hat sich der Herr nun einem Vorurteil bedient? Er hat gesehen, dass mein Äußeres nicht “deutsch” ist, dass ich offensichtlich oder zumindest meine Vorfahren aus einem anderem, fremden Land kommen. Somit müssten mir selbstverständlicherweise deutsche Sprachkentnisse fehlen. Oder hat er sich einem Stereotypen bedient? Dem Stereotyp einer “Türkisch/Arabisch/Iranisch-aussehenden Person” in der deutschen Gesellschaft, die mangelnde Sprachkentnisse hat. Da sie entweder frisch nach Deutschland eingewandert ist oder sie hat eben nie richtig Deutsch gelernt.

Ich hätte es niemals wissen können, wenn ich nicht nachgefragt hätte. Ihn mit seiner Frage nicht konfrontiert hätte.

“Nun ja, ich habe nur das Wort >>Grammatik<< gelesen. Wo steht denn, um welche Sprache es sich handelt? Ach, da. stimmt.” Daraufhin zeigt er auf einen Artikel im “Spiegel” und sagt auf eine sehr aufrichtige Weise “Ich lerne noch immer Deutsch.”, dabei steht auf dem Adressenaufkleber “Heinz….”

Nun, er hat einfach nicht lange nachgedacht und konnte auf dem Buch keinen Hinweis auf eine Fremdsprache sehen, daraus hat er gefolgert, dass es sich um deutsche Grammatik handele. Wenn mir aber jemand sagt “Sie sprechen aber gut Deutsch”, dem eigentlich ein “obwohl Sie” folgen würde,  fühle ich mich da tatsachlich diskriminiert? Nein, fühle ich mich nicht.

Ich fühle mich fremd. Als ob man heute nicht wüsste, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland hier geboren sind, hier arbeiten, hier ihre Ausbildung machen und einige von ihnen perfekt Deutsch sprechen. Natürlich gibt es viele, die auch hier geboren sind, die hier arbeiten, aber die mangelnde Sprachkentnisse besitzen. Der springende Punkt ist nur der, dass das letztere Beispiel weitgehend in den Medien widergespiegelt wird. Als Problemfälle. Nun könnten wir uns alle wieder auf die bösen Medien stürzen. Dabei liegt es doch an jedem selbst, wenn man jene mit Migrationshintergrund nur über die mediale Berichterstattung kennenlernt. Und alle anderen ignoriert.

Das Gefühl des Fremdseins im eigenen Land verfolgt auch mich im Alltag. Diskriminierungen, Vorurteile und Rassismus sind Probleme, die mich auch in der Türkei hätten treffen können. Was natürlich nicht als irgendeine Rechtfertigung für die Probleme in unserer Gesellschaft dienen soll. Nein, natürlich nicht. Aber diese Probleme bringen mich nicht zur Resignation, sie fordern mich eher raus, dagegen zu kämpfen.

Aber das Gefühl des Fremdseins packt dich irgendwo tief drin und lässt dich nicht los.

“Weißt du, Cigdem, wenn mich jemand negativ auf meine Herkunft anspricht, dann denke ich mir, weißt du was, das hat hier doch alles eh keinen Sinn.”, sagt meine Freundin Nesrin, die sich ehrenamtlich beim Ausländerbeirat engagiert.

Das Traurige ist: Wir kennen kein woanders. Das ist unsere Heimat. Dabei ist es nicht von Bedeutung, ob ich Deutsche oder Türkin bin. Es war Zufall, dass ich hier geboren sind. Aber meine Eltern haben sich für dieses Land entschieden. Sie sind aus wirtschaftlichen Gründen gekommen, aber aus sozialen und politischen hier geblieben. Sie haben eine Wahl, aber sie haben sich bewusst für Deutschland entschieden. Nicht, um Deutsche zu werden, aber um ein Teil dieser Gesellschaft zu sein. “Deutsch-Sein” ist nicht mehr als nur ein offizieller Status, welches für das echte Zusammenleben keinen Inhalt und keinen Sinn besitzt.

Nesrin und ich kommen aus einer alevitischen Familie. Sie wissen genau, was es heißt, aufgrund ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit in ihrer Heimat diskriminiert (aber nicht nur solche, auch Türken aus dem östlichen Teil der Türkei, Kurden, Frauen ohne, zwar seltener, aber manchmal auch mit Kopftuch [heißt es in den Medien], Juden, Christen, Atheisten, Hundebesitzer in Großstädten wie Istanbul) und verfolgt zu werden. Aber sie hätten nicht gedacht, dass ihre Kinder von diesem bitteren Gefühl verfolgt werden, das sich Heimatlosigkeit nennt.

