Die Islamdebatte und unser Selbstmord als liberale Gesellschaft

Apr
2012
27

posted by on Integration, Religion, Türkei

9 comments

Erneut ist wieder die Diskussion darüber entfacht, ob der Islam zu Deutschland gehört. So widersprach Volker Kauder von der CDU dem ehemaligen Bundespräsidenten Wulff, dass der Islam ein Teil Deutschlands sei. Dass diese Aussagen keinerlei Rolle spielen, weil sie keinen wirklichen Beitrag zur Integrationsdebatte und der Islamdebatte leisten, sollte uns bewusst werden.

Diskurs über Integration und Islam sind voneinander zu unterscheiden

Die Debatten über Integration und Islam sind voneinander zu trennen, obwohl sie natürlich dennoch in einer Beziehung zueinander stehen. Denn durch die Migration von Gastarbeitern aus muslimischen Ländern leben heute vier Millionen Muslime in Deutschland.

Sprachliche Defizite und ein geringes Bildungsniveau haben die Integration in die deutsche Gesellschaft erschwert. Hinzu kommen Probleme, die durch kulturelle Einstellungen und Praktiken verursacht werden, wie beispielsweise arrangierte Ehen sowie Zwangsehen.

Religiöse Faktoren können selbstverständlich auch einen Einfluss auf die Integration haben, müssen sie aber nicht.

Islamdebatte in der Türkei

Auch in der Türkei herrscht eine „Islamdebatte“. Und da geht es nicht um eine nicht-islamische Mehrheitsgesellschaft und den Forderungen der islamischen Religionsgemeinschaft als Minderheit. Denn die türkische Bevölkerung setzt sich offiziell mit 99 Prozent aus Muslimen zusammen, in denen nicht alle „Brüder und Schwestern“ sind. Abgesehen davon, dass unterschiedliche Konfessionen innerhalb des Islams existieren, können sich auch die Einstellungen der Muslime innerhalb einer Konfessionen unterscheiden.

In der Türkei geht es aber vielmehr um die Diskussion, welchen Stellenwert die Religion im Alltag des Einzelnen hat, wie weit das Individuum von religiösem Druck geschützt werden kann und auf institutioneller Ebene, welchen Einfluss die Religion und vor allem die jeweilige Interpretation von Islam auf den Staat und die Gesellschaft besitzt.

Zwangsheirat, Gewalt gegen Frauen und das islamisch-strenge sowie das islamisch-politische Kopftuch werden öffentlich diskutiert. Nicht-liberale und unmenschliche Praktiken und Einstellungen der türkischen Kultur werden angeprangert.

Auch spricht man von einer Islamisierung der türkischen Gesellschaft. Die Islamisierung betrifft allerdings die Muslime selbst, weil der Druck der religiösen Gruppe sich auf seine Mitglieder fokussiert.

Aufrichtige Islamkritik

Islamkritiker, die wirkliche Aufklärungsarbeit leisten möchten, fokussieren sich in erster Linie auf das Wohlbefinden und die persönliche Autonomie des Individuums, welches einer Gruppe angehört. Diese Gruppe ist hier eben die islamische Religionsgemeinschaft.

Die Islamisierung der deutsch-christlichen Gesellschaft sollte nicht im Vordergrund sein, denn dies hat vielmehr mit Ängsten als mit Fakten zu tun, die zu fremdenfeindlichen Einstellungen führen und unfaire Vorstellungen von einem Miteinander besitzen kann. Auch spricht man einerseits von Parallelgesellschaften und der mangelhaften Kommunikation zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, auf der anderen Seite wird behauptet, dass Muslime die nicht-muslimischen Bürger in Deutschland zu islamisieren versuchen.

Dabei beinhaltet die Islamdebatte an sich nicht nur die Islamkritik, sondern es geht um Fragen der institutionelle Ausgestaltung der muslimischen Religion. Dies sind berechtigte Diskussionen, denen sich eine liberale Demokratie mit einer nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft stellen muss. Gerade wenn diese Demokratie keine laizistische ist, und ein partnerschaftliches Verhältnis mit seinen als öffentlich-rechtlich anerkannten Religionsgemeinschaften pflegt.

Vielleicht sollte man die Frage nach der institutionellen Ausgestaltung der Religion neu überdenken. Denn diese wird eben durch die Zuwanderung von religiösen Menschen aus fremden Kulturen herausgefordert.

Islamkritik aber bezieht sich auf Inhalte und Praktiken der Religion, welche die Autonomie des Einzelnen gefährdet und im schlimmsten Fall gegen die freiheitlich-liberale Grundordnung verstößt.

