Cigdem Toprak

Integration: Es sind Menschen.

Nov
01

Die Debatte über die Eingliederung von Migranten und ihren Nachfahren in die deutsche Gesellschaft wird in der Öffentlichkeit nicht realistisch wiedergegeben. Auf der einen Seite enstehen Modelle eines typischen „Türken“, auf der anderen Seite werden die wirklichen Probleme der Migranten einfach unter den Teppich gekehrt.

In der deutschen Integrationsdebatten existieren viele Stereotypen. Es sind verallgemeinernde Vorstellungen von „Türken“, „Muslimen“, „Problemen“ und „gelungener Integration“. Es scheint, als ob man von Einzelfällen ausgeht, und dies auf eine gesamte Gruppe schließt. Es existieren sowohl positive als auch negative Stereotypen in der deutschen Medienlandschaft. Erfolgreich integrierte Migranten sowie Problemfälle. So fehlt es an einer Differenzierung und dem Anspruch, Migranten zunächst als Individuuen zu betrachten.
Diesen Anspruch sollte jeder besitzen. Auch ich. Wenn ich ein Mädchen mit Kopftuch sehe, denke ich automatisch daran, dass sie gezwungen wird, das Kopftuch zu tragen- oder ich gehe davon aus, dass sie intolerant gegenüber „offenen“ Frauen ist. Dabei kann sie sich zu dem Kopftuch entschieden haben und auch meine Lebenseinstellung respektieren.
Meine Meinung zum islamischen und dogmatischen Kopftuch bleibt dabei unberührt. Denn meine Kritik richtet sich zunächst an das soziale Problem, unter dem sehr viele muslimische Frauen leiden. Auch wenn sie das anders sehen.
Dennoch: dem Denken in Mustern, Modellen und bestimmten Schemata verfalle auch ich. Und das, obwohl ich mehr Kontakt zu unterschiedlichen Migranten habe, als wahrscheinlich der durchschnittliche urdeutsche Bürger in Deutschland.

Dies ist allerdings das eine Problem der deutschen Integrationsdebatte.

Man kann nicht verleugnen, dass bestimmte Probleme eine große Anzahl einer bestimmten Gruppe treffen.
Und darüber muss gesprochen werden. Meine Kritik richtet sich an diejenigen, die zwar in der öffentlichen Debatte versuchen, Stereotypen zu durchbrechen, diese aber einfach nur durch neue Stereotypen ersetzen. Sie stellen gut integrierte Migranten als ein alternatives Modell dar. Statt über die sozialen Probleme, die wir mit dem Islam, den Migranten aus unterschiedlichen Ländern und Regionen und mit orientalischen Traditionen haben, öffentlich zu sprechen, wird in den Medien auch versucht, ein positives Bild über Migranten der Öffentlichkeit zu vermitteln.

In den Medien benötigen wir allerdings ein realistisches Bild. Und zu der Realität gehört eben dazu, dass viele Migranten die deutsche Sprache nicht beherrschen, sich zudem weigern, der Modernität in Deutschland anzupassen.
Viele Migranten und ihre Stellvertreter in Verbänden, Medien und in der Politik tendieren dazu, in die Position der Selbstverteidigung zu treten. Dabei sollten gerade die Migranten, insbesondere die islamisch geprägten Migranten über Zwang in Glaubensfragen sprechen. Orientalische Migranten sollten öffentlich Ehrenmorde anprangern. Migranten sollte öffentlich fordern, dass das Beherrschen der deutschen Sprache für das Leben und Zusammenleben in Deutschland notwendig ist.

