Cigdem Toprak

Was ist Wahrheit?

Die Islamdebatte und unser Selbstmord als liberale Gesellschaft

Posted on | April 27, 2012 | 4 Comments

 

Erneut ist wieder die Diskussion darüber entfacht, ob der Islam zu Deutschland gehört. So widersprach Volker Kauder von der CDU dem ehemaligen Bundespräsidenten Wulff, dass der Islam ein Teil Deutschlands sei.

Dass diese Aussagen keinerlei Rolle spielen, weil sie keinen wirklichen Beitrag zur Integrationsdebatte und der Islamdebatte leisten, sollte uns bewusst werden.

Diskurs über Integration und Islam sind voneinander zu unterscheiden

Die Debatten über Integration und Islam sind voneinander zu trennen, obwohl sie natürlich dennoch in einer Beziehung zueinander stehen. Denn durch die Migration von Gastarbeitern aus muslimischen Ländern leben heute vier Millionen Muslime in Deutschland.

Sprachliche Defizite und ein geringes Bildungsniveau haben die Integration in die deutsche Gesellschaft erschwert. Hinzu kommen Probleme, die durch kulturelle Einstellungen und Praktiken verursacht werden, wie beispielsweise arrangierte Ehen sowie Zwangsehen.

Religiöse Faktoren können selbstverständlich auch einen Einfluss auf die Integration haben, müssen sie aber nicht.

 

Islamdebatte in der Türkei

Auch in der Türkei herrscht eine „Islamdebatte“. Und da geht es nicht um eine nicht-islamische Mehrheitsgesellschaft und den Forderungen der islamischen Religionsgemeinschaft als Minderheit. Denn die türkische Bevölkerung setzt sich offiziell mit 99 Prozent aus Muslimen zusammen, in denen nicht alle „Brüder und Schwestern“ sind. Abgesehen davon, dass unterschiedliche Konfessionen innerhalb des Islams existieren, können sich auch die Einstellungen der Muslime innerhalb einer Konfessionen unterscheiden.

In der Türkei geht es aber vielmehr um die Diskussion, welchen Stellenwert die Religion im Alltag des Einzelnen hat, wie weit das Individuum von religiösem Druck geschützt werden kann und auf institutioneller Ebene, welchen Einfluss die Religion und vor allem die jeweilige Interpretation von Islam auf den Staat und die Gesellschaft besitzt.

Zwangsheirat, Gewalt gegen Frauen und das islamisch-strenge sowie das islamisch-politische Kopftuch werden öffentlich diskutiert. Nicht-liberale und unmenschliche Praktiken und Einstellungen der türkischen Kultur werden angeprangert.

Auch spricht man von einer Islamisierung der türkischen Gesellschaft. Die Islamisierung betrifft allerdings die Muslime selbst, weil der Druck der religiösen Gruppe sich auf seine Mitglieder fokussiert.

 

Aufrichtige Islamkritik

Islamkritiker, die wirkliche Aufklärungsarbeit leisten möchten, fokussieren sich in erster Linie auf das Wohlbefinden und die persönliche Autonomie des Individuums, welches einer Gruppe angehört. Diese Gruppe ist hier eben die islamische Religionsgemeinschaft.

Die Islamisierung der deutsch-christlichen Gesellschaft sollte nicht im Vordergrund sein, denn dies hat vielmehr mit Ängsten als mit Fakten zu tun, die zu fremdenfeindlichen Einstellungen führen und unfaire Vorstellungen von einem Miteinander besitzen kann. Auch spricht man einerseits von Parallelgesellschaften und der mangelhaften Kommunikation zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, auf der anderen Seite wird behauptet, dass Muslime die nicht-muslimischen Bürger in Deutschland zu islamisieren versuchen.

Dabei beinhaltet die Islamdebatte an sich nicht nur die Islamkritik, sondern es geht um Fragen der institutionelle Ausgestaltung der muslimischen Religion. Dies sind berechtigte Diskussionen, denen sich eine liberale Demokratie mit einer nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft stellen muss. Gerade wenn diese Demokratie keine laizistische ist, und ein partnerschaftliches Verhältnis mit seinen als öffentlich-rechtlich anerkannten Religionsgemeinschaften pflegt.

Vielleicht sollte man die Frage nach der institutionellen Ausgestaltung der Religion neu überdenken. Denn diese wird eben durch die Zuwanderung von religiösen Menschen aus fremden Kulturen herausgefordert.

Islamkritik aber bezieht sich auf Inhalte und Praktiken der Religion, welche die Autonomie des Einzelnen gefährdet und im schlimmsten Fall gegen die freiheitlich-liberale Grundordnung verstößt.

Falsche Toleranz

So ist eben der deutsche Staat als eine liberale Demokratie, aber allen voran die deutsche Gesellschaft als eine liberale mit der Schwierigkeit konfrontiert, wie mit nicht-liberalen Gruppen umgegangen werden soll.

Dabei sollten wir aber die persönliche Autonomie des Einzelnen immer im Blick haben, die geschützt werden sollte. Diese scheint gerade in der islamischen Gemeinschaft in Gefahr zu sein.

Denn sozialer und religiöser Druck spielen in den traditionellen Kulturen eine große Rolle.

Oder würde man naiv glauben, dass der Austritt aus der Religion, sofern dies überhaupt innerhalb von Familien und Gemeinschaften erlaubt wird, die Probleme der muslimischen Mitbürger lösen könnte?

Heute noch für Toleranz zu plädieren, wäre heuchlerisch. Denn der Multikulti-Irrtum basierte auf einer falsch konzipierten Toleranz.

Was die Muslime hier in Deutschland wirklich benötigen ist nicht nur die Toleranz der deutschen Mehrheitsgesellschaft gegenüber einer Gruppe, sondern allen voran Toleranz und Pluralismus innerhalb der religiösen Gruppe. Als liberale Gesellschaft sollten wir sichergehen können, dass die Angehörigen der muslimischen Religion in Deutschland sich als Individuum frei entfalten können und somit ihre Autonomie nicht verletzt wird. Wird auf das Individuum religiöser Druck ausgeübt oder wird es gar zur Religiösität gezwungen? Wie tolerant gibt sich die jeweilige Gemeinschaft gegenüber einem westlichen und modernen Lebensstil? Inwiefern werden Kinder schon im frühen Alter schon religiöse Doktrin eingetrichtert, gerade wenn sie noch keinen Zugang zu anderen Informationsquellen besitzen, geschweige denn in der Lage sind, sich eigenständig eine kritische Meinung zu bilden. Wie gehen religiöse Gruppen mit Kritik an dem eigenen Glauben und an der traditionellen Auslegung der Religion um?

Daher sollten wir uns auch die Frage stellen, auf welcher Grundlage beispielsweise Frauen in Deutschland sich für ein islamisches Kopftuch entscheiden. Denn dass viele von ihnen neuerdings behaupten, sie würden freiwillig ihre Haare verdecken, sei mal dahin genommen. Entscheidend ist aber, ob sie sozialen oder religiösen Druck erleben und vor allem: welche wirklichen Alternativen ihnen bei der Entscheidung für ein Kopftuch zustehen.

Der gemeinsame Beschluss der Islamkonferenz, welches sich gegen häusliche Gewalt und Zwangsheirat ausspricht, ist ein kleiner Erfolg in der Debatte um die Probleme der muslimischen Mitbürger. Denn die langjährige Defensiv-Haltung vieler muslimischen Vertreter, Zwangsheirat und Gewalt habe keine islamisch-religiöse Grundlage, ist genauso bedeutungslos wie die Aussage von Kauder, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Zwangsehen und häusliche Gewalt betreffen nun auch sehr viele Muslime. Und ihre zivilen Vertreter sollten das größte Interesse daran haben, dass die Mitglieder ihrer Religionsgemeinschaft von physischer und psychischer Gewalt geschützt werden sollten.

A free society is not a suicide pact

In einer liberalen Gesellschaft werden keine Gruppenrechte ausgesprochen, um Kulturen zu erhalten. Abgesehen davon sind Kulturen nichts Fixes, sondern stets im Wandel.

Es werden Gruppenrechte eingeräumt, weil das Individuum sich wünscht, einer Gruppe anzugehören. Und solange die persönliche Autonomie des Individuums auch innerhalb der Gruppe geschützt wird und es sich frei entfalten kann, wie dies der liberale Staat versucht zu sichern, solange kann diese Gruppe auch aufrichtig toleriert werden. Solange eben auch innerhalb der Gruppe Toleranz unter den Mitgliedern selbst herrscht.

Also geht es wirklich darum, ob eine junge Frau sich zum Kopftuch oder zum Minirock entscheiden darf und für ihre Entscheidung sowohl von ihrer Gemeinschaft, als auch von der Mehrheitsgesellschaft respektiert wird. Alles andere wäre nämlich Selbstmord unserer liberalen Gesellschaft.

