Reden wir Klartext
2011
Die Debatte über die Probleme der orientalisch geprägten Menschen in Deutschland muss geführt werden. Dies ist auch mein Anliegen. Allerdings laufen sowohl in der Islam-als auch in der Integrationsdebatte einige Dinge schief.
So werden in der öffentlichen Debatte nicht über diejenigen Menschen mit Migrationshintergrund gesprochen, die ich oder Sie kennenlernen. Sondern es werden Stereotypen geschaffen und glückliche sowie unglückliche Einzelfälle dargestellt.
Somit werden Muster geschaffen.
Muster, die uns allen dabei helfen sollen, fremde Menschen, ob urdeutsch oder mit algerischen Wurzeln, wieder in andere Muster einzuordnen. Eine wirkliche Auseinandersetzung von der urdeutschen Seite mit der “normalen Kultur” der Migranten fehlt also.
Genauso wie auch Migranten, vor allem der islamisch geprägten bzw. orientalischen Migranten größtenteils nicht bereit sind, sich mit ihren eigenen Problemen auseinandersetzen zu wollen. Dies führt dazu, dass nur die Urdeutschen stets von Ehrenmorden, Zwangsheirat und Gewalt sprechen.
Dabei sollte das doch “unsere” Aufgabe sein, die wir gemeinsam mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft lösen sollten.
Eigentlich darf nicht mehr von “Integration” gesprochen werden, und dies erst recht nicht bei Menschen mit Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren sind. Weshalb muss ich mich in die deutsche Gesellschaft integrieren, mein Kommilitone Christian aber nicht? Weil meine Eltern aus einem anderen Land stammen oder weil ich mit einer zweiten Kultur aufgewachsen bin? Zu behaupten, ich sei gut integriert, ist also schwachsinnig. Deutschland ist meine Heimat wie auch vielen Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Auch wenn es ihnen teilweise schwer fällt, dies zuzugeben. Das geschieht meistens aus Angst, ein Teil von sich selbst aufzugeben. Dabei geht es selbstverständlich um die positiven Aspekten der orientalischen Kultur. Die aber niemand so wirklich kennt. Oft aber auch aus einem verstörten Verständnis von Heimatliebe und Nationalismus. Dieser existiert nämlich größtenteils für ihre Herkunft, so kennen sie oft keine gesunde Liebe zu dem Land, in dem sie leben.
Selbstverständlich ist es wichtig, dass Menschen aus einer anderen Kultur, mit einer anderen Religion und Sprache, sich der deutschen Sprache annehmen, um aus der Kultur der Deutschen lernen zu können. Damit sie sich auch mit der deutschen Mentalität auseinandersetzen und vor allem um mit allen in Deutschland lebenden Menschen kommunizieren zu können.
Dies setzt allerdings auch voraus, dass man bereit ist, mit seinem türkischen Nachbarn zu sprechen. Dass man überhaupt bereit ist, mit seinem Nachbarn zu sprechen. Als Urdeutscher auch mit dem Urdeutschen. Denn in Deutschland wird kein gr0ßer Wert auf Nachbarschaft gelegt.
Als Enkelkind türkischer Gastarbeiter schätze ich die deutsche Kultur und Mentalität und sage ganz offen, was mich an der türkischen Kultur und Mentalität stört. Das machen übrigens viele “Türken”. Allerdings sollten wir auch offen über die negativen Aspekte der deutschen Kultur sprechen. Denn das machen noch weitaus mehr “Türken”.
So existieren sehr viele orientalische Mentalitäten, die mich stören. Glauben Sie mir, viele “Deutsch-Türken/Kurden/Zazas” regen sich darüber auf, dass die “Türken” es lieben, sich einfach in die Angelegenheit des anderen einzumischen. Ein Freund unserer Familie sagte letztens “Geht dein Auto in der Türkei auf der Straße kaputt, stehen schon zwanzig Kfz-Meister um dich und dein Auto herum.” Und ich kann Ihnen versichern, dass das sehr nervig sein kann. Vor allem gefährlich, wenn sich wildfremde Menschen auf der Straße in Ostanatolien oder in Istanbul während des islamischen Fastenmonats einmischen, wenn man seinen Hunger oder Durst öffentlich stillen möchte. Denn oft können sie sehr schnell aggressiv werden. Da fehlt uns deutschen Türken oder türkischen Deutschen das typisch deutsche Schlagwort “Distanz”. Erst recht vor dem Bankautomaten.
Wieso ich so viele belanglose Beispiele aufzähle? Weil jeder, der sich für die Probleme der Migranten und Muslime in Deutschland interessiert und darüber diskutiert, sich auch für die Kultur und Mentalität der Türken, der Araber, der Muslimen und Christen aus orientalischen Gesellschaften interessieren sollte. Dazu gehört auch, aber nicht nur ihre Subkultur in Deutschland.
