Cigdem Toprak

Sie reden wieder über mich.

Sep
11

 

Weit weg von Deutschland, dauert es keinen Monat, bis ich anfange, Deutschland zu vermissen. Was ja eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist, schließlich ist Deutschland mein Zuhause.

Die Bodenständigkeit, das kritische Hinterfragen, die zwischenmenschliche Distanz, das Brot, den Frischkäse, die Ordnung, die Disziplin, Sicherheit und natürlich meinen monoton-deutschen Alltag.

Was ich überhaupt nicht vermisst habe? Die öffentliche Debatte über mich.

Damit meine ich die öffentliche Debatte über die in Deutschland lebende Menschen mit Migrationshintergrund und Migranten.

 

Gerade wenn ich in der Fremde beginne, Deutschland zu vermissen, meine Heimat zu lieben und zu schätzen, fällt mir die Integrationsdebatte ein.

In diesen Momenten genieße ich es, in der Fremde, also in der Türkei, als Deutsche glücklich zu sein. Es macht nämlich großen Spaß zu nörgeln, sich zu beschweren, sich auf Deutsch zu unterhalten, weil es niemand versteht, zu wissen, dass in Deutschland alles ordentlich und besser läuft. Vor allem damit anzugeben. Wir jungen „Deutsch-Türken“ versuchen nämlich dem türkischen Mitarbeiter auf einem daily boat trip zu erklären, dass man nicht über eine dreckige Fliesenplatte Silikon befestigen darf, weil man ansonsten dreckige Silikonstreifen im Bad und in der Küche hat. Von den unterschiedlichen Abständen der Treppenstufen möchten wir gar nicht erst anfangen. Prompt werden wir gefragt, ob wir im Bauwesen tätig sind.

 

Man gab mir viele Namen. Das tat ich selbst übrigens auch. Ausländer, Fremde, Migrant, Deutsche mit Migrationshintergrund, Türkin, Deutsch-Türkin, Ende der 90er Kurdin, Muslimin und Alevitin.

Es sind Begriffe, hinter denen sich Definitionen verbergen. Durch sie können Statistiken erhoben, Schlussfolgerungen gezogen und Artikel geschrieben werden.

Aber eigentlich bin und war ich auch: Schülerin, Studentin, Aushilfskraft, Assistentin, Praktikantin, Versicherungsnehmerin, Mandantin, Patientin, Arbeitskollegin, Nachbarin, Tochter, Schwester, Cousin, Nichte, Freundin und Kommilitonin.

Ich weiß. Die Debatte über „Integration“ wird auch deshalb geführt, weil es Menschen gibt, die meine Kultur teilen, mehr oder weniger meiner Religion angehören, meine Haarfarbe haben und meine zweite Muttersprache sprechen. Diese Menschen sind Kriminelle, Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose, ohne Schulabschluss, Intolerante und Gewalttätige, religiöse Fundamentalisten und unkritische Bürger. Sie sind gewalttätig, beherrschen nicht die deutsche Sprache, entziehen sich der Mehrheitsgesellschaft, lehnen demokratische Prinzipien ab und weigern sich, ihren Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, der sie angehören und in der sie leben.

Als Studentin, Tochter und Patientin kann ich gehört werden. Ich kann mich bemerkbar machen.

Aber als Mensch mit Migrationshintergrund habe auch ich, so wie viele andere, mehr zu bieten, als nur Probleme.

Es gibt Migranten, die eine zweite oder dritte Muttersprache beherrschen. Sie sorgen sich nicht nur um die politischen und sozialen Probleme in Deutschland, sondern verfolgen wirtschaftliche und politische Entwicklungen auch in dem Land, aus dem sie selbst, ihre Eltern oder Großeltern stammen. Die orientalische Volkstänze tanzen und nicht-europäische Instrumente spielen. Es sind Menschen, die sehr gerne Gäste empfangen. Menschen, die gerne teilen. Die gerne deutschen Omas beim Tragen der Einkaufstüten helfen. Die sehr gerne mit Menschen kommunizieren und auch einen Fremden zum Trost in den Arm nehmen würden. Migranten, deren Großmütter noch auf dem Acker gearbeitet und Analphabeten waren. Sie selbst aber an deutschen Universitäten studieren. Es sind Menschen, die in Deutschland lernen durften, was Ordnung, Disziplin und Sparsamkeit bedeutet. Die in Deutschland Gedichte interpretieren und das kritische Hinterfragen erlernen. Es sind Menschen, die in Deutschland Schutz und Arbeit, Sicherheit und Stabilität gefunden haben.

