Weshalb ich keine Islamkritikerin bin

Ich habe mich öffentlich als Islamkritikerin bezeichnet, weil ich auf die Probleme vieler muslimischen Mitbürger bei der Integration in unsere moderne Gesellschaft aufmerksam machen wollte. Um aber den Islam kritisieren zu können, müsste ich mich theologisch und damit wissenschaftlich mit dem Islam als Religion auseinandersetzen und dabei auch Vergleiche zu den anderen zwei großen Weltreligionen wie das Christen- und Judentum ziehen können. Allein der Koran als Grundlage für Interpretationen über den Islam reichen allerdings nicht aus, denn den Koran zu verstehen und zu interpretieren erfordert eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit historischen und kulturellen Aspekten des Islams und auch seinen vielen Varianten in seiner Praxis.

Den öffentlichen Fokus auf den Islam als Ursache der Integrationsprobleme zu legen, erschwert die Aufklärungsarbeit, die ich eigentlich leisten möchte: Denn ich möchte dennoch darauf aufmerksam machen, dass innerhalb der muslimischen Community in Deutschland jegliche Kritik an den Islam und somit auch an den Koran nicht erwünscht ist und dass das die eigentliche Gefahr ausmacht.

Zudem ist aber das Bild in der Öffentlichkeit über “den Moslem” ist nicht differenziert genug, weil sich beispielsweise säkular eingestellte Muslime öffentlich nicht zu Wort melden, wenn es um die Grenzen der Religionsfreiheit in einer Demokratie geht.

Innerhalb der muslimischen Community in Deutschland, die man als Kollektiv wahrnehmen mag, herrschen unterschiedliche Meinungen und Ansichten über die Auslegung und den Stellenwert der Religion im Alltag. Dennoch fehlt ein aufrichtiger Diskurs mit den sozialen und politischen Auswirkungen der Religiösität der Muslime in Deutschland, so wie dies teilweise  in der Türkei stattfindet.

Es findet kein Clash zwischen Säkularen und Religiösen statt, wie dies oft und gerne in den europäischen Medien dargestellt wird, sondern die Fronten erweichen und Liberale stellen sich auch auf die Seite der Religiösen, im Namen der Demokratie und Religionsfreiheit. Auf der anderen Seite kann man auch beobachten, dass die türkische Gesellschaft konservativer, religiöser und dogmatischer wird. Viele “Kemalisten” fühlen sich durch das Aufkommen des Religiösen in ihrer Weltanschauung und Lebensstil bedroht. Sie wollen um jeden Preis ihre Freiheit und westliche Modernität behalten. Freiheit und Modernität wollen allerdings auch die Religiösen ausleben: Man sieht Frauen mit Kopftüchern bei Victoria´s Secret einkaufen, in modernen westlichen Cafes sitzen und kann sie dabei beobachten, wie sie sich mit ihrem Freund in kopftuchfreien Vierteln treffen. Das wäre in den religiösen Vierteln Istanbuls beispielweise nicht möglich. Auch hier fehlt es an einer differenzierten Berichterstattung in den deutschen Medien.

Als ich türkischen Freunden über meinen Blog und meine Kritik an die islamische Community in Deutschland erzählt habe, hat einer von ihnen es so zusammengefasst: “Stell dir vor, du setzt dich für die Minderheiten-und Menschenrechte der christlichen Minderheit hier in der Türkei ein. Das lässt dich als Sozialdemokrat und wahrhaftigen Demokrat sowie Menschenrechtler erscheinen. Aber stell´dir vor, dass diese Gruppe dogmatisch und antidemokratisch eingestellt ist. Bist du nun immer noch ein Menschenrechtler?”

Das ist eben die Gefahr, denen wir uns sowohl in der Türkei als auch in Deutschland stellen müssen, wenn wir beispielsweise das Recht auf das Tragen des Kopftuchs einsetzen: Auf der einen Seite darf man sich nicht in die Persönlichkeitsrechte eines Individuums einmischen und nicht seine Religionsfreiheit beschneiden, auf der anderen Seite mag man womöglich ein Recht auf ein Objekt unterstützen, dass antidemokratische Werte vermittelt und zudem ein Symbol für die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann darstellt.

Wenn ich mich mit meiner Kommilitonin in der Türkei privat verabrede, die ein Kopftuch trägt, frage ich mich innerlich, ob sie mich denn in einer religiös konstitutierten Gesellschaft genauso akzeptieren würde und sich für “mein Recht auf Minirock und Raki” einsetzen würde, wie ich es heute für richtig halte, dass sie mit Kopftuch an einer türkischen Universität studiert.

Diese Frage wird unterschiedliche Antworten mit sich bringen, so unterschiedlich wie Menschen nunmal sind, aber man darf nicht naiv, sondern darf sich sicher sein, dass die Mehrheit der Religiösen als Kollektiv Druck auf das Individuum ausüben wird, wenn es die politische Macht dazu hat. Denn ein weiteres Problem der islamischen Community ist, dass jeder Moslem als Individuum unter dem Druck steht, nicht “Moslem genug zu sein”. Und darunter leidet eben die muslimische Community insbesondere in der Diaspora und hält sie davon ab, sich in die moderne Gesellschaft zu integrieren und Kritik an die sozialen und politischen Auswirkungen der islamischen Religiösität auszuüben. Und diesen Missstand sollten wir kritisieren, statt zu vergessen, dass Muslime Individuuen sind und nicht als “die anderen” einer einzigen Gruppe zugeordnet werden dürfen und sollten. Sie sind so unterschiedlich wie wir alle.