Auch ich könnte auf Vorurteile und Stereotypen aufbauen, die auch mir durch Medien vermittelt werden (dass Menschen mich auf negative Weise auf meine Herkunft ansprechen und ich mich dadurch diskriminiert fühle).

Denn hätte ich den älteren Herrn nicht auf seine von mir wahrgenommenes Vorurteil angesprochen, hätte ich nie erfahren, dass er mit seiner Frage kein bewusstes Vorurteil bestätigen lassen wollte. Dann hätte ich wieder diesen bitteren Geschmack gespürt, der mir das Gefühl des Nichtdazugehörens vermittelt und mich den ganzen Tag verfolgt.

Vielleicht war ihm aber auch eine Frage im Nachhinein unangenehm, und er wollte mir durch seine kluge Antwort sein Weltbild zu verstehen geben. “Nein, Sie sind mir nicht fremd.” So habe ich mich nämlich in diesem Moment gefühlt, als ein Teil der Gesellschaft, zudem er auch gehört. Ich war ihm, und er mir, nicht mehr fremd. Den ganzen Tag lang.

 

7 Gedanken zu „Lernen Sie Deutsch?

  1. KD

    Ich verstehe Sie gut, liebe Frau Toprak, sich “fremd im eigenen Land” zu fühlen ist bitter und entwürdigend. Aber seien Sie gewiß, die Mehrheit von uns “Autochthondeutschen” freut sich über Menschen wie Sie – und in 30 Jahren werden Sie sich hier sicher auch “ganz” zuhause fühlen :)

  2. Cigdem Artikelautor

    Vielen Dank für Ihren Kommentar! Sowas lese ich immer wieder gerne und dafür lebe ich so gerne in meiner Heimat, auf diesem Fleckchen Erde :)

  3. genius

    Ehrlich gesagt, finde ich den Text nicht so gut und dass Sie einem fehlgeleiteten Heimatbegriff anhängen. Was zur Folge hat, dass die ganze Sache romantisch verklärt wird.

    Nicht Deutschland, sondern die Orte ihrer Kindheit und Ihres Erwachsenwerdens – das ist Ihre Heimat! Dabei spielt der von Ihnen angesprochene Migrationshintergrund ganz sicher eine Rolle. Das muss man jedem Menschen zubilligen. Und deswegen handelt es sich im Falle des Mannes im Zug vllt um ein Vorurteil, jedoch um ein berechigtes.

  4. Hardy Gutsche

    Sehr geehrte Frau Toprak, ich glaube, viele Menschen – egal welcher Herkunft, Nation, Kultur, Religion oder sonstiger Prägung – benötigen Vorurteile und Zuschreibungen, um sich selbst im Leben besser zu orientieren und sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen. Ab- und Ausgrenzung ist um so vieles einfacher. Ich habe es als Kind in Polen und der DDR selbst erlebt: dreisprachige Kindheit einige Jahre in Polen, später wieder in Berlin: deutsche Familiensprache, russische Schulsprache (als “Ausländer-”Kind in einer russischen Schule) und polnische Alltagssprache für den “Rest”, dazu dunkle Haare: in jeder Sprach-Sphäre habe ich solche und solche Menschen erlebt: solche, denen es schlichtweg egal war, welche Muttersprache ich hatte und die sich für mich als Mensch interessierten oder eben nicht. Und solche, die abgrenzende Zuschreibungen brauchten. So habe ich als Kind gelernt mit wechselnden, nicht selbstgewählten , mir ungefragt zugeschriebenen Identitätenzu leben und letztlich virtuos zu “spielen”: mal war ich der Deutsche/wahlweise Nazi, dann wieder der Polacke, der Russe oder – bis heute immer wieder sehr spannend für mich – der Jude. Ich glaube es muss erst über Generationen völlig selbstverständlich in Nachbarschaft gelebt worden sein, dass die vielgepriesene Vielfalt keine Schönwetterveranstaltung ist, sondern in erster Linie und vor allem eine Selbsthinterfragung ALLER “Betroffenen” – einschließlich ihrer liebgewonnenen Gewißheiten über das Leben und wie man es zu leben habe – ist. Dann auszuhalten, dass andere anders leben oder überraschenderweise auch gar nicht anders leben – das halte ich für die eigentliche Lernaufgabe unserer Gesellschaft – ob eingeborenen, zugewandert oder vom Himmel gefallen. Viel Erfolg und Glück weiter in Ihrem Engagement und für Ihre Lebensgestaltung. Mit freundlichen Grüßen Hardy Gutsche

  5. Serapio

    Frau Toprak,

    Ich frage mich an dieser Stelle, ob Sie sich nicht selbst auffressen in ihrer Suche nach den Deutschen, die voll von Stereotypen seien?

