Religiöses und modernes Leben in Istanbul. Die Geschichte der Büsra.

Apr
2012
03

posted by on Türkei

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Mädchen auf der Istanbul Fashion Week 2012

Meine Mitbewohnerin Büsra gehört der Gülen-Bewegung an. Eigentlich ja ihre Familie. Sie hat sich ehrenamtlich in der AK-Partei eingebracht und sich beim letzten Wahlkampf für den jetzigen türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayip Erdogan eingesetzt. Als wir uns kennenlernten, trank sie keinen Alkohol, datete nur Jungs, die fünfmal am Tag beten und erzählte uns, dass das Kaffeesatz-Lesen “günah”, also sündhaft sei. Heute trägt sie kurze Röcke, geht ihrer Neugier nach und probiert mal an einem Glas Bier. Sie lebt wie jedes andere moderne Mädchen in Istanbul. Vor allem: sie emanzipiert sich.

“Ich habe nichts gegen Aleviten”

Noch bevor ich Büsra persönlich kennengelernt habe, hat sie schon über Facebook Kontakt mit mir aufgenommen. Via Facebook-Chat fragte sie mich, woher ich denn aus der Türkei stamme. Ich antwortete: Aus Erzincan. Aha. Dersim also. Bist du Alevitin?

Ich schluckte und sagte ja. Und dachte mir: Das fängt ja gut an. Auf ihren Profilbildern konnte ich ja bereits sehen, dass sie auf einem von ihnen ein Kopftuch trägt, so wirkte sie sehr streng religiös auf mich. Bei ihrer Personeninformation hat sie sunnitischer Islam angegeben. Im Facebook-Chat erzählte sie mir, wie gern sie Aleviten hat, dass all ihre Freunde Aleviten seien. Irgendwie konnte ich ihr das nicht glauben. Es klang unecht.

Büsra ist ein junges 20-jähriges, hübsches Mädchen und  ist bestrebt, ihren Abschluss in Public Relations auf einer privaten Istanbuler Universität so gut wie möglich zu machen. Ursprünglich kommt ihre Familie aus Kayseri.

“Ich bete fünfmal am Tag, ich hoffe das stört dich nicht”

Büsra fragte unsere gemeinsame dritte Mitbewohnerin Dilek, ob sie es störe, dass sie fünfmal am Tag betet. Auf diese Frage antwortete Dilek, dass sie nachts betrunken nach Hause kommt, wenn sie das nicht stört, dann störe Dilek ihr Beten auch nicht. Allerdings hat Büsra in den sechs Monaten, die wir zusammen gelebt haben, kein einziges Mal gebetet.

Erdogan soll einfach immer im Amt bleiben

Als ich herausfand, dass Büsra der Gülen-Bewegung war und gleichzeitig die AKP unterstützte, stellte ich Fragen. Viele Fragen. Auf diese auch größtenteils antwortete. So erzählt sie mir, dass es offiziell zwar heiße, Erdogan habe nichts mit der Gemeinde zutun, dies aber nicht stimme. “Die gesamte Gemeinde (Gülen cemaat) weiß, dass Erdogan zu uns gehört. Etwas anderes stimmt nicht.” Weiterhin fragte ich sie, ob denn Erdogan ein Demokrat sei. Auf diese Frage antwortete sie zögernd, aber sagte dann, dass es berechtigterweise die Kritik gebe, dass demokratische Ziele nicht die Priorität der AKP-Politik sei. Büsra erzählte mir, dass seit der Regierungszeit von Erdogan, es mehr Frauen mit Kopftuch gebe. Das finde sie natürlich sehr gut. Dann sagte sie mir, sehr bestimmend, während sie ihre kleinen Parfum Flakons ordnete: “Weißt du, ich will einfach, dass Erdogan im Amt bleibt. Das niemand anderes kommt. Er soll immer im Amt bleiben. Für immer.”

Büsra ist eine lebendige Person der Islamdebatte und spiegelt alle Widersprüche wider

Junge Frauen in der Türkei glauben daran: Sie trinken ihren türkischen Kaffee aus kleinen Porzellantassen mit orientalischen Verzierungen nicht ganz aus, stellen die Tasse verkehrt herum auf den Kaffeteller und lassen sowohl aus der Tasse, als auch vom Teller anhand der Kaffeereste ihre Zukunft lesen. Zum Beispiel im Melek Kahve in Istanbul. So wollten Dilek, zwei weitere Freundinnen und ich nur aus Spaß unsere Zukunft lesen lassen. Unsere Mitbewohnerin Büsra war von dieser Idee alles andere als begeistert. “Das ist Sünde. Man wird dafür in der Hölle bestraft. Sowas gefällt Gott überhaupt nicht.” Wir ignorierten ihre Aussage und gingen zu einem bekannten Kaffeehaus in Istanbul. Ein deutscher erwachsener Mann ließ sich gerade seine Zukunft herauslesen. Büsra rief uns während wir dort saßen, bestimmt dreimal an, um zu fragen, was uns denn so erzählt wurde.

