Weshalb ich es vorgezogen habe, zu schweigen.

Als im November vergangenen Jahres die wahren Hintergründe der Nazimorde aufgedeckt wurden, befand ich mich nicht in Deutschland.

Ich absolvierte zu dem Zeitpunkt ein Auslandssemester in Istanbul und versuchte mich in der Türkei einzuleben, die Geschichte, Politik, Sprache und Kultur sowie die Menschen kennenzulernen. Natürlich verfolgte ich weiterhin die deutschen Medien, um zu wissen, was in meiner deutschen Heimat vor sich ging.

Ich habe vorgezogen, öffentlich über die Geschehnisse zu schweigen. Weil ich überfordert war.

Meine Leser stellen sich in diesem Augenblick wohl vor, was in mir in diesen Momenten vorging, als ich täglich die neuesten Nachrichten las.

Wut, Ärger, Enttäuschung und Angst. Wie konnte ich mich in Deutschland denn noch wie Zuhause fühlen?

Das einzige Gefühl, was ich zulassen konnte, war Trauer. Mein Beileid an die Angehörigen der Opfer, die nicht nur mit dem Verlust ihrer Väter, Brüder und Ehemänner zu kämpfen hatten.

Wieso ich geschwiegen habe?

Nun, ich wusste nicht, was genau ich jetzt kritisieren könnte, denn ich war verwirrt.

Während in Deutschland die Diskussionen um die Nazimorde (ehemalig: Dönermorde) in vollem Gang war, wurden die türkischen Medien von einem Vorfall bombadiert, das bis dato nur im Kreise von Familie und engen Freunde besprochen wurde: die Diskussion um den Genozid in Dersim von 1938.

Meine Eltern stammen aus Erzincan, das 1938 noch zu der Region Dersim gehörte und heute nur noch die türkische Stadt Tunceli umfasst. Die eigentliche Muttersprache meiner Eltern ist Zaza.

Mein Onkel mütterlicherseits erzählt mir die Vorfälle in Dersim von 1938 aus einer anderen Perspektive, als dies sein jüngerer Bruder macht.

Es habe ein Aufstand gegeben, als die türkische Republik gegründet wurde. Man habe sich geweigert, Steuern zu bezahlen und die Familienstämme haben ohne Gesetz und Ordnung gelebt. Es habe weder Ordnung noch Frieden geherrscht. Der türkische Staat hat eingreifen müssen. Dabei sind natürlich auch unschöne Dinge passiert. Das habe aber nichts mit Atatürk zutun, er war damals krank im Bett.

Mein jüngerer Onkel, der seit über 20 Jahren in Deutschland lebt, schickt mir regelmäßig Artikel und Dokumente, aus denen hervorgeht, dass Atatürk eine ethnische Säuberung der alevitischen Zazas in der Dersim-Region angeordnet und unterschrieben habe. Die Dersimer hätten schon immer friedlich und autonom gelebt, sie wollten nur ihre Autonomie behalten und sich nicht assimilieren lassen.

Beide Versionen setzen nicht nur eine historische Auseinandersetzung mit den Vorfällen voraus, sondern verlangen von mir, mich zu entscheiden. Stehe ich hinter dem türkischen Staat oder kämpfe ich für meine Identität?

Nur welche Identität?

Während ich in Deutschland seit meiner Geburt damit zu kämpfen habe, ob ich Deutsche oder Türkin bin, befasse ich mich nun seit einigen Jahren auch mit der Frage, was Türkisch-Sein überhaupt bedeutet. Meine Bekannten, Verwandten und Freunde versuchen mich von allen Seiten davon zu überzeugen, dass ich entweder Türkin, Kurdin oder Zaza bin. Oder Deutsche. Oder doch einfach nur Mensch.

Bin ich Alevitin, Muslimin oder doch einfach nur ein Mensch, der zu keiner Religion gehören sollte?

Stehe ich nun hinter Atatürks Politik, welches die Türkei zu einem modernen und weltlichen Staat gemacht hat oder sollte ich ihn dafür kritisieren, dass er alle demokratischen Reformen von oben herbeigeführt hat und noch dazu meine Oma 1938 nach Canakkale zwangsdeportiert hat sowie das Leben Tausender Menschen auf dem Gewissen hat?

Irgendwie heimatlos

Wenn ich mich unsicher fühlen sollte, wegen den Nazimorden in Deutschland.

