Ein Anschlag auf Menschenrechte, Aufklärung und Demokratie

Der Brandanschlag auf das Madimak Hotel in Sivas am 2.Juni 1993 brachte 35 Menschen um. Alevitische Geistliche, Intellektuelle und Künstler sowie deren Freunde wurden zu Opfern einer gewalttätigen Masse und waren ihnen schutzlos ausgeliefert, weil die türkische Polizei sowie das Militär nicht eingriff. Das türkische Gericht entschied gestern (13.März) in Ankara, dass die Brandstifter nicht verurteilt werden können, da die Tat verjährt sei. Das Sivas-Massaker wurde somit nicht als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhandelt.

Die Demonstration außerhalb des Gerichtsgebäudes verlief nicht friedlich. Wie Videos belegen können, griff die türkische Polizei mit Gasbomben und Wasserstrahlen die friedlichen Demonstranten an. Die Demonstration richtete sich gegen die Entscheidung für eine Verjährung der Taten und wurde von den Angehörigen der Opfer, der Repbublikanischen Partei CHP und der kurdischen Partei BDP unterstützt.

Der türkische Journalist Mehmet Ali Brand “Dieser Fall hat unser Gewissen bluten lassen. Dieser Fall ist mit einem Wort: eine Schande für uns”.

Auf die Gerichtsentscheidung reagierte der türkische Ministerpräsident Recep Tayip Erdogan mit den Worten” Für unser Land, für unser Volk soll dies [die Gerichtsentscheidung] segensreich sein”. Die Anwälte der Angeklagten des Sivas-Massakers sind heute Minister und Mitglieder der Regierungspartei AKP.

Was geschah am 2. Juni 1993 in Sivas?

In der anatolischen Stadt Sivas fand ein alevitisches Kulturfestival zum Gedenken des Dichters Pir Sultan Abdal statt, an dem alevitische Intellektuelle, Geistliche Künstler sowie auch der bekannte türkische Autor Aziz Nesin teilnahm.

Aziz Nesin, bekennender Atheist, übersetzte Salman Rushdie´s “Die satanischen Verse” ins Türkische und stoß mit seiner Aussage, dass das türkische Volk zu feige und zu dumm sei, um für die Demokratie einzutreten, auf negative Reaktionen der religiösen antidemokratischen Masse. Während des Festivals am 2.Juni 1993 versammelten sich Menschen nach dem Freitagsgebet vor dem Madimak Hotel, in dem die alevitischen Intellektuellen und deren Freunde blieben. Zunächst beschimpfte die Masse die Künstler und Andersgläubigen und Tausende religiös-antidemokratische Menschen fingen an, das Hotel in Brand zu setzen. Die Ereignisse wurden live im Fernsehen übertragen. Die türkische Polizei, das Militär und die Feuerwehrkräfte schauten zu und griffen erst ein, als das Hotel niedergebrannt war. 35 Menschen, unter ihnen auch zwei Hotelmitarbeiter und Kinder starben im Hotel. Diejenigen, die versucht haben, aus dem brennenden Hotel herauszukommen, wurden von den gewalttätigen Demonstranten daran verhindert.

“Vor 19 Jahren haben nicht Drogenabhängige 35 Menschen vebrannt, sondern diejenigen, die sich als religiös bezeichneten.”, türkischer Schriftsteller Can Dündar.

Die aktuellen Ereignisse zeigen, wie die momentane Regierung mit Menschenrechten, Demokratie und vor allem Aufklärung umgeht. Man könnte meinen, dass sich in den zwanzig Jahren nichts zum Guten verändert hat. Dass der Hass, die Gewalt und die Abneigung gegenüber Andersgläubigen und den Aufgeklärten (türk. Aydinci) noch immer präsent ist.  Das Drama um den Prozess über das Sivas- Massaker veranschaulicht allerdings, dass sich die Gewalt, die am 2. Juni 1993 vor dem Madimak Hotel ausbreitete, heute auf eine andere Ebene verschoben hat: nämlich auf die politische.

Ich erinnere mich, wie 2007, nach den Parlamentswahlen in der Türkei die deutschen Medien Erdogan als religiösen Demokraten und die AKP als türkische CDU gepriesen wurde. Nach den Wikileaks-Enthüllungen über Erdogan, wurde bekannt, dass der heutige Ministerpräsident der Türkei durchaus autoritäre Züge hat. Die deutschen Medien äußerten sich nämlich vor den letzten Wahlen eher besorgt: Erdogan wurde mit Putin verglichen.