Wenn gerade die orientialischen Migranten die Probleme, die sie selbst betreffen, in der deutschen Öffentlichkeit ansprechen und eine kritische Debatte innerhalb der Communities entsteht, dann können wir rechtspopulistische Tendenzen in Deutschland eindämmen. Dann können wir Diskriminierung bekämpfen, die nicht durch Vorurteile, aber eben durch solche Stereotypen entstehen. Vor 20 Jahren wurden meine Eltern in unserer urdeutschen Nachbarschaft nicht willkommen gehießen. Weil Türken ihnen fremd waren. Sie wussten damals nichts über sie, nur die schwarzen Haare und die komische laute Sprache erschreckten sie. Heute lesen meine Nachbarn über Türken. Meistens ist es Negatives. Aber heute haben sie auch die Chance, mit meinen Eltern zu kommunizieren. Wenn sie möchten, können sie ihre türkischen Nachbarn kennenlernen. Und sie würden feststellen, dass jedes Familienmitglied eine andere Einstellung zu Gott hat. Dass ihre türkischen Nachbarn ursprünglich eine andere Muttersprache als Türkisch sprechen. Dass diese Türken Alkohol trinken. Dass sie die deutsche Kultur und Sitten respektieren, aber jedes Familienmitglied individuell für sich entschieden hat, inwieweit es die deutsche Kultur für sich annimmt. Unsere Nachbarn würden erkennen, dass zwar gewisse patriarchische Strukturen existieren und anatolische Traditionen gelebt werden, aber nur insofern alle Individuuen damit einverstanden sind.

Wenn urdeutsche Bürger sich für ihre Migranten interessieren, dann sollte sie versuchen, zunächst nur das Individuum zu sehen und sich nicht das Kollektiv ins Gedächtnis rufen, von dem in Zeitungen und im Fernsehen gesprochen wird.

Meine türkische Freundin war an Krebs erkrankt. Sie hatte ihre Haare verloren und fing an ein Tuch zu tragen, um ihre Glatze zu verdecken. Ihre urdeutschen Nachbarn fragen ihre Eltern, ob sie nun ab jetzt ein Kopftuch trägt. Sie haben sonst nichts in Erwägung gezogen. Sie haben nicht ihre müden Augen gesehen, nicht ihre fahle Haut entdeckt. Sie haben nicht bemerkt, dass das Mädchen alle vierzehn Tage ins Krankenhaus gefahren wurde, nur in Jogginghosen rumläuft und plötzlich – wieder offene lange Haare, eine Perücke, trägt. Das war das einzige, was sie gefragt haben. Sonst wollten sie nichts wissen.

Dabei gibt es noch so viel zu berichten.

20 Responses to Integration: Es sind Menschen.

  1. Dass die Integration – scheinbar – nicht klappt, hat u.a. einen Grund, den die meisten Deutschen nicht mal kennen…die Verehrung der Türken für alles Deutsche. Zumindest war das vor 50 Jahren so. Alles Deutsche war toll in den Augen der Türken…umso größer die Enttäuschung, dass die Deutschen die Deutschliebe der Türken überhaupt nicht gesehen haben und ausgesprochen ablehnend waren, und heute noch sind. Was man auch nicht realisiert hat: Viele Türken waren seinerzeit viel moderner als die Deutschen: Es kamen beispielsweise alleinreisende Türkinnen zum Arbeiten nach Deutschland zu einer Zeit, als deutsche Frauen ohne Einverständnis des Vaters oder Mannes keine Arbeit annehmen konnten. Das Thema Religion wird auch oft missverstanden. Auch hier hat die Türkei die Nase vorn: Sie ist ein laizistischer Staat und bei uns werden die Priester noch von Steuergeldern bezahlt! Und heute? Europa lehnt die Türkei weiter als EU Mitglied ab…und die Türkei freut sich jetzt über ihre starke Wirtschaft und dass sie dabei die Griechen nicht unterstützen muss. Ich sehe auf der deutschen Seite Defizite und das ist keine Aufgabe der Türken, diese auszuräumen. Übrigens ist es für die türkischen Mitbürger eine Gratwanderung, sich von Terroranschlägen zu distanzieren: als in Stuttgart Türken auf die Straße gingen, um friedlich gegen den blutigen Terror der Kurden zu protestieren, war die deutsche Reaktion in der Lokalpresse mehr als eindeutig und sehr ablehnend: Sie sollen den Konflikt ihrer Heimat nicht nach Deutschland tragen!