Dann sollte ich mich auch in der Türkei unsicher fühlen, wegen den Taten in 1938 in Dersim, 1978 in Maras, 1980 in Corum, 1993 in Sivas und nun vor ein paar Tagen in Adiyaman.

In den Momenten, in denen ich die Zeitungen aufgeschlagen, die Internetseiten eingetippt habe, in denen ich die TV-Kanäle eingeschaltet habe, habe ich geschwiegen. Denn innerlich war ich eigentlich wütend, traurig, schockiert, verärgert und enttäuscht.

Enttäuscht von Menschen. Weil sie Gewalt anwenden. Und damit nicht aufhören. Ob in Deutschland, oder in der Türkei.

Und in solchen Momenten fühlt man sich heimatlos.

8 Gedanken zu „Weshalb ich es vorgezogen habe, zu schweigen.

  1. shaze86

    Ich könnte jetzt schreiben, dass ich dich verstehen kann. Aber das kann ich nicht, da ich keinen Migrationshintergrund habe und auch keiner religiösen und ethnischen Minorität angehöre. Also kann ich nur einen guten Ratschlag geben:

    Man füllt sich dort zuhause, wo man sich wohl fühlt.

  2. cundar

    Schweigen ist Gold?

    Danken möchte dir (das Sie spare ich mir jetzt mal, weil ich nicht älter bin als du) das du doch in die Tasten geschlagen und noch einen anderen Blick auf das… Wie kann man das nennen? Verhältnis? Ja. Also das Verhältnis, dass du als Person, mit deinem Hintergrund mit dieser Tat hast.

    Doch der letzte Satz machte mich eigenartig wütend. Denn gerade die Heimat ist es doch, die einen Halt geben kann/sollte, wenn Menschen Gewalt anwenden.

    Die Morde haben mich eher noch mehr an die Heimat, an Deutschland, gebunden. Mich, der auch einen “Migrationshintergrund” hat… irgendwie. Ein Teil von mir stammt aus Niederschlesien und ansonsten aus Familien, die sich zum Großteil seit 400 Jahren in Franken verorten lassen. So ist für mich klar: Ich gehöre diesen Familien an, habe meine Geburtsstadt (die ich sehr liebe), bin Oberfranke (etwas widerspenstig auch Bayer), Wahl-Ostdeutscher, Deutscher, Europäer, Christ und Mensch. Das ist Teil meiner Identität, meiner Person. Man kann sich das so vorstellen wie bei einer Matrjoschka-Puppe. Man besteht aus vielem aber ist doch Eins.
    Und dann kommen ein paar Volksgenossen auf die Idee, dass sie ihre “Nation” verteidigen, in dem sie unschuldige Menschen abschlachten. Ich will auf die Geschehnisse nicht weiter eingehen, das würde den Rahmen sprengen. Zudem da so viel Scheiße passiert ist.
    Wieder einmal verüben ein paar Hanseln und Greteln im Namen meiner Heimat Verbrechen. Muss ich mich jetzt nicht von dieser Heimat distanzieren um nicht selbst als Verbrecher dazustehen? War es nach dem zweiten Weltkrieg nicht anders? Wird die Heimat bis heute nicht verleugnet weil sie “an sich” verbrecherisch ist? Nein. Ich bin auch Deutschland und ich bin kein Verbrecher, deswegen kann Deutschland “an sich” nicht verbrecherisch sein. Du bist auch Deutschland. Bist du deswegen ein Verbrecher?

    Weil ich zu meiner Heimat stehe, werde ich zwar als “Nazi”, als Verbrecher bezeichnet und darf unter Pseudonym bloggen wenn ich nicht gesellschaftlich ausgeschaltet werden will, aber weil Deutschland mehr ist als “Verbrechen”, verleumde ich es nicht oder laufe zu den Verbrechern über. Obwohl ich auch enttäuscht von Menschen bin. Weil sie Gewalt anwenden. Und damit nicht aufhören. Gerade hier in Deutschland.