 

 

photo by David Paul Ohmer

 

Betreuungsgeld und Migrantenkinder

Posted on | April 19, 2012 | 12 Comments

Im Kindergarten habe ich die deutsche Sprache erlernt, ich durfte die deutsche Kultur spielend kennenlernen und es war der Ort, an dem ich meine ersten Berührungen mit dem Christentum hatte.
Ich habe mich dort zugehörig gefühlt.
Meine Eltern konnten es kaum erwarten, mich in den Kindergarten zu schicken, weil sie es sehr wichtig für meine Entwicklung hielten. Sie machten sich Sorgen, dass ich zwar bereits Türkisch sprach, aber der deutschen Sprache sollte ich auch so früh wie möglich mächtig werden.

So durfte ich mit vier Jahren Ostereier bemalen, beim Sankt-Martins-Tag meine Laterne halten und mit Barbie-Puppen habe ich bei meinen ersten deutschen Freundinnen Anna und Theresa gespielt.
Für meine Mutter, die damals Hausfrau war und gerade mal fünf Jahre in Deutschland lebte, war es die einzige Möglichkeit den privaten Kontakt zu Deutschen aufsuchen zu können. Allein das Hinbringen und Abholen bei Kindergeburtstagen meiner deutschen Freunde, hat ihr geholfen, sich in Deutschland unter Urdeutschen wohl zu fühlen. Es vermittelte auch ihr ein Gefühl der Zugehörigkeit.

Der Kindergarten bereitete mich auf das Leben vor. Noch heute erinnere ich mich, wie ich zum ersten Mal in meinem Leben diskriminiert wurde. Draußen im Park des Kindergartens haben mich zwei Mädchen davon abgehalten, in das Spielhaus hineinzugehen. In Anwesenheit von fünf kleinen Mädchen meinte eine von ihnen: „Du darfst hier nicht rein. Weil du keine Christin bin. Nur Christen dürfen hier rein.“
Diese Ungerechtigkeit verletzte und verwirrte mich. Ich wusste nicht genau, was es bedeutete „Christ“ zu sein, aber anscheinend war ich es nicht. Meine Trauer hielt aber glücklicherweise nicht lange an.
Erschrocken und verwirrt ging ich zurück zu meiner Erzieherin. Sie spürte schon, dass irgendetwas nicht stimme. Als ich ihr von der Ungerechtigkeit eines Kindes erzählte, sagte sie, was für ein Quatsch das sei und ging zu dem kleinen Mädchen hin, um ihr zu erklären, dass es nicht wichtig sei, ob ich Christ wäre. Dass wir alle zusammen spielen sollen. Dieser Augenblick vermittelte mir auch das erste Mal im Leben das Gefühl, wie schön es sein kann, wenn sich jemand für dich einsetzt. Weil Diskriminierung und Ungerechtigkeiten überall passieren können. Entscheidend ist es aber, dass es auch Menschen gibt, die ihre Stimme für dich erheben.

Im Kindergarten dürfte ich als einzige Muslimin in meiner Gruppe beim Krippenspiel den Engel Gabriel spielen und habe am vorigen Abend des Auftritts stolz meiner Mama verkündet, dass ich meinen Text auswendig kann.

Nun soll ein Betreuungsgeld eingeführt werden, welches den Eltern den finanziellen Anreiz gibt, ihre Kinder zu Hause zu erziehen, statt sie in den Kindergarten zu schicken.
Meine Eltern hätten damals die 100 bis 150 Euro gut gebrauchen können. Auch hätte meine Mutter auf mich aufpassen können, da sie Hausfrau war. Ich habe auch viele Tanten und Onkels, eine Oma, die mich hätte erziehen können. Wie es halt so bei türkischen Familien ist.

Zuhause hätte ich mit meinem kleinen Bruder spielen und fernsehen können oder meine Mutter hätte mich in den Park zum Spielen gebracht. Vielleicht hätte ich auch mit einer Anna eine Sandburg gebaut. Aber danach wäre ich wieder nach Hause gegangen. Alleine.

Ich hätte weder Ostereier bemalt, noch hätten meine Eltern uns einen Tannenbaum Zuhause aufgestellt, damit wir uns nicht benachteiligt fühlen. Ich hätte niemals das Sankt-Martins-Lied gekannt, auch hätte ich meiner Mutter nie etwas zum Muttertag gebastelt. Ich bin mir sicher, dass ich keinen einzigen deutschen Freund gehabt hätte. Zumindeste bis ich mit der Schule anfing.
Und da hätte ich mich auch nicht mit Carolin, Lydia und Sabine angefreundet, sondern wäre nur zu Fatma, Begüm und Tugce nach Hause gegangen. Eben zu denen, zu denen ich mich zugehörig fühle. Weil mir alles andere eben fremd ist.

 

photo by SFA Union City

 

Religiöses und modernes Leben in Istanbul. Die Geschichte der Büsra.

Posted on | April 3, 2012 | 13 Comments

Mädchen auf der Istanbul Fashion Week 2012

 


 

 

Meine Mitbewohnerin Büsra gehört der Gülen-Bewegung an. Eigentlich ja ihre Familie. Sie hat sich ehrenamtlich in der AK-Partei eingebracht und sich beim letzten Wahlkampf für den jetzigen türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayip Erdogan eingesetzt. Als wir uns kennenlernten, trank sie keinen Alkohol, datete nur Jungs, die fünfmal am Tag beten und erzählte uns, dass das Kaffeesatz-Lesen “günah”, also sündhaft sei. Heute trägt sie kurze Röcke, geht ihrer Neugier nach und probiert mal an einem Glas Bier. Sie lebt wie jedes andere moderne Mädchen in Istanbul. Vor allem: sie emanzipiert sich.

“Ich habe nichts gegen Aleviten”

Noch bevor ich Büsra persönlich kennengelernt habe, hat sie schon über Facebook Kontakt mit mir aufgenommen. Via Facebook-Chat fragte sie mich, woher ich denn aus der Türkei stamme. Ich antwortete: Aus Erzincan. Aha. Dersim also. Bist du Alevitin?

Ich schluckte und sagte ja. Und dachte mir: Das fängt ja gut an. Auf ihren Profilbildern konnte ich ja bereits sehen, dass sie auf einem von ihnen ein Kopftuch trägt, so wirkte sie sehr streng religiös auf mich. Bei ihrer Personeninformation hat sie sunnitischer Islam angegeben. Im Facebook-Chat erzählte sie mir, wie gern sie Aleviten hat, dass all ihre Freunde Aleviten seien. Irgendwie konnte ich ihr das nicht glauben. Es klang unecht.

Büsra ist ein junges 20-jähriges, hübsches Mädchen und  ist bestrebt, ihren Abschluss in Public Relations auf einer privaten Istanbuler Universität so gut wie möglich zu machen. Ursprünglich kommt ihre Familie aus Kayseri.

“Ich bete fünfmal am Tag, ich hoffe das stört dich nicht”

Büsra fragte unsere gemeinsame dritte Mitbewohnerin Dilek, ob sie es störe, dass sie fünfmal am Tag betet. Auf diese Frage antwortete Dilek, dass sie nachts betrunken nach Hause kommt, wenn sie das nicht stört, dann störe Dilek ihr Beten auch nicht. Allerdings hat Büsra in den sechs Monaten, die wir zusammen gelebt haben, kein einziges Mal gebetet.

Erdogan soll einfach immer im Amt bleiben

Als ich herausfand, dass Büsra der Gülen-Bewegung war und gleichzeitig die AKP unterstützte, stellte ich Fragen. Viele Fragen. Auf diese auch größtenteils antwortete. So erzählt sie mir, dass es offiziell zwar heiße, Erdogan habe nichts mit der Gemeinde zutun, dies aber nicht stimme. “Die gesamte Gemeinde (Gülen cemaat) weiß, dass Erdogan zu uns gehört. Etwas anderes stimmt nicht.” Weiterhin fragte ich sie, ob denn Erdogan ein Demokrat sei. Auf diese Frage antwortete sie zögernd, aber sagte dann, dass es berechtigterweise die Kritik gebe, dass demokratische Ziele nicht die Priorität der AKP-Politik sei. Büsra erzählte mir, dass seit der Regierungszeit von Erdogan, es mehr Frauen mit Kopftuch gebe. Das finde sie natürlich sehr gut. Dann sagte sie mir, sehr bestimmend, während sie ihre kleinen Parfum Flakons ordnete: “Weißt du, ich will einfach, dass Erdogan im Amt bleibt. Das niemand anderes kommt. Er soll immer im Amt bleiben. Für immer.”

