Religiöses und modernes Leben in Istanbul. Die Geschichte der Büsra.

Mädchen auf der Istanbul Fashion Week 2012

Meine Mitbewohnerin Büsra gehört der Gülen-Bewegung an. Eigentlich ja ihre Familie. Sie hat sich ehrenamtlich in der AK-Partei eingebracht und sich beim letzten Wahlkampf für den jetzigen türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayip Erdogan eingesetzt. Als wir uns kennenlernten, trank sie keinen Alkohol, datete nur Jungs, die fünfmal am Tag beten und erzählte uns, dass das Kaffeesatz-Lesen “günah”, also sündhaft sei. Heute trägt sie kurze Röcke, geht ihrer Neugier nach und probiert mal an einem Glas Bier. Sie lebt wie jedes andere moderne Mädchen in Istanbul. Vor allem: sie emanzipiert sich.

“Ich habe nichts gegen Aleviten”

Noch bevor ich Büsra persönlich kennengelernt habe, hat sie schon über Facebook Kontakt mit mir aufgenommen. Via Facebook-Chat fragte sie mich, woher ich denn aus der Türkei stamme. Ich antwortete: Aus Erzincan. Aha. Dersim also. Bist du Alevitin?

Ich schluckte und sagte ja. Und dachte mir: Das fängt ja gut an. Auf ihren Profilbildern konnte ich ja bereits sehen, dass sie auf einem von ihnen ein Kopftuch trägt, so wirkte sie sehr streng religiös auf mich. Bei ihrer Personeninformation hat sie sunnitischer Islam angegeben. Im Facebook-Chat erzählte sie mir, wie gern sie Aleviten hat, dass all ihre Freunde Aleviten seien. Irgendwie konnte ich ihr das nicht glauben. Es klang unecht.

Büsra ist ein junges 20-jähriges, hübsches Mädchen und  ist bestrebt, ihren Abschluss in Public Relations auf einer privaten Istanbuler Universität so gut wie möglich zu machen. Ursprünglich kommt ihre Familie aus Kayseri.

“Ich bete fünfmal am Tag, ich hoffe das stört dich nicht”

Büsra fragte unsere gemeinsame dritte Mitbewohnerin Dilek, ob sie es störe, dass sie fünfmal am Tag betet. Auf diese Frage antwortete Dilek, dass sie nachts betrunken nach Hause kommt, wenn sie das nicht stört, dann störe Dilek ihr Beten auch nicht. Allerdings hat Büsra in den sechs Monaten, die wir zusammen gelebt haben, kein einziges Mal gebetet.

Erdogan soll einfach immer im Amt bleiben

Als ich herausfand, dass Büsra der Gülen-Bewegung war und gleichzeitig die AKP unterstützte, stellte ich Fragen. Viele Fragen. Auf diese auch größtenteils antwortete. So erzählt sie mir, dass es offiziell zwar heiße, Erdogan habe nichts mit der Gemeinde zutun, dies aber nicht stimme. “Die gesamte Gemeinde (Gülen cemaat) weiß, dass Erdogan zu uns gehört. Etwas anderes stimmt nicht.” Weiterhin fragte ich sie, ob denn Erdogan ein Demokrat sei. Auf diese Frage antwortete sie zögernd, aber sagte dann, dass es berechtigterweise die Kritik gebe, dass demokratische Ziele nicht die Priorität der AKP-Politik sei. Büsra erzählte mir, dass seit der Regierungszeit von Erdogan, es mehr Frauen mit Kopftuch gebe. Das finde sie natürlich sehr gut. Dann sagte sie mir, sehr bestimmend, während sie ihre kleinen Parfum Flakons ordnete: “Weißt du, ich will einfach, dass Erdogan im Amt bleibt. Das niemand anderes kommt. Er soll immer im Amt bleiben. Für immer.”