Zuhause stellte sie den Fernseher leiser und wollte es nochmal genau wissen. Wir erzählten es ihr. Noch immer war ihr alles sehr suspekt. Eine Woche später kam sie später als sonst nach Hause und erzählte uns, dass sie mit ihren Kommilitoninnen auch beim Kaffeehaus Melek war. Ihre Neugier hatte sie gepackt und ihren Glauben besiegt.

So erzählte Büsra uns auch, dass es Sünde sei, Alkohol zu trinken.  Ob wir denn keine Angst hätten, nachdem wir eine Flasche Bier getrunken haben, in die Hölle zu kommen. Büsra legte uns klar dar, dass sich Alkohol vierzig Tage im Körper aufhielt und dass, wenn man während dieser Zeit sterben sollte, man in die Hölle komme. Ich widersprach ihr, die drei anderen Freundinnen sagten nichts. So versuchte ich Büsra meine Sicht zu erläutern, dass in meinen Augen das Trinken von Alkohol niemanden schadet, außer mir selbst. Und man könne sich ja zügeln. Von einem Glas Wein oder Bier kommt man bestimmt nicht in die Hölle. Dass Betrügen, Lügen und Stehlen schlimmere Verbrechen seien. “Ja, das nicht zu tun, das sind deine menschlichen Tugenden. Aber es gibt auch religiöse, islamische. Du könntest auch später bereuen, was du jetzt sagst. Ob Alevite, Christ oder Jude, wir sterben sowieso alle als Muslime.” Auf diesen letzten Satz reagierte ich aber bestimmter, denn während des Gespräches bin ich sehr ruhig geblieben. Ich sagte ihr, dass mich diese Aussage verletzt, das ich ein Recht darauf habe, mich als das zu bezeichnen, was ich für richtig halte und mir von niemanden sagen lasse, was ich denn eigentlich sei. Diese Diskussion war kein Streit, nur eine Meinungsverschiedenheit.

Auch wenn wir auf unterschiedlichen Dimensionen gesprochen haben und sie Aussagen gemacht hat, die ihr wohl eingetrichtert wurden, hatte ich die Hoffnung, dass dieses Gespräch in ihr vielleicht etwas ausgelöst haben sollte.

Die Bereitschaft zur Kritik. Es geht keinesfalls darum, dass sie meine Ansichten übernehmen soll. Das war niemals meine Absicht, ich wollte sie zum Nachdenken anregen. Denn sie erzählte mir, dass sie seit sie klein ist, mit ihrer Mutter religiöse Gespräche führe. Dass ihr religiöses Geschichten erzählt werden. Dass ihr auch in der Gemeinde der Gülen-Bewegung Bücher zum Lesen mitgegeben wurden. “Cigdem, ich bin dir nicht böse, ich nehme es dir also nicht übel. Du bist Alevitin. Du kennst diese Dinge nicht. Du hast dieses Wissen nicht. Dir wurde es nicht mitgegeben. Aber es gibt Bücher, die du lesen musst, um diese Dinge zu verstehen.” Dann erzählte sie mir vom Alevitentum. Dinge, von denen ich angeblich nichts wüsste. Ich nickte nur und mir wurde bewusst, dass sie nicht an all das glauben kann. Mir wurde immer bewusster, dass ihr diese Regeln, Vorstellungen und Ideen eingetrichtert wurden. Der Höhepunkt war nämlich, als sie mir erzählte, dass ein türkisches Mädchen, die in Europa lebt, sich in eine Maus verwandelt habe, weil sie den Koran nicht respektiert hat. Ich aber widersprach ihr nie wieder.Denn es wurde auch nicht mehr nötig.

In den nächsten Monaten wurden die Röcke und Pullover immer kürzer, die schwarze Leggins, die sie drunter anzog, immer hautdurchlässiger. Sie schminkte sich stärker, sie traf sie täglich mit Freunden, heute sind sehr viele männliche auch dabei. Sie ging mit Dilek , mir und gemeinsamen Freunden Raki trinken und Fisch essen. Sie probierte ein bisschen vom Alkohol. Weil sie neugierig war.

Sie wollte auch mal mit uns in einen Nachtclub gehen. Da wir in einem privaten Wohnheim wohnten, wurden von Studentinnen, die strenge oder sorgsame Eltern hatten, die Ein-und Ausgangszeiten kontrolliert. Eine Karte mit einem integrierten elektronischen Chip übermittelte die Uhrzeiten via Email zu den Eltern. Wenige Eltern machten Gebrauch davon, viele vertrauten ihren Töchtern und fanden es auch teilweise in Ordnung, dass sie einen Freund haben und die Nächte in Istanbul durchfeiern. Für andere wäre das der Zusammebruch ihrer traditionellen oder religiösen Vorstellungen. So auch bei Büsra.

So musste Büsra jeden Tag um acht Uhr abends im Wohnheim sein, manchmal durfte sie mit der Erlaubnis ihres Bruders länger draußen bleiben. Um ins Kino zu gehen, um in Nisantasi fein essen zu gehen, um sich mit ihrem Exfreund ausgiebig treffen zu können.

