Cigdem Toprak

Integriert und antisemitisch.

Jun
11

Sie sehen eine junge Frau, die orientalisch aussieht und in einer Bar in irgendeiner deutschen Großstadt sitzt. Sie wissen, dass sie in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, also fließend Deutsch spricht. Sie haben erfahren, dass sie ein Auslandssemester in England absolviert hat und nun als Werkstudentin in einem erfolgreichen Unternehmen arbeitet. Mit welchem Adjektiv würden Sie diese Frau beschreiben? „Integriert“ Richtig. Als integriert.

Würden Sie aber auf diese Bezeichnung bestehen, wenn Sie wüssten, dass dieselbe Frau „Jude“ als Schimpfwort benutzt und behauptet, dass das jüdische Volk geizig, gierig und unmenschlich sei?

Man könnte natürlich auch einfach das Adjektiv „antisemitisch“ zur Beschreibung hinzufügen, „integriert, aber antisemitisch“.

Oder man könnte die ganze Islam-und Integrationsdebatte, die seit einiger Zeit in Deutschland geführt wird, von einer anderen Perspektive beleuchten. Man würde feststellen müssen, dass gerade Akademiker und Journalisten mit Migrationshintergrund sehr gerne kritisch mit Thilo Sarazzin und Islamkritikern wie Henyrk Broder oder Seyran Ates umgehen. Die eigentliche Kritik an Problemen wie Antisemitismus, Rassismus, religiöser Fanatismus und physische sowie psychische Gewalt in den eigenen Reihen lassen sie aber immer wieder gerne in Nebensätzen verschwinden.

Oft wird in den Mediendiskursen die eigene Person in den Vordergrund gestellt und mit aller Mühe unterstrichen, dass man selbst als Gastarbeiterkind und Kind muslimischer Eltern den Sprung in die Mitte der Gesellschaft geschafft hat. Aber müssen jene doch am Besten wissen, dass ein Diplom, Doktortitel und perfekte Deutschkenntnisse, mit oder ohne Kopftuch, in zu vielen Fällen nicht die Probleme vorbeugen, die auch bei Hauptschülern in den sogenannten sozialen Brennpunkten Deutschlands herrschen. Das oben beschriebene Phänomen ist nämlich bei weitem kein Einzelfall.

Interessanterweise sind immer diejenigen Studenten bereit, sich um ein Sitzplatz in der Universitätsbibliothek zu prügeln, die selbst oder ihre Eltern aus Ländern stammen, in denen häusliche Gewalt am stärksten verbreitet ist. Konflikte werden also, auf höchstem akademischen Niveau ausgetragen, mit Beleidigungen, Provokationen und Fäusten. Wie oft waren Diskussionen in der Mensa oder in Seminaren unmöglich, weil man sich weder über den Armenien-Völkermord, noch über das Kurdenproblem in der Türkei oder den Nahost-Konflikt, aber allen voran über den Islam streiten konnte. Diese Beispiele aus einem Uni-Alltag mögen harmlos sein, verdeutlichen aber, dass auch Akademiker mit Migrationshintergrund sich davor drücken, die ihnen von den Eltern, der Familie oder der Gemeinschaft vermittelte Weltbilder und Vorstellungen in Frage zu stellen, und die selbige, sofern es vernünftig und angebracht ist, abzulegen.

Tragisch wird dieses Fehlverhalten allerdings, wenn es um einen verzweifelten Selbstmord einer deutschen Gymnasiastin mit afghanischen Wurzeln geht, die an ihren Cousin zwangsverheiratet wurde. Keiner ihrer anderen Cousins, die übrigens angehende Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieure sind, war bereit, ihre Eltern von dieser unmenschlichen Handlung abzubringen.

Auch Anfeindungen gegen alevitische Studenten von religiös-fundamentalistschen und ultra-nationalistischen Lehramtsstudenten, die der Fetullah Gülen-Bewegung oder den Grauen Wölfen angehören, finden heute an deutschen Universität statt.