Büsra ist eine lebendige Person der Islamdebatte und spiegelt alle Widersprüche wider

Junge Frauen in der Türkei glauben daran: Sie trinken ihren türkischen Kaffee aus kleinen Porzellantassen mit orientalischen Verzierungen nicht ganz aus, stellen die Tasse verkehrt herum auf den Kaffeteller und lassen sowohl aus der Tasse, als auch vom Teller anhand der Kaffeereste ihre Zukunft lesen. Zum Beispiel im Melek Kahve in Istanbul. So wollten Dilek, zwei weitere Freundinnen und ich nur aus Spaß unsere Zukunft lesen lassen. Unsere Mitbewohnerin Büsra war von dieser Idee alles andere als begeistert. “Das ist Sünde. Man wird dafür in der Hölle bestraft. Sowas gefällt Gott überhaupt nicht.” Wir ignorierten ihre Aussage und gingen zu einem bekannten Kaffeehaus in Istanbul. Ein deutscher erwachsener Mann ließ sich gerade seine Zukunft herauslesen. Büsra rief uns während wir dort saßen, bestimmt dreimal an, um zu fragen, was uns denn so erzählt wurde.

Zuhause stellte sie den Fernseher leiser und wollte es nochmal genau wissen. Wir erzählten es ihr. Noch immer war ihr alles sehr suspekt. Eine Woche später kam sie später als sonst nach Hause und erzählte uns, dass sie mit ihren Kommilitoninnen auch beim Kaffeehaus Melek war. Ihre Neugier hatte sie gepackt und ihren Glauben besiegt.

So erzählte Büsra uns auch, dass es Sünde sei, Alkohol zu trinken.  Ob wir denn keine Angst hätten, nachdem wir eine Flasche Bier getrunken haben, in die Hölle zu kommen. Büsra legte uns klar dar, dass sich Alkohol vierzig Tage im Körper aufhielt und dass, wenn man während dieser Zeit sterben sollte, man in die Hölle komme. Ich widersprach ihr, die drei anderen Freundinnen sagten nichts. So versuchte ich Büsra meine Sicht zu erläutern, dass in meinen Augen das Trinken von Alkohol niemanden schadet, außer mir selbst. Und man könne sich ja zügeln. Von einem Glas Wein oder Bier kommt man bestimmt nicht in die Hölle. Dass Betrügen, Lügen und Stehlen schlimmere Verbrechen seien. “Ja, das nicht zu tun, das sind deine menschlichen Tugenden. Aber es gibt auch religiöse, islamische. Du könntest auch später bereuen, was du jetzt sagst. Ob Alevite, Christ oder Jude, wir sterben sowieso alle als Muslime.” Auf diesen letzten Satz reagierte ich aber bestimmter, denn während des Gespräches bin ich sehr ruhig geblieben. Ich sagte ihr, dass mich diese Aussage verletzt, das ich ein Recht darauf habe, mich als das zu bezeichnen, was ich für richtig halte und mir von niemanden sagen lasse, was ich denn eigentlich sei. Diese Diskussion war kein Streit, nur eine Meinungsverschiedenheit.

Auch wenn wir auf unterschiedlichen Dimensionen gesprochen haben und sie Aussagen gemacht hat, die ihr wohl eingetrichtert wurden, hatte ich die Hoffnung, dass dieses Gespräch in ihr vielleicht etwas ausgelöst haben sollte.

Die Bereitschaft zur Kritik. Es geht keinesfalls darum, dass sie meine Ansichten übernehmen soll. Das war niemals meine Absicht, ich wollte sie zum Nachdenken anregen. Denn sie erzählte mir, dass sie seit sie klein ist, mit ihrer Mutter religiöse Gespräche führe. Dass ihr religiöses Geschichten erzählt werden. Dass ihr auch in der Gemeinde der Gülen-Bewegung Bücher zum Lesen mitgegeben wurden. “Cigdem, ich bin dir nicht böse, ich nehme es dir also nicht übel. Du bist Alevitin. Du kennst diese Dinge nicht. Du hast dieses Wissen nicht. Dir wurde es nicht mitgegeben. Aber es gibt Bücher, die du lesen musst, um diese Dinge zu verstehen.” Dann erzählte sie mir vom Alevitentum. Dinge, von denen ich angeblich nichts wüsste. Ich nickte nur und mir wurde bewusst, dass sie nicht an all das glauben kann. Mir wurde immer bewusster, dass ihr diese Regeln, Vorstellungen und Ideen eingetrichtert wurden. Der Höhepunkt war nämlich, als sie mir erzählte, dass ein türkisches Mädchen, die in Europa lebt, sich in eine Maus verwandelt habe, weil sie den Koran nicht respektiert hat. Ich aber widersprach ihr nie wieder.Denn es wurde auch nicht mehr nötig.