Oft wird eingeräumt, dass viele Fehler bei der Anwerbung von Gastarbeitern gemacht wurde. Einer davon war, unqualifzierte und ungebildete Türken aus Anatolien angeworben zu haben. Zu ihnen zählt auch mein Großvater. Wäre dieser “Fehler” nicht begangen worden, wäre ich also niemals hier. Und mit “hier” meine ich meine Heimat. Ich würde nicht in dieser Sprache schreiben, lesen, nicht denken. Diese Vorstellung ist nicht schön. Genausowenig, wenn ich zufällig in Deutschland in eine deutsche Familie reingeboren wäre. Dann würde mir das anatolisch-türkisch-zazaisch-alevitisch-armenisch-sunnitische fehlen. Denn dies sind religiös-kulturelle Einflüsse, die ich als “Islamkritikerin” erleben durfte. Zu ihnen gehören sowohl positive, als auch negative. Zu einer “Moslemhasserin” bin ich wohl in den Augen einiger Radikaler mutiert, weil ich es vorgezogen habe, über die negativen Aspekte zu sprechen.
Wissen Sie, die Geschichte der Migranten in Deutschland sind individuelle Geschichten. Selbstverständlich gibt es Probleme, die einem Kollektiv zugeordnet werden können. Letzlich sind “Muslime”, “Türken” und “Araber” individueller in der Gestaltung ihres Lebens in Deutschland, als wir zu glauben meinten. Dies gilt auch für mich.
So existiert in Deutschland keine reale Debatte über die Probleme der muslimischen Bewohner in einer christlich geprägten, säkularen Gesellschaft. Auch gibt es keine wirkliche Diskussion über die Eingliederung von Migranten, ihren Kindern und Enkelkindern in die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Weil es zuviele gibt, die noch schweigen. Vor allem die Migranten und die mit Migrationshintergrund über ihre eigene Probleme. Und mein Anliegen ist, dies zu ändern. Um letzendlich Lösungen zu finden.
Denn glauben Sie, wenn man seinen Platz in der deutschen Gesellschaft erstmal gefunden hat, dann ist man als türkisch-zazaische Deutsche sehr glücklich darüber, dass in Deutschland die Abstände der Treppenstufen exakt gleich sind. In der Türkei stolpert man nämlich ständig.
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Wissen Sie, Frau Toprak, die Geschichten der “Deutschen” in Deutschland sind ebenso individuelle Geschichten wie die der Migranten. Und es nervt unglaublich, dass ich neuerdings mit meinen Nachbarn labern soll, bloß weil eine bestimmte Einwanderergruppe statistisch gesehen auffällig viele Problemfälle hervorbringt.
Um Klartext zu reden: die übertriebene Kultur- und Nachbarschaftsliebe, die Sie hier an den Tag legen, ist genau das Problem und nicht die Lösung.
“es werden Stereotypen geschaffen … Muster, die uns allen dabei helfen sollen, fremde Menschen, ob urdeutsch oder mit algerischen Wurzeln, wieder in andere Muster einzuordnen”
Der Vorgang, den Sie schildern, ist jedoch zugleich auch das “Intelligenzschicksal” unseres musterbildenden Denkens überhaupt.
Die Zurückschaltung auf “Unvoreingenommenheit” ist ein enorm mühsamer und aufwändiger Prozeß, der zurecht in bestimmten Berufen ausdrücklich gefordert ist, der aber im Alltag einer Durchschnittsbevölkerung realistisch betrachtet einfach kaum, also immer nur ausnahmehaft geleistet werden kann.
“Dies führt dazu, dass nur die Urdeutschen stets von Ehrenmorden, Zwangsheirat und Gewalt sprechen.”
Ja, weil das am spektakulärsten, am anstößigsten, am empörendsten ist, von den Dingen, die hervortreten.
Gut, dass die Leute so wenig wissen, über Verwandtenehe, Brautgaben, Verschuldung für Protzhochzeiten, ethnische Verfeindungen untereinander; lauter komische Probleme, die man alle nicht mehr hat, wenn man zwei Weltkriege vergeigt hat.
D.h. dass die Verwandtschaft soweit zerschossen wurde, dass sie zur Inzucht nicht mehr taugt; das Territorium so zusammengedrängt ist, dass man keinen Separatethnostreß mehr hat; dass 18 Millionen Mann “Gott mit uns” auf der Gürtelschnalle hatten (das säkularisiert ungemein !) und dann viele hinterher sooo religiös halt nicht mehr waren.