  2. @eva

    sehr differenzierte betrachtung! im grund genommen ist der auslöser oder die erklärung für die integrationsmisere die ablehnende haltung der mehrheitsgesellschaft. die presse trägt auch dazu bei. klar gibt es auch missstände bei den migranten, aber dies soll dann auch nicht als rechtfertigung verstanden werden. jeder hat hier seine aufgabe zu meistern und für ein friedliches miteinander beizutragen. und warum sich muslimische verbände immer wieder von ehrenmorden distanzieren sollen, verstehe ich auch nicht. das suggeriert, als ob diese wohl zum ehrenmord aufrufen würden. ich jedenfalls distanziere mich nicht von etwas, was ich nicht getan habe, warum auch?

  3. Hallo Cenki, ich bin sehr damit einverstanden, was Du schreibst. Ehrenmorde haben aber auch gar nichts mit Islam zu tun. Und viele Missstände sind eher sozial, als dass sie wirklich was mit Abstammung zu tun haben: Schlechtes Deutsch und schlechte Bildung sind in den ostdeutschen Plattenbauten ein eher deutsches Problem. Da ist dann der HarzIV-Empfänger Kevin schlecht integriert 😉

  4. wenn es ein deutsches familiendrama oder ein deutscher u-bahnschläger ist, dann hinterfragt man penibel alle sozialen missstände (rabenkind, alkoholkranke eltern, schule abgebrochen etc.). wenn es ein türke ist, dann ist der islam automatisch schuld daran. das ist einfach nicht seriös. früher habe ich mich sogar darüber aufgeregt, aber heute lache ich über die unseriösität.

  5. Eva&Cenki:

    Sag mal, kann es nicht sein, das ihr alles durch eine rosarote Brille seht?

    Die Türken waren moderner und haben alles deutsche verehrt, aber die Deutschen haben sie abgelehnt und tun dies bis heute und das ist der Grund für die mangelnde Integration? Aha…

    Das sich viele Türken gar nicht integrieren wollten und sich in der 3.Generation noch immer nicht als Deutsche fühlen, scheidet als Begründung wohl aus. Die Ablehnung der Deutschen erklärt schon alles, gell? Also, das mehr als 40% der Berliner Türken arbeitslos sind und 80% der Intensivtäter Türken oder Araber. Daran ist die Ablehnung der Deutschen schuld…

    Und dann noch zu behaupten, das die Frauen moderner und weniger religiös waren- an was haben die Deutschen eigentlich nicht schuld?

    Nur mal so nebenbei: Deutsche Frauen konnten auch in die USA auswandern um zu arbeiten, ihr Beispiel sagt doch nichts über die realen Verhältnisse in der Türkei aus. Die Türkei ist zwar ein laizistischer Staat, aber die Menschen sind dennoch viel religiöser. Islamistische Parteien kamen immer wieder ins Parlament oder gar die Regierung, man denke nur an Erbakan. Das Militär hat drei Mal geputscht, um die Trennung von Staat und Religion zu bewahren. Ein EU-Beitritt war auch deswegen kaum möglich, das Land war und ist bis heute keine vollständige Demokratie. Es gibt dort mehr Journalisten in Haft als in China.

    Niemand fordert von den Muslimen bzw. den Islamverbänden, sich vom Terror im Nahen Osten zu distanzieren, sondern nur von extremistischen Tendenzen hier, in Deutschland. Dazu gehören auch Ehrenmorde. Es spielt auch keine Rolle, ob Ehrenmorde oder Terror oder was auch immer zum Islam gehören oder nicht. Ein Beispiel: Obwohl in der Bibel nichts von Pädophilie steht, sind Tausende Christen aus der Kirche ausgetreten, weil sie nicht mit dem Umgang der Kirche mit den Vorfällen einverstanden waren.