Es leben in Deutschland Menschen mit Migrationshintergrund, die sich in Deutschland über jedes Thema tabulos unterhalten dürfen und können. Und das sehr schätzen. Menschen, die glücklich sind, in einem Land zu leben, das seine Bürger achtet und schützt. Die gerne deutsche Staatsbürger geworden sind. Die das Glück haben, sich beiden Kulturen bedienen zu können und somit im Idealfall nur das Beste aus jeder schöpfen.

Umso mehr sollten sich gerade diese über jene ärgern, die nicht die Chancen nutzen, die ihnen Deutschland bietet.

Jene, die nicht dankbar dafür sind, dass sie die Möglichkeit haben, diese Gesellschaft mitzugestalten. Und natürlich jene, die diese Möglichkeiten für ihre eigenen Zwecke missbrauchen. Solche, die ständig beleidigt sind und Probleme unter dem Teppich kehren statt darüber offen zu sprechen. Es leben in Deutschland zu viele Menschen, die ihre Religion und Kultur als Vorwand für ihre kriminellen Taten, für ihre Doppelmoral und ihre Gewalt benutzen. Jene, die nicht kritisch mit ihrer Religion und Kultur, ihrer Mentalität umgehen können.

Was in dieser Debatte fehlt? Nun, dass sich verstärkt Migranten zu Wort melden. Aber nicht, um über ihre großartigen Leistungen und Erfolge zu sprechen. Sondern um die Probleme selbst zu benennen.

Was in der deutschen Mehrheitsgesellschaft fehlt? Aufrichtiges Interesse für ihre Migranten.

Nein, es fährt in der Türkei nicht jeder einen 3er BMW. Und ja, man kann nur vergeblich nach einem Döner mit Knoblauchsoße in der Türkei suchen, den es in Deutschland an jeder verdammten Ecke gibt.

Den ich ganz besonders vermisse.

 

photo by A.Toprak

 

6 Responses to Sie reden wieder über mich.

  1. Wunderbar auf den Punkt gebracht!

  2. Pingback: Sie reden wieder über mich. : Cigdem Toprak « Toumai1470's Blog

  3. Gut getroffen. Insbesondere die Sache mit dem Döner. Für den Urlaub ist der ja nix. Erst wenn einen dieser Heißhunger überfällt, weiß man, dass man zu Hause ist. 😉

  4. Dieses Land ist gut, weil darin Menschen wie Du einer bist leben. Mich berührt immer wieder der melancholische Unterton in Deinen Sätzen und die Wärme, die aus ihnen spricht.
    Deine Seele ist wunderschön.
    Danke.

  5. „Umso mehr sollten sich gerade diese über jene ärgern, die nicht die Chancen nutzen, die ihnen Deutschland bietet.“

    Das ist klar und wahr, hart und wohltuend zugleich zu lesen. Das Thematisierungsmonopol der mutwillig und selbstherrlich Mißratenen ist ein echtes Problem. Die Selbststilisierung zum Opfer verkauft sich in dieser Gesellschaft einfach zu locker und unkritisch. Da schießen sich die Deutschen mit ihrem sowieso schon reichlich fragwürdigen Sündenstolz (wir sind die Schlimmsten !) echt ein Eigentor und halten das dann auch noch für eine Bestätigung ihrer Dauermeisterlichkeit im ganz furchtbar sein.

    Außerdem sollte man noch die europäische Dimension mitbedenken. Wer hier geboren ist, hat EU-Freizügikeit; zu dem was von und mit Deutschland erreicht wurde, gehört, dass man in 26 andere Europäische Länder umsiedeln kann, darunter, Frankreich, Italien, oder für Sprachmuffel: England, Irland, oder Malta.

    Wer sich hier unter unzumutbare Menschen mutwillig hineingeboren fühlt, der hat von hier aus die großzügigsten Möglichkeiten der Welt und der Weltgeschichte zum Neuanfang in den attraktivsten Ländern der Welt.

    Die meißten Mittelmeerraummigranten haben davon ja auch gebrauch gemacht, trotz einer wirtschaftlich eher weniger guten Lage.

    Die Mutwilligkeit des Unzufriedenheitsproblems tritt mit der europäischen Dimension erst richtig zu tage.

  6. SchnagbeutHabeldihm

    Mag keinen Döner, stehe mehr auf Falafel. 😀
    Ansonsten kann ich allem zustimmen.

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