    Der Mann im Zug wollte wahrscheinlich einfach nur ein Gespräch mit einer nett aussehenden Ausländerin anfangen (andere wären in dieser Situation vielleicht aufgestanden und wären gegangen oder hätten Sie mit verächtlichen Blicken malträtiert). Er hielt Sie vielleicht für eine Neuzugezogene oder gar eine Touristin, die sich möglichst bald sprachlich in die Gesellschaft einfügen will und deshalb die Sprache Deutsch lernt. Wo sehen Sie da ein Stereotyp? Der Stereotyp liegt doch eher bei Ihnen, wo Sie ihm sofort Bildungsmangel und fehlendes Einfühlungsvermögen vorwerfen (nach dem Motto, dieses A*loch merkt noch nicht mal, dass ich hier geboren bin), und Sie denken doch, alle Deutschen sind so – und damit Sie sich diesen Vorwurf nicht machen müssen: nööö nicht alle; Sie wollen aber sagen: die meisten. Zumindest verorten Sie sie an jeder Ecke . Und damit sind Sie genau das, was Sie den Deutschen vorwerfen: eine Rassistin!

    Ich will mal vermuten, was sich der ältere Herr im Zug jetzt denkt, wenn er Ihre Erzählung dieses Vorfalls lesen würde: Er wird es bereut haben, Sie jemals angesprochen haben. Wenn Sie jedes Wort auf die Goldwaage namens „Stereotyp und Rassismus“ legen, dann sollte man Ihnen aus dem Weg gehen. Oder am besten nie wieder eine Türkin ansprechen. Sollen die doch bleiben wo der Pfeffer wächst. Und dann wir er genau das machen was ich oben beschrieben habe: er wird das Abteil wechseln. Und dann werden Sie sich erst Recht in Ihren Vorurteilen bestätigt sehen und Sie werden sich in Ihrem Teufelskreis weiter rotieren, bis nach ganz oben, bis Sie am Ende völlig verbittert ihren deutschen Mitmenschen nur noch Verachtung entgegenbringen. Wollen wir nicht hoffen, dass es soweit kommt.

    MfG.
    Serapio. Selbst ein Ausländer in Deutschland.

  6. Paul

    Liebe Frau Toprak,
    der erste Schritt der Integration ist die Möglichkeit zu kommunizieren. Ich erlebe berufsbedingt täglich, dass viele Türken einfach kein deutsch sprechen oder nur marginale Grundkenntnisse haben. Ein Dialog ist absolut nicht möglich. Sie müssen verstehen, dass das die Realität in Deutschland ist. Es hat nichts mit Diskriminierung zu tun. Es ist einfach eine Tatsache.
    Deutsche generell sind aber nicht so ausländerfeindlich wie sie immer dargestellt werden. Sie reisen in viele Länder und möchten gerne Sitten und Gebräuche der anderen Länder kennenlernen. Es ist ein starkes Bedürfnis. Aber sie sind auch generell introvertiert. Ich finde es positiv, dass der Mann sie im Zug überhaupt angesprochen hat. Er wollte mit ihnen kommunizieren! Das ist doch alles andere als Diskriminierung.
    Natürlich findet er es gut, wenn eine dunkelhaarige Frau deutsche Grammatik lernt. Das bedeutet nämlich, dass sie willens ist sich zu integrieren. Es steht nicht in Ihrem Gesicht geschrieben, dass sie hier geboren sind.
    Es wäre sinnvoll, wenn Menschen wie sie Interesse oder Nachfragen nicht sofort negativ sehen würden. Natürlich kommt ein “Sie sprechen aber gut Deutsch”, aber es ist ein Kompliment. Natürlich fragt man Sie “wo kommen Sie her”, aber es ist nicht negativ gemeint, sondern Interesse. Es ist manchmal auch nur eine Floskel, der Einstieg in ein Gespräch, nämlich indem man einfach Interesse an der Person gegenüber zeigt.

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