    Zum Thema Ehrenmord/Familiendrama: Ein Ehrenmord ist nach dem BKA-Bericht ein Mord, der „aus vermeintlich kultureller Verpflichtung heraus innerhalb des eigenen Familienverbands verübt wird, um der Familienehre gerecht zu werden“.

    Wenn ein Türke ein Familienmitglied tötet, aber nicht aus kulturellen Gründen (wie z.B. das die Tochter sich zu westlich kleidete), dann nennt man das auch nicht Ehrenmord, sondern Familiendrama:

    http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/augsburger-familiendrama-verdaechtiger-in-die-tuerkei-geflohen-1146377.html

    http://www.stern.de/news2/aktuell/vier-tote-bei-familiendrama-in-der-tuerkei-1664609.html

    http://www.fr-online.de/panorama/familiendrama-tuerke-toetet-acht-seiner-angehoerigen,1472782,3291156.html

    http://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Alle-hatten-Angst-vor-ihm-id2955326.html

    Nach Angaben der türkischen Familienministerin Nimet Cubukcu aus dem Jahre 2007 wurden in den vergangenen sechs Jahren 1800 Frauen Opfer so genannter „Ehrenmorde“ – das ist fast jeden Tag ein Mord. Nicht eingerechnet in den neuen Zahlen sind die rund 900 Selbstmorde von Frauen – viele von ihnen wurden wahrscheinlich von männlichen Familienangehörigen in den Freitod getrieben:

    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/europaheute/598852/

    „wenn es ein deutsches familiendrama oder ein deutscher u-bahnschläger ist, dann hinterfragt man penibel alle sozialen missstände (rabenkind, alkoholkranke eltern, schule abgebrochen etc.). wenn es ein türke ist, dann ist der islam automatisch schuld daran.“

    Ich denke, es ist eher andersrum. Wenn Neonazis sich rassistisch verhalten, dann startet man Toleranzprojekte und niemand entschuldigt die Taten mit ihrer schlechten wirtschaftlichen Lage. Wenn sich Migranten rassistisch verhalten, ist es anders.

    In diesem Bericht von CosmoTV wird behauptet, dass das Wort „Kartoffelfresser“, mit dem Migranten Deutsche beschimpfen, sei nicht rassistisch ist, da Deutsche Kartoffeln essen (genauso wie Wein und Schweinefleisch).

    http://www.youtube.com/watch?v=KEiTRGX75_0&feature=player_embedded

    Wörter wie Spaghettifresser oder Reisfresser wären dann aber auch nicht rassistisch.

  6. Vollkommen richtig! Die Probleme mit muslimischen „Migranten“ (Synonym für Türken und Araber), lässt die Probleme mit türkischen Nazis in Deutschland vergessen.

    Das Verhalten vieler Türken lässt eher auf ein rechtsradikales Gedankengut hinweisen. Nur ist das im Gegensatz zu Deutschland keine Einstellung von Randgruppen wie den Grauen Wölfen, sondern türkische Staatsdoktrin. Der Völkermord an den Armenien wird geleugnet und ist ein Verbrechen gegen das Türkentum. Dabei geht es um Völkermorde an sämtlichen Christen in der Türkei. Der Verantwortliche Talaat Pascha ist ein Volksheld, hinzu kommen Feindschaften zu anderen Ethnien; Kurden, Griechen etc.

    Und wer heute immer noch nicht die Unterschiede zwischen Ehrenmorde und Familiendramen kennt, schadet letztendlich nur den Betroffenen von Ehrenmorden. In meinem Umfeld gab es einen Ehrenmord, weil ein paar kritikunfähige Deutsche und Türken darüber schweigen. Auch in der Türkei gibt es Hilfsvereine wie Fliegende Besen, Kamer, Kadav und Kardelen sowie Personen wie Turan Dursun, die häufig über Ehrenmorde sprachen (bis jemand wie Dursun) ermordet wurde. Hetzen diese türkischen Hilfsvereine auch gegen Türken?