6 Comments

  1. Erstmal wünsche ich ein gesundes neues Jahr…

    … und nun zum Artikel:

    “Um aber den Islam kritisieren zu können, müsste ich mich theologisch und damit wissenschaftlich mit dem Islam als Religion auseinandersetzen […]”

    Es gibt offenbar zweierlei Islamkritik. Zum Einen die des Islam als einer historischen (und überkommenen) Religion. Man spricht dann üblicherweise von der Kritik der Religion. – Also von der Kritik an einem Glauben, der uns weismachen will, dass ein höheres Wesen für das Weltganze einstehe und über das Wohl und Wehe der Menschen wacht. Wobei dann die Kritik am Christen- und Judentum bereits inbegriffen ist. Denn einen (wissenschaftlichen) Beweis für die Existenz dieses Wesens können auch sie nicht erbringen. Ihre (Schein-)Plausibilität erhalten sie einzig aus einer dogmatischen Praxis. Vielmehr hat die Aufklärung der Religion aufgezeigt, welcher durch und durch menschlichen Projektion sie sich verdankt. Am berühmtesten vielleicht Ludwig Feuerbach. Eine solche Religionskritik fordert heute weder ein Theologiestudium noch besonderen Mut. Man muss ihre Argumente bloß nachsprechen.

    Das hat die Religion allerdings nicht daran gehindert weiter zu existieren, auch wenn sie um einiges an Einfluss verloren hat. Denn bloß weil es auf bestimmte Fragen des menschlichen Daseins keine allgemein gültigen Antworten gibt, sind ja deswegen die Fragen nicht illegitim. Damit können sich die Religionen schwerlich abfinden. Sie wollen, dass man ihren Antworten umstandslos glaubt und sie keiner Prüfung unterzieht. Da geht es dem Islam nicht anders als allen anderen Religionen. Zu kritisieren wäre aber, wie er sich damit nicht abfinden kann. Nämlich auf eine besonders gewalttätige Weise, deren Spiegelbild es ist, die theologischen Fragen gar nicht erst zu stellen. Der moderne Islam ist antitheologisch.

  2. Hallo ich bin muslim, 1976 in Deuschtland geboren, habe hier Abitur gemacht und VWL Studiert. Mit den normalen türkischen Migranten identifiziere ich mich nicht. Ich verstehe nicht wie du dich vor den Karren von pi-news, Kybeline, Henryk M. Broder und üblichen Islamhassern spannen lässt. Solche Menschen wie du werden gegen den islam instrumentalisiert. Falls du wirklich etwas ändern willst fang doch in deinem Umfeld an, kleine schritte führen zum Ziel. “su damlaya damlaya göl olur”.
    Grüße Ali

  3. Man braucht den Islam nicht mehr zu kritisieren; die Muslime bingen sich gegenseitig um. Hier der syrische Kinderkanal:

    youtube.com/user/Syrian2011Revolutio1

  4. Tja, wenn die Beobachtung von Moslems und die Arbeit mit den relig. Grundlagen eine “wissenschaftliche Auseinandersetzung” benätigen, dann gibt es halt keine Islamkritik. – oder gibt es rein wissenschaftlich basierte Islamkritik?

    Der real existierende Islam reicht aber zum Glück aus den Leuten den Wahnsinn klar zu machen…

    Schade, dass Sie sich ausklinken, ist aber gesünder, also: Gute Idee!

    Horscht

  5. So, so Sie haben sich als Kritikerin über ein Thema aufgeschwungen von dem SIE selber zugeben keine Ahnung zu haben ! ?
    ja was sagt das gemein Volk zu solch einer Expertin ? hoffentlich haben Sie nicht den selben Berater + Schreiber wie zu Gutenberg

    ;-)

    Viele Grüße
    Engin

  6. “Um aber den Islam kritisieren zu können, müsste ich mich theologisch und damit wissenschaftlich mit dem Islam als Religion auseinandersetzen.”

    Hallo Frau Toprak!

    Das scheint mir verkürzt und zu sehr auf die metaphysischen Inhalte der Lehre bezogen (die eigentlich unpolitisch sind).

    Für das Zusammenleben von Muslimen und Ungläubigen in einer modernen, multireligiösen Gesellschaft ist weniger die Metaphysik relevant, sondern eher die unter dem Banner des Islam bestehende Machtstrukturen (seien es nun die des Klerus und der Islamverbände oder die inoffizielleren in den Familien).

    Würden wir von der Kritik am real existierenden Kommunismus in der damaligen Sowjetunion sagen:
    “Man kann Diktatur, Geheimpolizeisystem und Gulag nur kritisieren, wenn man mindestens 10 Semester Marxismus-Leninismus an der Uni Moskau studiert hat?” Wohl kaum.

    Bei Diskussionen über den Islam wird dagegen gern Kritikern der weltlichen Machtstrukturen dieser Religion jede Legitimation und auch Kompetenz abgesprochen mit dem Hinweis auf das nötige umfassende theologische Wissen – was natürlich, bevor man damit beginnen kann sich dieses anzueignen, erstmal ein tadelloses Altarabisch voraussetzt…

    Dieses vorgeschobene metaphysisch-theologische Argument dient nur dazu, die weltlichen Machtstrukturen (auf die es gar nicht anwendbar ist) gegen Kritik zu immunisieren.

    Wir Humanisten sollten es uns nicht zu eigen machen, ob nun beim Islam, Scientology, weltlichen Ismen oder bei anderen vergleichbaren Ideologien, und beim kritischen Blick bleiben.

    Grüße und ein großes Kompliment für Ihre Seite!

    Jo

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