In den nächsten Monaten wurden die Röcke und Pullover immer kürzer, die schwarze Leggins, die sie drunter anzog, immer hautdurchlässiger. Sie schminkte sich stärker, sie traf sie täglich mit Freunden, heute sind sehr viele männliche auch dabei. Sie ging mit Dilek , mir und gemeinsamen Freunden Raki trinken und Fisch essen. Sie probierte ein bisschen vom Alkohol. Weil sie neugierig war.

Sie wollte auch mal mit uns in einen Nachtclub gehen. Da wir in einem privaten Wohnheim wohnten, wurden von Studentinnen, die strenge oder sorgsame Eltern hatten, die Ein-und Ausgangszeiten kontrolliert. Eine Karte mit einem integrierten elektronischen Chip übermittelte die Uhrzeiten via Email zu den Eltern. Wenige Eltern machten Gebrauch davon, viele vertrauten ihren Töchtern und fanden es auch teilweise in Ordnung, dass sie einen Freund haben und die Nächte in Istanbul durchfeiern. Für andere wäre das der Zusammebruch ihrer traditionellen oder religiösen Vorstellungen. So auch bei Büsra.

So musste Büsra jeden Tag um acht Uhr abends im Wohnheim sein, manchmal durfte sie mit der Erlaubnis ihres Bruders länger draußen bleiben. Um ins Kino zu gehen, um in Nisantasi fein essen zu gehen, um sich mit ihrem Exfreund ausgiebig treffen zu können.

Manchmal sah Büsra traurig aus, wenn wir uns schminkten, schick anzogen, um in einen Club zu gehen, sie aber nicht minehmen konnten. Als ich diesen traurigen Gesichtsausdruck bei ihr sah, erzählte ich ihr nicht, dass sie auch unbedingt mitkommen muss. Ich sagte ihr nicht, dass sie von den Regeln ihres Bruders ausbrechen soll.

Ich erzählte ihr, dass das Weggehen nicht wichtig sei. Dass sie Spaß mit ihren Freunden auch hat, wenn sie einfach tagsüber etwas unternimmt. Dass sie das mal ausprobieren kann, wenn sie ihren Bruder um Erlaubnis für eine Spätvorstellung im Kino fragt. Dass wir ihr das mal zeigen können. Aber dass es wichtiger sei, ihren Abschluss zu machen. Dass sie ihr Studium wegen Parties nicht aufs Spiel setzen soll. Dass ihre Familie zu streng sei, um so einen “kleinen” Patzer ihr zu verzeihen. Dass meine Eltern mir mit 20 Jahren auch nicht erlaubt hatten, in Clubs zu gehen. Dass sie nicht traurig sein soll.

Emanzipation vollzieht sich nicht durch, aber mit der Modernität

An einem Tag kam Büsra weinend nach Hause. Sie hatte sich mit ihrem Exfreund getroffen. Weil sie ein kurzes Kleid anhat, sagte er ihr  “Nicht einmal der Rock einer Prostitutierten ist so kurz wie deiner”. Daraufhin habe sie ihn angeschrien, dass er nicht so mit ihr reden dürfe. Dass es ihn nichts angehe. Erst kurz bevor sie im Wohnheim war,ließ sie ihre Tränen fließen. “Niemand hat mich je so verletzt. Meine Würde, meinen Stolz angegriffen.”

Während ich Büsra tröstete, lächelte ich innerlich. Sie ist selbstständig geworden. In nur sechs Monaten. Ihren Glauben trägt sie noch immer im Herzen, aber ihre Würde und ihren Stolz nach außen. Und lässt sich nichts mehr einreden.