Manchmal sah Büsra traurig aus, wenn wir uns schminkten, schick anzogen, um in einen Club zu gehen, sie aber nicht minehmen konnten. Als ich diesen traurigen Gesichtsausdruck bei ihr sah, erzählte ich ihr nicht, dass sie auch unbedingt mitkommen muss. Ich sagte ihr nicht, dass sie von den Regeln ihres Bruders ausbrechen soll.

Ich erzählte ihr, dass das Weggehen nicht wichtig sei. Dass sie Spaß mit ihren Freunden auch hat, wenn sie einfach tagsüber etwas unternimmt. Dass sie das mal ausprobieren kann, wenn sie ihren Bruder um Erlaubnis für eine Spätvorstellung im Kino fragt. Dass wir ihr das mal zeigen können. Aber dass es wichtiger sei, ihren Abschluss zu machen. Dass sie ihr Studium wegen Parties nicht aufs Spiel setzen soll. Dass ihre Familie zu streng sei, um so einen “kleinen” Patzer ihr zu verzeihen. Dass meine Eltern mir mit 20 Jahren auch nicht erlaubt hatten, in Clubs zu gehen. Dass sie nicht traurig sein soll.

Emanzipation vollzieht sich nicht durch, aber mit der Modernität

An einem Tag kam Büsra weinend nach Hause. Sie hatte sich mit ihrem Exfreund getroffen. Weil sie ein kurzes Kleid anhat, sagte er ihr  “Nicht einmal der Rock einer Prostitutierten ist so kurz wie deiner”. Daraufhin habe sie ihn angeschrien, dass er nicht so mit ihr reden dürfe. Dass es ihn nichts angehe. Erst kurz bevor sie im Wohnheim war,ließ sie ihre Tränen fließen. “Niemand hat mich je so verletzt. Meine Würde, meinen Stolz angegriffen.”

Während ich Büsra tröstete, lächelte ich innerlich. Sie ist selbstständig geworden. In nur sechs Monaten. Ihren Glauben trägt sie noch immer im Herzen, aber ihre Würde und ihren Stolz nach außen. Und lässt sich nichts mehr einreden.

In der Zeit mit Büsra und Dilek habe ich sehr viel nachgedacht und meine eigenen Vorstellungen über die Rolle von Religion und Tradition überdacht. Gegen Religiösität spreche ich mich nicht aus. Aber gegen dogmatische Regeln, die durch Religion und Traditionen übergeben werden. Gerade die Mischung kann sehr gefährlich werden und innerhalb der Gemeinschaft Meinungsverschiedenheiten unterbinden. In einer Kolumne der türkischen Zeitung Milliyet schrieb ein Journalist, dass oft kritisiert wird, dass in türkischen Serien keine Frauen mit Kopftuch gezeigt werden. Da stellt er die rhetorische Frage “Seid ihr denn überhaupt bereit, Frauen mit Kopftuch mit Männern knutschen zu sehen? Wollt ihr auch, dass Frauen mit Kopftuch ihre Ehemänner betrügen sehen?” Desweiteren macht er klar, dass auch Frauen mit Kopftuch, also sichtbar religiöse junge Frauen “modern” und zeitgemäß leben wollen. Wie Büsra haben sie einen Freund, sie gehen mit Freunden aus, unter ihnen sowohl Frauen als auch Männer. Das machen sie aber in den politisch laizistisch geprägten Vierteln Istanbuls. In Nisantasi, Bebek, Etiler, Besiktas und Beyoglu können sie ungestört mit ihrem Freund sitzen, ohne einen vorwurfsvollen Blick. Neben Homosexuellen, neben Frauen mit Miniröcken und jungen Menschen, die männliche und weibliche Freunde haben. Und genau das ist der Punkt: Auch Homosexuelle und “westlich wirkende” Frauen können religiös sein. Die Frage ist aber, wie liberal demokratisch sie sind. Denn Religionsfreiheit ist im Westen kein Gruppenrecht, sondern ein individuelles Menschen-und Grundrecht, das den Menschen nicht nur erlaubt, religiös sein zu dürfen, sondern auch den Freiraum gibt, ihre Religion so auszuüben, wie sie es möchte. Selbstverständlich in einem demokratischen Rahmen. Als einzige Bedingung.

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“Meine Eltern würden mir niemals erlauben, einen Aleviten zu heiraten. Aber ich werde es bei meinen Kindern anders machen. Ich mag Aleviten. Sie sind doch keine schlechteren Menschen. Ich würde wollen, dass mein Kind einen Aleviten heiratet.”

Das sagte mir Büsra in einem Gespräch nachdem wir bereits vier Monate zusammengelebt haben. Diesmal klang es echt. Dieses Mal glaubte ich es ihr. Und ich lernte von dieser Erfahrung, dass Menschen gerade wenn sie Vorurteile haben, einfach zusammenleben sollten, um voneinander zu lernen. Und diese Vorurteile abzubauen. Das gilt nämlich auch für mich.

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