Falsche Toleranz

So ist eben der deutsche Staat als eine liberale Demokratie, aber allen voran die deutsche Gesellschaft als eine liberale mit der Schwierigkeit konfrontiert, wie mit nicht-liberalen Gruppen umgegangen werden soll.

Dabei sollten wir aber die persönliche Autonomie des Einzelnen immer im Blick haben, die geschützt werden sollte. Diese scheint gerade in der islamischen Gemeinschaft in Gefahr zu sein.

Denn sozialer und religiöser Druck spielen in den traditionellen Kulturen eine große Rolle.

Oder würde man naiv glauben, dass der Austritt aus der Religion, sofern dies überhaupt innerhalb von Familien und Gemeinschaften erlaubt wird, die Probleme der muslimischen Mitbürger lösen könnte?

Heute noch für Toleranz zu plädieren, wäre heuchlerisch. Denn der Multikulti-Irrtum basierte auf einer falsch konzipierten Toleranz.

Was die Muslime hier in Deutschland wirklich benötigen ist nicht nur die Toleranz der deutschen Mehrheitsgesellschaft gegenüber einer Gruppe, sondern allen voran Toleranz und Pluralismus innerhalb der religiösen Gruppe. Als liberale Gesellschaft sollten wir sichergehen können, dass die Angehörigen der muslimischen Religion in Deutschland sich als Individuum frei entfalten können und somit ihre Autonomie nicht verletzt wird. Wird auf das Individuum religiöser Druck ausgeübt oder wird es gar zur Religiösität gezwungen? Wie tolerant gibt sich die jeweilige Gemeinschaft gegenüber einem westlichen und modernen Lebensstil? Inwiefern werden Kinder schon im frühen Alter schon religiöse Doktrin eingetrichtert, gerade wenn sie noch keinen Zugang zu anderen Informationsquellen besitzen, geschweige denn in der Lage sind, sich eigenständig eine kritische Meinung zu bilden. Wie gehen religiöse Gruppen mit Kritik an dem eigenen Glauben und an der traditionellen Auslegung der Religion um?

Daher sollten wir uns auch die Frage stellen, auf welcher Grundlage beispielsweise Frauen in Deutschland sich für ein islamisches Kopftuch entscheiden. Denn dass viele von ihnen neuerdings behaupten, sie würden freiwillig ihre Haare verdecken, sei mal dahin genommen. Entscheidend ist aber, ob sie sozialen oder religiösen Druck erleben und vor allem: welche wirklichen Alternativen ihnen bei der Entscheidung für ein Kopftuch zustehen.

Der gemeinsame Beschluss der Islamkonferenz, welches sich gegen häusliche Gewalt und Zwangsheirat ausspricht, ist ein kleiner Erfolg in der Debatte um die Probleme der muslimischen Mitbürger. Denn die langjährige Defensiv-Haltung vieler muslimischen Vertreter, Zwangsheirat und Gewalt habe keine islamisch-religiöse Grundlage, ist genauso bedeutungslos wie die Aussage von Kauder, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Zwangsehen und häusliche Gewalt betreffen nun auch sehr viele Muslime. Und ihre zivilen Vertreter sollten das größte Interesse daran haben, dass die Mitglieder ihrer Religionsgemeinschaft von physischer und psychischer Gewalt geschützt werden sollten.

“A free society is not a suicide pact”

In einer liberalen Gesellschaft werden keine Gruppenrechte ausgesprochen, um Kulturen zu erhalten. Abgesehen davon sind Kulturen nichts Fixes, sondern stets im Wandel.

Es werden Gruppenrechte eingeräumt, weil das Individuum sich wünscht, einer Gruppe anzugehören. Und solange die persönliche Autonomie des Individuums auch innerhalb der Gruppe geschützt wird und es sich frei entfalten kann, wie dies der liberale Staat versucht zu sichern, solange kann diese Gruppe auch aufrichtig toleriert werden. Solange eben auch innerhalb der Gruppe Toleranz unter den Mitgliedern selbst herrscht.

Also geht es wirklich darum, ob eine junge Frau sich zum Kopftuch oder zum Minirock entscheiden darf und für ihre Entscheidung sowohl von ihrer Gemeinschaft, als auch von der Mehrheitsgesellschaft respektiert wird. Alles andere wäre nämlich Selbstmord unserer liberalen Gesellschaft.

 

 

photo by David Paul Ohmer

 

9 comments

  1. Paul Nellen
  2. Tell
  3. Dr. W
  4. .
  5. saecularix
  6. Paul

Trackback e pingback

No trackback or pingback available for this article

Leave a Reply