In der Zeit mit Büsra und Dilek habe ich sehr viel nachgedacht und meine eigenen Vorstellungen über die Rolle von Religion und Tradition überdacht. Gegen Religiösität spreche ich mich nicht aus. Aber gegen dogmatische Regeln, die durch Religion und Traditionen übergeben werden. Gerade die Mischung kann sehr gefährlich werden und innerhalb der Gemeinschaft Meinungsverschiedenheiten unterbinden. In einer Kolumne der türkischen Zeitung Milliyet schrieb ein Journalist, dass oft kritisiert wird, dass in türkischen Serien keine Frauen mit Kopftuch gezeigt werden. Da stellt er die rhetorische Frage “Seid ihr denn überhaupt bereit, Frauen mit Kopftuch mit Männern knutschen zu sehen? Wollt ihr auch, dass Frauen mit Kopftuch ihre Ehemänner betrügen sehen?” Desweiteren macht er klar, dass auch Frauen mit Kopftuch, also sichtbar religiöse junge Frauen “modern” und zeitgemäß leben wollen. Wie Büsra haben sie einen Freund, sie gehen mit Freunden aus, unter ihnen sowohl Frauen als auch Männer. Das machen sie aber in den politisch laizistisch geprägten Vierteln Istanbuls. In Nisantasi, Bebek, Etiler, Besiktas und Beyoglu können sie ungestört mit ihrem Freund sitzen, ohne einen vorwurfsvollen Blick. Neben Homosexuellen, neben Frauen mit Miniröcken und jungen Menschen, die männliche und weibliche Freunde haben. Und genau das ist der Punkt: Auch Homosexuelle und “westlich wirkende” Frauen können religiös sein. Die Frage ist aber, wie liberal demokratisch sie sind. Denn Religionsfreiheit ist im Westen kein Gruppenrecht, sondern ein individuelles Menschen-und Grundrecht, das den Menschen nicht nur erlaubt, religiös sein zu dürfen, sondern auch den Freiraum gibt, ihre Religion so auszuüben, wie sie es möchte. Selbstverständlich in einem demokratischen Rahmen. Als einzige Bedingung.

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“Meine Eltern würden mir niemals erlauben, einen Aleviten zu heiraten. Aber ich werde es bei meinen Kindern anders machen. Ich mag Aleviten. Sie sind doch keine schlechteren Menschen. Ich würde wollen, dass mein Kind einen Aleviten heiratet.”

Das sagte mir Büsra in einem Gespräch nachdem wir bereits vier Monate zusammengelebt haben. Diesmal klang es echt. Dieses Mal glaubte ich es ihr. Und ich lernte von dieser Erfahrung, dass Menschen gerade wenn sie Vorurteile haben, einfach zusammenleben sollten, um voneinander zu lernen. Und diese Vorurteile abzubauen. Das gilt nämlich auch für mich.

14 Gedanken zu „Religiöses und modernes Leben in Istanbul. Die Geschichte der Büsra.

  1. um oz

    ‎”Und man könne sich ja zügeln. Von einem Glas Wein oder Bier kommt man bestimmt nicht in die Hölle. Dass Betrügen, Lügen und Stehlen schlimmere Verbrechen seien. ” Wie können Sie das denn einer Person erzählen, die daran glaubt durch diese Tat in die Hölle zu kommen? Außerdem woher wissen Sie denn, dass man nicht mit einem Glas Wein etc. in die Hölle kommt, was ist ihr Beweis? Die Logik, der Verstand? Ob das Lügen, Betrügen schlechter schlimmer sei hebt die sündhafte Handlung Alkohol zu trinken nicht auf. Hierbei ist Islam=Hingabe, Hingabe an die bestimmungen der Religion. Dazu ist niemand verpflichtet sich zu halten, diese Person kann einfach aus dem Islam eintreten. Aber diese Erklärung einer religiösen Person zu machen, bedeutet indirekt, leb einfach so wie ich das mache, weil ich finde nicht, dass das schlimm ist.
    Das Ego eines Menschen hat ebend einen Einfluss in der Lebensweise. Allah bir, kitap bir, peygamber bir diyen ve temel islami konulara inanan insan, kendisini sünni sii alevi veya nasil adlandirirsa adlandirsin islami daire de oldugu müddetce islami kurallara uymasi gerekmiyor mu? Kendimiz bir bilene danismadan dini yasamaya kalkarsak buna Islam denilir mi? Entschuldigt bitte, aber dieses Kommentar konnte ich mir nicht verkneifen. Und hier möchte ich nicht einen Streit beginnen, sondern “nur eine Meinungsverschiedenheit” darlegen.