Dass unzählige Journalisten heute in der Türkei im Gefängnis sitzen, dass die Meinungs-und Pressefreiheit in der Türkei in Gefahr ist, das schockiert die europäische Öffentlichkeit noch lange nicht in dem Maße, wie sie es tun müsste. Denn nach China, ist die Türkei das zweite Land, in dem die meisten Journalisten inhaftiert sind.

In den acht Monaten, in denen ich in der Türkei gelebt und studiert habe, konnte ich allerdings eine positive Entwicklung beobachten, die auch die türkischen Medien, sowohl Nachrichtensendungen als auch Social Media wie Twitter, in den letzten Tagen bestätigen können:

Das Bewusstsein für Menschenrechte, Demokratie und Aufklärung ist in der Türkei stärker geworden. Heute kämpfen nicht nur Aleviten gege die Ungerechtigkeit und vor allem Unmenschlichkeit, die am 2.Juni 1993 in Sivas vorgetragen wurde. Es sind Künstler, Intellektuelle, Journalisten und ein Teil der türkischen Bevölkerung, die im Januar den ermordeten armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink öffentlich gedenken und heute gegen die Sivas-Entscheidung demonstrieren.

Diese Stimmen sind nicht zu unterschätzen.

Die Haltung der AKP-Regierung, vor allem des Ministerpräsidenten Erdogans, die Entscheidung der Richter in Ankara, die dafür Sorge tragen, dass die Brandstifter nicht juristisch belangt werden können, ist unverständlich und enttäuschend.

Vor allem aber ist dies heute, fast zwanzig Jahre später, ein erneuter Anschlag auf Menschenrechte, Aufklärung und Demokratie.

Dagegen sollten wir alle ankämpfen. Dass die alevitische Stimme in der Türkei heute so stark ist, haben sie Europa zu verdanken.

In Deutschland konnten sich die Aleviten versammeln, ihre religiösen sowie politischen Belange austauschen und organisieren.

Ohne die Migration der alevitischen Bevölkerung aus der Türkei nach Europa und vor allem nach Deutschland, hätten die alevitischen Verbände in der Türkei niemals soviel Rückhalt, wie sie diesen heute genießen.

Der Sivas-Fall muss an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte getragen werden, und wir als Europäer sollten eine Öffentlichkeit dafür schaffen. Dass sich ein erneuter Anschlag auf Menschenrechte, Aufklärung und Demokratie nicht wiederholt.

8 Comments

  1. Wie kann denn Mord verjähren? Wie lautet da die gesetzlich Grundlage dieser eigenartigen Rechtssprechung?

    LG

    PS: “Heute kämpfen nicht nur Aleviten für die Ungerechtigkeit und vor allem Unmenschlichkeit, die am 2.Juni 1993 in Sivas vorgetragen wurde.” Müssten sie nicht dagegen kämpfen?

  2. gewiss ein grausamer anschlag… die schuldigen sollten zur rechenschaft gezogen werden, ohne wenn und aber. gerade die 90er waren in der türkei nicht ruhmreich. “man” hat versucht gewisse gruppierungen gegeneinander aufzuhetzen. es ist sehr auffällig, dass 5 tage nach dem anschlag in sivas, ein sunnitischer dorf (basbaglar bei erzincan) überfallen wurde und eben genau 33 menschen massakriert wurde. nur nimmt das kaum die öffentlichkeit wahr, ich würde mir dieselbe sensibilität wünschen. das schlimme ist ja: wir spielen auch noch solchen leuten in die hände.

  3. ausserdem finde ich deinen artikel ziemlich einseitig. du stellst “religiöse” so dar, als seien sie eine immer präsente gefahr für “nicht-religiöse”. das finde ich sehr geheuchelt von dir.
    wie wäre es denn mal, wenn du die abneigung der aydincis gegenüber den religiösen erzählt hättest? dass es 80 jahre eine quasi apartheid in der türkei gegenüber religiösen gegeben hat. dass das militär mit hilfe der aydinci staatsanwälte religion immer als gefahr gesehen hat und 4 mal in dem land geputscht hat, erwähnenswert ist cevik bir, als alevitischer generalstabschef, den man als bollwerk gegen die religion gefeiert hat? du siehst natürlich nur alles durch die alevitische brille. du solltest mal alles im gesamtkontext seit der republik gründung sehen. selbst in dem artikel davor, warst du kritisch gegenüber atatürk (was auch vollkommen in ordnung ist), aber auf der anderen seite bist du hin und her gerissen. die problematiken, die bis heute herrschen, rühren m.e. alles schon seit der republik gründung. bei allem respekt, wenn du gegen die ungerechtigkeit ankämpfst, erwarte ich von dir, dass du dann schon alles mit in betracht ziehst, ansonsten machst du dich unglaubwürdig. wie du siehst liebe cigdem ist die sache nicht so einfach gestrickt.