Wenn Bildung ein Hoffnungsschimmer für die in Europa lebenden Migranten aus ehemaligen Gastarbeiterfamilien sein soll, muss deutlich gemacht werden, dass nicht Sprachkenntnisse oder ein beeindruckender Lebenslauf allein die Probleme der Migranten aus islamisch geprägten Gesellschaften lösen kann. Man muss die Fähigkeit und Bereitschaft besitzen, sich kritisch mit den eigenen Werten und Vorstellungen auseinanderzusetzen. Je höher das Bildungsniveau, desto eher entwickelt sich die Bereitschaft zum kritischem Denken, garantiert wird sie dadurch aber nicht. Es ist sicherlich nicht einfach, sich irgendwann eingestehen zu müssen, dass in der eigenen Familie oder Gemeinschaft, eine Form des Antisemitismus vermittelt wird, die man selbst zudem noch angenommen hat. Und dies, obwohl man eigentlich sowohl die Geschichte als auch die Bilder über das Leid der Juden während des Dritten Reiches aus dem Geschichtsunterricht kennt.

Aber schauen wir nur weiter auf die Zahlen, die das erhöhte Bildungsniveau der Migranten belegen sollen. Vergessen wir den Antisemitismus, den religiösen Fundamentalismus sowie unmenschliche Traditionen und Sitten, die nicht nur unter schlechten sozio-ökonomischen Bedingungen existieren. Obwohl sie zu den Weltbildern und Vorstellungen vieler Migranten gehören. Auch an Universitäten.

 

 

17 Responses to Integriert und antisemitisch.

  1. Das ist Absicht. Immer wieder wird über soziale Ursachen gesprochen, doch dabei völlig ausgeblendet, dass Extremismus völlig einkommens- und bildungsunabhängig ist – und das mit Absicht, da sich nur wenige trauen, sich mit diesen Problemen auseinanderzusetzen. Es ist einfach, immer wieder auf die sozialen Ursachen aufmerksam zu machen und sich somit mit Niemandem anzufeinden. Feigheit nenne ich so etwas.

  2. Ein guter Artikel, man dankt fürs Schreiben.

  3. Der Artikel ist gut -Bildung allein ist eben kein Beweis für Integration, Mohammed Atta war auch Architekt. Dein Beispiel am Anfang halte ich aber für falsch. Angesichts der Tatsache, dass 60% der Deutschen Israel für die größte Gefahr für den Weltfrieden halten, spricht nämlich Antisemitismus eher für als gegen Integration.

  4. Das Integrationskonzept in Deutschland beinhaltet die soziale und wirtschaftliche Eingliederung der Migranten in die Mehrheitsgesellschaft. Erfolgreiche Integration setzt nicht säkulares Verständnis von Staat und Religion, die Abwesenheit von Rassismus, unmenschlichen Sitten, Gewaltbereitschaft etc. aus. Muslime haben, je nach Islamverständnis, ein generelles Problem, sich in moderne Gesellschaften zu integrieren.
    Spezifische Probleme wie Zwangsheirat und Ehrenmorde sind nicht nur islamischer Natur, wurden aber von muslimischen Migranten nach Deutschland mitgebracht.
    Was islamischen Terror betrifft: Die Motivation der Terroristen ist nicht die Religion, es ist der Hass gegen den Westen, geschmückt wird es aber mit dem Islam, um die Legitimationsgrundlage moralisch gestalten zu wollen. Diese Differenzierungen sind wichtig.

  5. „Die Motivation der Terroristen ist nicht die Religion, es ist der Hass gegen den Westen, “

    Das hatte ich auch mal geglaubt, und die These hat auf jeden Fall für sich, dass wirklich nach Gründen und nicht nach Entschuldigungen gesucht wird, sie übersieht aber eins: In Russland und in China gibt es eben so Ärger mit dem Djihadismus.

  6. Anmerkung zu BillBrook, der wohl recht hat: Tendiere zur von LatmaTV unernst verbreiteten These ( in „the Three Terrors“); Jihad is sweet, Jihad is fun. So plump es klingt, so aufschlussreich ist das. Man tut das „Gute“ und hat obendrein noch einen Haufen Spaß – ja wer würde da nein sagen?

  7. Den Artikel kann ich nur bestätigen. In meiner Abiklasse haben auch einige Personen Schimpfwörter wie Jude, schwul etc. benutzt und einen Ehrenmord gerechtfertigt. Auch waren sie sehr aggressiv, wenn es um Themen wie Aleviten, Armenier und Kurden ging.

    Formal sind sie gebildet, trotzdem haben sie diese Gesinnung.