  7. Seltsam, dieses Schubladendenken. Mein Großvater war auch Bauer, wie alle seine Vorfahren, nur lebte er in Vorpommern. Er überlebte als Soldat zwei Weltkriege, musste dann 1945 nach Westdeutschland flüchten, seine Frau starb auf der Flucht. Mein Vater ist der erste Akademiker in der Familie. Er konnte nur durch ein Stipendium Maschinenbau studieren. Auch ich, wie alle meine Brüder, bin heute sicherlich auch deshalb Akademiker, weil meine Eltern mich gefördert haben. Wie sich doch Lebensläufe gleichen.

  8. Sehr schöner Text bei der WELT!

    LG
    Wb

  9. Wenn gerade die orientialischen Migranten die Probleme, die sie selbst betreffen, in der deutschen Öffentlichkeit ansprechen und eine kritische Debatte innerhalb der Communities entsteht, dann können wir rechtspopulistische Tendenzen in Deutschland eindämmen.

    Der obige Text ist natürlich OK, aber was soll den diese Randbemerkung? LOL
    „Rechtspopulisten“ sind Rechte – und die gibt es in D so gut wie nicht. In anderen Ländern stellen diese das (erforderliche) Gleichgewicht zu den Linken dar (dazwischen liberale und bürgerliche Kräfte), in D gibt’s nur noch Parteien mit unterschiedlicher Linksausprägung, neu dabei: die PIRATEN.

    Und so gibt’s da auch bei den Themen „Atomausstieg“, „EURO-Rettung“, „Klimarettung“, „Islam“ u.a. nur noch Merklesche Alternativlosigkeit.

    D braucht „Rechtspopulismus“!

    Ansonsten: Das Problem mit der islamischen Einwanderung, das nur mit dieser Art von Einwanderung existiert, es wurden Millionen andere weltweit integriert, eingewanderte System- und Menschenfeindlichkeit gab es da nicht, ist korrekt dargestellt.

    MFG
    Wb (der auch schon mal von befreundeten Türken mit „Heil Hitler!“ begrüsst worden ist, vgl. den ersten hiesigen Kommentar, Hitler kommt durchaus gut an in jener Region)

  10. Hallo Cigdem,

    Dein Artikel in der Welt http://www.welt.de/debatte/article13700183/Wofuer-ich-Deutschland-dankbar-bin.html war erfrischend und eigenwillig. Dein Blog ist interessant zu lesen.

    Ich finde, Du hast recht, wenn Du forderst, wir sollten uns zuerst als Individuen begegnen. Klar, ich habe Vorurteile, ganz ähnliche wie Du sie von Dir selber in Deinem Blog schilderst, z.B. wenn es um Kopftücher geht. Der entscheidende Unterschied zwischen Menschen ist jedoch nicht ihre Herkunft, ihr Glaube, ihre Kultur, ihr Geschlecht, ihre Ausbildung, ihre Intelligenz, ihre Kleidung etc – sondern ganz alleine ihre Menschlichkeit. Sind sie menschlich oder sind sie Idioten? Sind sie bereit, sich selbst zu relativieren oder nehmen sie sich selbst absolut und viel zu ernst?

    Unterschiede wird es immer geben und sie werden immer missbraucht, übertrieben und verzerrt werden. Zu einer Minderheit zu gehören und in einer Gesellschaft zu leben, in der diskriminiert („=unterschieden“) wird, ist jedoch kein Freibrief zum Jammern oder zum „Zurückdiskriminieren“ oder die Verantwortung für sein eigenes Leben abzulehnen.

    Ich finde es grossartig, dass Du Dir Deine eigenen Gedanken machst und dabei versuchst, so aufrichtig wie möglich zu sein. Das ist schwierig, aber es ist letztlich der einzige Weg.

    Dies ist eine Aussage über Dich als Individuum, egal wo Du oder Deine Eltern herkommen. Sie würde für jeden gelten, der so ist wie Du. Und es würde auch für jedes beliebige ernsthafte Thema gelten.