  2. Agnostiker

    “Außerdem woher wissen Sie denn, dass man nicht mit einem Glas Wein etc. in die Hölle kommt, was ist ihr Beweis?”

    Für jemanden, der selbst im kurzen Hemd darsteht, sind das ja mal große Töne.
    Sie selbst glauben etwas. Wissen tun Sie nichts. Sie selbst nehmen sich heraus, anderen “wissend” gegenüberzutreten, Anderen billigen Sie das aber nicht zu.

    Hirn einschalten: Kommt Ihnen das nicht irgendwie komisch vor?

    Agnostiker

  3. Um Oz

    “Sie selbst glauben etwas. Wissen tun Sie nichts. Sie selbst nehmen sich heraus, anderen “wissend” gegenüberzutreten, Anderen billigen Sie das aber nicht zu.”
    Diese Aussage ist keine Antwort auf meine Frage oder geschweigedenn eine Widerlegung, denn Frau Toprak redet selbst über “Hölle” und meint man käme dadurch nicht in die Hölle, d.h. Frau Toprak selbst hat eine Vorstellung von Jenseits und redet ggf. im Rahmen des Islam. Sie glaubt oder weiß, dass es ein Jenseits gibt. Das schlussfolgere ich aus ihrem Artikel. Und dadurch kann ja begründet werden, dass die Büsra sie als Muslimin ansieht, was ja nicht verkehrt ist. Aber meine Frage nach einem Beweis richtet sich explizit an Frau Toprak, denn von ihr erwarte ich, dass sie einen Beweis aus einer islamischen Quelle anführt, die ihre Aussage über das Weintrinken und nicht in die Hölle kommen bekräftigt. Außerdem gibt es verschiedene Erkenntnisarten. Sie meinen vermutlich, dass es nur die Erkenntnistheorie “Verstand/Logik (ratio)” gibt oder “Erfahrung” (empirie), jedoch Glauben/Wissen Muslime fest, dass es ein Jenseits gibt, also an die Erkenntnisart “Überlieferung”. Und daran unterscheiden sich die Menschen im Glauben. Jene können Atheisten sein, Christen sein,Buddhisten, Juden oder irgendeiner Weltanschauung oder Religion angehören. Das hängt meist mit der Erkenntnistheorie “Quelle” zusammen. Sie können anderer Meinung sein, das sollte mich nicht dazu bringen meine Meinung ihnen aufzuzwingen oder dass Sie Ihre Meinung mir aufzwingen. Denn ein Rechtanspruch wäre hier unangebracht.
    “Anderen billigen Sie das aber nicht zu” Ich billige das Frau Toprak nicht zu, weil sie für Büsra eine Muslimin ist, die ihr sagt, dass Weintrinken ein Muslim nicht in die Hölle bringen würde, weil es schlimmere Taten gäbe. Das eine schließt das andere nicht aus. Denn dadurch redet sie aus islamischer Perspektive und leitet die Büsra falsch. Das ist die Problematik, die hier besteht.

    @zeus:
    Die Muslime dürfen keine alkoholhaltigen Getränke einnehmen, die als Genussmittel dienen, also dazu “extra” produziert wurden. Das ist ein Grundkodex im Islam. “Alles berauschende ist nicht erlaubt!” Hier ist zu nennen, dass Muhammad der Prophet (Friede und Segen auf Ihm) selbst Dattelsaft 3 Tagelang trank. Nach dem dritten Tag es nicht mehr trank, weil dann die Konzentration an Alkohol einen Grad erreicht, welcher den Menschen in Rausch/Betrunkenheit versetzen kann und auch im Blut nachgewiesen werden kann, nach dem Prinzip der natürlichen Gärung.

  4. Cigdem Artikelautor

    Lieber Um Oz,
    es ist das, woran ich glaube, welches auf das, was Büsra glaubt, trifft. Es ist mein individuelles Menschenrecht auf Bekenntnisfreiheit, welches mir erlaubt, meine Religion oder meinen Glauben so auszuleben, wie ich es selbst für richtig halte. Das heißt, ich darf religiöse Quellen sehr wohl hinterfragen. Ich behaupte nicht, dass das die einzige Wahrheit ist. Dies hat Büsra allerdings getan: sie meinte nämlich, dass ihre Interpretation bzw. das was ihr durch ihre Gemeinde/Familie usw. übermittelt wurde, die einzig richtige Wahrheit sei. Die Anspruchnahme von Wahrheit in Glaubensfragen erstickt Meinungsverschiedenheit innerhalb einer Religion. Und das verletzt eben die individuelle Religionsfreiheit.