Es sind schon sehr extrem unterschiedliche, ja entgegengesetzte Lebensgefühle und Grundhaltungen, von denen Deutsche und Türken historisch-biographisch vermittelt kulturell geprägt sind. Das Kennenlernen-wollen muß dem Risiko des Erschreckens ins Auge blicken können. Letzteres muss “Ehrensache” sein, sonst bleibt die ganze Kennenlernerei von vornherein künstlich, verklemmt-verlogen.
Ich halte zum Kennenlernen nur für zumutbar, was man auch am Ende für abscheulich halten darf. Das gilt natürlich für beide, oder überhaupt alle beteiligten Seiten.
Ich bin skeptisch, ob mit vertieftem Kennenlernen mehr Freude aufkommt; an der Fähigkeit aller Beteiligten zur Heuchelei hege ich dagegen keinerlei Zweifel.
“in Deutschland wird kein gr0ßer Wert auf Nachbarschaft gelegt.”
Ja, das ist im internationalen Vergleich so.
Nach zwei totälitären Regimes mit Alltagsspitzelei, einer politischen Verfeindung im Kalten Krieg, die durch fast jede Familie verlief, ist man verschlossen, grießgrämig, eigenbrötlerisch, mißtrauisch; was aber ein Koma-Saufen keineswegs ausschließt. Im Gegenteil, der Wille zum Koma ist Bedingung der Möglichkeit, überhaupt etwas zu unternehmen.
Deutschland bezahlt Griechenland und ist dafür Nazi-Land. Die Obergriechen, die ihr Land so ruiniert haben, kaufen weiter BMW und Mercedes und so läuft die Wirtschaft dann doch wieder rund, also runder als anderswo halt.
Auch wenn Sie und wahrscheinlich die meißten Migranten Ihres Jahrganges hier geboren sind; durch die fehlende Einbindung in familiengeschichtliche Narrative, haben Sie kaum eine Ahnung, wie dieses Land tickt.
Viele deutsche Jugendliche natürlich auch nicht mehr besonders bewußt; aber im Zweifel dann doch irgendwie reflexhaft, unterbewußt, verdreht-gefühlsmäßig.
Wußten Sie, dass es mal deutsche Beamte gab, die total sensibel gegenüber türkischen Gefühlen waren:
“„Die vorgeschlagene öffentliche Koramierung eines Bundesgenossen während laufenden Krieges wäre eine Maßregel, wie sie in der Geschichte noch nicht dagewesen ist. Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht.”
Koramierung – öffentlich bloßstellen -coram publico; extra ein superseltenes Fremdwort für die Sensibilität – zu Lasten Dritter geht es.
Sorry, bin im Augenblick etwas düster drauf.
http://de.wikipedia.org/wiki/Voelkermord_an_den_Armeniern
Eigentlich machen es die Amerikaner uns vor: Sollte ein Türke oder Iraker oder sonst eine Wanze vor unserer Tür erscheinen und frech werden, schlagen wir ihm mit dem Baseball-Schläger was vor die Hohl- und Gyros- Birne! So sollte es eigentlich in Deutschland sein! Und nicht nach dem Bochumer Richter rufen, der sowieso keinen Check hat und in seiner Villa am Kemnader See wohnt und seine Ruhe und seine Moneten verdienen möchte
“Dies setzt allerdings auch voraus, dass man bereit ist, mit seinem türkischen Nachbarn zu sprechen. Dass man überhaupt bereit ist, mit seinem Nachbarn zu sprechen. Als Urdeutscher auch mit dem Urdeutschen. Denn in Deutschland wird kein gr0ßer Wert auf Nachbarschaft gelegt”
Ich möchte Ihnen widersprechen: Es wird hierzulande sogar sehr viel Wert auf Nachbarschaft gelegt. Das deutsche Verständnis von guter Nachbarschaft basiert allerdings auf dem gegenseitigen Bemühen, sich nicht auf die Nerven zu gehen. Ihr Verständnis von Nachbarschaft scheint dann doch eher orientalisch geprägt zu sein: Sich in die Angelegenheiten des Nachbarn einmischen. Also genau das Verhalten, das sie vorgeblich nicht so sehr schätzen.
Im Übrigen, wem die deutsche Nachbarschaftskultur nicht passt, muss sich eben ein Haus im Grünen ohne Nachbarn kaufen.
Es sind diese kleinen kulturellen Unterschiede, die immer wieder zu Missverständnissen führen. Ich bin nur der Auffassung, dass die Auflösung solcher Missverständnisse nicht Aufgabe der Aufnahmegesellschaft ist und auch nicht die Aufgabe beider Seiten. Sie liegt bei denen, die sich freiwillig dazu entschlossen haben, ihre Kultur zu verlassen und in eine neue einzuwandern.