    PS
    Ich bin in Berlin aufgewachsen, lebe in den Niederlanden, über 60, männlich. Als Deutscher in NL bin ich selbstverständlich auch diskriminiert worden, kann aber nicht sagen, dass ich mir davon besonders viel angenommen habe – von den ungerechten Teilen nichts; von den zutreffenden wohl. Das war meine eigene Entscheidung und Gewissensforschung und Verantwortung.

  11. Zuerst ein Kompliment für die wirklich interessanten Gedanken in deinen Beiträgen.

    Nicht nur zum Thema Integration, auch zu andern Themen, welche in Deutschland lebende Türken betreffen, würde ich mir manchmal wünschen, dass die „Normalos“, also die Türken, welche in Deutschland in beruflicher wie auch kultureller Hinsicht angekommen sind, etwas lautstarker zu Wort melden, wenn es um plakative, pauschale Vorurteile geht. Denn meiner Meinung bilden sie die Mehrheit der türkischstämmigen Mitbürger.

    Dies hätte zugleich den Effekt, dass sich diejenigen, welche den Rückzug ins Ghetto aus welchen Gründen auch immer als die bessere Lebensform betrachten, sich überlegen müssten, ob eventuell auch von ihrer Seite Korrekturen im Lebensplan angebracht wären.

    Ja, auch ich spreche jetzt von Gruppen. Aber lieber Gruppen als „nur“ Türken oder „Migranten“.

  12. „Wenn urdeutsche Bürger sich für ihre Migranten interessieren, dann sollte sie versuchen, zunächst nur das Individuum zu sehen und sich nicht das Kollektiv ins Gedächtnis rufen, von dem in Zeitungen und im Fernsehen gesprochen wird.“

    Ohne den Gegensatz zum Kollektiv ist Individualität nicht denkbar. Das gilt übrigens auch für „Urdeutsche“.

  13. lieber Genius, das heisst also, jemand der ganz alleine auf der Welt wäre, wäre kein Individuum (ein „Kollektiv“ gibt es in diesem Fall ja nicht)?

    Richtig ist sicher, dass „Kollektiv“ und „Individuum“ in einem Verhältnis gegenseitiger Beeinflussung und Abhängigkeit existieren. Natürlich hat jeder – als ein Beispiel – eine kulturelle Prägung. Es geht gar nicht darum, eine solche Prägung zu leugnen. Es geht darum, dass jeder Mensch ein recht hat, als eigenständige Person wahr- und ernstgenommen zu werden – bevor die leidige (und unvermeidliche) Zuordnung zu diversen Gruppen eine Rolle spielt.

  14. „Und wer heute immer noch nicht die Unterschiede zwischen Ehrenmorde und Familiendramen kennt, schadet letztendlich nur den Betroffenen von Ehrenmorden. In meinem Umfeld gab es einen Ehrenmord, weil ein paar kritikunfähige Deutsche und Türken darüber schweigen.“

    Ja, das stimmt. Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Phänomenen ist wichtig. Familiendramen gibt es bei Deutschen und Muslimen, Ehrenmorde sind (in Deutschland zumindest) ein rein muslimisches Phänomen.

    Ich hatte Eva und Cenki diesbezüglich eine Antwort geschrieben, aber wo mein Kommentar abgeblieben ist weiß ich jetzt auch nicht.

  15. Lieber HHS, ich bin geneigt auf Ihre (wahrscheinlich rhetorisch gemeinte) Frage zu antworten: exakt so ist es. Was wahrscheinlich zu einer endlosen Streiterei über die Begriffe Individuum und Entität führen würde. Ich finde es allerdings bemerkenswert, dass Sie schon zum unsinnigsten aller Szenarien greifen müssen, um meinen Einwurf zu widerlegen!