Büsra ist eine lebendige Person der Islamdebatte und spiegelt alle Widersprüche wider

Junge Frauen in der Türkei glauben daran: Sie trinken ihren türkischen Kaffee aus kleinen Porzellantassen mit orientalischen Verzierungen nicht ganz aus, stellen die Tasse verkehrt herum auf den Kaffeteller und lassen sowohl aus der Tasse, als auch vom Teller anhand der Kaffeereste ihre Zukunft lesen. Zum Beispiel im Melek Kahve in Istanbul. So wollten Dilek, zwei weitere Freundinnen und ich nur aus Spaß unsere Zukunft lesen lassen. Unsere Mitbewohnerin Büsra war von dieser Idee alles andere als begeistert. “Das ist Sünde. Man wird dafür in der Hölle bestraft. Sowas gefällt Gott überhaupt nicht.” Wir ignorierten ihre Aussage und gingen zu einem bekannten Kaffeehaus in Istanbul. Ein deutscher erwachsener Mann ließ sich gerade seine Zukunft herauslesen. Büsra rief uns während wir dort saßen, bestimmt dreimal an, um zu fragen, was uns denn so erzählt wurde.

Zuhause stellte sie den Fernseher leiser und wollte es nochmal genau wissen. Wir erzählten es ihr. Noch immer war ihr alles sehr suspekt. Eine Woche später kam sie später als sonst nach Hause und erzählte uns, dass sie mit ihren Kommilitoninnen auch beim Kaffeehaus Melek war. Ihre Neugier hatte sie gepackt und ihren Glauben besiegt.

So erzählte Büsra uns auch, dass es Sünde sei, Alkohol zu trinken.  Ob wir denn keine Angst hätten, nachdem wir eine Flasche Bier getrunken haben, in die Hölle zu kommen. Büsra legte uns klar dar, dass sich Alkohol vierzig Tage im Körper aufhielt und dass, wenn man während dieser Zeit sterben sollte, man in die Hölle komme. Ich widersprach ihr, die drei anderen Freundinnen sagten nichts. So versuchte ich Büsra meine Sicht zu erläutern, dass in meinen Augen das Trinken von Alkohol niemanden schadet, außer mir selbst. Und man könne sich ja zügeln. Von einem Glas Wein oder Bier kommt man bestimmt nicht in die Hölle. Dass Betrügen, Lügen und Stehlen schlimmere Verbrechen seien. “Ja, das nicht zu tun, das sind deine menschlichen Tugenden. Aber es gibt auch religiöse, islamische. Du könntest auch später bereuen, was du jetzt sagst. Ob Alevite, Christ oder Jude, wir sterben sowieso alle als Muslime.” Auf diesen letzten Satz reagierte ich aber bestimmter, denn während des Gespräches bin ich sehr ruhig geblieben. Ich sagte ihr, dass mich diese Aussage verletzt, das ich ein Recht darauf habe, mich als das zu bezeichnen, was ich für richtig halte und mir von niemanden sagen lasse, was ich denn eigentlich sei. Diese Diskussion war kein Streit, nur eine Meinungsverschiedenheit.

Auch wenn wir auf unterschiedlichen Dimensionen gesprochen haben und sie Aussagen gemacht hat, die ihr wohl eingetrichtert wurden, hatte ich die Hoffnung, dass dieses Gespräch in ihr vielleicht etwas ausgelöst haben sollte.

Die Bereitschaft zur Kritik. Es geht keinesfalls darum, dass sie meine Ansichten übernehmen soll. Das war niemals meine Absicht, ich wollte sie zum Nachdenken anregen. Denn sie erzählte mir, dass sie seit sie klein ist, mit ihrer Mutter religiöse Gespräche führe. Dass ihr religiöses Geschichten erzählt werden. Dass ihr auch in der Gemeinde der Gülen-Bewegung Bücher zum Lesen mitgegeben wurden. “Cigdem, ich bin dir nicht böse, ich nehme es dir also nicht übel. Du bist Alevitin. Du kennst diese Dinge nicht. Du hast dieses Wissen nicht. Dir wurde es nicht mitgegeben. Aber es gibt Bücher, die du lesen musst, um diese Dinge zu verstehen.” Dann erzählte sie mir vom Alevitentum. Dinge, von denen ich angeblich nichts wüsste. Ich nickte nur und mir wurde bewusst, dass sie nicht an all das glauben kann. Mir wurde immer bewusster, dass ihr diese Regeln, Vorstellungen und Ideen eingetrichtert wurden. Der Höhepunkt war nämlich, als sie mir erzählte, dass ein türkisches Mädchen, die in Europa lebt, sich in eine Maus verwandelt habe, weil sie den Koran nicht respektiert hat. Ich aber widersprach ihr nie wieder.Denn es wurde auch nicht mehr nötig.

In den nächsten Monaten wurden die Röcke und Pullover immer kürzer, die schwarze Leggins, die sie drunter anzog, immer hautdurchlässiger. Sie schminkte sich stärker, sie traf sie täglich mit Freunden, heute sind sehr viele männliche auch dabei. Sie ging mit Dilek , mir und gemeinsamen Freunden Raki trinken und Fisch essen. Sie probierte ein bisschen vom Alkohol. Weil sie neugierig war.

Sie wollte auch mal mit uns in einen Nachtclub gehen. Da wir in einem privaten Wohnheim wohnten, wurden von Studentinnen, die strenge oder sorgsame Eltern hatten, die Ein-und Ausgangszeiten kontrolliert. Eine Karte mit einem integrierten elektronischen Chip übermittelte die Uhrzeiten via Email zu den Eltern. Wenige Eltern machten Gebrauch davon, viele vertrauten ihren Töchtern und fanden es auch teilweise in Ordnung, dass sie einen Freund haben und die Nächte in Istanbul durchfeiern. Für andere wäre das der Zusammebruch ihrer traditionellen oder religiösen Vorstellungen. So auch bei Büsra.

So musste Büsra jeden Tag um acht Uhr abends im Wohnheim sein, manchmal durfte sie mit der Erlaubnis ihres Bruders länger draußen bleiben. Um ins Kino zu gehen, um in Nisantasi fein essen zu gehen, um sich mit ihrem Exfreund ausgiebig treffen zu können.

Manchmal sah Büsra traurig aus, wenn wir uns schminkten, schick anzogen, um in einen Club zu gehen, sie aber nicht minehmen konnten. Als ich diesen traurigen Gesichtsausdruck bei ihr sah, erzählte ich ihr nicht, dass sie auch unbedingt mitkommen muss. Ich sagte ihr nicht, dass sie von den Regeln ihres Bruders ausbrechen soll.

Ich erzählte ihr, dass das Weggehen nicht wichtig sei. Dass sie Spaß mit ihren Freunden auch hat, wenn sie einfach tagsüber etwas unternimmt. Dass sie das mal ausprobieren kann, wenn sie ihren Bruder um Erlaubnis für eine Spätvorstellung im Kino fragt. Dass wir ihr das mal zeigen können. Aber dass es wichtiger sei, ihren Abschluss zu machen. Dass sie ihr Studium wegen Parties nicht aufs Spiel setzen soll. Dass ihre Familie zu streng sei, um so einen “kleinen” Patzer ihr zu verzeihen. Dass meine Eltern mir mit 20 Jahren auch nicht erlaubt hatten, in Clubs zu gehen. Dass sie nicht traurig sein soll.

Emanzipation vollzieht sich nicht durch, aber mit der Modernität

An einem Tag kam Büsra weinend nach Hause. Sie hatte sich mit ihrem Exfreund getroffen. Weil sie ein kurzes Kleid anhat, sagte er ihr  “Nicht einmal der Rock einer Prostitutierten ist so kurz wie deiner”. Daraufhin habe sie ihn angeschrien, dass er nicht so mit ihr reden dürfe. Dass es ihn nichts angehe. Erst kurz bevor sie im Wohnheim war,ließ sie ihre Tränen fließen. “Niemand hat mich je so verletzt. Meine Würde, meinen Stolz angegriffen.”

Während ich Büsra tröstete, lächelte ich innerlich. Sie ist selbstständig geworden. In nur sechs Monaten. Ihren Glauben trägt sie noch immer im Herzen, aber ihre Würde und ihren Stolz nach außen. Und lässt sich nichts mehr einreden.

In der Zeit mit Büsra und Dilek habe ich sehr viel nachgedacht und meine eigenen Vorstellungen über die Rolle von Religion und Tradition überdacht. Gegen Religiösität spreche ich mich nicht aus. Aber gegen dogmatische Regeln, die durch Religion und Traditionen übergeben werden. Gerade die Mischung kann sehr gefährlich werden und innerhalb der Gemeinschaft Meinungsverschiedenheiten unterbinden. In einer Kolumne der türkischen Zeitung Milliyet schrieb ein Journalist, dass oft kritisiert wird, dass in türkischen Serien keine Frauen mit Kopftuch gezeigt werden. Da stellt er die rhetorische Frage “Seid ihr denn überhaupt bereit, Frauen mit Kopftuch mit Männern knutschen zu sehen? Wollt ihr auch, dass Frauen mit Kopftuch ihre Ehemänner betrügen sehen?” Desweiteren macht er klar, dass auch Frauen mit Kopftuch, also sichtbar religiöse junge Frauen “modern” und zeitgemäß leben wollen. Wie Büsra haben sie einen Freund, sie gehen mit Freunden aus, unter ihnen sowohl Frauen als auch Männer. Das machen sie aber in den politisch laizistisch geprägten Vierteln Istanbuls. In Nisantasi, Bebek, Etiler, Besiktas und Beyoglu können sie ungestört mit ihrem Freund sitzen, ohne einen vorwurfsvollen Blick. Neben Homosexuellen, neben Frauen mit Miniröcken und jungen Menschen, die männliche und weibliche Freunde haben. Und genau das ist der Punkt: Auch Homosexuelle und “westlich wirkende” Frauen können religiös sein. Die Frage ist aber, wie liberal demokratisch sie sind. Denn Religionsfreiheit ist im Westen kein Gruppenrecht, sondern ein individuelles Menschen-und Grundrecht, das den Menschen nicht nur erlaubt, religiös sein zu dürfen, sondern auch den Freiraum gibt, ihre Religion so auszuüben, wie sie es möchte. Selbstverständlich in einem demokratischen Rahmen. Als einzige Bedingung.

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“Meine Eltern würden mir niemals erlauben, einen Aleviten zu heiraten. Aber ich werde es bei meinen Kindern anders machen. Ich mag Aleviten. Sie sind doch keine schlechteren Menschen. Ich würde wollen, dass mein Kind einen Aleviten heiratet.”

Das sagte mir Büsra in einem Gespräch nachdem wir bereits vier Monate zusammengelebt haben. Diesmal klang es echt. Dieses Mal glaubte ich es ihr. Und ich lernte von dieser Erfahrung, dass Menschen gerade wenn sie Vorurteile haben, einfach zusammenleben sollten, um voneinander zu lernen. Und diese Vorurteile abzubauen. Das gilt nämlich auch für mich.

 

 

 

 

Ein Anschlag auf Menschenrechte, Aufklärung und Demokratie

Posted on | März 14, 2012 | 9 Comments

(Bildquelle: cnnturk.com)

 

 

Der Brandanschlag auf das Madimak Hotel in Sivas am 2.Juni 1993 brachte 35 Menschen um. Alevitische Geistliche, Intellektuelle und Künstler sowie deren Freunde wurden zu Opfern einer gewalttätigen Masse und waren ihnen schutzlos ausgeliefert, weil die türkische Polizei sowie das Militär nicht eingriff. Das türkische Gericht entschied gestern (13.März) in Ankara, dass die Brandstifter nicht verurteilt werden können, da die Tat verjährt sei. Das Sivas-Massaker wurde somit nicht als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhandelt.

Die Demonstration außerhalb des Gerichtsgebäudes verlief nicht friedlich. Wie Videos belegen können, griff die türkische Polizei mit Gasbomben und Wasserstrahlen die friedlichen Demonstranten an. Die Demonstration richtete sich gegen die Entscheidung für eine Verjährung der Taten und wurde von den Angehörigen der Opfer, der Repbublikanischen Partei CHP und der kurdischen Partei BDP unterstützt.

Der türkische Journalist Mehmet Ali Brand “Dieser Fall hat unser Gewissen bluten lassen. Dieser Fall ist mit einem Wort: eine Schande für uns”.

Auf die Gerichtsentscheidung reagierte der türkische Ministerpräsident Recep Tayip Erdogan mit den Worten” Für unser Land, für unser Volk soll dies [die Gerichtsentscheidung] segensreich sein”. Die Anwälte der Angeklagten des Sivas-Massakers sind heute Minister und Mitglieder der Regierungspartei AKP.

Was geschah am 2. Juni 1993 in Sivas?

In der anatolischen Stadt Sivas fand ein alevitisches Kulturfestival zum Gedenken des Dichters Pir Sultan Abdal statt, an dem alevitische Intellektuelle, Geistliche Künstler sowie auch der bekannte türkische Autor Aziz Nesin teilnahm.

Aziz Nesin, bekennender Atheist, übersetzte Salman Rushdie´s “Die satanischen Verse” ins Türkische und stoß mit seiner Aussage, dass das türkische Volk zu feige und zu dumm sei, um für die Demokratie einzutreten, auf negative Reaktionen der religiösen antidemokratischen Masse. Während des Festivals am 2.Juni 1993 versammelten sich Menschen nach dem Freitagsgebet vor dem Madimak Hotel, in dem die alevitischen Intellektuellen und deren Freunde blieben. Zunächst beschimpfte die Masse die Künstler und Andersgläubigen und Tausende religiös-antidemokratische Menschen fingen an, das Hotel in Brand zu setzen. Die Ereignisse wurden live im Fernsehen übertragen. Die türkische Polizei, das Militär und die Feuerwehrkräfte schauten zu und griffen erst ein, als das Hotel niedergebrannt war. 35 Menschen, unter ihnen auch zwei Hotelmitarbeiter und Kinder starben im Hotel. Diejenigen, die versucht haben, aus dem brennenden Hotel herauszukommen, wurden von den gewalttätigen Demonstranten daran verhindert.

“Vor 19 Jahren haben nicht Drogenabhängige 35 Menschen vebrannt, sondern diejenigen, die sich als religiös bezeichneten.”, türkischer Schriftsteller Can Dündar.

Die aktuellen Ereignisse zeigen, wie die momentane Regierung mit Menschenrechten, Demokratie und vor allem Aufklärung umgeht. Man könnte meinen, dass sich in den zwanzig Jahren nichts zum Guten verändert hat. Dass der Hass, die Gewalt und die Abneigung gegenüber Andersgläubigen und den Aufgeklärten (türk. Aydinci) noch immer präsent ist.  Das Drama um den Prozess über das Sivas- Massaker veranschaulicht allerdings, dass sich die Gewalt, die am 2. Juni 1993 vor dem Madimak Hotel ausbreitete, heute auf eine andere Ebene verschoben hat: nämlich auf die politische.

Ich erinnere mich, wie 2007, nach den Parlamentswahlen in der Türkei die deutschen Medien Erdogan als religiösen Demokraten und die AKP als türkische CDU gepriesen wurde. Nach den Wikileaks-Enthüllungen über Erdogan, wurde bekannt, dass der heutige Ministerpräsident der Türkei durchaus autoritäre Züge hat. Die deutschen Medien äußerten sich nämlich vor den letzten Wahlen eher besorgt: Erdogan wurde mit Putin verglichen.

Dass unzählige Journalisten heute in der Türkei im Gefängnis sitzen, dass die Meinungs-und Pressefreiheit in der Türkei in Gefahr ist, das schockiert die europäische Öffentlichkeit noch lange nicht in dem Maße, wie sie es tun müsste. Denn nach China, ist die Türkei das zweite Land, in dem die meisten Journalisten inhaftiert sind.

In den acht Monaten, in denen ich in der Türkei gelebt und studiert habe, konnte ich allerdings eine positive Entwicklung beobachten, die auch die türkischen Medien, sowohl Nachrichtensendungen als auch Social Media wie Twitter, in den letzten Tagen bestätigen können:

Das Bewusstsein für Menschenrechte, Demokratie und Aufklärung ist in der Türkei stärker geworden. Heute kämpfen nicht nur Aleviten gege die Ungerechtigkeit und vor allem Unmenschlichkeit, die am 2.Juni 1993 in Sivas vorgetragen wurde. Es sind Künstler, Intellektuelle, Journalisten und ein Teil der türkischen Bevölkerung, die im Januar den ermordeten armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink öffentlich gedenken und heute gegen die Sivas-Entscheidung demonstrieren.

Diese Stimmen sind nicht zu unterschätzen.

Die Haltung der AKP-Regierung, vor allem des Ministerpräsidenten Erdogans, die Entscheidung der Richter in Ankara, die dafür Sorge tragen, dass die Brandstifter nicht juristisch belangt werden können, ist unverständlich und enttäuschend.

Vor allem aber ist dies heute, fast zwanzig Jahre später, ein erneuter Anschlag auf Menschenrechte, Aufklärung und Demokratie.

Dagegen sollten wir alle ankämpfen. Dass die alevitische Stimme in der Türkei heute so stark ist, haben sie Europa zu verdanken.

In Deutschland konnten sich die Aleviten versammeln, ihre religiösen sowie politischen Belange austauschen und organisieren.

Ohne die Migration der alevitischen Bevölkerung aus der Türkei nach Europa und vor allem nach Deutschland, hätten die alevitischen Verbände in der Türkei niemals soviel Rückhalt, wie sie diesen heute genießen.

Der Sivas-Fall muss an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte getragen werden, und wir als Europäer sollten eine Öffentlichkeit dafür schaffen. Dass sich ein erneuter Anschlag auf Menschenrechte, Aufklärung und Demokratie nicht wiederholt.

Weshalb ich es vorgezogen habe, zu schweigen.

Posted on | März 5, 2012 | 7 Comments

 

 

Als im November vergangenen Jahres die wahren Hintergründe der Nazimorde aufgedeckt wurden, befand ich mich nicht in Deutschland.

Ich absolvierte zu dem Zeitpunkt ein Auslandssemester in Istanbul und versuchte mich in der Türkei einzuleben, die Geschichte, Politik, Sprache und Kultur sowie die Menschen kennenzulernen. Natürlich verfolgte ich weiterhin die deutschen Medien, um zu wissen, was in meiner deutschen Heimat vor sich ging.

Ich habe vorgezogen, öffentlich über die Geschehnisse zu schweigen. Weil ich überfordert war.

Meine Leser stellen sich in diesem Augenblick wohl vor, was in mir in diesen Momenten vorging, als ich täglich die neuesten Nachrichten las.

Wut, Ärger, Enttäuschung und Angst. Wie konnte ich mich in Deutschland denn noch wie Zuhause fühlen?

Das einzige Gefühl, was ich zulassen konnte, war Trauer. Mein Beileid an die Angehörigen der Opfer, die nicht nur mit dem Verlust ihrer Väter, Brüder und Ehemänner zu kämpfen hatten.

Wieso ich geschwiegen habe?

Nun, ich wusste nicht, was genau ich jetzt kritisieren könnte, denn ich war verwirrt.

Während in Deutschland die Diskussionen um die Nazimorde (ehemalig: Dönermorde) in vollem Gang war, wurden die türkischen Medien von einem Vorfall bombadiert, das bis dato nur im Kreise von Familie und engen Freunde besprochen wurde: die Diskussion um den Genozid in Dersim von 1938.

Meine Eltern stammen aus Erzincan, das 1938 noch zu der Region Dersim gehörte und heute nur noch die türkische Stadt Tunceli umfasst. Die eigentliche Muttersprache meiner Eltern ist Zaza.

Mein Onkel mütterlicherseits erzählt mir die Vorfälle in Dersim von 1938 aus einer anderen Perspektive, als dies sein jüngerer Bruder macht.

Es habe ein Aufstand gegeben, als die türkische Republik gegründet wurde. Man habe sich geweigert, Steuern zu bezahlen und die Familienstämme haben ohne Gesetz und Ordnung gelebt. Es habe weder Ordnung noch Frieden geherrscht. Der türkische Staat hat eingreifen müssen. Dabei sind natürlich auch unschöne Dinge passiert. Das habe aber nichts mit Atatürk zutun, er war damals krank im Bett.

Mein jüngerer Onkel, der seit über 20 Jahren in Deutschland lebt, schickt mir regelmäßig Artikel und Dokumente, aus denen hervorgeht, dass Atatürk eine ethnische Säuberung der alevitischen Zazas in der Dersim-Region angeordnet und unterschrieben habe. Die Dersimer hätten schon immer friedlich und autonom gelebt, sie wollten nur ihre Autonomie behalten und sich nicht assimilieren lassen.

Beide Versionen setzen nicht nur eine historische Auseinandersetzung mit den Vorfällen voraus, sondern verlangen von mir, mich zu entscheiden. Stehe ich hinter dem türkischen Staat oder kämpfe ich für meine Identität?

Nur welche Identität?

Während ich in Deutschland seit meiner Geburt damit zu kämpfen habe, ob ich Deutsche oder Türkin bin, befasse ich mich nun seit einigen Jahren auch mit der Frage, was Türkisch-Sein überhaupt bedeutet. Meine Bekannten, Verwandten und Freunde versuchen mich von allen Seiten davon zu überzeugen, dass ich entweder Türkin, Kurdin oder Zaza bin. Oder Deutsche. Oder doch einfach nur Mensch.

Bin ich Alevitin, Muslimin oder doch einfach nur ein Mensch, der zu keiner Religion gehören sollte?

Stehe ich nun hinter Atatürks Politik, welches die Türkei zu einem modernen und weltlichen Staat gemacht hat oder sollte ich ihn dafür kritisieren, dass er alle demokratischen Reformen von oben herbeigeführt hat und noch dazu meine Oma 1938 nach Canakkale zwangsdeportiert hat sowie das Leben Tausender Menschen auf dem Gewissen hat?

Irgendwie heimatlos

Wenn ich mich unsicher fühlen sollte, wegen den Nazimorden in Deutschland.

Dann sollte ich mich auch in der Türkei unsicher fühlen, wegen den Taten in 1938 in Dersim, 1978 in Maras, 1980 in Corum, 1993 in Sivas und nun vor ein paar Tagen in Adiyaman.

In den Momenten, in denen ich die Zeitungen aufgeschlagen, die Internetseiten eingetippt habe, in denen ich die TV-Kanäle eingeschaltet habe, habe ich geschwiegen. Denn innerlich war ich eigentlich wütend, traurig, schockiert, verärgert und enttäuscht.

Enttäuscht von Menschen. Weil sie Gewalt anwenden. Und damit nicht aufhören. Ob in Deutschland, oder in der Türkei.

Und in diesen Momenten fühlt man sich heimatlos.

Weshalb ich keine Islamkritikerin bin

Posted on | Januar 7, 2012 | 5 Comments

 

 

 

Ich habe mich öffentlich als Islamkritikerin bezeichnet, weil ich auf die Probleme vieler muslimischen Mitbürger bei der Integration in unsere moderne Gesellschaft aufmerksam machen wollte. Um aber den Islam kritisieren zu können, müsste ich mich theologisch und damit wissenschaftlich mit dem Islam als Religion auseinandersetzen und dabei auch Vergleiche zu den anderen zwei großen Weltreligionen wie das Christen- und Judentum ziehen können. Allein der Koran als Grundlage für Interpretationen über den Islam reichen allerdings nicht aus, denn den Koran zu verstehen und zu interpretieren erfordert eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit historischen und kulturellen Aspekten des Islams und auch seinen vielen Varianten in seiner Praxis.

Den öffentlichen Fokus auf den Islam als Ursache der Integrationsprobleme zu legen, erschwert die Aufklärungsarbeit, die ich eigentlich leisten möchte: Denn ich möchte dennoch darauf aufmerksam machen, dass innerhalb der muslimischen Community in Deutschland jegliche Kritik an den Islam und somit auch an den Koran nicht erwünscht ist und dass das die eigentliche Gefahr ausmacht. Zudem ist aber das Bild in der Öffentlichkeit über “den Moslem” ist nicht differenziert genug, weil sich beispielsweise säkular eingestellte Muslime öffentlich nicht zu Wort melden, wenn es um die Grenzen der Religionsfreiheit in einer Demokratie geht.

Innerhalb der muslimischen Community in Deutschland, die man als Kollektiv wahrnehmen mag, herrschen unterschiedliche Meinungen und Ansichten über die Auslegung und den Stellenwert der Religion im Alltag. Dennoch fehlt ein aufrichtiger Diskurs mit den sozialen und politischen Auswirkungen der Religiösität der Muslime in Deutschland, so wie dies teilweise  in der Türkei stattfindet.

Es findet kein Clash zwischen Säkularen und Religiösen statt, wie dies oft und gerne in den europäischen Medien dargestellt wird, sondern die Fronten erweichen und Liberale stellen sich auch auf die Seite der Religiösen, im Namen der Demokratie und Religionsfreiheit. Auf der anderen Seite kann man auch beobachten, dass die türkische Gesellschaft konservativer, religiöser und dogmatischer wird. Viele “Kemalisten” fühlen sich durch das Aufkommen des Religiösen in ihrer Weltanschauung und Lebensstil bedroht. Sie wollen um jeden Preis ihre Freiheit und westliche Modernität behalten. Freiheit und Modernität wollen allerdings auch die Religiösen ausleben: Man sieht Frauen mit Kopftüchern bei Victoria´s Secret einkaufen, in modernen westlichen Cafes sitzen und kann sie dabei beobachten, wie sie sich mit ihrem Freund in kopftuchfreien Vierteln treffen. Das wäre in den religiösen Vierteln Istanbuls beispielweise nicht möglich. Auch hier fehlt es an einer differenzierten Berichterstattung in den deutschen Medien.

Als ich türkischen Freunden über meinen Blog und meine Kritik an die islamische Community in Deutschland erzählt habe, hat einer von ihnen es so zusammengefasst: “Stell dir vor, du setzt dich für die Minderheiten-und Menschenrechte der christlichen Minderheit hier in der Türkei ein. Das lässt dich als Sozialdemokrat und wahrhaftigen Demokrat sowie Menschenrechtler erscheinen. Aber stell´dir vor, dass diese Gruppe dogmatisch und antidemokratisch eingestellt ist. Bist du nun immer noch ein Menschenrechtler?”

Das ist eben die Gefahr, denen wir uns sowohl in der Türkei als auch in Deutschland stellen müssen, wenn wir beispielsweise das Recht auf das Tragen des Kopftuchs einsetzen: Auf der einen Seite darf man sich nicht in die Persönlichkeitsrechte eines Individuums einmischen und nicht seine Religionsfreiheit beschneiden, auf der anderen Seite mag man womöglich ein Recht auf ein Objekt unterstützen, dass antidemokratische Werte vermittelt und zudem ein Symbol für die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann darstellt.

Wenn ich mich mit meiner Kommilitonin in der Türkei privat verabrede, die ein Kopftuch trägt, frage ich mich innerlich, ob sie mich denn in einer religiös konstitutierten Gesellschaft genauso akzeptieren würde und sich für “mein Recht auf Minirock und Raki” einsetzen würde, wie ich es heute für richtig halte, dass sie mit Kopftuch an einer türkischen Universität studiert.

Diese Frage wird unterschiedliche Antworten mit sich bringen, so unterschiedlich wie Menschen nunmal sind, aber man darf nicht naiv, sondern darf sich sicher sein, dass die Mehrheit der Religiösen als Kollektiv Druck auf das Individuum ausüben wird, wenn es die politische Macht dazu hat. Denn ein weiteres Problem der islamischen Community ist, dass jeder Moslem als Individuum unter dem Druck steht, nicht “Moslem genug zu sein”. Und darunter leidet eben die muslimische Community insbesondere in der Diaspora und hält sie davon ab, sich in die moderne Gesellschaft zu integrieren und Kritik an die sozialen und politischen Auswirkungen der islamischen Religiösität auszuüben. Und diesen Missstand sollten wir kritisieren, statt zu vergessen, dass Muslime Individuuen sind und nicht als “die anderen” einer einzigen Gruppe zugeordnet werden dürfen und sollten. Sie sind so unterschiedlich wie wir alle.

 

 

 

 

Wofür ich Deutschland dankbar bin

Posted on | Januar 2, 2012 | 2 Comments

erschienen in: Die Welt am Sonntag am 6.November 2011

 

Ihr Großvater kam in den 60ern nach Deutschland. Die Enkelin absolviert nun ein Gastsemester in Istanbul. Und sagt: Das türkische Bildungssystem hemmt den kritischen Geist.

 

Foto: privat/cigdemtoprak.de Cigdem Toprak, 24, studiert Politikwissenschaften sowie Friedens- und Konfliktforschung

 

Bei der Frage, wofür ich Deutschland dankbar sein könnte, habe ich vor einem halben Jahr noch den Kopf geschüttelt. Ich war nämlich fest davon überzeugt, dass ich alles Gute, was ich bisher erreicht habe, mir selbst verdient hätte.

Seit ich aber in Istanbul studiere, fallen mir tagtäglich Gründe ein, weshalb ich meiner deutschen Heimat dankbar sein sollte.

Derzeit absolviere ich ein Auslandssemester an einer renommierten Privatuniversität in Istanbul, einem Ort, an dem ich nicht wäre, wenn mein Großvater nicht in den 60er-Jahren sein kleines Dorf in Ostanatolien verlassen und nach Deutschland ausgewandert wäre. Sicherlich, ich habe fleißig auf einem deutschen Gymnasium gelernt, meine Eltern haben meine Bildung gefördert, soweit sie konnten.

 

Kaum Chancen auf Bildung in Ostanatolien

Aber ich habe nie darüber nachgedacht, was aus mir geworden wäre, wenn ich in ebenjenem ostanatolischen Dorf aufgewachsen wäre – als Enkelin von Bauern. Mein Großvater arbeitete hart, um seine Ehefrau und seine sieben Kinder zu ernähren. Aber egal wie hart er oder meine Eltern gearbeitet hätten, sie hätten mir schwerlich die deutschen Bildungschancen geben können.

In der Türkei bieten alle Privatuniversitäten großzügige Stipendien an. Aber um an diese heranzukommen, muss man zu den besten Schülern des Landes zählen. So sitze ich nun als Kind von ehemaligen Gastarbeitern in einer Klasse mit den besten Studenten des Landes, deren Väter erfolgreiche Unternehmer, sehr gut bezahlte Ingenieure und renommierte Architekten sind. Ich studiere mit türkischen Studenten, die neben Türkisch und Englisch zusätzlich Französisch, Deutsch oder Spanisch sprechen.

 

Genug zu essen und ein Mercedes

Der Anreiz, weshalb mein Großvater nach Deutschland ging, war das Geld. Alles, was er hatte, war seine Arbeitskraft, und diese setzte er zunächst im Opel-Werk in Rüsselsheim ein.

In seiner Vorstellung war ein gutes Leben eines, in dem man genug zu essen hat, sich vom Arzt behandeln lassen und einen Mercedes kaufen kann. Damals konnte er sich nicht vorstellen, dass seine Enkelin ihm auch dafür dankbar sein würde, dass sie die Fähigkeit des kritischen Hinterfragens erlernte.

Ich behaupte nicht, dass es in der Türkei keine kritischen Menschen gibt. Die gibt es sehr wohl. Junge Studenten, Intellektuelle, Politiker und Journalisten, die die türkische Gesellschaft, Geschichte, Politik und das Bildungssystem hinterfragen.

Allerdings sitzen in meinem Seminar auch Studenten, die jährlich nach Europa reisen, deutsche Literatur lesen und klassische Musik hören und dennoch keinen Sinn für selbstständiges Denken besitzen.

 

Das türkische Bildungssystem hemmt den kritischen Geist

Sie fahren deutsche Autos und besitzen amerikanische Notebooks, aber weigern sich, Orhan Pamuk zu lesen, weil die Aussagen Pamuks nicht in ihr ideologisches Weltbild passen. Ich lebe mit jungen türkischen Studentinnen zusammen, die Alkohol trinken, bei ihren Freunden die Nacht verbringen und in Clubs feiern, aber in der Küche darüber sprechen, dass sie in die Hölle kommen.

Das türkische Bildungssystem hemmt den kritischen Geist. Schüler sollen auswendig lernen, nicht nachdenken oder diskutieren.

Ich bin Deutschland dankbar dafür, dass ich Goethe, Fontane und Kant nicht nur gelesen, sondern interpretiert habe. Dass meine Lehrer, wie fair oder unfair sie mich auch behandelt haben, mich stets dazu motiviert haben, über mich, die Gesellschaft, in der ich lebe und alles, was zum Leben gehört, nachzudenken und nichts als selbstverständlich hinzunehmen.

Dafür möchte ich meiner Heimat Deutschland danken. Und meinem verstorbenen Großvater. Ohne ihn wäre ich niemals hier: als Deutsche in seiner Heimat.

 

Integration: Es sind Menschen.

Posted on | November 1, 2011 | 20 Comments

Die Debatte über die Eingliederung von Migranten und ihren Nachfahren in die deutsche Gesellschaft wird in der Öffentlichkeit nicht realistisch wiedergegeben. Auf der einen Seite enstehen Modelle eines typischen “Türken”, auf der anderen Seite werden die wirklichen Probleme der Migranten einfach unter den Teppich gekehrt.

In der deutschen Integrationsdebatten existieren viele Stereotypen. Es sind verallgemeinernde Vorstellungen von “Türken”, “Muslimen”, “Problemen” und “gelungener Integration”. Es scheint, als ob man von Einzelfällen ausgeht, und dies auf eine gesamte Gruppe schließt. Es existieren sowohl positive als auch negative Stereotypen in der deutschen Medienlandschaft. Erfolgreich integrierte Migranten sowie Problemfälle. So fehlt es an einer Differenzierung und dem Anspruch, Migranten zunächst als Individuuen zu betrachten.
Diesen Anspruch sollte jeder besitzen. Auch ich. Wenn ich ein Mädchen mit Kopftuch sehe, denke ich automatisch daran, dass sie gezwungen wird, das Kopftuch zu tragen- oder ich gehe davon aus, dass sie intolerant gegenüber “offenen” Frauen ist. Dabei kann sie sich zu dem Kopftuch entschieden haben und auch meine Lebenseinstellung respektieren.
Meine Meinung zum islamischen und dogmatischen Kopftuch bleibt dabei unberührt. Denn meine Kritik richtet sich zunächst an das soziale Problem, unter dem sehr viele muslimische Frauen leiden. Auch wenn sie das anders sehen.
Dennoch: dem Denken in Mustern, Modellen und bestimmten Schemata verfalle auch ich. Und das, obwohl ich mehr Kontakt zu unterschiedlichen Migranten habe, als wahrscheinlich der durchschnittliche urdeutsche Bürger in Deutschland.

Dies ist allerdings das eine Problem der deutschen Integrationsdebatte.

Man kann nicht verleugnen, dass bestimmte Probleme eine große Anzahl einer bestimmten Gruppe treffen.
Und darüber muss gesprochen werden. Meine Kritik richtet sich an diejenigen, die zwar in der öffentlichen Debatte versuchen, Stereotypen zu durchbrechen, diese aber einfach nur durch neue Stereotypen ersetzen. Sie stellen gut integrierte Migranten als ein alternatives Modell dar. Statt über die sozialen Probleme, die wir mit dem Islam, den Migranten aus unterschiedlichen Ländern und Regionen und mit orientalischen Traditionen haben, öffentlich zu sprechen, wird in den Medien auch versucht, ein positives Bild über Migranten der Öffentlichkeit zu vermitteln.

In den Medien benötigen wir allerdings ein realistisches Bild. Und zu der Realität gehört eben dazu, dass viele Migranten die deutsche Sprache nicht beherrschen, sich zudem weigern, der Modernität in Deutschland anzupassen.
Viele Migranten und ihre Stellvertreter in Verbänden, Medien und in der Politik tendieren dazu, in die Position der Selbstverteidigung zu treten. Dabei sollten gerade die Migranten, insbesondere die islamisch geprägten Migranten über Zwang in Glaubensfragen sprechen. Orientalische Migranten sollten öffentlich Ehrenmorde anprangern. Migranten sollte öffentlich fordern, dass das Beherrschen der deutschen Sprache für das Leben und Zusammenleben in Deutschland notwendig ist.

Wenn gerade die orientialischen Migranten die Probleme, die sie selbst betreffen, in der deutschen Öffentlichkeit ansprechen und eine kritische Debatte innerhalb der Communities entsteht, dann können wir rechtspopulistische Tendenzen in Deutschland eindämmen. Dann können wir Diskriminierung bekämpfen, die nicht durch Vorurteile, aber eben durch solche Stereotypen entstehen. Vor 20 Jahren wurden meine Eltern in unserer urdeutschen Nachbarschaft nicht willkommen gehießen. Weil Türken ihnen fremd waren. Sie wussten damals nichts über sie, nur die schwarzen Haare und die komische laute Sprache erschreckten sie. Heute lesen meine Nachbarn über Türken. Meistens ist es Negatives. Aber heute haben sie auch die Chance, mit meinen Eltern zu kommunizieren. Wenn sie möchten, können sie ihre türkischen Nachbarn kennenlernen. Und sie würden feststellen, dass jedes Familienmitglied eine andere Einstellung zu Gott hat. Dass ihre türkischen Nachbarn ursprünglich eine andere Muttersprache als Türkisch sprechen. Dass diese Türken Alkohol trinken. Dass sie die deutsche Kultur und Sitten respektieren, aber jedes Familienmitglied individuell für sich entschieden hat, inwieweit es die deutsche Kultur für sich annimmt. Unsere Nachbarn würden erkennen, dass zwar gewisse patriarchische Strukturen existieren und anatolische Traditionen gelebt werden, aber nur insofern alle Individuuen damit einverstanden sind.

Wenn urdeutsche Bürger sich für ihre Migranten interessieren, dann sollte sie versuchen, zunächst nur das Individuum zu sehen und sich nicht das Kollektiv ins Gedächtnis rufen, von dem in Zeitungen und im Fernsehen gesprochen wird.

Meine türkische Freundin war an Krebs erkrankt. Sie hatte ihre Haare verloren und fing an ein Tuch zu tragen, um ihre Glatze zu verdecken. Ihre urdeutschen Nachbarn fragen ihre Eltern, ob sie nun ab jetzt ein Kopftuch trägt. Sie haben sonst nichts in Erwägung gezogen. Sie haben nicht ihre müden Augen gesehen, nicht ihre fahle Haut entdeckt. Sie haben nicht bemerkt, dass das Mädchen alle vierzehn Tage ins Krankenhaus gefahren wurde, nur in Jogginghosen rumläuft und plötzlich – wieder offene lange Haare, eine Perücke, trägt. Das war das einzige, was sie gefragt haben. Sonst wollten sie nichts wissen.

Dabei gibt es noch so viel zu berichten.

Sie reden wieder über mich.

Posted on | September 11, 2011 | 6 Comments

 

Weit weg von Deutschland, dauert es keinen Monat, bis ich anfange, Deutschland zu vermissen. Was ja eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist, schließlich ist Deutschland mein Zuhause.

Die Bodenständigkeit, das kritische Hinterfragen, die zwischenmenschliche Distanz, das Brot, den Frischkäse, die Ordnung, die Disziplin, Sicherheit und natürlich meinen monoton-deutschen Alltag.

Was ich überhaupt nicht vermisst habe? Die öffentliche Debatte über mich.

Damit meine ich die öffentliche Debatte über die in Deutschland lebende Menschen mit Migrationshintergrund und Migranten.

 

Gerade wenn ich in der Fremde beginne, Deutschland zu vermissen, meine Heimat zu lieben und zu schätzen, fällt mir die Integrationsdebatte ein.

In diesen Momenten genieße ich es, in der Fremde, also in der Türkei, als Deutsche glücklich zu sein. Es macht nämlich großen Spaß zu nörgeln, sich zu beschweren, sich auf Deutsch zu unterhalten, weil es niemand versteht, zu wissen, dass in Deutschland alles ordentlich und besser läuft. Vor allem damit anzugeben. Wir jungen „Deutsch-Türken“ versuchen nämlich dem türkischen Mitarbeiter auf einem daily boat trip zu erklären, dass man nicht über eine dreckige Fliesenplatte Silikon befestigen darf, weil man ansonsten dreckige Silikonstreifen im Bad und in der Küche hat. Von den unterschiedlichen Abständen der Treppenstufen möchten wir gar nicht erst anfangen. Prompt werden wir gefragt, ob wir im Bauwesen tätig sind.

 

Man gab mir viele Namen. Das tat ich selbst übrigens auch. Ausländer, Fremde, Migrant, Deutsche mit Migrationshintergrund, Türkin, Deutsch-Türkin, Ende der 90er Kurdin, Muslimin und Alevitin.

Es sind Begriffe, hinter denen sich Definitionen verbergen. Durch sie können Statistiken erhoben, Schlussfolgerungen gezogen und Artikel geschrieben werden.

Aber eigentlich bin und war ich auch: Schülerin, Studentin, Aushilfskraft, Assistentin, Praktikantin, Versicherungsnehmerin, Mandantin, Patientin, Arbeitskollegin, Nachbarin, Tochter, Schwester, Cousin, Nichte, Freundin und Kommilitonin.

Ich weiß. Die Debatte über „Integration“ wird auch deshalb geführt, weil es Menschen gibt, die meine Kultur teilen, mehr oder weniger meiner Religion angehören, meine Haarfarbe haben und meine zweite Muttersprache sprechen. Diese Menschen sind Kriminelle, Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose, ohne Schulabschluss, Intolerante und Gewalttätige, religiöse Fundamentalisten und unkritische Bürger. Sie sind gewalttätig, beherrschen nicht die deutsche Sprache, entziehen sich der Mehrheitsgesellschaft, lehnen demokratische Prinzipien ab und weigern sich, ihren Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, der sie angehören und in der sie leben.

Als Studentin, Tochter und Patientin kann ich gehört werden. Ich kann mich bemerkbar machen.

Aber als Mensch mit Migrationshintergrund habe auch ich, so wie viele andere, mehr zu bieten, als nur Probleme.

Es gibt Migranten, die eine zweite oder dritte Muttersprache beherrschen. Sie sorgen sich nicht nur um die politischen und sozialen Probleme in Deutschland, sondern verfolgen wirtschaftliche und politische Entwicklungen auch in dem Land, aus dem sie selbst, ihre Eltern oder Großeltern stammen. Die orientalische Volkstänze tanzen und nicht-europäische Instrumente spielen. Es sind Menschen, die sehr gerne Gäste empfangen. Menschen, die gerne teilen. Die gerne deutschen Omas beim Tragen der Einkaufstüten helfen. Die sehr gerne mit Menschen kommunizieren und auch einen Fremden zum Trost in den Arm nehmen würden. Migranten, deren Großmütter noch auf dem Acker gearbeitet und Analphabeten waren. Sie selbst aber an deutschen Universitäten studieren. Es sind Menschen, die in Deutschland lernen durften, was Ordnung, Disziplin und Sparsamkeit bedeutet. Die in Deutschland Gedichte interpretieren und das kritische Hinterfragen erlernen. Es sind Menschen, die in Deutschland Schutz und Arbeit, Sicherheit und Stabilität gefunden haben.

Es leben in Deutschland Menschen mit Migrationshintergrund, die sich in Deutschland über jedes Thema tabulos unterhalten dürfen und können. Und das sehr schätzen. Menschen, die glücklich sind, in einem Land zu leben, das seine Bürger achtet und schützt. Die gerne deutsche Staatsbürger geworden sind. Die das Glück haben, sich beiden Kulturen bedienen zu können und somit im Idealfall nur das Beste aus jeder schöpfen.

Umso mehr sollten sich gerade diese über jene ärgern, die nicht die Chancen nutzen, die ihnen Deutschland bietet.

Jene, die nicht dankbar dafür sind, dass sie die Möglichkeit haben, diese Gesellschaft mitzugestalten. Und natürlich jene, die diese Möglichkeiten für ihre eigenen Zwecke missbrauchen. Solche, die ständig beleidigt sind und Probleme unter dem Teppich kehren statt darüber offen zu sprechen. Es leben in Deutschland zu viele Menschen, die ihre Religion und Kultur als Vorwand für ihre kriminellen Taten, für ihre Doppelmoral und ihre Gewalt benutzen. Jene, die nicht kritisch mit ihrer Religion und Kultur, ihrer Mentalität umgehen können.

Was in dieser Debatte fehlt? Nun, dass sich verstärkt Migranten zu Wort melden. Aber nicht, um über ihre großartigen Leistungen und Erfolge zu sprechen. Sondern um die Probleme selbst zu benennen.

Was in der deutschen Mehrheitsgesellschaft fehlt? Aufrichtiges Interesse für ihre Migranten.

Nein, es fährt in der Türkei nicht jeder einen 3er BMW. Und ja, man kann nur vergeblich nach einem Döner mit Knoblauchsoße in der Türkei suchen, den es in Deutschland an jeder verdammten Ecke gibt.

Den ich ganz besonders vermisse.

 

photo by A.Toprak

 

Reden wir Klartext

Posted on | September 9, 2011 | 4 Comments

 

 

 

 

Die Debatte über die Probleme der orientalisch geprägten Menschen  in Deutschland muss geführt werden. Dies ist auch mein Anliegen. Allerdings laufen sowohl in der Islam-als auch in der Integrationsdebatte einige Dinge schief.

So werden in der öffentlichen Debatte nicht über diejenigen Menschen mit Migrationshintergrund gesprochen, die ich oder Sie kennenlernen. Sondern es werden Stereotypen geschaffen und glückliche sowie unglückliche Einzelfälle dargestellt.

Somit werden Muster geschaffen.

Muster, die uns allen dabei helfen sollen, fremde Menschen, ob urdeutsch oder mit algerischen Wurzeln, wieder in andere Muster einzuordnen. Eine wirkliche Auseinandersetzung von der urdeutschen Seite mit der “normalen Kultur” der Migranten fehlt also.

Genauso wie auch Migranten, vor allem der islamisch geprägten bzw. orientalischen Migranten größtenteils nicht bereit sind, sich mit ihren eigenen Problemen auseinandersetzen zu wollen. Dies führt dazu, dass nur die Urdeutschen stets von Ehrenmorden, Zwangsheirat und Gewalt sprechen.

Dabei sollte das doch “unsere” Aufgabe sein, die wir gemeinsam mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft lösen sollten.

Eigentlich darf nicht mehr von “Integration” gesprochen werden, und dies erst recht nicht bei Menschen mit Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren sind. Weshalb muss ich mich in die deutsche Gesellschaft integrieren, mein Kommilitone Christian aber nicht? Weil meine Eltern aus einem anderen Land stammen oder weil ich mit einer zweiten Kultur aufgewachsen bin? Zu behaupten, ich sei gut integriert, ist also schwachsinnig. Deutschland ist meine Heimat wie auch vielen Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Auch wenn es ihnen teilweise schwer fällt, dies zuzugeben. Das geschieht meistens aus Angst, ein Teil von sich selbst aufzugeben. Dabei geht es selbstverständlich um die positiven Aspekten der orientalischen Kultur. Die aber niemand so wirklich kennt. Oft aber auch aus einem verstörten Verständnis von Heimatliebe und Nationalismus. Dieser existiert nämlich größtenteils für ihre Herkunft, so kennen sie oft keine gesunde Liebe zu dem Land, in dem sie leben.

Selbstverständlich ist es wichtig, dass Menschen aus einer anderen Kultur, mit einer anderen Religion und Sprache, sich der deutschen Sprache annehmen, um aus der Kultur der Deutschen lernen zu können. Damit sie sich auch mit der deutschen Mentalität auseinandersetzen und vor allem um mit allen in Deutschland lebenden Menschen kommunizieren zu können.

Dies setzt allerdings auch voraus, dass man bereit ist, mit seinem türkischen Nachbarn zu sprechen. Dass man überhaupt bereit ist, mit seinem Nachbarn zu sprechen. Als Urdeutscher auch mit dem Urdeutschen. Denn in Deutschland wird kein gr0ßer Wert auf Nachbarschaft gelegt.

Als Enkelkind türkischer Gastarbeiter schätze ich die deutsche Kultur und Mentalität und sage ganz offen, was mich an der türkischen Kultur und Mentalität stört. Das machen übrigens viele “Türken”. Allerdings sollten wir auch offen über die negativen Aspekte der deutschen Kultur sprechen. Denn das machen noch weitaus mehr “Türken”.

So existieren sehr viele orientalische Mentalitäten, die mich stören. Glauben Sie mir, viele  “Deutsch-Türken/Kurden/Zazas” regen sich darüber auf, dass die “Türken” es lieben, sich einfach in die Angelegenheit des anderen einzumischen. Ein Freund unserer Familie sagte letztens “Geht dein Auto in der Türkei auf der Straße kaputt, stehen schon zwanzig Kfz-Meister um dich und dein Auto herum.”  Und ich kann Ihnen versichern, dass das sehr nervig sein kann. Vor allem gefährlich, wenn sich wildfremde Menschen auf der Straße in Ostanatolien oder in Istanbul während des islamischen Fastenmonats einmischen, wenn man seinen Hunger oder Durst öffentlich stillen möchte. Denn oft können sie sehr schnell aggressiv werden. Da fehlt uns deutschen Türken oder türkischen Deutschen das typisch deutsche Schlagwort  “Distanz”.  Erst recht vor dem Bankautomaten.

Wieso ich so viele belanglose Beispiele aufzähle? Weil jeder, der sich für die Probleme der Migranten und Muslime in Deutschland interessiert und darüber diskutiert, sich auch für die Kultur und Mentalität der Türken, der Araber, der Muslimen und Christen aus orientalischen Gesellschaften interessieren sollte. Dazu gehört auch, aber nicht nur ihre Subkultur in Deutschland.

Oft wird eingeräumt, dass viele Fehler bei der Anwerbung von Gastarbeitern gemacht wurde. Einer davon war, unqualifzierte und ungebildete Türken aus Anatolien angeworben zu haben. Zu ihnen zählt auch mein Großvater. Wäre dieser “Fehler” nicht begangen worden, wäre ich also niemals hier. Und mit “hier” meine ich meine Heimat. Ich würde nicht in dieser Sprache schreiben, lesen, nicht denken. Diese Vorstellung ist nicht schön. Genausowenig, wenn ich zufällig in Deutschland in eine deutsche Familie reingeboren wäre. Dann würde mir das anatolisch-türkisch-zazaisch-alevitisch-armenisch-sunnitische fehlen. Denn dies sind religiös-kulturelle Einflüsse, die ich als “Islamkritikerin” erleben durfte. Zu ihnen gehören sowohl positive, als auch negative. Zu einer “Moslemhasserin” bin ich wohl in den Augen einiger Radikaler mutiert, weil ich es vorgezogen habe, über die negativen Aspekte zu sprechen.

Wissen Sie, die Geschichte der Migranten in Deutschland sind individuelle Geschichten. Selbstverständlich gibt es Probleme, die einem Kollektiv zugeordnet werden können. Letzlich sind “Muslime”, “Türken” und “Araber” individueller in der Gestaltung ihres Lebens in Deutschland, als wir zu glauben meinten. Dies gilt auch für mich.

So existiert in Deutschland keine reale Debatte über die Probleme der muslimischen Bewohner in einer christlich geprägten, säkularen Gesellschaft. Auch gibt es keine wirkliche Diskussion über die Eingliederung von Migranten, ihren Kindern und Enkelkindern in die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Weil es zuviele gibt, die noch schweigen. Vor allem die Migranten und die mit Migrationshintergrund über ihre eigene Probleme. Und mein Anliegen ist, dies zu ändern. Um letzendlich Lösungen zu finden.

Denn glauben Sie, wenn man seinen Platz in der deutschen Gesellschaft erstmal gefunden hat, dann ist man als türkisch-zazaische Deutsche sehr glücklich darüber, dass in Deutschland die Abstände der Treppenstufen exakt gleich sind. In der Türkei stolpert man nämlich ständig.

 

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  • Zitat der Woche

    „Über dem Meer die bunte Wolke
    Darauf das silberne Schiff
    Darinnen der gelbe Fisch

    In der Tiefe blauer Tang
    An der Küste ein nackter Mann
    steht da und denkt

    Soll ich die Wolke sein?
    Oder das Schiff?
    Soll ich der Fisch sein?
    Oder vielleicht der Tang?

    Weder die, noch das, noch der!
    Das Meer muss man sein,
    mein Sohn!
    Mit seiner Wolke,
    seinem Schiff,
    seinem Fisch,
    seinem Tang!”
    Nazim Hikmet

  • Video der Woche

    Ausschnitt aus dem Film "Die verlorenen Lieder Anatoliens" Alevitischer Dede
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