Weshalb ich keine Islamkritikerin bin

Jan
2012
07

posted by on Integration, Religion

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Ich habe mich öffentlich als Islamkritikerin bezeichnet, weil ich auf die Probleme vieler muslimischen Mitbürger bei der Integration in unsere moderne Gesellschaft aufmerksam machen wollte. Um aber den Islam kritisieren zu können, müsste ich mich theologisch und damit wissenschaftlich mit dem Islam als Religion auseinandersetzen und dabei auch Vergleiche zu den anderen zwei großen Weltreligionen wie das Christen- und Judentum ziehen können. Allein der Koran als Grundlage für Interpretationen über den Islam reichen allerdings nicht aus, denn den Koran zu verstehen und zu interpretieren erfordert eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit historischen und kulturellen Aspekten des Islams und auch seinen vielen Varianten in seiner Praxis.

Den öffentlichen Fokus auf den Islam als Ursache der Integrationsprobleme zu legen, erschwert die Aufklärungsarbeit, die ich eigentlich leisten möchte: Denn ich möchte dennoch darauf aufmerksam machen, dass innerhalb der muslimischen Community in Deutschland jegliche Kritik an den Islam und somit auch an den Koran nicht erwünscht ist und dass das die eigentliche Gefahr ausmacht.

Zudem ist aber das Bild in der Öffentlichkeit über “den Moslem” ist nicht differenziert genug, weil sich beispielsweise säkular eingestellte Muslime öffentlich nicht zu Wort melden, wenn es um die Grenzen der Religionsfreiheit in einer Demokratie geht.

Innerhalb der muslimischen Community in Deutschland, die man als Kollektiv wahrnehmen mag, herrschen unterschiedliche Meinungen und Ansichten über die Auslegung und den Stellenwert der Religion im Alltag. Dennoch fehlt ein aufrichtiger Diskurs mit den sozialen und politischen Auswirkungen der Religiösität der Muslime in Deutschland, so wie dies teilweise  in der Türkei stattfindet.

Es findet kein Clash zwischen Säkularen und Religiösen statt, wie dies oft und gerne in den europäischen Medien dargestellt wird, sondern die Fronten erweichen und Liberale stellen sich auch auf die Seite der Religiösen, im Namen der Demokratie und Religionsfreiheit. Auf der anderen Seite kann man auch beobachten, dass die türkische Gesellschaft konservativer, religiöser und dogmatischer wird. Viele “Kemalisten” fühlen sich durch das Aufkommen des Religiösen in ihrer Weltanschauung und Lebensstil bedroht. Sie wollen um jeden Preis ihre Freiheit und westliche Modernität behalten. Freiheit und Modernität wollen allerdings auch die Religiösen ausleben: Man sieht Frauen mit Kopftüchern bei Victoria´s Secret einkaufen, in modernen westlichen Cafes sitzen und kann sie dabei beobachten, wie sie sich mit ihrem Freund in kopftuchfreien Vierteln treffen. Das wäre in den religiösen Vierteln Istanbuls beispielweise nicht möglich. Auch hier fehlt es an einer differenzierten Berichterstattung in den deutschen Medien.

Als ich türkischen Freunden über meinen Blog und meine Kritik an die islamische Community in Deutschland erzählt habe, hat einer von ihnen es so zusammengefasst: “Stell dir vor, du setzt dich für die Minderheiten-und Menschenrechte der christlichen Minderheit hier in der Türkei ein. Das lässt dich als Sozialdemokrat und wahrhaftigen Demokrat sowie Menschenrechtler erscheinen. Aber stell´dir vor, dass diese Gruppe dogmatisch und antidemokratisch eingestellt ist. Bist du nun immer noch ein Menschenrechtler?”

Das ist eben die Gefahr, denen wir uns sowohl in der Türkei als auch in Deutschland stellen müssen, wenn wir beispielsweise das Recht auf das Tragen des Kopftuchs einsetzen: Auf der einen Seite darf man sich nicht in die Persönlichkeitsrechte eines Individuums einmischen und nicht seine Religionsfreiheit beschneiden, auf der anderen Seite mag man womöglich ein Recht auf ein Objekt unterstützen, dass antidemokratische Werte vermittelt und zudem ein Symbol für die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann darstellt.

Wenn ich mich mit meiner Kommilitonin in der Türkei privat verabrede, die ein Kopftuch trägt, frage ich mich innerlich, ob sie mich denn in einer religiös konstitutierten Gesellschaft genauso akzeptieren würde und sich für “mein Recht auf Minirock und Raki” einsetzen würde, wie ich es heute für richtig halte, dass sie mit Kopftuch an einer türkischen Universität studiert.

Diese Frage wird unterschiedliche Antworten mit sich bringen, so unterschiedlich wie Menschen nunmal sind, aber man darf nicht naiv, sondern darf sich sicher sein, dass die Mehrheit der Religiösen als Kollektiv Druck auf das Individuum ausüben wird, wenn es die politische Macht dazu hat. Denn ein weiteres Problem der islamischen Community ist, dass jeder Moslem als Individuum unter dem Druck steht, nicht “Moslem genug zu sein”. Und darunter leidet eben die muslimische Community insbesondere in der Diaspora und hält sie davon ab, sich in die moderne Gesellschaft zu integrieren und Kritik an die sozialen und politischen Auswirkungen der islamischen Religiösität auszuüben. Und diesen Missstand sollten wir kritisieren, statt zu vergessen, dass Muslime Individuuen sind und nicht als “die anderen” einer einzigen Gruppe zugeordnet werden dürfen und sollten. Sie sind so unterschiedlich wie wir alle.

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