    Deshalb meine Gegenfrage: Wo kommt eigentlich dieses ominöse Individuum her? Ist wohl vom Himmel gefallen … nein, natürlich nicht. Es ist von Anfang an einer Gruppe zugeordnet, nämlich seinen Erzeugern, Ernährern, Erziehern. Individualität entsteht erst als eine Reaktion darauf. Sich unabhängig machen, selbständig werden, um schließlich eigenverantwortlich zu handeln – das ist beim Menschen ein extrem langwieriger Prozeßss, der eigentlich nie ganz zum Abschluss kommt. Ein Blödsinn also, so zu tun, als wäre Individualität ein Urzustand, der erst durch „diskriminierende“ Zuschreibungen abhanden gekommen wäre und den es nun gilt wieder freizulegen.

  16. Lieber Genius,

    „von Anfang an einer Gruppe zugeordnet“ – das stimmt. Aber das ist etwas anderes als „Gottseidank, ich weiss zu welcher Gruppe du gehörst, also weiss ich wer du bist.“ Wir gehören alle zu vielen Gruppen, da beginnt es mit, nicht nur zu einer. Wir sind so wie wir sind trotz (und nicht nur wegen) dieser Gruppen. Wer meine Gruppen kennt, kennt mich noch lange nicht. „Diskriminierung“ ist unvermeidlich und auch gar nicht grundsätzlich schlimm. „Gleichmacherei“ ist schlimm. „Gute Diskriminierung“ beginnt nicht bei irgendeiner Gruppe, der wir mehr oder weniger zugehören, sondern beim Individuum. Mich darf jeder diskriminieren, weil ich mich natürlich von anderen unterscheide. Was ich weniger mag: wenn diese Unterschiede aus Schubladen bestehen und nur indirekt oder gar nicht mit mir zu tun haben und dann auch noch negativ sind. Gib mir, gib jedem eine Chance, anders zu sein. Anders als unsere Erwartungen, anders als irgendeine Gruppennorm (also irgendeine „Normalität“). Das ist die Freiheit, die ich für mich selbst in Anspruch nehme, die mir das Leben erleichtert, das ist die Freiheit, die ich anderen gönne. Und, ehrlich gesagt, wenn ich mich daran nicht halte – anderen gegenüber – dann schäme ich mich dafür und weiss, dass es falsch ist.

  17. @HHS

    „Gib mir, gib jedem eine Chance, anders zu sein.“

    Das hatte ich keine Sekunde in Frage gestellt.

  18. “Wenn urdeutsche Bürger sich für ihre Migranten interessieren, dann sollte sie versuchen, zunächst nur das Individuum zu sehen und sich nicht das Kollektiv ins Gedächtnis rufen, von dem in Zeitungen und im Fernsehen gesprochen wird.”

    Ischt ja auch Blödsinn, denn man betrachtet vernünftigerweise immer die Menge, wobei der Schreiber dieser Zeilen nicht ‚urdeutsch‘ ist, lol, tja, wichtich ist natürlich auch sich von ungünstiger Immigration nicht auch noch pädagogisieren zu lassen…

  19. Bin von welt.de auf den Blog aufmerksam geworden und habe eine Frage zu Post 1 (Eva):
    Warum werden Aleviten und Christen dann in der Türkei unterdrückt, wenn die Türkei, was Religionen angeht, so hochmodern ist?

    Dem Rest will ich ja nichts entgegen setzen, aber die Aussage, dass die Türkei in der Hinsicht Religion moderner sei, finde ich einfach ein wenig falsch.

  20. Deutsche Behörden lassen 18 jährige* bei schweigender Sippschaft vergammeln …

    http://www.bild.de/news/inland/ehrenmord/ehrenmord-weil-sie-deutschen-liebte-20954706.bild.html

    .. und liefern 13 jährige* ihrer mörderischen Sippschaft aus.

    „Eigentlich sollte die Begegnung, die tödlich endete, das Mädchen ihrem Vater näherbringen. Die 13-Jährige hatte mit Unterstützung des Jugendamts ihre Familie verlassen, wohnte seit einiger Zeit in einer Jugendhilfeeinrichtung.“

    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,802036,00.html

    *wollten leben wie Europäer

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