  5. Um Oz

    Liebe Frau Toprak,

    natürlich haben Sie das Recht Ihre Weltanschauung- wenn ich das so nennen darf- auszuleben und darzulegen. Sie sagen “Ich behaupte nicht, dass das die einzige Wahrheit ist.” Denn das was ein Mensch auslebt ist für den Menschen “die Wahrheit”. Oder warum leben Sie nach ihrer Lebensweise? Weil es falsch ist? Wenn es so ist, warum haben Sie es als angebracht erhalten Ihre Meinung Büsra zu äußern? Sie sagen selbst, dass Sie ein Problem mit dem “Kopftuch” haben, weil es “etwas” symbolisiere oder “aussage”. Wieso haben Sie ein Problem damit, wenn es mehrere Wahrheiten gibt?

  6. Nil

    Liebe Çigdem, ich verfolge deinen Blog seit einigen Monaten und finde ihn sehr interessant. In diesem Artikel möchte ich einen Punkt unterstreichen, weil ich finde, dass er essentiell ist hinsichtlich der Frage der Annäherung von Kulturen. Und zwar geht es um den folgenden Absatz:

    „Manchmal sah Büsra traurig aus, wenn wir uns schminkten, schick anzogen, um in einen Club zu gehen, sie aber nicht mitnehmen konnten. Als ich diesen traurigen Gesichtsausdruck bei ihr sah, erzählte ich ihr nicht, dass sie auch unbedingt mitkommen muss. Ich sagte ihr nicht, dass sie von den Regeln ihres Bruders ausbrechen soll.
    Ich erzählte ihr, dass das Weggehen nicht wichtig sei. Dass sie Spaß mit ihren Freunden auch hat, wenn sie einfach tagsüber etwas unternimmt. Dass sie das mal ausprobieren kann, wenn sie ihren Bruder um Erlaubnis für eine Spätvorstellung im Kino fragt. Dass wir ihr das mal zeigen können. Aber dass es wichtiger sei, ihren Abschluss zu machen. Dass sie ihr Studium wegen Parties nicht aufs Spiel setzen soll. Dass ihre Familie zu streng sei, um so einen “kleinen” Patzer ihr zu verzeihen. Dass meine Eltern mir mit 20 Jahren auch nicht erlaubt hatten, in Clubs zu gehen. Dass sie nicht traurig sein soll.“

    Das Schlagwort in diesem Absatz für mich ist Mitgefühl und Empathie. Du zeigst Büsra, dass auch du vor einigen Jahren in der gleichen Situation wie sie warst und dass du es verstehen kannst, wie sie sich fühlt. Auch erklärst du Büsra, dass das Vergnügen dass man im Weggehen finden kann, relativ ist, dass sie genauso, oder mehr Vergnügen in Aktivitäten finden kann, die sie tagsüber ausüben kann.

    Auch eröffnest du ihr Möglichkeiten, wie sie innerhalb ihrer Lebensbedingungen (in einer streng traditionelle Familien, die sie überwacht und kontrolliert) das ausprobieren kann, wonach sie sich so sehr sehnt, indem sie nämlich entweder tagsüber etwas unternimmt oder unter dem Vorwand ins Kino zu gehen, einfach in einen Club geht.

    Das alles mag sich selbstverständlich oder auch nur trivial anhören. Doch ich denke, dass es genau solcher Interaktionen bedarf, damit sich Menschen wirklich begegnen und verstehen.

    Du hättest nämlich, wie du auch selbst erklärst, versuchen können, sie zu überreden, mitzukommen und ihre Familie oder ihren Bruder als das „schwarze Schaaf“ darstellen können, indem du ihnen die Schuld gibst, dass Büsra traurig ist. Das hätte vielleicht zu einer Entfremdung zwischen Büsra und ihrer Familie führen können. Und ist das der Preis der Emanzipation? Ich denke nicht.

    Stattdessen hast du Büsras Lebensbedingungen „akzeptiert“ und diese respektiert – und (ich wiederhole mich) nicht etwa als schlecht oder negativ bewertet. Und ich denke, das ist es, was ich persönlich oft in so genannten „Emanzipationsbewegungen“ vermisse: Mitgefühl, die Fähigkeit, sich in die Lage der anderen (unterdrückten) Person zu versetzen und zu versuchen, die Welt aus ihren Augen zu sehen und mit ihren Sinnen zu FÜHLEN. Denn es sind unsere Gefühle, die uns verbinden.

    Ich möchte dir danken, dass du mit uns deine Erfahrung geteilt hast.

  7. shaze86

    Ich finde es richtig gut, wie du verständnisvoll mit deiner Mitbewohnerrin umgehst.

    Wie würde allerdings die Tolleranz und Emanzipierung aussehen, wenn statt einer Religiösen, du fünf religiöse Mitbewohnerinnen hättest?

    Was ich auch äußerst interessant finde:
    Wird die Türkei islamischer oder säkulärer? (Im Text liest es sich eher nach dem Ersten an)

  8. Saekularix

    Könnte es passieren, dass eine (auch) unter “alevitischen” Vorzeichen betriebene Parteinahme von türkischen Politkreisen für das Al-Assad Regime in Syrien der Türkei eine innere Zerreissprobe bescheren könnte ?

    Ich finde, so etwas bei youtube:
    Antakya’da Suriye’ye Destek Eylemi haberi
    sieht gar nicht gut aus, oder ?

  9. Saekularix

    “Im türkischen Antakya hat die Koexistenz der Kulturen ausgespielt, wenn ­die alewitischen Bewohner der Grenzstadt auf sunnitische Flüchtlinge aus Syrien treffen …

    Die Stadt wird sowohl in der Tora, als auch in der Bibel und im Koran erwähnt. …

    “Viele Alewiten wollen mit uns nichts zu tun haben, weil wir Sunniten sind.“ Immer wieder gäbe es in der Stadt Pro-Assad-Demonstrationen. Hunderte skandierten dann: „Nur Allah, Syrien und Bashar!“ …

    „Mittlerweile würde ich Hilfe von jedem annehmen, um Assad zu stürzen – von den Israelis, von den Muslimbrüdern, von jedem!“”

    http://uprising.blogsport.de/2012/04/14/allah-ist-weit-assad-ist-naeher/

  10. Cigdem Artikelautor

    Ein schlecht recherchierter Artikel. Aleviten und Alawiten haben miteinander nichts zutun. Das einzige gemeinsame ist: dass sie sich auf den Propheten Ali berufen, wie auch die Schiiten.

  11. Melek

    Kann man dich villeicht per email oder so kontaktieren hätte einige fragen an dich :)

  12. Unbekannter

    Glauben die Aleviten ernsthaft daran dass Ali ein Prophet war? Das ist mir neu! Dann hätten die Aleviten ja nichts mehr mit dem Islam zu tun, weil im Islam der letzte Prophet Muhammad ist…

  13. noname

    Erst sorry wegen mein Deutsch!
    Es ist eine sehr interessante Artikel,aber ich würde gerne als eine Istanbulerin etwas dazu sagen . Es spürt man im Artikel schon, dass Cigdem gewisse Toleranz und Respekt gegenüber Büsra hat, aber es spürt man auch gleichzeitig, wie sie Büsra wie ein armes Mädchen darstellt,und sie doch heimlich beeinflussen will. Genau das verstehe ich nicht, warum denken viele, dass Büsra etwas verpasst und gar kein Spass hat weil sie gläubig ist, oder weil sie halt ein anderes Leben hat? Oder warum denkt man, die Menschen, die nicht glaubig sind, die sekulär sind, besser sind? Das habe ich irgendwie im Artikel und in einige Kommentare gelesen. Komisch!

    Zweitens, warum können einige die Türkei nicht so akzeptieren wie es ist? Versuchen Sie bitte nicht die Türkei Deutschland zu machen. Es ist einfach ein anderes, buntes, wiedersprüchliches muslimisches Land. Es gibt halt in der Türkei tausend verschiedene Büsras Geschichte und genau das finde ich toll für dieses Land. ( Und Bananen muss einfach Witz sein, darüber darf man nur lachen :D )

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