  8. Maria Leuschner

    In österreich findet demnächst ein Kolloquium
    unter Leitung eines Psychotherapeuten
    zum Thema „islamophobie“ statt.
    Müßten sich hier nicht auch dezidiert die Aleviten zu Wort melden? Ich bin zutiefst über den Haß gegenüber dieser religiösen Gruppe er-
    schüttert. Seit ich in Armenien war und über das Leid der armenischen Christen näheres erfuhr, sehe ich auch die fundamentale Gefahr z. B. der
    Fethullahcis und die zunehmende Islamisierung der Türkei als angsterregend an. Maria Leuschner

  9. Pingback: Cigdem Toprak – eine Blogempfehlung | Union Patriotischer Schleswig-Holsteiner

  10. …dabei müssten sie nur das „Juden“ gegen „Amis“ austauschen und schon wären sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

    Ressentiments gegen die „fetten, ungebildeten, schießwütigen Amis“ gelten selbst in den besten „antirassistischen Kreisen“ als absolut salonfähig.

    auch wenn man in einer gepflegten Diskussion ein abfälliges Bonmot über die Wallstreet äußert, verstehen deutsche Kenner, wer gemeint ist.

    und „Kritik“ an der „israelische Politik“ ist sowieso immer passend…

  11. Pingback: Feinschliff für „gut integrierte Antisemiten“ « Aron Sperber

  12. Erschreckend, absolut erschreckend. Und leider gibt es ja auch schon so etwas wie charismatismatische Abfärbphänomene, wo es bis in die heimische Mischwald-Ethnie hipp wird, mit Mutterflüchen herumzupöbeln.

    Offensichtlich sind wesentliche Bildungsziele, ironischerweise gerade unter der Fagge der „Toleranz“, systematisch verfehlt worden.

    Cengiz bei Nr. 1 legt den Verdacht nahe, dass Bildung (jedenfalls so wie bisher verstanden) mit Feigheit einhergehen könnte.

  13. Ich hab mir jetzt einige einträge von ihnen durchgelesen und stelle erschreckend fest dass sie anscheinend ein Identitätsproblem besitzen.Sie beziehen sich auf gesitige Brandstifter wie Hendrik M. Broder und stellen den Islam bzw. die (angebliche) Islamisierung als Kernproblem dar. Komischerweise gehen sie genauso vor wie die meisten Rechtspopulisten. Sie stellen sich (und ihre ach so arme verfolgte und tolle) Alevitische Gemeinde als etwas besseres dar und stellen Kopftücher und Akademiker mit Migrationshintergrund als geistog zurückgeblieben dar. Sie können nicht jeden Moslem und jeden Akademiker mit Migrationshintergrund (wie ich dieses Wort hasse) in einen Topf werfen. Wieso kommt in ihrem Blog nicht vor dass viele Moslems (von denen die meisten übrigens nicht in hierarchischen strukturen leben) von der deutschen Geselschaft grundlos angefeindet werden. Ich bin selber halb Kurde und halb Perser. So gut wie ga rnicht religiös und im selben STudiengang wie sie. Komischerweise werde ich von keinem Islamischen VErband zu irgendwas gezwungen und habe auch kein Problem mit Kopftüchern. Obwohl meine Eltern aus einem Land kommen in denen die Religion bis auf das letzte als ideologische Rechtfertigung für Folter und Mord genutzt wurde fühle ich mich jedem Moslem in Deutschland mehr verbunden als mit „Bloggern“ wie ihnen. Schauen sie ein wenig über den Tellerand und sie werden merken dass es hier auch genug RAssismus und sinnlose ANschkludigungen gegenüber gesetztestreuen Muslimen gibt. Im Endeffekt sind sie nichts besseres.

  14. @IRAN AZADI
    Ich stimme Ihnen voll und ganz zu.

    Diese Cigdem Toprak ist eine von DEN Wegbereitern . . .
    eine Islamkritikern die selbstgefällig in Ihren Beiträgen provoziert. Und was Erreicht Sie damit ? Hetzen und und zum Hass aufzurufen Sie dünkt den Nährboden für Gewalt.
    Würde mich nicht wundern wenn in einen der 1500 Seiten von Hendrik M. Broder Sie namendlich auftaucht. . .

    Viele liebe, gesegnete und freundliche Grüße
    Martin

  15. @ Martin Konvertit? Habe hier bisher noch nicht so viel gelesen, konnte noch keine Hetze feststellen sondern nur sachliche Kritik.@ IRAN AZADI Vielleicht haben aber ein paar Frauen Probleme mit Kopftüchern.

  16. Pingback: Anonymous

  17. Ich bedanke mich recht herzlich für Ihre Artikel. Ich werde dies auf Russisch übersetzen und meine mehrere Tausende russischsprachigen Leser darzustellen.

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