    -
    Ich hoffe der Text war nicht zu pathetisch, sondern konnte klären, dass man sich nicht heimatlos fühlen muss, im Angesicht eines solchen Trubels. Falls man immer noch nichts innerlich finden kann, empfehle ich Kleist: http://www.zeno.org/nid/20005169569

    Beste Grüße

  3. Hakan

    Hallo Cigdem,

    anstatt sich gleich in einen Trappistenkloster einzuschließen, wäre es doch richtiger, beide Staaten auf Grund ihrer geschichtlichen und aktuellen Verfehlungen zu kritisieren. Das eine schließt das andere doch nicht aus und Schweigen ist nicht immer gülden. Ich habe es wirklich versucht, aber ich kann deine vorgebrachten Beweggründe einfach nicht nachvollziehen, da sich mir der Zusammenhang nicht erschließt. Mehr noch, dieses gegeneinander Aufwiegen von Verbrechen in diesem Fall führt in meine Augen zu einer unseligen Relativierung des rechten Terrors.

  4. Genius

    Wenn ich es richtig verstanden hab, fühlst du dich weder hier noch da sicher und behütet, was an jedem Ort der Welt eine Illusion sein dürfte.

    Aber warum bist/warst du nun eigentlich wütend und enttäuscht? Weil du entdeckt hast, dass “Heimat” nicht so geil (um nicht zu sagen: heil) ist, wie man sich das immer vorgestellt hat? Darum wird man aber nicht heimatlos, sondern nur erwachsen.

  5. Saekularix

    Heimat ist der Ort derjenigen Zustände – an* denen man leidet.

    Wo die Definition positiv schwerfällt, kann
    man es mal mit negativ versuchen, finde ich.

    *nicht unter, sondern an.

    Was einem dagegen eher egal* sein kann, ist nicht Heimat.

    *Symptom: man kriegt es i.d.R. nicht mit.

    Beim mitkriegen hat sich allerdigns was
    verändert, dank Internet, youtube, etc.

    Für Kurden und arabisch-levantinisch-stämmige Migranten wird aus Syrien heraus z.B. diese Frage zur Entscheidung vorgelegt.

    Wem das am Arsch vorbeigeht, der ist in Europa angekommen. (Drastisch formuliert, aber wertfrei gemeint !)

    Wie sieht es eigentlich damit aus ?

  6. Engin

    Das ist super, erst das Thema anschneiden was uns hier in Deutschland auf den Nägeln brennt, um sofort umzuschwenken auf einen Nebenkriegsschauplatz. Was für ein Schauspiel.
    Sie sollten PolitikerIn werden !

    Ich lebe hier in Deutschland, Die Nazimorde berühren mein leben hier direkt ! Die geheime BND Mitarbeiterin “Beate Zschäpe” hat nachdem Sie beide Mitwisser Uwe & Uwe zum schweigen gebracht hatte sich wie befohlen gestellt.

    Wir werden ab 2013 nichts mehr von ihr lesen bzw. hören. mit einer neuen Identität und blonden Haaren wird diese Deutsche weiter hass gegen dich und mich verbreiten

    und Sie leben in der Vergangenheit im letzten Jahrhundert. im Ausland.

    Versuchen Sie lieber uns das Leben in Deutschland zu erleichtern, Die Toten werden auch Sie nicht zurück holen . . .

    Gruß
    Engin

  7. anti

    Genozid Dersim 1938…

    die Pläne um die Ausrottung der Menschen ( Kurdische-Aleviten) wurden 1932 im Parlament beschlossen mit der Unterschrift Mustafa-Kemal-Atatürk.
    In den Jahren zwischen 1932 und dem Blutigen 1938 wurden Angriffe simuliert um die Erfolgsquote zu messen.
    Enkelsohn des Damaligen Gouverneur von Dersim Diyap Aga berichtet aus den Erzählungen seines Großvaters, Atatürk forderte Diyap Aga kurz vor der Operation Dersim auf das Gebiet Dersim zu verlassen. Er solle seine Gesamte Familie samt Katze mitnehemen.
    Mustafa Kemal war der Oberste Befehlshaber der dieses Massaker zu Verantworten hat.
    Manche sagen er sei 1937 Bettkrank gewesen…stimmt nicht ganz, denn im 1937 setzte Mustafa Kemal sich für die Ankoppelung Hatays an die Türkei sehr stark im Diplomatischen sinne ein.

    Stark genug um Hatay zu gewinnen aber schwach im Bett um den Genozid in Dersim Aufzuhalten..da lachen ja die Hühner Frau Toprak Sie nicht-Historikerin.

    Forschen Sie erstmal woher Sie kommen bevor Sie weiter Müll schreiben.

    Ps: es ist Geil Geschichte aus nicht zensierten Büchern zu lesen
    und nicht wie Frau Toprak aus 1000 und 1`er Gute Nacht Baby

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