Die Islamdebatte und unser Selbstmord als liberale Gesellschaft

Erneut ist wieder die Diskussion darüber entfacht, ob der Islam zu Deutschland gehört. So widersprach Volker Kauder von der CDU dem ehemaligen Bundespräsidenten Wulff, dass der Islam ein Teil Deutschlands sei. Dass diese Aussagen keinerlei Rolle spielen, weil sie keinen wirklichen Beitrag zur Integrationsdebatte und der Islamdebatte leisten, sollte uns bewusst werden.

Diskurs über Integration und Islam sind voneinander zu unterscheiden

Die Debatten über Integration und Islam sind voneinander zu trennen, obwohl sie natürlich dennoch in einer Beziehung zueinander stehen. Denn durch die Migration von Gastarbeitern aus muslimischen Ländern leben heute vier Millionen Muslime in Deutschland.

Sprachliche Defizite und ein geringes Bildungsniveau haben die Integration in die deutsche Gesellschaft erschwert. Hinzu kommen Probleme, die durch kulturelle Einstellungen und Praktiken verursacht werden, wie beispielsweise arrangierte Ehen sowie Zwangsehen.

Religiöse Faktoren können selbstverständlich auch einen Einfluss auf die Integration haben, müssen sie aber nicht.

Islamdebatte in der Türkei

Auch in der Türkei herrscht eine „Islamdebatte“. Und da geht es nicht um eine nicht-islamische Mehrheitsgesellschaft und den Forderungen der islamischen Religionsgemeinschaft als Minderheit. Denn die türkische Bevölkerung setzt sich offiziell mit 99 Prozent aus Muslimen zusammen, in denen nicht alle „Brüder und Schwestern“ sind. Abgesehen davon, dass unterschiedliche Konfessionen innerhalb des Islams existieren, können sich auch die Einstellungen der Muslime innerhalb einer Konfessionen unterscheiden.

In der Türkei geht es aber vielmehr um die Diskussion, welchen Stellenwert die Religion im Alltag des Einzelnen hat, wie weit das Individuum von religiösem Druck geschützt werden kann und auf institutioneller Ebene, welchen Einfluss die Religion und vor allem die jeweilige Interpretation von Islam auf den Staat und die Gesellschaft besitzt.

Zwangsheirat, Gewalt gegen Frauen und das islamisch-strenge sowie das islamisch-politische Kopftuch werden öffentlich diskutiert. Nicht-liberale und unmenschliche Praktiken und Einstellungen der türkischen Kultur werden angeprangert.

Auch spricht man von einer Islamisierung der türkischen Gesellschaft. Die Islamisierung betrifft allerdings die Muslime selbst, weil der Druck der religiösen Gruppe sich auf seine Mitglieder fokussiert.

Aufrichtige Islamkritik

Islamkritiker, die wirkliche Aufklärungsarbeit leisten möchten, fokussieren sich in erster Linie auf das Wohlbefinden und die persönliche Autonomie des Individuums, welches einer Gruppe angehört. Diese Gruppe ist hier eben die islamische Religionsgemeinschaft.

Die Islamisierung der deutsch-christlichen Gesellschaft sollte nicht im Vordergrund sein, denn dies hat vielmehr mit Ängsten als mit Fakten zu tun, die zu fremdenfeindlichen Einstellungen führen und unfaire Vorstellungen von einem Miteinander besitzen kann. Auch spricht man einerseits von Parallelgesellschaften und der mangelhaften Kommunikation zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, auf der anderen Seite wird behauptet, dass Muslime die nicht-muslimischen Bürger in Deutschland zu islamisieren versuchen.

Dabei beinhaltet die Islamdebatte an sich nicht nur die Islamkritik, sondern es geht um Fragen der institutionelle Ausgestaltung der muslimischen Religion. Dies sind berechtigte Diskussionen, denen sich eine liberale Demokratie mit einer nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft stellen muss. Gerade wenn diese Demokratie keine laizistische ist, und ein partnerschaftliches Verhältnis mit seinen als öffentlich-rechtlich anerkannten Religionsgemeinschaften pflegt.

Vielleicht sollte man die Frage nach der institutionellen Ausgestaltung der Religion neu überdenken. Denn diese wird eben durch die Zuwanderung von religiösen Menschen aus fremden Kulturen herausgefordert.

Islamkritik aber bezieht sich auf Inhalte und Praktiken der Religion, welche die Autonomie des Einzelnen gefährdet und im schlimmsten Fall gegen die freiheitlich-liberale Grundordnung verstößt.

Falsche Toleranz

So ist eben der deutsche Staat als eine liberale Demokratie, aber allen voran die deutsche Gesellschaft als eine liberale mit der Schwierigkeit konfrontiert, wie mit nicht-liberalen Gruppen umgegangen werden soll.

Dabei sollten wir aber die persönliche Autonomie des Einzelnen immer im Blick haben, die geschützt werden sollte. Diese scheint gerade in der islamischen Gemeinschaft in Gefahr zu sein.

Denn sozialer und religiöser Druck spielen in den traditionellen Kulturen eine große Rolle.

Oder würde man naiv glauben, dass der Austritt aus der Religion, sofern dies überhaupt innerhalb von Familien und Gemeinschaften erlaubt wird, die Probleme der muslimischen Mitbürger lösen könnte?

Heute noch für Toleranz zu plädieren, wäre heuchlerisch. Denn der Multikulti-Irrtum basierte auf einer falsch konzipierten Toleranz.

Was die Muslime hier in Deutschland wirklich benötigen ist nicht nur die Toleranz der deutschen Mehrheitsgesellschaft gegenüber einer Gruppe, sondern allen voran Toleranz und Pluralismus innerhalb der religiösen Gruppe. Als liberale Gesellschaft sollten wir sichergehen können, dass die Angehörigen der muslimischen Religion in Deutschland sich als Individuum frei entfalten können und somit ihre Autonomie nicht verletzt wird. Wird auf das Individuum religiöser Druck ausgeübt oder wird es gar zur Religiösität gezwungen? Wie tolerant gibt sich die jeweilige Gemeinschaft gegenüber einem westlichen und modernen Lebensstil? Inwiefern werden Kinder schon im frühen Alter schon religiöse Doktrin eingetrichtert, gerade wenn sie noch keinen Zugang zu anderen Informationsquellen besitzen, geschweige denn in der Lage sind, sich eigenständig eine kritische Meinung zu bilden. Wie gehen religiöse Gruppen mit Kritik an dem eigenen Glauben und an der traditionellen Auslegung der Religion um?

Daher sollten wir uns auch die Frage stellen, auf welcher Grundlage beispielsweise Frauen in Deutschland sich für ein islamisches Kopftuch entscheiden. Denn dass viele von ihnen neuerdings behaupten, sie würden freiwillig ihre Haare verdecken, sei mal dahin genommen. Entscheidend ist aber, ob sie sozialen oder religiösen Druck erleben und vor allem: welche wirklichen Alternativen ihnen bei der Entscheidung für ein Kopftuch zustehen.

Der gemeinsame Beschluss der Islamkonferenz, welches sich gegen häusliche Gewalt und Zwangsheirat ausspricht, ist ein kleiner Erfolg in der Debatte um die Probleme der muslimischen Mitbürger. Denn die langjährige Defensiv-Haltung vieler muslimischen Vertreter, Zwangsheirat und Gewalt habe keine islamisch-religiöse Grundlage, ist genauso bedeutungslos wie die Aussage von Kauder, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Zwangsehen und häusliche Gewalt betreffen nun auch sehr viele Muslime. Und ihre zivilen Vertreter sollten das größte Interesse daran haben, dass die Mitglieder ihrer Religionsgemeinschaft von physischer und psychischer Gewalt geschützt werden sollten.

“A free society is not a suicide pact”

In einer liberalen Gesellschaft werden keine Gruppenrechte ausgesprochen, um Kulturen zu erhalten. Abgesehen davon sind Kulturen nichts Fixes, sondern stets im Wandel.

Es werden Gruppenrechte eingeräumt, weil das Individuum sich wünscht, einer Gruppe anzugehören. Und solange die persönliche Autonomie des Individuums auch innerhalb der Gruppe geschützt wird und es sich frei entfalten kann, wie dies der liberale Staat versucht zu sichern, solange kann diese Gruppe auch aufrichtig toleriert werden. Solange eben auch innerhalb der Gruppe Toleranz unter den Mitgliedern selbst herrscht.

Also geht es wirklich darum, ob eine junge Frau sich zum Kopftuch oder zum Minirock entscheiden darf und für ihre Entscheidung sowohl von ihrer Gemeinschaft, als auch von der Mehrheitsgesellschaft respektiert wird. Alles andere wäre nämlich Selbstmord unserer liberalen Gesellschaft.

 

 

photo by David Paul Ohmer

 

8 Gedanken zu „Die Islamdebatte und unser Selbstmord als liberale Gesellschaft

  1. Paul Nellen

    “Entscheidend ist aber, ob sie sozialen oder religiösen Druck erleben und vor allem: welche wirklichen Alternativen ihnen bei der Entscheidung für ein Kopftuch zustehen.” Um herauszufinden, wie viel Freiwilligkeit die Kopftuchfrage wirklich zulässt, muss man sich nur anschauen und Geschichten darüber zusammentragen, was passiert, wenn eine “bedeckte” Muslima sich dafür entscheidet, künftig KEIN Kopftuch mehr zu tragen. Die subjektiven Motive für das KT lassen sich im einzelnen nur schwer bestimmen, die objektiven Reaktionen auf eine individuelle Emanzipation vom KT aber schon. Und diese erlauben sehr wohl präzise Rückschlüsse auf einen hohen sozialen Anpassungs- und Zwangsausübungsgrad bei der “freiwilligen” Entscheidung für das KT.

  2. shaze86

    Interessanter Artikel. Es wäre auch interessant zu erfahren, inwiefern die Islamisierung durch die Politik verursacht wurde, denn ein wachsendes Schwellenland müsste eigentlich immer unreligiöser werden (Insbesondere der Versuch Atatürks die Türkei laizistisch zu gestalten. [Absolute Laizisten, z.B. Cengizs Dursun, leugnen gerade die "Islamisierung der Türkei]).

    Ich denke die islamische Welt braucht eine sexuelle und aufklärerische Revolution.

  3. Tell

    Gut zu wissen, dass es nur einen Islam, nur einen Koran, nur einen Mohammed und nur ein den Muslimen versprochenes Paradies gibt. Ich meine, das spricht dieser Artikel weitgehend aus. Daher sollte zuerst einmal sollte der Islam gegenüber dem Westen klarstellen, was es mit den Gewaltversen im Koran auf sich hat und wie sich dies mit der Toleranz zu andern Religionen verhält. Es genügt heute nicht mehr zu sagen, die Fundamentalisten würden den Islam falsch verstehen: Solange diese innerislamische Auseinandersetzung mit den Gewaltversen unterbleibt, sind das reine Lippenbekenntnisse.

  4. Dr. W

    Islamkritiker, die wirkliche Aufklärungsarbeit leisten möchten, fokussieren sich in erster Linie auf das Wohlbefinden und die persönliche Autonomie des Individuums, welches einer Gruppe angehört. Diese Gruppe ist hier eben die islamische Religionsgemeinschaft.

    Tja, anscheinend bin ich dann aus Ihrer Sicht kein ‘aufrichtiger Islamkritiker’, weil mich die den Werten der Europäischen Aufklärung direkt entgegengesetzten Wertemengen des Islam interessieren und nicht die Anhänger dieser Religion.

    Wobei ich natürlich zwischen Wahhabisten/Salafisten, also die Jungs um Mekka herum, und den Radikalschiiten im Khomeini-Iran und den “nur” aggressiven Moslembrüdern und was da noch so rumfleucht … bis zu den Alaviten unterscheide, qua Kenntnis, aber meine Aufgabe ist das eigentlich nicht, wenn ich den Islam kritisiere.

    MFG, W.

  5. René

    Ich verweise in der polarisierenden Diskussion bzgl. des Umgangs mit dem Islam auf Heitmeyer: Der sinngemäß von einer konservativen Dramatisierung bei dem Thema Islam in der Migrationsgesellschaft spricht bzw. konträr von einer linksliberalen Verharmlosung der Materie.

    Ich finde den Artikel erfrischend, denn eine reflektierte Auseinandersetzung mit “Islamkritik” gibt es in Deutschland meiner Meinung nach nicht wirklich. Dieser Beitrag ist ein gegenteiliges Beispiel. Zum einen kann (rechte) “Islamkritik” zwar potentiell rassistisch und fremdenfeindlich motiviert sein (Stichwort: Rassimus ohne Rassen und kulturalistische Perspektiven) zum anderen zeigt sich die deutsche Linke (bis auf Hartmut Krauss) und Marxisten bei dem Thema Islam wenig in emanzipatorisch-religionskritischer Tradition. Vielmehr ist dieses Thema ideologisch aufgeladen und somit kaum wirklich ernst zu nehmen.

  6. saecularix

    Türkische Aleviten in Alawitischer Imagefalle:

    “Hatay province’s Alevi population, whose religious faith is similar but not identical to that of Syria’s minority Alawites, fears that Syrian Alawites’ lives will be at risk once President Bashar al-Assad falls …

    the chatter in the border town is that Sunni Syrians believe “killing seven Alevis [or Alawites] will secure them a place in heaven.” …

    Turkish Alevi community’s concern is accusatory rhetoric by Turkish Prime Minister Recep Tayyip Erdogan suggesting that members of their faith are somehow responsible for the bloodshed in Syria. …

    Erdogan claimed that Kilicdaroglu is supporting Assad because the Turkish politician is an Alevi. …

    “it will be a miracle not to expect this sectarian fire to cross into our borders and set the region on fire.””

    http://www.al-monitor.com/pulse/originals/2012/al-monitor/syrian-influx-unnerves-turks-in.html

  7. Paul

    Liebe Frau Toprak,
    der Islam steht mit all seinen Kernaussagen diametral entgegengesetzt zu unserem westlichen Wertesystem und unserer westlichen Gesellschaft. Wenn wir Deutsche/Europäer sehen, was tagtäglich im Namen des Islam in dieser Welt geschieht, fällt es schwer hier auch noch differenziert sein zu wollen. Der Islam steht momentan für Gewalt, Mord, Unterdrückung, Entführung, Zwangsverheiratung, Verstümmelung, Indoktrination, Krieg, Intoleranz, Zensur und vieles mehr. Das die Alaviten die “Guten” sind wissen einige, aber wir wissen nicht genau zu wem sie im “Ernstfall” halten: zum westlichen Wertesystem oder zum islamischen? Wo bleibt der Aufschrei der Alaviten oder der “gemäßigten” Moslems gegen all die täglich verübte Gewalt im Namen des Islam? Die muslimische Gemeinde schweigt wie immer! Das Grundgefühl der “christlich-jüdischen” Europäer ist, dass es keine Verlässlichkeit in Bezug auf die Verteidigung der Grundrechte des Menschen von Seiten der Muslime gibt, ganz gleich welcher Untergruppe sie angehören.

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