  4. Ein wirklich lesenswerter Artikel. Allerdings halte ich die EU, bei dem Kampf für mehr Menschenrechte, Aufklärung und Demokratie, für nicht hilfreich.

  5. Auch Aleviten müssen die unbestrittene Tatsache einsehen anerkennen, dass der Brandanschlag von Sivas auf das Madimak-Hotel eine perfide Verschwörung des sog. Tiefen Staates (Derin Devlet) war mit dem Ziel, Aleviten und Sunniten einmal mehr gegeneinander aufzuhetzen. Es ist nämlich kein Zufall, dass nur drei Tage später im sunnitischen Dorf Basbaglar in der Provinz Erzincan ein Massaker verübt wurde, bei dem exakt 33 Menschen ermordet wurden. Das macht die Masse von tausenden ahnungslosen nützlichen Idioten, welche vor dem brennenden Hotel klatschten und in die Falle des Tiefen Staates getappt sind, zwar nicht unschuldig, aber dafür zeigt es die wahren Drahtzieher dieses perfiden Anschlags. Zuvor haben Handlanger des Tiefen Staats Hetzschriften in den Moscheen verteilt, um die Menschen gegen die angehenden Opfer aufzubringen, was leider auch erfolgt ist. Somit hatten die Verschwörer und ihre Handlanger auf der öffentlichen Bühne einmal mehr ein gefundenes Fressen, um gläubige Menschen einmal mehr zu diskreditieren. Die Verschwörer wissen nämlich genau, wie man in der Türkei eine Gruppe von Menschen gegen eine andere Gruppe aufbringen kann. Wenn wir uns mit dem Sivas-Massaker beschäftigen, müssen wir das alles mitberücksichtigen, um Klarheit zu haben.
    Erst, wenn die o.g. Einsicht einkehrt, können gegenseitiges Misstrauen überwunden und Versöhnung langfristig geschlossen werden. Wenn diese Einsicht jedoch fehlt und nach wie vor eine Wir-Opfer-die-Täter-Haltung eingenommen wird, spielt man damit den Verschwörern nur weiter in die Hände. Und das ist weder im Interesse der Aleviten, noch im Interesse der Sunniten.

  6. Was soll die Aufrechnerei von Başbağlar gegen Sivas in den Kommentaren 3 und 6 ?

    Başbağlar ist von der türkischen Justiz der PKK zugerechnet worden; soll hier behauptet werden, dass diese Täterschaft falsch erkannt wurde ?

    http://en.wikipedia.org/wiki/Başbağlar_massacre

    (mit drei türkischen Medienangaben)

  7. pragmatisch betrachtet wollte Nesin mit satanischen Versen anecken und hatte dazu in Sivas einen fruchtbaren Boden gefunden. Die Preisfrage lautet: wer wollte sich daraus einen Nutzen schaffen? Wochen zuvor hatte man, wenn ich mich recht erinnere auch in Zeitungen dazu groß geworben und im gleichen Moment fragte die staatliche Obrigkeit in der Provinz ob das unbedingt dort und in diesem Thema sein muss erinnern wir uns auch daran, wer zuvor unter bisher nicht ganz geklärten umständen verstarb, Stichwort Özal – wer die drittgrößte Kraft im Lande aufbot. Das Bild ist im Artikel fast geglückt. Einer der das Feuer hält und der andere der die Lunte anbietet. Wir Wissen, wie schnell bei uns Türken die Emotionen hochkochen und wie in allen Gesellschaften die Rudelbildung zu einer echten Gefahr für die Demokratie werden kann. Als Versuch die Morde zu sühnen vielleicht hilfreich, aber keineswegs als Keule gegen die türkische Regierung. Verjährungsfristen gab und gibt es in europäischen Staaten bis heute, siehe Spanien und die ETA bzw. deren Terroristen und ihre ungesühnten Taten.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *