Shisha

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Im Vorbeilaufen schnappt man den streng-süßlichen Geruch auf, der nach draußen dringt. In den halbdunklen Cafés mit blauem bis violettem Neonlicht stehen Kunststoffbänke oder schwarz-braune Ledersessel. Wenn es warm wird, sind Fenster und Türen geöffnet, und einige Gäste sitzen draußen. Die Männer tragen viel Schwarz, Kappen und Bomberjacken von Alpha Industries. Die Frauen, stark geschminkt, erinnern in Jeggings, dazu Sneakers oder High Heels, an Kylie Jenner. Es läuft Hip-Hop oder R-’n’-B-Musik.

Oft bleibt es beim Vorbeigehen. Nur selten traut sich hinein, wer keinen Migrationshintergrund hat, auch wenn er die Shisha aus dem Ägypten- oder Türkei-Urlaub kennt. Meist sind die Gäste junge Deutsche mit ausländischen Wurzeln oder Migranten. Die Wasserpfeifen-Bars sind seit Jahren ihr Terrain. „Lass mal Shisha“ – so heißt im migrantisch-deutschen Slang die Frage oder besser die Aufforderung an die Freunde per Whatsapp, eine Wasserpfeife rauchen zu gehen. Continue reading „Shisha“

Kann man um ein Land trauern?

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Man kann. Mit jeder Nachricht. Um seinen Frieden, um seine Freiheit, um seine Demokratie. Und dieser Schmerz, wenn deine Wurzeln dort liegen, wenn Freunde dort leben, wenn Familie dort wartet, wird täglich schwerer. Mit jeder Nachricht. Und reißt dir ein Stück deiner Hoffnung weg, bringt Dunkelheit in deine Sehnsucht, bohrt deinen Schmerz tiefer. Macht dich ohnmächtig und lässt dich nicht los.  Und er bohrt sich in dein Herz hinein, und findet dort seinen Platz, um daran zu erinnern – nicht nur an den Schmerz, an den Verlust, an das Leid, er erinnert an die Liebe, an die Sehnsucht, an die Hoffnung. Daran, dass sie dir ständig entrissen werden. Mit jeder Nachricht.

Offenbach

OffenbachFoto: Ingolf

Heute ist Bundespräsident Joachim Gauck in Offenbach zu Besuch – einer Stadt, in der 60 Prozent aller Einwohner einen Migrationshintergrund haben. Doch Offenbach ist nicht Neukölln – trotz hoher Kriminalität, Vollverschleierung und radikalem Islamismus. Das Leben ist für den Großteil der Migranten im Rhein-Main-Gebiet angenehmer als in Berlin, weil sich keine mono-ethnischen Viertel entwickelt haben und Vielfalt in allen Schichten existiert. Alltägliche Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft ist hier selbstverständlich.

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Für immer Türke?

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Der Kommentar „Für immer Türke“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat einen wunden Punkt getroffen. Er hat ein Thema berührt, das in den Redaktionsräumen führender Medien und in unserer Gesellschaft vor sich hin schlummerte: Es geht um die Bedeutung der Herkunft in einem Land, in dem das Grundgesetz jedem Menschen unabhängig von seiner Herkunft die gleichen Rechte und Freiheiten einräumt. Und damit die gleichen Chancen. Die Realität jenseits politischer Floskeln sieht aber anders aus. Auch bei Journalisten.

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Meinungsfreiheit all inclusive

Es ist wie ein schlechter Witz. Niemand will so recht glauben, worüber gerade die deutsche Medienlandschaft debattiert, womit sich in diesen Tagen deutsche Staatsanwälte und unsere Bundesregierung auseinandersetzen müssen. Meinungsfreiheit in Deutschland hat wohl eindeutige Grenzen. Doch nicht so ganz „all inclusive“, wie der siebentägige Urlaub im Ferienressort in Antalya.

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Wo ist die coole „muslimische“ Jugend hin?

Es heißt, dass der Salafismus die neue Jugendkultur der Muslimen in Deutschland sei. Das war früher anders.

Foto: Cigdem Toprak

Wir wollten jung sein, wir wollten frei sein.

Als wir blutjung waren, wollten wir nur eins: frei sein. Wir liebten unsere türkische, arabische, kurdische Kultur, unsere islamische, alevitische Religion, unsere maghrebinischen, afghanischen und anatolischen Traditionen – aber wir wollten sie so ausleben, wie wir es wollten – so wie es sich in einer modernen Gesellschaft gehört.

Jeden Sommer wollten wir im Freibad schwimmen, wir wollten in Clubs feiern gehen, in die wir mit sechzehn Jahren eigentlich gar nicht hinein durften, wir wollten mit Jungs oder Mädels ins Kino, wir wollten mit unserem Schwarm oder unserer Angebeteten telefonieren, wir wollten eine feste Beziehung haben und sie oder ihn Zuhause unseren Eltern vorstellen – so wie es unsere deutschen Freunde taten. Wir wollten jung sein, wir wollten frei sein.

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